| Blick von unserem Hostel aufs Christliche Viertel |
Shalom chaverim,
Wir beschlossen, die nächsten beiden Tage auch noch in
Jerusalem zu verbringen und die Zeit für einen Weihnachtsmessen-Marathon zu
nutzen. Aus den geplanten fünf Gottesdiensten für den 25. und 26. sind am Ende
zwei geworden – in Jerusalem gibt es schließlich noch so viele andere Dinge zu
tun.
| Kein seltener Anblick in Jerusalem, vor allem um die Weihnachtszeit: Soldaten en masse |
Judith allerdings hat es tatsächlich am 25. um 10.30 Uhr in
den Gottesdienst der Erlöserkirche geschafft; auf der Wanderung in der Nacht
zuvor hatten uns alle für verrück erklärt, dorthin zu gehen – schließlich kamen
wir erst gegen 5.00 Uhr morgens wieder im Hostel an.
| Die Dormitio-Abtei |
Nicht zur Messe, aber zur Besichtigung gingen wir in die
Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion. (Für alle nicht ganz Bibel-festen: hier hat
Jesus die Verleugnung durch Petrus und den Verrat durch Judas vorhergesagt, das
letzte Abendmahl mit seinen Jüngern abgehalten und ist vor den Hohepriester
Caiaphas getreten.)
Das Davidsgrab, das wir uns danach anschauten, ist – wie so
einiges in Jerusalem – sowohl für Christen, Juden und Muslime ein heiliger Ort.
Das Grab befindet sich in einer Moschee, deren Vorraum eine Synagoge ist und in
deren zweiten Stockwerk sich der von Franziskanern errichtete Abendmahlsaal
befindet. Anhand solcher Dinge kann man relativ gut nachvollziehen, warum der
israelisch-palästinensisch Konflikt dermaßen kompliziert – und wohl auch
unlösbar – ist: alle erheben Anspruch auf das selbe Gebiet und die selben
heiligen Stätten – und alle haben ihre Gründe.
Auf dem Berg Zion befindet sich neben dem Grab Davids noch
das Grab einer anderen sehr bekannten Persönlichkeit: Oskar Schindler, der
während des Dritten Reichs 1200 Juden vor den Nazis versteckte und so ihr Leben
rettete. Neben dem Friedhof befindet sich das Holocaust-Museum, das allerdings
längst nicht so groß und eindrucksvoll ist wie Yad Vashem.
Auf dem Weg durch die Altstadt haben wir noch bei einigen
Kirchen einen Stop eingelegt, unter anderem bei der des Armenischen und der des
Lateinischen Patriarchats und im Koptischen Kloster. Manche Kirchen waren
weihnachtlich geschmückt, gerade die des Armenischen Patriarchats aber so
dunkel und unheimlich wie immer.
Am Abend schafften wir es tatsächlich noch zu einem
Weihnachtsgottesdienst: Notre Dame of Jerusalem, ein Päpstliches Institut mit
schickem Hotel – der Ausdruck „Pilgerherberge“ würde ihm sicherlich nicht
gerecht werden. Die Messe fand auf Englisch statt und endlich wurde auch Stille
Nacht, Heilige Nacht, gesungen, was meiner Meinung nach zu Weihnachten
einfach dazu gehört.
Auch der nächste Morgen begann für mich mit einer Messe:
diesmal allerdings auf Französisch und im Konvent Satin-Étienne. Im Moment
erzähle ich von allem im Schnelldurchlauf, von einer Sache bei diesem Trip möchte ich allerdings doch noch ein bisschen
detaillierter berichten: Judith und ich haben uns zum ersten Mal nach Mea
She‘arim, dem Wohnviertel für ultraorthodoxe Juden, gewagt.
| An einer Straßenkreuzung in Mea She'arim |
Die Ultraorthodoxen leben hier mit ihren meist sehr großen
Familien – 10-12 Kinder sind die Regel – wie früher in osteuropäischen Stetls
gelebt wurde: abgeschottet und weltfremd.
