Make Hummus Not Walls

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Montag, 30. Dezember 2013

Strandtag im Dezember oder: Tel Aviv schläft anscheinend doch

Und da sagt nochmal jemand, man könne in Israel nicht das
ganze Jahr über ins Meer...: Am Strand von Herzliya


Getrocknete Früchte auf dem Souq HaCarmel

Shalom chaverim,

wie Ihr an meinen häufigen Blog-Einträgen im Moment merkt, habe ich ein paar ruhige Tage ohne nennenswerte Unternehmungen. Morgen ist allerdings Silvester und die Ruhe dahin. Die Zeit nutze ich also, Euch auf den allerneusten Stand zu bringen und noch zu Ende zu erzählen, was ich mir meinem Besuch unternommen habe.

Vorletzten Donnerstag sind Clara, Kathi und ich nach Tel Aviv gefahren und zuerst ein bisschen über den Souq HaCarmel, den schönsten Markt in Tel Aviv, geschlendert. Alle paar Meter werden einem buntes Obst, frisches Gemüse oder süßes Zeugs zu guten Preisen angeboten und man muss sich wirklich beherrschen, nicht ständig zuzuschlagen.




Auf dem Souq HaCarmel: Dem Verkäufer ist wohl langweilig und anstatt
seine Produkte anzupreisen, vertreibt er sich die Zeit mit Hantel-Training

Nach dem Souq sind wir in das Büchercafé auf der King George gegangen, das ab jetzt zu meinen neuen Lieblingsorten in Tel Aviv gehört: es ist sehr gemütlich, der Kaffe ist gut (deutlich besser als der Nescaffé, den wir immer in Beit Perry trinken) und vor allem gibt es eine riesige Auswahl an Büchern, auf Hebräisch, Englisch und Französisch. Wenn man sich einmal hinsetzt und anfängt zu lesen, vergisst man völlig, dass man sich im Stadtzentrum von Tel Aviv befindet.
 
Im Büchercafé auf der King George Street

Auf der Ibn Gabriol, einer der Hauptstraßen Tel Avivs, gibt es einen Pita-Laden, bei denen man keine Falafel, sondern allerlei anderes Zeugs, zum Beispiel Lamm Kebab oder Ratatouille in das Pita-Brot bekommt – super lecker! Am Abend sind wir noch durch Florentine gelaufen, das sowas wie das Studentenviertel mit vielen Bars und Kneipen ist – an dem Tag waren allerdings fast nur amerikanische Touristen da.



Wir drei und ein Graffiti in Florentine


Am nächsten Tag habe ich den beiden den Nationalpark in Herzliya gezeigt. Israel war wieder so, wie man es kennt – also warm. Kathi und ich sind – und es war immerhin die Woche vor Weihnachten – tatsächlich auch noch schwimmen gegangen. Ich weiß nicht, wer die These aufgestellt hat (wahrscheinlich war ich es selber), man könne in Israel nicht das ganze Jahr über im Meer schwimmen gehen. Sie ist auf jeden Fall falsch.

Als ich am darauffolgenden Samstag seit langer Zeit noch einmal Schicht hatte, konnten Kathi und Clara vorbeikommen und die Friends ein bisschen kennenlernen. Am Abend gings ins Kino im Dizengoff Center und danach wollten wir eigentlich feiern gehen. Als wir uns gegen halb zwei auf die Suche nach einem Club machten, wurde uns allerdings überall gesagt, wir seien zu spät. Und das in Tel Aviv, wo das Nachtleben eigentlich nie vor zwei losgeht. Statt in einem Club in Florentin landeten wir also in einer Art Garagen-Party auf der Allenby Street. Lama lo? Warum auch nicht?

Blick von Yafo auf Tel Aviv
Am Sonntag Morgen musste Kathi schon ziemlich früh raus, um rechtzeitig am Flughafen für die umfangreichen Kontrollen zu sein. Aus unerklärlichen Gründen fahren seit dem Wetter-Chaos-Wochenende immer noch keine Züge zum Flughafen, sodass sie drei verschiedenen Busse nehmen musste. Mit Judith und Clara verbrachte ich den restlichen Tag in Yafo und Neve Tzedek. Am nächsten Morgen brachte ich dann noch Clara zum Bus, womit jetzt auch wirklich alles erzählt ist! J






