Shalom Chaverim,
dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, liegt nicht etwa
daran, dass nichts passiert wäre – im Gegenteil, ich war einfach kaum zu Hause.
Und die wenigen Stunden, die wir tatsächlich in Beit Perry verbracht haben,
haben wir dazu genutzt zu arbeiten und unser zweites Zimmer zu putzen und
einzurichten. Unsere israelische Volontärin hat letzten Sonntag nämlich ihren
Dienst hier nach einem Jahr beendet und ist ausgezogen. Ziemlich spontan –
genauer gesagt am Tag ihrer Verabschiedungsfeier; der Kuchen war gebacken und die
Friends informiert – hat sie allerdings beschlossen, hier doch noch weiter als
Guide zu arbeiten. Ihr ehemaliges Zimmer haben wir auf jeden Fall bezogen und eingerichtet,
sodass wir jetzt das ganze Apartment für uns haben- Bilder kommen noch!
| Im Holocaust-Museum |
Letzten Donnerstag haben Judith und ich an einer Führung durch Yad Vashem für deutsche Volontäre teilgenommen. Yad Vashem ist vielen bekannt durch Bildern aus Nachrichtensendungen, schließlich ist es Pflichttermin für jeden Staatsgast, hierher zu kommen und eine Kranz niederzulegen – wenige Tage vor uns war zum Beispiel Frankreichs Premier Hollande dort.
Die größte und bekannteste Holocaust-Gedenkstätte ist an
sich ein ziemlich großes Gelände auf dem Herzl-Berg. Neben mehreren Museen und
Monumenten, die an die 6 Mio. Opfer der Judenvernichtung erinnern sollen, ist
vor allem das Archiv von Bedeutung. Wir bekamen von der Frau, die als erste
Deutsche in Yad Vashem angestellt wurde (was viele Holocaust-Überlebende
kritisiert haben) eine Führung. Sie arbeitet hauptsächlich im Archiv und konnte
uns von vielen Erfolgen berichten: so haben Familienangehörige, die sich
gegenseitig für im KZ umgekommen hielten, nach Jahren in Israel wiedergefunden.
In dem Museum wird ausführlich der Aufstieg des
Nationalsozialismus, das Leben in jüdischen Ghettos und die Deportation in KZs dokumentiert.
Viele der Bilder und Objekte sind auf Deutsch, wie beispielsweise
Bekanntmachungen, die davor warnen „beim Juden“ zu kaufen – vieles kennt man
aus Geschichtsbüchern. Am Ende des Museums befindet sich die Halle der Namen,
ein Raum voller Porträts, der symbolisch als Friedhof zu verstehen ist.
| Die Halle der Namen |
In der Allee der Gerechten unter den Völkern wird an die
Nicht-Juden, die ihr Leben riskierten um Juden zu helfen und zu verstecken, mit
jeweils einem Baum gedacht. Ein Gerechter unter den Völkern zu sein ist
die höchste Auszeichnung, die ein Nicht-Jude vom Staat Israel bekommen kann.
Besonders eindrucksvoll und bewegend fand ich die
Kindergedenkstätte: in einem dunklen Raum leuchten die überlebensgroßen
Gesichter ermordeter Kinder auf. Direkt daran schließt sich eine Halle an, in
deren Mitte nur eine Kerze – das ewige Licht – leuchtet. Durch ein komplexes
Spiegelsystem wird das Licht 1,5 Mio. Mal reflektiert: für jedes getötete Kind
ein Licht. In dem Raum herrscht an sich Stille, nur eine Stimme liest in
verschiedenen Sprachen den Namen, Geburtsort – und datum der Kinder vor.
Verlässt man den dunklen Raum und steht wieder auf dem
Bergplateau mit Sicht auf Jerusalem und die umliegenden Berge, hat man ein sehr
merkwürdiges Gefühl…Vor einem befindet sich die Brücke nach Nirgendwo, eine
unvollendete Brücke, deren Gleise abgeschnitten sind und die ins Tal ragt…
| Die Brücke nach Nirgendwo |
Das meiner Meinung nach Spannende und Faszinierende an Yad
Vashem ist, dass es eine Gedenkstätte ist, die kein abgeschlossenes und unveränderbares
Museum darstellt: auch wenn die Zahl der Child Survivor, also derer, die den Holocaust
als Kinder miterlebt und überlebt haben, immer weiter zurückgeht, gibt es noch
unendlich viele Augenzeugen, die jeden Tag dorthin kommen, vom Erlebten
berichten, das Archiv um Informationen ergänzen und Menschen auf Fotos benennen
können.
Ziemlich schweigsam und irgendwie in gedrückten Stimmung
sind wir Volontäre zurück nach Jerusalem gefahren und haben dort Falafel
gegessen – wir hätten uns allerdings nicht so viel Zeit lassen sollen: theoretisch
war der Plan gewesen, dass Judith, Rebekka und ich mit dem Bus nach Haifa und von
dort aus nach Kiryat Tivon fahren, um das Wochenende mit anderen Freiwilligen
zu verbringen. Womit wir nicht gerechnet hatten, war, dass um halb neun abends
keine Busse mehr von Jerusalem nach Haifa fuhren – einer der
Hauptverbindungsachsen. Insofern auch überraschend, wenn man bedenkt, dass am
Wochenende selbst im halbe-Stunde-Takt Nachtbusse ins kleine Ra’anana fahren…
| In Haifa |
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