Make Hummus Not Walls

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Freitag, 30. Mai 2014

Flaschenweiße heiliges Wasser oder: Zwei Tage am See Genezareth

Hier ist Jesus wohl zur Schule gegangen: Die weiße Synagoge in Kfar Kapernaum

Shalom chaverim,

der Eindruck, dass ich eigentlich kaum noch arbeite, dafür aber umso mehr zu reise, trifft auf die letzten Wochen ehrlich gesagt ganz gut zu: die letzten Tage war ich wieder am See Genezareth unterwegs.
Grund war der Geburtstag am Mittwoch von Aviva, einer guten Freundin. Am Vorabend sind wir mit einigen Volontären in ein bekanntes Tel Aviver Theater, das Cameri Theater gegangen und haben das Stück „Warm family“ über eine – wenn auch etwas überzeichnet dargestellte – typische jüdische Familie gesehen. Die Großmutter versucht verzweifelt, ihre Familie zusammenzuhalten und schreckt auch nicht davor zurück, der Polizei eine auffällige Person mit einem Rucksack, aus dem lange Drähte herausschauen, – also einen potentiellen Terroristen – zu melden. Und das alles nur, damit die Familie auf engstem Raum mehrere Stunden in dem engen Bunker verbringt und am Ende jeder nachgibt und sich die Familienmitglieder einander wieder glücklich in den Armen liegen.

Sieht aus wie ein normales Schwimmbecken, das Wasser
stammt aber aus sagenumwobenen, heißen Quellen
Am nächsten Morgen fuhren Aviva und ich nach Tiberias am See Genezareth, wo wir den gesamten Tag in den Tiberias Hot Springs verbrachten, einem direkt am See gelegenen Spa mit bis zu 39° heißem Wasser, das aus 2000 m Tiefe kommt. 
Das Wasser ist einer Legende nach so heiß, weil König Salomo Dämonen befohlen hatte, Wasser aus einer Quelle des Kinneret (so heißt der See Genezareth auf Hebräisch) zu erhitzen, um alte kranke Männer von ihren Gebrechen zu heilen. Salomo befürchtete, die Dämonen würden aufhören, das Wasser zu erhitzen, sobald er tot sei und ihnen keine weiteren Anweisungen mehr geben könnte. Aus diesem Grund machte er sie taub – und die Dämonen erhitzen bis heute das Wasser für die einheimischen und ausländischen Badegäste.


Blick vom Spa aus auf den See Genezareth und Tiberias

Überreste eines Badehauses und Becken mit heißem Wasser
im Hamat Tverya National Park
Direkt gegenüber des Spas befindet sich der Hamat Tverya National Park, in dem sich alte jüdische Bäder aus römischer Zeit und ein arabisches Bad aus dem 18. Jhd. befinden, das noch sehr gut erhalten ist. Neben den Quellen gibt es ein Becken mit dem dort entspringenden 60° heißen Wasser, in dem man seine Füße baumeln lassen kann – bei 30° braucht man diese Aufwärmung nicht unbedingt, das heiße Wasser ist aber sehr angenehm für die vom Laufen müden Füße.
Ebenfalls im Park befinden sich die Überreste einer Synagogen – oder besser gesagt: dreier Synagogen: die erste wurde im 3. Jhd. gebaut, zerstört und später durch eine zweite ersetzt, die ebenfalls zerstört und später durch eine dritte ersetzt wurde. Von der zweiten Synagoge gibt es sehr gut erhaltene Mosaike zu sehen. Ein Großteil des Gebiets um die Quellen muss noch ausgegraben werden – wer weiß, was man noch so finden wird…


Aviva und ich am See Genezareth
Vor dem Nationalpark fuhren Aviva und ich nach Tabgha, dessen arabischer Name sich vom griechischem Heptagon ableitet, der für die sieben hier entspringenden Quellen steht. Hier soll Jesus eines seiner Wunder gewirkt haben, indem er fünf Gerstenbrote und zwei Fische vermehrte und somit 5000 Menschen satt bekam. In der Kirche der Brotvermehrung befinden sich wunderschöne Mosaike, eines mit zwei Fischen und dem Korb mit Gerstenbroten – ein beliebtes Postkarten- und Taschen-Motiv in Israels Touristenshops. Ebenfalls sehr beliebt bei Touristen sind übrigens kleine Fläschchen mit „Heiligem Wasser“, also Wasser aus dem See Genezareth, das man sich um den Hals hängen kann. Einige asiatische Touristen hatten ein eigenes Konzept entwickelt: Sie füllten sich das Wasser einfach selbst literweise in kleine Plastik-Fläschchen. Ob sie damit über die Grenze kommen…. 