Ja, manchmal arbeiten wir auch oder: Update aus dem Blauen Haus

Resultate einer Bastelstunde

Shalom chaverim,

Um nicht den Eindruck zu erwecken, wir würden nur noch reisen und durch Israel fahren, nochmal ein kleines Update aus dem Blauen Haus. Hier steht momentan eine große Veränderung an, da die bisherige House Managerin geht. Sie studiert nebenbei und ihr es ist – verständlicherweise – zu viel geworden. Nicht nur ich finde das sehr schade, weil ich ihre verrückte und authentische Art sehr gerne mag, sondern auch für die Friends, die noch gar nichts davon wissen, ist es ein Verlust, da keiner so gut mit ihnen und ihren meistens lustigen, aber auch manchmal anstrengenden Macken, Ticks und Obsessionen umgehen kann. Ich bin aber trotzdem zuversichtlich, da einer der Guides, der eigentlich in ein neues Heim in Tel Aviv hatte wechseln sollen, jetzt das Haus übernimmt. Mit ihm habe ich in den vier Monaten, die ich schon hier bin, am meisten zusammen gearbeitet und auch er kennt die Friends wirklich gut und hat einen guten Draht zu ihnen.

In der letzten Zeit sind viele Guides gegangen – nach Thailand, China oder einfach zurück an die Uni. Dementsprechend haben wir auch einige neue bekommen, unter anderem zwei fürs Blaue Hause. Arbeite ich mit ihnen zusammen, trage ich die Hauptverantwortung, da ich mich eigentlich mit allem (außer vielleicht der Sprache J) besser auskenne. Auch ansonsten sind wir in den Schichten meist nur noch zu zweit, was aber gut klappt. Mit den Friends kann ich immer besser umgehen und auch kommunizieren und ich habe dadurch mehr Möglichkeiten, eigenständig mit ihn zu arbeiten. Dass mir dafür auch die nötige Verantwortung übertragen wird, finde ich toll und mittlerweile fühle ich mich auch als vollständiges Mitglied im System Beit Perry – bei den Guides, nicht bei den Friends, versteht sich… J

Montags abends kann man meistens gut erkennen, wer am Nachmittag gearbeitet hat: habe ich die Chug Jetzirah, die Bastelstunde, angeleitet, ist meistens der Küchentisch ruiniert und der Boden sowie die Haare der Friends voller Glitzer: oft malen wir mit Jaxon-Kreide und besprühen alles mit Glitzer.

Ab Mittwoch bekommen wir ins Blaue Haus noch eine weitere deutsche Volontärin, die wie wir auch in Beit Perry leben wird. Judith und ich sind schon sehr gespannt, da wir voraussichtlich nicht nur mit ihr zusammen arbeiten, doch auch ansonsten viel Zeit verbringen werden. Oriel, der neue House Manager, hat mir schon gesagt, dass ich sie einarbeiten werde und ich bin mir sicher, dass es gut klappen wird.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Friends vermisst habe, als ich so lange nicht gearbeitet habe. Sie sind mit die liebenswürdigsten und unschuldigsten Wesen, die mir je begegnet sind. Gestern bei der Harpaia, der abendlichen Entspannung, als wir alle zusammen auf dem Sofa saßen, Musik gehört haben und Lollys gegessen haben (bzw. die Friends wie wild darauf rumgebissen haben), habe ich gedacht, dass sie mittlerweile sowas wie meine zweite Familie geworden sind. Diese sechs Brüder sehen sich zwar gar nicht ähnlich und sind in jeder Hinsicht sehr unterschiedlich, aber gerade das zeichnet diese Familie doch aus.


PS: An dieser Stelle muss ich einmal kurz klarstellen, dass die Bezeichnung Blaues, Rotes und Grünes Haus keine besondere Bedeutung hat. Letztens kam mich eine andere Volontärin besuchen und war überrascht, dass das Blaue Haus keine blauen Wände hat…

Sonntag, 29. Dezember 2013

Israels Jahrhundert-Winter oder: Schon wieder Bethlehem

Auf der Jerusalemer Stadtmauer: Weihnachtsbaum und Palmen

Shalom chaverim,

Am Montag Abend (ich rede vom Montag in der Woche vor Weihnachten) kam noch Clara dazu, sodass Kathi und ich ab dann Verstärkung für unsere Ausflüge hatten. Da der ursprüngliche Plan, schon am Wochenende zuvor nach Jerusalem zu fahren, im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen war, beschlossen wir, doch zumindest für zwei Tage noch dorthin zu fahren.