Auf Schildern, die man auf jeder Straße, die nach Mea
She’arim führt, findet, wird man dazu aufgefordert, sich züchtig zu kleiden.
Bedeutet konkret: lange Klamotten, nichts eng anliegendes und Frauen nur mit
bodenlangen Röcken. Die dominierende Farbe in Mea She’arim ist ganz klar
schwarz: nahezu alle Menschen, die uns begegnen – fast ausschließlich Männer –
sind ihrer religiösen Tradition entsprechend gekleidet und ihre Gesichter
werden von extrem langen Schläfenlocken eingerahmt. Aber auch ansonsten ist Mea
She’arim ein düsteres Viertel: die Häuser sind in einem schlechten Zustand und
scheinen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Es gibt keine Cafés, Kinos
oder Klamottenläden; in den wenigen Läden, die man sieht, werden nur Hüte,
Texte fürs Talmudstudium und übergroße Plakate irgendwelcher Rabbis verkauft. In
Schlangen muss man sich nach Geschlechtern getrennt anstellen; nicht selten
wird man sonst bespuckt und angepöbelt.
| In Mea She'arim |
Wir hatten erwartet, nur Jiddish zu hören, da Hebräisch, die
heilige Sprache, nur zum Beten und Talmud-Studium verwendet werden soll. Nichts
da: wir hörten nicht nur fast ausschließlich Hebräisch, sondern sahen
tatsächlich auch eine Gruppe amerikanischer Ultraorthodoxer, die lauthals auf
Englisch in ihr Handy schrien.
Die Bürger von Mea She’arim gehen nicht arbeiten, da sie den
gesamten Tag Gesetzestexte studieren und leben somit überwiegend auf Kosten des
Staates. Dennoch verweigern sie die israelische Staatsbürgerschaft und lehnen
den Staat Israel per se ab: an israelischen Feiertagen werden manchmal sogar
schwarze Flaggen gehisst. Ihrer Überzeugung nach könnte der jüdische Staat erst
nach der Ankunft des Messias und der Wiedererrichtung des Tempels entstehen. In
den letzten Jahren gab es viele Debatten über den Status der Ultraorthodoxen in
der israelischen Gesellschaft. Besonders häufig wird kritisiert, dass sie vom Wehrdienst
befreit sind und auf Kosten eines Staates leben, deren Existenz sie nicht
einmal anerkennen. Die Ultraorthodoxen stellen in Israel noch eine Minderheit,
jedoch eine stark wachsende, die – so befürchten es einige – eines Tages die Mehrheit
stellen könnte. Wieder stellt sich die grundlegende Frage, ob Israel primär ein
jüdischer oder ein demokratischer Staat sein möchte – beides
scheint kaum möglich.
| Blick von der Himmelfahrtskirche auf Felder mit Oliven- bäumen und die Jerusalemer Altstadt |
| Weihnachtsstimmung im Café der Auguste Victoria |
Zusammen mit einer anderen deutschen Volontärin und ihrem
Besuch fuhren wir auf den Ölberg und genossen erst einmal den Blick, den man
vom Turm der Himmelfahrtskirche aus hat. In der Kirche selber fand –
veranstaltet von der deutschen Gemeinde in Jerusalem – ein International
Christmas Carols Singing statt, sodass nochmal ein bisschen Weihnachtsstimmung
aufkam. Im Café der Auguste Victoria wurden wir danach zu Waffeln und Tee
eingeladen und bekamen den für mich ersten und wohl auch letzten Glühwein in
diesem Jahr.
Zurück in der Altstadt nahmen wir an einer der Angebote für
deutsche Volontäre teil: Weihnachtsabendessen in der WG der Vikare der
Erlöserkirche. Es gab Kartoffelsalat und Würstchen, was die ziemlich deutsch
geprägten Tage in Jerusalem abrundete.
| Jemand aus unserem Hostel hatte wohl einen weiten Weg hinter sich: Von Holland aus war er mit dem Fahrrad bis Jerusalem gefahren - 10.109 km |
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