Mosaik in der Brotvermehrungskirche; eine christliche
Reisegruppe feiert auf einer Wiese vor der Kirche eine
Messe; die Kirche von außen; Touristen füllen sich
Wasser aus dem See Genezareth ab


Wenige Kilometer weiter befindet sich Kfar Kapernaum mit der Weißen Synagoge, wo Jesus zur Schule gegangen sein soll und das Haus des Petrus, das im 5. Jhd. allerdings verschüttet wurde. Obendrauf setzte man eine achteckige Kirche,  deren Ruinen man heute sehen kann. 1990 wurde darüber eine von acht Pfeilern getragene moderne Kirche errichtet, die einem galiläischen Fischerboot ähneln soll, aber eher an ein Ufo erinnert:



Am Nachmittag wollten Aviva und ich im See Genezareth schwimmen gehen. Die Strände in Tiberias muss man alle teuer bezahlen – außer man macht‘s wie wir uns landet durch einen Hintereingang auf einem luxuriösen Hotelstrand mit einem kleinen Zoo und einer Wiese voller Liegen, denen Palmen Schatten spenden. Übers Wasser zu laufen, wie es einst wohl Jesus tat, funktioniert übrigens nicht, vielleicht klappt es noch eher am Toten Meer.

Ach übrigens: Heute Morgen habe ich gearbeitet! 

Archäologischer Fund aus Kfar Kapernaum


Der Arabische Winter oder: Ein letztes Seminar in Nachsholim

Die ehemalige Kolonie deutscher Templer in Tel Aviv


Die israelische Sicht auf bestimmt Dinge weicht ganz gerne von den Ansichten der restlichen Welt ab. So ist es auch nicht wirklich verwunderlich, dass viele Israelis vom Arabischen Winter sprechen, wenn andere den Arabischen Frühling meinen.
Die Revolutionen und Veränderungen in der arabischen Welt – ob man sie nun als Winter oder als Frühling bezeichnen mag – waren Thema des dritten und letzten Volontärs-Seminars in Nachsholim. Neben dem für uns Volontäre extrem luxuriösem Essen (Kaviar zum Frühstück!) und einer tollen Unterkunft mit Privatstrand, war das Seminar auch wegen seiner Informativität wieder eine Teilnahme wert.
Es ging los mit den üblichen Kennenlerngesprächen und der Programmvorstellung und der Abend endete mit Kurzvorträgen (wie in der Schule mussten wir Texte durchlesen und markieren, um danach ein kurzes Referat zu halten) über die Entwicklung der israelischen Nachbarstaaten im 20. Jhd., also dem Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten.
Am nächsten Tag hatten wir ein Gespräch mit einem Vertreter der israelischen Verteidigungsarmee, der den Begriff Arabischer Winter einführte. Seine Begründung: „Wenn das, was momentan in den arabischen Staaten passiert, Frühling sein soll, dann will ich nicht wissen, wie der Winter dort aussieht!“. Der Westen verliere an Glaubwürdigkeit, wenn er immer wieder den Umgang der Israelis mit Palästinenser verurteile, aber beim Massensterben in Syrien nur zuschaue. Auch gegen andere Staaten, die den Frieden bedrohten, solle man vorgehen, um endlich wieder ernst genommen werden zu können.

Mit einer etwas diplomatischeren und ausgewogeneren Sicht auf die Dinge sprach ein bekannter israelischer Nachrichtensprecher, der uns erklärte, wie sich der Umbruch in den arabischen Staaten auf die Sicherheitslage Israels auswirkt und warum Israel den revolutionären Bemühungen der nordafrikanischen Staaten von Anfang an skeptisch und nicht hoffnungsvoll gegenüber stand.

Vor den Gesprächen hatten wir eine Führung durch die deutsche Templerkolonie in Tel Aviv, die große Ähnlichkeiten zu der in Haifa aufweist, die wir beim ersten Seminar besucht hatten. Heute befinden sich in den ehemaligen Häusern der Templer teure Boutiquen, Restaurants und Cafés.