Da es für Kathi das erste Mal in Jerusalem war, schauten wir uns viele Dinge an, die ich (und auch Clara) schon kannten, es kam allerdings noch einiges Neues für mich dazu. Zuallererst war da natürlich der Schnee. Jerusalem hatte ich bisher nur im Sommer erlebt (wobei ich die gesamte Zeit von März bis Oktober in Israel zum Sommer zähle). Mit dem Bus fährt man durch hügelige Landschaft, wenn man sich Jerusalem nähert. Alles war weiß und auch die Israelis zückten begeistert ihre Kameras, um Bilder zu machen.

An der CBS herrschte wegen des Schnees noch ziemlicher Balagan und die Straßenbahnen, die einen Richtung Altstadt bringen, fielen alle nacheinander aus. Wir beschlossen zuerst, den Weg bis zur Stadtmauer zu Fuß zurückzulegen, ließen es aufgrund nasser Füße aber lieber sein, warteten eine halbe Ewigkeit und ließen uns dann in der überfüllten Straßenbahn zerdrücken.

In der Altstadt waren immer noch tausende Haushalte ohne Strom, wir waren daher gewarnt worden und hatten sichergestellt, dass es in unserem Hostel auch warmes Wasser gab und die Heizung funktionierte. Ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, wie ich das erste Mal in Jerusalem war und mich der Blick vom Dach des Hostels (damals haben wir dort sogar geschlafen!) überwältigt hat. Jerusalem war so vertraut und sah doch ganz anders aus: die Dächer waren von einer weißen Schicht überzogen und Kinder warfen mit Schneebällen.



Vorweihnachtliches Jerusalem

Weihnachtsladen im christlichen Viertel
Die Sonne schien, aber die Stadt war (für Jerusalemer Verhältnisse) wie ausgestorben: auf den Märkten war fast niemand, und Schlangen, in denen man sonst locker drei Stunden ansteht, hatten wir in wenigen Minuten geschafft. Zuerst machten wir einen Spaziergang auf der südlichen Stadtmauer, bei dem man sowohl einiges von der Altstadt als auch von der Neustadt sieht. Ein Teil der südlichen Stadtmauer und die gesamte nördliche waren allerdings gesperrt – es lag immer noch zu viel Schnee. Danach liefen wir etwas durch die mir schon sehr vertraute Altstadt; schauten uns die Via Dolorosa und die Grabeskirche an und kauften Kuchen am Damaskus Gate, dem meiner Meinung nach schönsten Tor. Da auch die Grabeskirche extrem leer war, konnten wir diesmal sogar in die Grabesrotunde gehen, ohne vorher stundenlang gewartet zu haben.

Vom Stephanstor aus liefen wir auf den Ölberg und schauten uns unterwegs jede noch geöffnete Kirche an – das gehört irgendwie dazu. Neu war hierbei für mich die Kirche der Nationen, die mit Spenden vieler Nationen erbaut wurde und wunderschöne Deckenmosaike hat. Sie liegt im Garten Gethsemane, dem Garten, in dem sich Jesus mit seinen Jüngern regelmäßig getroffen hat. Kathi fand den im Neuen Testament so oft erwähnten Garten ziemlich popelig; er besteht letztlich auch nur aus ein paar Olivenbäumen. Vom Ölberg aus genossen wir den Blick auf die Altstadt.

Auf dem Rückweg legten wir wieder einen Zwischenstop am Damaskustor ein, um – na was wohl – Falafel zu essen. Kathi zuliebe gingen wir noch an die Klagemauer, aber auch hier waren wir fast die einzigen.


Damaskustor

Die Tatsache, dass Jerusalem so ausgestorben war, nutzten wir auch am nächsten Morgen und besichtigten den Tempelberg, für den man normalerweise auch mehrere Stunden Schlange stehen muss. Leider darf man sich als Nicht-Muslim weder die Al-Aqsa-Moschee noch den Felsendom von innen anschauen, aber es lohnt sich trotzdem: gerade der Felsendom ist von auch außen wunderschön und es ist interessant, die Muslime zu beobachten, die auf dem großen Areal zusammen sitzen und kritisch die Touristen beäugen.




