Make Hummus Not Walls

Make Hummus Not Walls

Montag, 2. Dezember 2013

Erster Advent mal anders oder: Von Schnitzeln und vom Terror-Tunnel

Im Kibbuz Ein Hashelosha

Gestern Mittag bin ich völlig ausgehungert aus der Wüste zurückkehrt, besser gesagt aus dem Kibbuz Ein Hashelosha. Im Kibbuz teilt man sich alles, aber wenn es kein Essen zum Teilen gibt, dann kann man es eben auch nicht teilen…
Endlich nicht mehr hungrig, aber immer noch völlig übermüdet (denn in diesem Kibbuz schläft man auch kaum) erzähle ich jetzt also etwas von meinem Wochenende. Theoretisch wären unser Ausflug nach Nazareth, die Chanukka-Feier in Beit Perry und das Konzert in Tel Aviv zuerst dran, aber noch sind die Erinnerungen an den Kibbuz so frisch…

Schuhschrank vor dem Volontärshaus
Am Freitag Mittag hat mich Judith netterweise drei Stunde vor Schicht-Ende abgelöst und somit eine insgesamt 10-stündige Schicht auf sich genommen, damit ich mit dem Bus von Tel Aviv und von dort aus mit Rebekka mit dem letzten Bus nach Ein Hashelosha fahren konnte. Fährt man mit dem Bus von Tel Aviv nach Eshkol, ändert sich um einen herum die Landschaft ziemlich schnell: es wird trockener und weniger dicht besiedelt. An der Busstation von Eshkol hat man das Gefühl, am Ende der Welt gelandet zu sein: um einen herum nur ein paar Verwaltungsgebäude, Olivenbäume – und natürlich Bunker! Zum Gaza-Streifen ist es nicht weit, vom Kibbuz aus ziemlich genau drei Kilometer. Man hört oft das Geräusch von Explosionen: Palästinensische Mörser oder Granaten, die über die Grenze geworfen werden oder das Geräusch von Gewehren, die auf die palästinensische Seite gerichtet sind. Auch der Kibbuz ist schon oft Opfer solcher Angriffe geworden: im Schuhschrank vor dem Voluntärshaus liegen im untersten Fach Bomben, die als Andenken behalten wurden, und auch bei der Arbeit auf dem Feld findet man wohl oft Überreste.



Kein seltener Anblick in Eshkol: Bunker und
vertrocknete Olivenbäume

Die Arbeit auf den Feldern, in der Küche oder im Garten ist extrem anstrengend – kein Wunder also, dass die Volontäre hier viel brauner und muskulöser sind als die anderen, die ich bisher kennengelernt habe und die im sozialen Bereich arbeiten. Aber generell habe ich gemerkt, wie gut ich es in Beit Perry habe, es gibt immer Essen und es ist vor allem sauber. 


  
Im Kibbuz

Das Volontärshaus
Auf der Hinfahrt hat Rebekka mir von einem Terror-Tunnel erzählt, den die Palästinenser vom Gaza-Streifen bis zu den Feldern des Kibbuz gebaut haben  und der von israelischen Truppen an Halloween gesprengt wurde. Ich habe ihr einen Vogel gezeigt, weil es schon ziemlich absurd klang, aber auch die Volontäre in dem Kibbuz haben mir davon erzählt und im Internet findet man massig Informationen dazu.
Der Kibbuz an sich ist einer der ärmsten Israels, aber es war definitiv eine gute Erfahrung ihn nach Kibbuz Ha ShaarGolan und Kibbuz Nachsholim – zwei absolute Vorzeige-Kibbuz – zu sehen. In jedem Haus gibt es hier einen Bunker, auch in dem Volontärshaus. Der Raum ist am beliebtesten zum Schlafen, weil es hier immer kühl und ruhig ist – und sicher. Wenn der Alarm kommt, hat man genau 15 Sekunden, um bis zum nächsten Bunker zu laufen, ansonsten war man nicht schnell genug.

Am ersten Abend sind wir in dem Kibbuz-Pub gegangen, in den alle Jugendliche des Kibbuz freitags gehen – weit und breit hat man auch keine andere Möglichkeit. Am Abend bekamen wir noch ein leckeres Essen in der Kibbuz-Cafeteria, aber am nächsten Morgen waren wir trotzdem alle ziemlich hungrig. Problem: es gab fast gar nichts zu Essen und wir waren immerhin 20 Jugendliche. Die Volontäre bekommen hier eine ziemlich miese Bezahlung, und wenn bei ihnen das Geld aufgebraucht ist, dann warten sie halt bis zum nächsten Zahltag und ernähren sich solange von Granatäpfeln, Pomelos, Orangen und was eben sonst so auf den Bäumen des Kibbuz wächst.

Ganz so schlimm war es diesmal allerdings nicht, schließlich gab es noch tiefgefrorene Schnitzel, die jemand aus der Cafeteria mitgenommen hatte. Zum Frühstück aßen also Schnitzel mit einer dicken Schicht Hummus, was erträglich gewesen wäre, hätten wir es nicht auch am Mittag und am Abend gegessen. Dazu holten wir uns Pomelos vom Baum, wobei ich nicht einmal weiß, ob es wirklich Pomelos waren, geschmeckt haben sie sowieso nicht.

Den ganzen Tag verbrachten wir in den Hängematten des Kibbuz und unterhielten uns mit den anderen Volontären, die aus Südafrika, Deutschland, England, Korea und Uruguay kommen. Es war wirklich interessant, weil sie alle unterschiedliche Hintergründe hatten, die sie in den Kibbuz brachten: manche waren jüdisch und wollte auf Zeit nach Israel kommen, andere hatten gerade die Alijah gemacht, waren allerdings ohne ihre Familie da und lebten deshalb im Kibbuz und wieder andere wollten einfach auf Zeit in Israel leben und das Leben im Kibbuz erfahren.

Auch wenn es ein sehr schönes Wochenende war, waren Rebekka und ich froh, als wir an der Central Bus Station in Tel Aviv ankamen und endlich wieder etwas richtiges essen konnten. Das Volontärshaus ist – und ich gehe gar nicht ins Detail, weil ich die Volontäre dort wirklich nett finde – unfassbar dreckig und heruntergekommen. Ihnen scheint es allerdings zu gefallen, bzw. sie haben sich angepasst. „It’s a shithole,“  sagen sie immer wieder, „but it’s our shithole!“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen