Make Hummus Not Walls

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Samstag, 28. Dezember 2013

Wie in einer anderen Welt oder: Das Leben der Ultraorthodoxen in Mea She'arim

Blick von unserem Hostel aufs Christliche Viertel

Shalom chaverim,

Wir beschlossen, die nächsten beiden Tage auch noch in Jerusalem zu verbringen und die Zeit für einen Weihnachtsmessen-Marathon zu nutzen. Aus den geplanten fünf Gottesdiensten für den 25. und 26. sind am Ende zwei geworden – in Jerusalem gibt es schließlich noch so viele andere Dinge zu tun.

Kein seltener Anblick in Jerusalem, vor allem um die
Weihnachtszeit: Soldaten en masse

Judith allerdings hat es tatsächlich am 25. um 10.30 Uhr in den Gottesdienst der Erlöserkirche geschafft; auf der Wanderung in der Nacht zuvor hatten uns alle für verrück erklärt, dorthin zu gehen – schließlich kamen wir erst gegen 5.00 Uhr morgens wieder im Hostel an.

Die Dormitio-Abtei
Nicht zur Messe, aber zur Besichtigung gingen wir in die Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion. (Für alle nicht ganz Bibel-festen: hier hat Jesus die Verleugnung durch Petrus und den Verrat durch Judas vorhergesagt, das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern abgehalten und ist vor den Hohepriester Caiaphas getreten.)

Das Davidsgrab, das wir uns danach anschauten, ist – wie so einiges in Jerusalem – sowohl für Christen, Juden und Muslime ein heiliger Ort. Das Grab befindet sich in einer Moschee, deren Vorraum eine Synagoge ist und in deren zweiten Stockwerk sich der von Franziskanern errichtete Abendmahlsaal befindet. Anhand solcher Dinge kann man relativ gut nachvollziehen, warum der israelisch-palästinensisch Konflikt dermaßen kompliziert – und wohl auch unlösbar – ist: alle erheben Anspruch auf das selbe Gebiet und die selben heiligen Stätten – und alle haben ihre Gründe.

Auf dem Berg Zion befindet sich neben dem Grab Davids noch das Grab einer anderen sehr bekannten Persönlichkeit: Oskar Schindler, der während des Dritten Reichs 1200 Juden vor den Nazis versteckte und so ihr Leben rettete. Neben dem Friedhof befindet sich das Holocaust-Museum, das allerdings längst nicht so groß und eindrucksvoll ist wie Yad Vashem.

Auf dem Weg durch die Altstadt haben wir noch bei einigen Kirchen einen Stop eingelegt, unter anderem bei der des Armenischen und der des Lateinischen Patriarchats und im Koptischen Kloster. Manche Kirchen waren weihnachtlich geschmückt, gerade die des Armenischen Patriarchats aber so dunkel und unheimlich wie immer.

Am Abend schafften wir es tatsächlich noch zu einem Weihnachtsgottesdienst: Notre Dame of Jerusalem, ein Päpstliches Institut mit schickem Hotel – der Ausdruck „Pilgerherberge“ würde ihm sicherlich nicht gerecht werden. Die Messe fand auf Englisch statt und endlich wurde auch Stille Nacht, Heilige Nacht, gesungen, was meiner Meinung nach zu Weihnachten einfach dazu gehört.

Auch der nächste Morgen begann für mich mit einer Messe: diesmal allerdings auf Französisch und im Konvent Satin-Étienne. Im Moment erzähle ich von allem im Schnelldurchlauf, von einer Sache bei diesem Trip  möchte ich allerdings doch noch ein bisschen detaillierter berichten: Judith und ich haben uns zum ersten Mal nach Mea She‘arim, dem Wohnviertel für ultraorthodoxe Juden, gewagt.


An einer Straßenkreuzung in Mea She'arim

Die Ultraorthodoxen leben hier mit ihren meist sehr großen Familien – 10-12 Kinder sind die Regel – wie früher in osteuropäischen Stetls gelebt wurde: abgeschottet und weltfremd.

Auf Schildern, die man auf jeder Straße, die nach Mea She’arim führt, findet, wird man dazu aufgefordert, sich züchtig zu kleiden. Bedeutet konkret: lange Klamotten, nichts eng anliegendes und Frauen nur mit bodenlangen Röcken. Die dominierende Farbe in Mea She’arim ist ganz klar schwarz: nahezu alle Menschen, die uns begegnen – fast ausschließlich Männer – sind ihrer religiösen Tradition entsprechend gekleidet und ihre Gesichter werden von extrem langen Schläfenlocken eingerahmt. Aber auch ansonsten ist Mea She’arim ein düsteres Viertel: die Häuser sind in einem schlechten Zustand und scheinen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Es gibt keine Cafés, Kinos oder Klamottenläden; in den wenigen Läden, die man sieht, werden nur Hüte, Texte fürs Talmudstudium und übergroße Plakate irgendwelcher Rabbis verkauft. In Schlangen muss man sich nach Geschlechtern getrennt anstellen; nicht selten wird man sonst bespuckt und angepöbelt.




In Mea She'arim


Wir hatten erwartet, nur Jiddish zu hören, da Hebräisch, die heilige Sprache, nur zum Beten und Talmud-Studium verwendet werden soll. Nichts da: wir hörten nicht nur fast ausschließlich Hebräisch, sondern sahen tatsächlich auch eine Gruppe amerikanischer Ultraorthodoxer, die lauthals auf Englisch in ihr Handy schrien.

Die Bürger von Mea She’arim gehen nicht arbeiten, da sie den gesamten Tag Gesetzestexte studieren und leben somit überwiegend auf Kosten des Staates. Dennoch verweigern sie die israelische Staatsbürgerschaft und lehnen den Staat Israel per se ab: an israelischen Feiertagen werden manchmal sogar schwarze Flaggen gehisst. Ihrer Überzeugung nach könnte der jüdische Staat erst nach der Ankunft des Messias und der Wiedererrichtung des Tempels entstehen. In den letzten Jahren gab es viele Debatten über den Status der Ultraorthodoxen in der israelischen Gesellschaft. Besonders häufig wird kritisiert, dass sie vom Wehrdienst befreit sind und auf Kosten eines Staates leben, deren Existenz sie nicht einmal anerkennen. Die Ultraorthodoxen stellen in Israel noch eine Minderheit, jedoch eine stark wachsende, die – so befürchten es einige – eines Tages die Mehrheit stellen könnte. Wieder stellt sich die grundlegende Frage, ob Israel primär ein jüdischer oder ein demokratischer Staat sein möchte – beides scheint kaum möglich.


Blick von der Himmelfahrtskirche auf Felder mit Oliven-
bäumen und die Jerusalemer Altstadt

Weihnachtsstimmung im Café der Auguste Victoria
Zusammen mit einer anderen deutschen Volontärin und ihrem Besuch fuhren wir auf den Ölberg und genossen erst einmal den Blick, den man vom Turm der Himmelfahrtskirche aus hat. In der Kirche selber fand – veranstaltet von der deutschen Gemeinde in Jerusalem – ein International Christmas Carols Singing statt, sodass nochmal ein bisschen Weihnachtsstimmung aufkam. Im Café der Auguste Victoria wurden wir danach zu Waffeln und Tee eingeladen und bekamen den für mich ersten und wohl auch letzten Glühwein in diesem Jahr.


Zurück in der Altstadt nahmen wir an einer der Angebote für deutsche Volontäre teil: Weihnachtsabendessen in der WG der Vikare der Erlöserkirche. Es gab Kartoffelsalat und Würstchen, was die ziemlich deutsch geprägten Tage in Jerusalem abrundete.


Jemand aus unserem Hostel hatte wohl einen weiten Weg hinter sich: Von
Holland aus war er mit dem Fahrrad bis Jerusalem gefahren - 10.109 km









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