Der Felsendom 


Motive auf der Separation Wall
Mit dem Bus fuhren wir nach Bethlehem, wo wir ziemlich genau die Tour machten, die ich wenige Wochen zuvor schon einmal gemacht hatte: Geburtskirche, Milchgrotte und natürlich die Separation Wall, die man meiner Meinung nach auch unbedingt gesehen haben muss. Bethlehem war definitiv weihnachtlicher geschmückt als Jerusalem, aber es wollte partout immer noch keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Der Vorteil daran, so kurz vor Weihnachten in Bethlehem zu sein, war, dass man hier wunderbar Weihnachtsgeschenke (zu übrigens deutlich besseren Preisen als in Israel) kaufen kann. Kathi, Clara und ich kauften Schals und anderes Gedöns, mussten allerdings feststellen, dass wir noch keine Verhandlungs-Profis waren.




Zurück in Jeruslaem liefen wir noch durch das Muslimische Viertel. Anscheinend haben wir uns auch noch eine Kirche angeschaut, denn auf meinem Laptop entdecke ich gerade ein Bild. Aufgrund all der Kirchen, die ich hier in letzter Zeit gesehen habe, kann ich sie allerdings beim besten Willen nicht mehr einordnen. J




Samstag, 28. Dezember 2013

Warum die Israelis Caesarea nicht kennen oder: Ein Nationalpark am Meer

Keine Seltenheit in Caesarea: römische Sockel

Shalom chaverim,

Vorletzten Montag (ja, chronologischer Balagan) bin ich mit meiner einen deutschen Freundin nach Caesarea gefahren. Die Hinfahrt stellte sich allerdings als Problem dar: an der Bushaltestelle vergewisserten wir uns, ob der Bus auch tatsächlich nach Caesarea fahren würde, doch wirklich keiner wusste, wo wir hinwollten. Caesarea? Wo liegt denn das? Wir waren mittelmäßig verwundert, dass scheinbar niemand den doch recht bekannten Ort mit den Ausgrabungen kannte, bis wir auf einen flexibler denkenden Israeli trafen, der uns erklärte Caesarea würde Käsareeeea ausgesprochen.

Bodenmosaik in einer ansonsten zerstörten
römischen Villa
Käsareeeea, die Hauptstadt des römischen Judäas, war einst die reichste Hafenstadt in Palästina. Sowohl Pontius Pilatus als auch der Apostel Paulus lebten hier für einigen Jahre. In Caesarea herrschten ab dem 7. Jh. die Araber, später nacheinander die Kreuzritter , die Franken und die Mamluken, aber auch Richard Löwenherz hatte hier zwischenzeitlich das Sagen, als er die von Saladin zerstörte Stadt wieder aufbaute.  Nachdem sie im 13. Jh. von Sultan Ashraf Khalil endgültig zerstört worden war, gründeten Zionisten in der Nähe einen Kibbuz – und fand bei Arbeiten auf den Feld allerlei interessante Dinge und legten somit den Grundstein für die bedeutenden archäologischen Ausgrabungen.


Im Nationalpark kann man sich alles ausgegrabene anschauen; besonders schön ist, dass sich alles – ähnlich wie in Apollonia, dem Nationalpark von Herzliya – in unmittelbarer Nähe zum Meer befindet. An dieser Stelle will ich also gar nicht mehr erzählen, sondern einfach Bilder sprechen lassen!







Im Caesarea Nationalpark: die byzantinische Straße mit den
kopflosen Statuen, das römisches Aquädukt, die Kreuzfahrerstadt,
das Forum und der Hafen


Wie in einer anderen Welt oder: Das Leben der Ultraorthodoxen in Mea She'arim

Blick von unserem Hostel aufs Christliche Viertel

Shalom chaverim,

Wir beschlossen, die nächsten beiden Tage auch noch in Jerusalem zu verbringen und die Zeit für einen Weihnachtsmessen-Marathon zu nutzen. Aus den geplanten fünf Gottesdiensten für den 25. und 26. sind am Ende zwei geworden – in Jerusalem gibt es schließlich noch so viele andere Dinge zu tun.

Kein seltener Anblick in Jerusalem, vor allem um die
Weihnachtszeit: Soldaten en masse

Judith allerdings hat es tatsächlich am 25. um 10.30 Uhr in den Gottesdienst der Erlöserkirche geschafft; auf der Wanderung in der Nacht zuvor hatten uns alle für verrück erklärt, dorthin zu gehen – schließlich kamen wir erst gegen 5.00 Uhr morgens wieder im Hostel an.