Templerkolonie in Tel Aviv

Am nächsten Morgen ließ sich Dina Lutati, die Koordinatorin für Volontäre aus dem Ausland, noch einmal blicken. Nachdem wir alle ein paar Sätze über unsere bisherige Zeit in Israel, die sich ja schon dem Ende zuneigt, gesagt hatten, begann sie plötzlich zu weinen. Aus Rührung – und dass, obwohl sie kaum ein Wort Englisch versteht. Sie selber geht nächsten Juni in Ruhestand, möchte dann aber selber Volontärin werden – in Deutschland!

Aviva, Milena und ich sind nach dem Seminar am Strand von Nachsholim ausgeritten, am Wasser entlang und zurück durch die Dünen. Ein paar wirklich luxuriöse Tage!

Unser etwas misslungenes Feuerchen
Übrigens war zwei Tage zuvor mal wieder ein israelischer Feiertag: Lag B’Omer, das an den Bar-Kochba-Aufstand gegen die Römer erinnert. Lag B’Omer liegt zwischen Pessach und Shavuot, einem anderen wichtigen Feiertag, der bald begangen wird. Die 49 Tage zwischen diesen beiden Festtagen sind eine Zeit des Trauerns und daher mit vielen Verboten verbunden: man darf sich zum Beispiel nicht die Haare schneiden, rasieren oder heiraten – Lag B’Omer bildet die einzige Ausnahme, sodass an diesem Tag sehr viele Hochzeiten stattfinden (ans Rasier-Verbot hält sich sowieso fast niemand).

In Israel ist es Tradition, an diesem Tag Lagerfeuer zu entzünden. Auf dem Feld hinter Beit Perry versuchten wir es auch mit einem Feuerchen, das des Nachbarhauses (auch ein Heim für Menschen mit Behinderung) war allerdings deutlich besser gelungen. Nebenan trat auch ein Sänger auf, es wurden Marshmallows gegrillt (was bei uns wegen des schlechten Feuers nicht funktioniert hatte) und Eis verteilt. Irgendwann gaben wir den eifersüchtigen Blicken einiger Friends nach und ließen sie auf das Areal des anderen Heims laufen. Dort klauten sie sich Cola und versuchten so viele Eise wie möglich abzuluchsen. Ab dem nächsten Tag wurde aber wieder „getauert“…

Dienstag, 27. Mai 2014

Viva el papa! oder: Wie ich den Papst sah und einen Sonnenbrand bekam

Pilger aus der ganzen Welt fiebern der Ankunft des Papstes entgegen

Shalom chaverim,

Es gibt viel zu berichten! Aber ich fange am besten bei dem Aktuellsten an, über das auch in den deutschen Medien viel berichtet wird: dem Papstbesuch im Heiligen Land.
Das Lateinische Patriarchat ist für den Papstbesuch
entsprechend geschmückt
Insgesamt hielt sich der Papst hier drei Tage auf, was von vielen als viel zu kurz empfunden wird. Trotzdem handelt es sich um einen besonderen Papstbesuch: Franziskus wird von einem Rabbiner und einem Iman aus seiner Heimat Argentinien begleitet, erklärt aber dennoch das Treffen mit dem Patriarchen Bartholomäus zum Mittelpunkt seiner Reise.  Los ging es am Samstag in Jordanien: dort besuchte er die Taufstelle Jesu am Jordan, feierte in Amman eine Messe, flog nach Bethlehem und feierte dort ebenfalls eine Messe vor der Geburtskirche. Uns war gesagt worden, der Papst wolle ausschließlich die Christens aus den jeweiligen Ländern treffen, durch etwas Glück erhielten wir aber dennoch die begehrten Tickets für die Messe auf dem Manger Square in Bethlehem, auch Krippenplatz genannt.
Milena und ich hatten uns schon am Freitag auf den Weg nach Bethlehem gemacht, da wir für den Samstag einen Besuch in Hebron eingeplant hatten und beide Nächte bei befreundeten Volontären in deren Bethlehemer WG hatten verbringen wollen. Theoretisch zumindest: zwei der vier Volontärinnen arbeiten nämlich in einem Bethlehemer Kindergarten, in dem eine Krankheit ausgebrochen war, mit der ich zuletzt als Kind konfrontiert worden war: Läuse!
So kam es, dass Milena und ich für die erste Nacht spontan eine andere Unterkunft finden mussten und so im Gästehaus des Dheische Flüchtlingscamp übernachteten, in dem einen Tag später – das wussten wir damals allerdings noch nicht – Franziskus mit Familien aus dem Flüchtlingscamp aß.
 Riesige Plakate heißen den Papst willkommen

