| Im Kibbuz Ein Hashelosha |
Gestern Mittag bin ich völlig ausgehungert aus der Wüste
zurückkehrt, besser gesagt aus dem Kibbuz Ein Hashelosha. Im Kibbuz teilt man
sich alles, aber wenn es kein Essen zum Teilen gibt, dann kann man es eben auch
nicht teilen…
Endlich nicht mehr hungrig, aber immer noch völlig übermüdet
(denn in diesem Kibbuz schläft man auch kaum) erzähle ich jetzt also etwas von
meinem Wochenende. Theoretisch wären unser Ausflug nach Nazareth, die Chanukka-Feier
in Beit Perry und das Konzert in Tel Aviv zuerst dran, aber noch sind die
Erinnerungen an den Kibbuz so frisch…
| Schuhschrank vor dem Volontärshaus |
Am Freitag Mittag hat mich Judith netterweise drei Stunde
vor Schicht-Ende abgelöst und somit eine insgesamt 10-stündige Schicht auf sich
genommen, damit ich mit dem Bus von Tel Aviv und von dort aus mit Rebekka mit
dem letzten Bus nach Ein Hashelosha fahren konnte. Fährt man mit dem Bus von
Tel Aviv nach Eshkol, ändert sich um einen herum die Landschaft ziemlich
schnell: es wird trockener und weniger dicht besiedelt. An der Busstation von
Eshkol hat man das Gefühl, am Ende der Welt gelandet zu sein: um einen herum
nur ein paar Verwaltungsgebäude, Olivenbäume – und natürlich Bunker! Zum
Gaza-Streifen ist es nicht weit, vom Kibbuz aus ziemlich genau drei Kilometer.
Man hört oft das Geräusch von Explosionen: Palästinensische Mörser oder
Granaten, die über die Grenze geworfen werden oder das Geräusch von Gewehren,
die auf die palästinensische Seite gerichtet sind. Auch der Kibbuz ist schon oft
Opfer solcher Angriffe geworden: im Schuhschrank vor dem Voluntärshaus liegen
im untersten Fach Bomben, die als Andenken behalten wurden, und auch bei der
Arbeit auf dem Feld findet man wohl oft Überreste.
| Kein seltener Anblick in Eshkol: Bunker und vertrocknete Olivenbäume |
Die Arbeit auf den Feldern, in der Küche oder im Garten ist
extrem anstrengend – kein Wunder also, dass die Volontäre hier viel brauner und
muskulöser sind als die anderen, die ich bisher kennengelernt habe und die im
sozialen Bereich arbeiten. Aber generell habe ich gemerkt, wie gut ich es in
Beit Perry habe, es gibt immer Essen und es ist vor allem sauber.
| Im Kibbuz |
| Das Volontärshaus |
Auf der Hinfahrt hat Rebekka mir von einem Terror-Tunnel
erzählt, den die Palästinenser vom Gaza-Streifen bis zu den Feldern des Kibbuz
gebaut haben und der von israelischen
Truppen an Halloween gesprengt wurde. Ich habe ihr einen Vogel gezeigt, weil es
schon ziemlich absurd klang, aber auch die Volontäre in dem Kibbuz haben mir
davon erzählt und im Internet findet man massig Informationen dazu.
Der Kibbuz an sich ist einer der ärmsten Israels, aber es
war definitiv eine gute Erfahrung ihn nach Kibbuz Ha ShaarGolan und Kibbuz
Nachsholim – zwei absolute Vorzeige-Kibbuz – zu sehen. In jedem Haus gibt es
hier einen Bunker, auch in dem Volontärshaus. Der Raum ist am beliebtesten zum
Schlafen, weil es hier immer kühl und ruhig ist – und sicher. Wenn der Alarm
kommt, hat man genau 15 Sekunden, um bis zum nächsten Bunker zu laufen,
ansonsten war man nicht schnell genug.
Am ersten Abend sind wir in dem Kibbuz-Pub gegangen, in den
alle Jugendliche des Kibbuz freitags gehen – weit und breit hat man auch keine
andere Möglichkeit. Am Abend bekamen wir noch ein leckeres Essen in der
Kibbuz-Cafeteria, aber am nächsten Morgen waren wir trotzdem alle ziemlich
hungrig. Problem: es gab fast gar nichts zu Essen und wir waren immerhin 20
Jugendliche. Die Volontäre bekommen hier eine ziemlich miese Bezahlung, und
wenn bei ihnen das Geld aufgebraucht ist, dann warten sie halt bis zum nächsten
Zahltag und ernähren sich solange von Granatäpfeln, Pomelos, Orangen und was
eben sonst so auf den Bäumen des Kibbuz wächst.
Ganz so schlimm war es diesmal allerdings nicht, schließlich
gab es noch tiefgefrorene Schnitzel, die jemand aus der Cafeteria mitgenommen
hatte. Zum Frühstück aßen also Schnitzel mit einer dicken Schicht Hummus, was
erträglich gewesen wäre, hätten wir es nicht auch am Mittag und am Abend
gegessen. Dazu holten wir uns Pomelos vom Baum, wobei ich nicht einmal weiß, ob
es wirklich Pomelos waren, geschmeckt haben sie sowieso nicht.
Auch wenn es ein sehr schönes Wochenende war, waren Rebekka
und ich froh, als wir an der Central Bus Station in Tel Aviv ankamen und
endlich wieder etwas richtiges essen konnten. Das Volontärshaus ist – und ich
gehe gar nicht ins Detail, weil ich die Volontäre dort wirklich nett finde –
unfassbar dreckig und heruntergekommen. Ihnen scheint es allerdings zu
gefallen, bzw. sie haben sich angepasst. „It’s a shithole,“ sagen sie immer wieder, „but it’s our shithole!“

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