Die Dormitio-Abtei
Nicht zur Messe, aber zur Besichtigung gingen wir in die Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion. (Für alle nicht ganz Bibel-festen: hier hat Jesus die Verleugnung durch Petrus und den Verrat durch Judas vorhergesagt, das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern abgehalten und ist vor den Hohepriester Caiaphas getreten.)

Das Davidsgrab, das wir uns danach anschauten, ist – wie so einiges in Jerusalem – sowohl für Christen, Juden und Muslime ein heiliger Ort. Das Grab befindet sich in einer Moschee, deren Vorraum eine Synagoge ist und in deren zweiten Stockwerk sich der von Franziskanern errichtete Abendmahlsaal befindet. Anhand solcher Dinge kann man relativ gut nachvollziehen, warum der israelisch-palästinensisch Konflikt dermaßen kompliziert – und wohl auch unlösbar – ist: alle erheben Anspruch auf das selbe Gebiet und die selben heiligen Stätten – und alle haben ihre Gründe.

Auf dem Berg Zion befindet sich neben dem Grab Davids noch das Grab einer anderen sehr bekannten Persönlichkeit: Oskar Schindler, der während des Dritten Reichs 1200 Juden vor den Nazis versteckte und so ihr Leben rettete. Neben dem Friedhof befindet sich das Holocaust-Museum, das allerdings längst nicht so groß und eindrucksvoll ist wie Yad Vashem.

Auf dem Weg durch die Altstadt haben wir noch bei einigen Kirchen einen Stop eingelegt, unter anderem bei der des Armenischen und der des Lateinischen Patriarchats und im Koptischen Kloster. Manche Kirchen waren weihnachtlich geschmückt, gerade die des Armenischen Patriarchats aber so dunkel und unheimlich wie immer.

Am Abend schafften wir es tatsächlich noch zu einem Weihnachtsgottesdienst: Notre Dame of Jerusalem, ein Päpstliches Institut mit schickem Hotel – der Ausdruck „Pilgerherberge“ würde ihm sicherlich nicht gerecht werden. Die Messe fand auf Englisch statt und endlich wurde auch Stille Nacht, Heilige Nacht, gesungen, was meiner Meinung nach zu Weihnachten einfach dazu gehört.

Auch der nächste Morgen begann für mich mit einer Messe: diesmal allerdings auf Französisch und im Konvent Satin-Étienne. Im Moment erzähle ich von allem im Schnelldurchlauf, von einer Sache bei diesem Trip  möchte ich allerdings doch noch ein bisschen detaillierter berichten: Judith und ich haben uns zum ersten Mal nach Mea She‘arim, dem Wohnviertel für ultraorthodoxe Juden, gewagt.


An einer Straßenkreuzung in Mea She'arim

Die Ultraorthodoxen leben hier mit ihren meist sehr großen Familien – 10-12 Kinder sind die Regel – wie früher in osteuropäischen Stetls gelebt wurde: abgeschottet und weltfremd.

Auf Schildern, die man auf jeder Straße, die nach Mea She’arim führt, findet, wird man dazu aufgefordert, sich züchtig zu kleiden. Bedeutet konkret: lange Klamotten, nichts eng anliegendes und Frauen nur mit bodenlangen Röcken. Die dominierende Farbe in Mea She’arim ist ganz klar schwarz: nahezu alle Menschen, die uns begegnen – fast ausschließlich Männer – sind ihrer religiösen Tradition entsprechend gekleidet und ihre Gesichter werden von extrem langen Schläfenlocken eingerahmt. Aber auch ansonsten ist Mea She’arim ein düsteres Viertel: die Häuser sind in einem schlechten Zustand und scheinen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Es gibt keine Cafés, Kinos oder Klamottenläden; in den wenigen Läden, die man sieht, werden nur Hüte, Texte fürs Talmudstudium und übergroße Plakate irgendwelcher Rabbis verkauft. In Schlangen muss man sich nach Geschlechtern getrennt anstellen; nicht selten wird man sonst bespuckt und angepöbelt.




In Mea She'arim


Wir hatten erwartet, nur Jiddish zu hören, da Hebräisch, die heilige Sprache, nur zum Beten und Talmud-Studium verwendet werden soll. Nichts da: wir hörten nicht nur fast ausschließlich Hebräisch, sondern sahen tatsächlich auch eine Gruppe amerikanischer Ultraorthodoxer, die lauthals auf Englisch in ihr Handy schrien.