Von unserem Ausflug nach Hebron werde ich ein andermal berichten, jetzt soll es erst mal um Bethlehem gehen: Die gesamte Stadt war bei meinem fünften Besuch völlig verändert: überall hingen von Häusern, Schulen und Klöstern (und davon gibt in Bethlehem sehr viele) gigantische Postern, die den Papst auf Englisch, Arabisch, Französisch oder Italienisch willkommen hießen. Die gelb-weiße Fahne des Vatikans flatterte fast so oft wie die palästinensische und auf den großen Straßen befanden sich palästinensische Soldaten,  in Bethlehem ein seltener Anblick.
Unsere zweite Nacht in Bethlehem verbrachten wir in der bis dahin wieder lausfreien WG und grillten auf der Dachterrasse. Die ganze Stadt – Christen wie Muslime – fiebert dem Ereignis entgegen und die Tatsache, dass Franziskus nur verhältnismäßig wenig Sicherheitspersonal bestellt hatte, sorgte dafür, dass sich die Stadt zwar in einem Ausnahmezustand befand, aber in keinem ungemütlichen.
Wartende Katholiken auf dem Manger Square
Am Morgen liefen wir Volontärinnen also los Richtung Manger Square. Franziskus machte sich wohl ungefähr zeitgleich auf den Weg von Amman nach Bethlehem. Ganze drei Stunden vor Beginn der Messe waren wir losgelaufen und fanden uns entsprechend früh am Ort des Geschehens ein. Dort allerdings waren wir keineswegs die ersten: der Manger Square war nicht wiederzuerkennen, es waren zwei Tribünen aufgebaut, eine für die Messe, eine für Vorführungen und Chöre. Auf den Häuserdächern (in Palästina gibt es fast ausschließlich Flachdächer) hatten sich Journalisten platziert, die sich zwischendurch immer wieder unter die Gläubigen mischten, um sie zu interviewen. Man sah Unmengen an Flaggen: Palästinensische, argentinische, philippinische – von wegen, der Papst war gekommen, um mit den einheimischen Christen zu feiern. Einige hielten Plakate hoch, nicht selten mit einer politischen Message. Ordnungshüter liefen umher, verteilten Wasser an diejenigen, die fast zusammen brachen in der Hitze und weiße Käppis, die den schlimmsten Sonnenbrand verhindern sollten. Vor allem aber sah man eins: Menschen, Menschen, Menschen. Aus Südamerika, Europa, den USA, dem Westjordanland, von den Philippinen, dem Gaza-Streifen, dem Libanon, Indien und und und – insgesamt waren es über 10000. Am besten vertreten schien aber eine bestimmt Spezie Katholik: die kleine dickliche Südamerikanerin, die aufgrund ihrer Größe kaum etwas sah, aber nicht davor zurückschrak, den anderen Schaulustigen in gebrochenem Englisch zu erklären: „I’m from Argentina. I want to make picture. Can I go, please?“
In den beiden Stunden bis zum Beginn der Messe wurde die meiste Zeit gesungen, meistens auf Arabisch, aber man erkannte die Lieder vom Rhythmus her und konnte zumindest mitsummen. Die Leute schienen auch nach stundenlangem Warten noch begeistert: enthusiastisch schwangen sie ihre Fahnen und immer wieder fing einer an „Viva el papa!“ zu rufen und die anderen stimmten begeistern mit ein.
Ankunft des Papstes im Papamobil