Die Bürger von Mea She’arim gehen nicht arbeiten, da sie den gesamten Tag Gesetzestexte studieren und leben somit überwiegend auf Kosten des Staates. Dennoch verweigern sie die israelische Staatsbürgerschaft und lehnen den Staat Israel per se ab: an israelischen Feiertagen werden manchmal sogar schwarze Flaggen gehisst. Ihrer Überzeugung nach könnte der jüdische Staat erst nach der Ankunft des Messias und der Wiedererrichtung des Tempels entstehen. In den letzten Jahren gab es viele Debatten über den Status der Ultraorthodoxen in der israelischen Gesellschaft. Besonders häufig wird kritisiert, dass sie vom Wehrdienst befreit sind und auf Kosten eines Staates leben, deren Existenz sie nicht einmal anerkennen. Die Ultraorthodoxen stellen in Israel noch eine Minderheit, jedoch eine stark wachsende, die – so befürchten es einige – eines Tages die Mehrheit stellen könnte. Wieder stellt sich die grundlegende Frage, ob Israel primär ein jüdischer oder ein demokratischer Staat sein möchte – beides scheint kaum möglich.


Blick von der Himmelfahrtskirche auf Felder mit Oliven-
bäumen und die Jerusalemer Altstadt

Weihnachtsstimmung im Café der Auguste Victoria
Zusammen mit einer anderen deutschen Volontärin und ihrem Besuch fuhren wir auf den Ölberg und genossen erst einmal den Blick, den man vom Turm der Himmelfahrtskirche aus hat. In der Kirche selber fand – veranstaltet von der deutschen Gemeinde in Jerusalem – ein International Christmas Carols Singing statt, sodass nochmal ein bisschen Weihnachtsstimmung aufkam. Im Café der Auguste Victoria wurden wir danach zu Waffeln und Tee eingeladen und bekamen den für mich ersten und wohl auch letzten Glühwein in diesem Jahr.


Zurück in der Altstadt nahmen wir an einer der Angebote für deutsche Volontäre teil: Weihnachtsabendessen in der WG der Vikare der Erlöserkirche. Es gab Kartoffelsalat und Würstchen, was die ziemlich deutsch geprägten Tage in Jerusalem abrundete.


Jemand aus unserem Hostel hatte wohl einen weiten Weg hinter sich: Von
Holland aus war er mit dem Fahrrad bis Jerusalem gefahren - 10.109 km









Freitag, 27. Dezember 2013

Weihnachten in Jerusalem und: Weihnachten in Bethlehem

Der große Weihnachtsbaum in Bethlehem; dahinter die Geburtskirche


Shalom chaverim,

Dieses Jahr Weihnachten war in vielerlei Hinsicht ein besonderes Erlebnis: einerseits war es mein erstes
Weihnachten, das ich nicht zu Hause verbracht habe und wäre ich nicht ständig von Leute umgeben und permanent auf Achse gewesen, hätte ich wahrscheinlich starkes Heimweh gehabt. Andrerseits habe ich es auch nicht irgendwo verbracht: nach der Christmette in der Erlöserkirche in Jerusalem und dreistündiger Wanderung ins Westjordanland, kamen wir um drei Uhr nachts tatsächlich genau an dem Ort an, an dem Jesus wohl vor über 2000 Jahren geboren wurde: Bethlehem.

Am Morgen des 24. gab es per Skype eine Bescherung mit meiner Familie – die Geschenke aus Israel auspackte, die ich erst wenige Tage zuvor meiner Freundin mitgegeben hatte. Übrigens hatten wir vom Projekt noch eine Plastiktanne bekommen, sodass unser Zimmer im letzten Moment doch noch etwas weihnachtlich geworden war.

Als Judith und ich in Jerusalem ankamen, bezogen wir unsere Betten in einem Hostel im Muslimischen Viertel, wo wir noch nie zuvor übernachtet hatten. Die meisten anderen Hostels waren schon belegt und Jerusalem – im Gegensatz zu der Woche davor – so, wie man es kennt: voll und laut. Das christliche Viertel war stark geschmückt und es lief laut Weihnachtsmusik. Einige Christen, die man auf den Straßen traf (vor allem aber wohl deutsche Volontäre J), trugen Nikolausmützen und so wurde uns alle paar Minuten ein freundliches „Merry Christmas“ entgegen geschleudert. (Im Hebräischen gibt es übrigens keinen Ausdruck für Weihnachten.)

Mit ein paar Freunden gingen wir in der Jerusalemer Neustadt in einem schönen Restaurant essen. Ein paar von ihnen hatten die begehrten Karten für den deutschen Weihnachts-Gottesdienst in der Erlöserkirche bekommen; wir zählten nicht zu den glücklichen. Da die Messe in der Dormitio-Abtei, die wir uns rausgesucht hatte, erst um 24:00 Uhr beginnen sollte, begleiteten wir die anderen und wurden spontan noch auf die wenigen freien Plätze in der Erlöserkirche gesetzt. 
Auf dem Weg nach Bethlehem
Nach der Messe um 24:00 begann dann das eigentliche Highlight des Tages: die Wanderung der deutschen Gemeinde Jerusalems nach Bethlehem. Hätte sie wenige Tage zuvor stattgefunden, hätte sie wahrscheinlich wegen des Wetters abgesagt werden müssen; glücklicherweise gab es aber nur noch vereinzelte Schneeberge und es war auch nicht wirklich kalt. Der Pfarrer der Erlöserkirche lief mit einem Holzstern voran und wir hielten mehrfach an, um deutsche Weihnachtslieder zu singen. Vor allem das Lied „Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg…“ zu singen, war ein besonderes Erlebnis; man kennt es schon seit der Kindheit, allerdings hat es für mich jetzt eine völlige neue Bedeutung und wann immer ich es hören werde, werde ich an die Wanderung zurückdenken. Ein Erwachsener, der zur Gruppe dazugehörte, schenkte zweimal Arak aus, einen in Israel sehr verbreiteten Anisschnaps, der schön wärmte. Der Weg (knapp 10 km lang) führte entlang der Stadtmauer über die Verbindungsstraße nach Bethlehem, die ich schon mehrfach mit dem Bus entlang gefahren war. Kurz vor Bethlehem kam der Checkpoint, den ich zum ersten Mal zu Fuß passierte. Es dauerte allerdinge nicht lange – raus aus Israel kommt man ziemlich einfach, das Zurückkommen ist eher das Problem. Um Bethlehem herum liefen wir ein Stück an der Separation Wall entlang, die zur friedliche Weihnachtsatmosphäre so gar nicht passte. In Bethlehem war ziemlich viel los, es gab auch ein paar Stände, die noch geöffnet hatten und überteuerten Glühwein anboten. In der Geburtstkirche angekommen hatten wir eine kleine Andacht, beteten und sangen noch einmal gemeinsam.



 
Kontrastreiches Bethlehem: neben den
geschmückten Straßen und Häusern sahen
 wir auch wieder die Separation Wall



Wir alle waren ziemlich müde, aber total froh, in Bethlehem zu sein und die Stimmung, die dort herrschte, mitzuerleben.


Der Weg – entlang an einer Schnellstraße, durch einen Checkpoint und vorbei an der Separation Wall - war längst nicht so idyllisch, wie sich ihn manch einer vielleicht vorgestellt hatte. Der Pfarrer in der Geburtskirche erklärte uns, dass aber vielleicht gerade das mit zu Weihnachten gehört: denn auch Joseph und Maria, die vor über 2000 Jahren nach Bethlehem gekommen waren, hatten eine strapaziöse Wanderung hinter sich und keinen Sonntag-Nachmittag-Spaziergang.

Dienstag, 24. Dezember 2013

Frohe Weihnachten!


An dieser Stelle kein langer Bericht, denn mir fehlt schlichtweg die Zeit. Gleich geht es nach Jerusalem, wo wir um Mitternacht in eine der vielen Weihnachtsmessen (einige auch auf Deutsch!) gehen und an der Wanderung nach Bethlehem teilnehmen. Wie auf dem Foto zu erkennen ist, haben wir wunderbares Wetter und können uns auch ansonsten nicht beklagen.


Ich wünsche allen lieben Menschen da draußen Frohe Weihnachten und sende Euch liebe Grüße aus Israel!

Montag, 23. Dezember 2013

Leben auf heißem Pflaster oder: Tel Aviv von oben

Tel Aviv von oben



Shalom chaverim,

in den deutschen Nachrichten über Israel wurden die Bilder vom verschneiten Felsendom und Schneeballschlachten zwischen orthodoxen Juden leider von einem Tel Aviver Bus abgelöst, in dessen Innerem am Sonntag eine Bombe explodiert ist. Glücklicherweise wurde keiner verletzt, denn ein aufmerksamer Passagier hat den Busfahrer rechtzeitig auf die Tasche mit der Bombe aufmerksam gemacht und alle Fahrgäste konnten den Bus vor der Explosion verlassen.

Auch Judith, Clara (eine meiner deutschen Freundinnen, die zu Besuch war) und ich waren am Sonntag in Tel Aviv und sind dort mit dem Bus umhergefahren. Mir hat es noch einmal bewusst gemacht, dass die Gefahr überall lauert und man sehr sehr aufmerksam sein muss. Eine solche Explosion in einem Bus gab es zuletzt im November 2012, also vor über einem Jahr.

Es fühlt sich komisch an, über dieses Attentat zu schreiben, während ich bei strahlendem Sonnenschein in Beit Perry sitze und Weihnachtsplätzchen esse, denn es kommt mir so weit weg vor. Ich verstehe immer mehr, warum viele Menschen sagen, einige Israelis, insbesondere jene aus Tel Aviv, würden in einer Blase leben.

Jetzt aber zu erfreulicheren Dingen: die letzten Tage haben wir sehr viel unternommen und ich würden am liebsten direkt von all den Dingen berichten. Gleich allerdings arbeite ich zum ersten Mal seit recht langer Zeit wieder und morgen früh geht es (wie auch schon letzte Woche), nach Jerusalem.
Das Wetter ist endlich wieder so wie man es kennt: wir laufen im T-Shirt herum und Weihnachten scheint ganz weit weg.

Zurück zum Protokoll: Da Kathi und ich das vorletzte Wochenende ungewollte in Ra’anana verbracht haben, mussten wir uns spontan etwas einfallen lassen. Am Samstag Abend (tagsüber konnte man nicht viel machen, es war schließlich Shabbat und es fuhren keine Busse) sind wir ins Kino in Herzliya gegangen, dass sich in einem Hotel direkt am Strand befindet. Da  zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich viel Balagan in Israel herrschte, viel prompt die Heizung aus – immerhin bekamen alle heißen Tee. Da Hebräisch keine weit verbreitete Sprache ist (genau genommen nur innerhalb Israels gesprochen wird), lief der Film auf Französisch mit englischen und hebräischen Untertiteln.

Als am Sonntag Morgen endlich wieder Busse normal fuhren, machten wir uns direkt auf den Weg nach Tel Aviv. Zuerst ging es ins Azrieli Center – dieses Mal allerdings nicht zum Shoppen, sondern um die großartige Aussicht zu genießen, die man vom Observatory im obersten Stockwerk hat. Für Orientierungstalente wie mich sind solche Aussichtspunkte immer hilfreich; auf den Bus nach Yafo haben wir trotzdem noch ziemlich lange an der falschen Bushaltestelle gewartet… J


Vom westlichen Teil des Turms aus sieht man Berge...
...vom östlichen Teil aus das Meer


In Yafo angekommen gingen wir in die weihnachtlich geschmückte Klosterkirche von St. Peter. Weihnachtlich geschmückt bedeutet konkret: Plastik-Tannen, Plastik-Adventskränze und ganz viel Glitzer. Auf dem Markt von Yafo kauften wir noch so einige Weihnachtsgeschenke und liefen am Meer entlang nach Neve Tzedek. Neve Tzedek ist die erste jüdische Siedlung außerhalb von Yafo – Tel Aviv selber wurde wenig später gegründet. Das Viertel liegt genau zwischen Tel Aviv und Yafo und zählt definitiv zu den schönsten. (Übrigens wollte ich noch anmerken, dass ich 
In Yafo: am Hafen und das Kloster St. Peter
aufgehört habe, die Top Ten Liste für Tel Aviv fortzuführen – ich hätte sie längst auf Top 25 ausweiten müssen.) Neve Tzedek ist heute das Künstlerviertel von Tel Aviv, sodass es hier sehr viele Galerien und kleine Shops, aber auch Cafés und Restaurant gibt. Tel Aviv wirkt momentan ein bisschen ausgestorben, was wahrscheinlich an den (für israelische Maßstäbe) kalten Temperaturen liegt. Die Israelis müssen sich zudem auch keine Gedanken um Weihnachtsgeschenke machen….



Kathi in Yafo