Als der Papst dann in seinem Papamobil angefahren kam, rasteten einige völlig aus, drängten sich mit Gewalt nach vorne, fingen an, vor Freude zu weinen und schrien immer wieder den einen Satz, den man in diesen Tagen so oft hörte: „Viva el papa!“ (Einige Palästinenser und Aktivisten beließen es allerdings nicht dabei und hingen an das „Viva el papa!“ noch ein „Viva Abbas!“, „Viva Palestina!“ dran.)
Der Papst in seinem Mobil drehte eine Runde über den Platz, bejubelt wie ein Popstar auf Welttournee. Die Messe selbst wurde überwiegend auf Italienisch gefeiert und es wurde meistens auf Arabisch gesungen. Die Menge jubelte permanent, sodass man oft gar nicht mitbekam, in welchem Teil der Messe wir uns gerade befanden und mir auch entgang, dass der Papst Schimon Peres und den anwesenden Mahmud Abbas völlig überraschend – und für eine Überraschung ist Franziskus immer gut – zu sich zum Gebet in den Vatikan einlud.
 Zur Gabenbereitung liefen einige Geistliche, die vorher beim Papst auf der Bühne gesessen hatten, durch die Gänge und verteilten Hostien. Aber auch hier verhielten sich einige Gläubige extrem unchristlich: um einen Platz in der ersten Reihe wurden Ellbogen ausgefahren und man beschimpfte sich in schlechtem Englisch – sicherlich nicht im Interesse von Franziskus. Der allerdings ließ auf sich warten: anstatt entlang der Schneise, um die sich die Menschen scharrten, Richtung Geburtskirche zu fahren, verkroch er sich für eine halbe Stunde in dem hinter der Tribüne gelegenen Gebäude. Trotzdem ließ die gute Stimmung der Gläubigen nicht nach: es wurde weiter gesungen, Fahnen wurden geschwenkt und „Viva el papa!“ ausgerufen. Kurze Irritierung herrschte allerdings als plötzlich mitten in diese Feierstimmung hinein der Muezzin der am anderen Ende des Manger Squares gelegenen Moschee anfing, laut zu rufen. Durch die akustische Verstärkung seines Rufs ist es schwer, ihn zu übertönen. Die Besucher der Papstmesse fingen aber an, extrem laut Halleluja zu singen und – na was wohl – „Viva el papa!“ zu schreien. Der hatte das Gebäude mittlerweile wieder verlassen und fuhr jetzt im Papamobil entlang der Schneise an den Gläubigen vorbei Richtung Geburtskirche. Der alte Mann, den man auf den Bildschirmen hatte predigen und in sich versunken auf der Tribüne hatte sitzen sehen, war nicht wiederzuerkennen: begeistert winkte er den Gläubigen zu, winkte in alle Richtungen, um auch ja niemanden auszulassen und versuchte, die ihm entgegen gehaltenen Hände und Kinder zu berühren – das Papamobil war allerdings etwas zu schnell. 
Ein tibetischer Mönch verteilt Hostien

Wie man meinem Bericht entnehmen kann, war die Messe also wenig berührend, was sicherlich auch an der Sprachbarriere lag, die Art aber, in der der Papst die Menschen begeistert und mitgerissen hat, war durchaus sehr beeindruckend.
Bethlehem im Ausnahmezustand
Mit den anderen Volontärinnen kämpften Milena und ich uns durch die Gassen der Altstadt, in denen Touristen die Andenkenläden plünderten und so mancher Verkäufer wahrscheinlich in dem Moment das Geschäft seines Lebens machte. In der Volontärs-WG wieder angekommen – es war mittlerweile fünf Uhr – saßen wir alle etwas erschöpft (und von der Sonne durch einen üblen Sonnenbrand gezeichnet) auf dem Balkon der WG. Plötzlich sah eine von uns einen Hubschrauber, dessen Propeller langsam anfingen zu kreisen. Und tatsächlich: es konnte nur der Hubschrauber des Papstes sein, den wir vom Balkon aus sahen, schließlich sollte der um fünf Richtung Israel aufbrechen und es gab in Bethlehem nur einen Hubschrauber-Landeplatz. Unter uns sahen wir einige Schaulustige, die auch den Papst ausfindig gemacht hatten, und noch schnell ein paar Fotos schießen wollten. Um Punkt fünf Uhr flogen dann aber drei Hubschrauber in die Luft – wahrscheinlich ein Ablenkungsmanöver.
Den letzten Tag seiner Reise, also gestern, verbrachte der Papst in Jerusalem, wo er unter anderem die Klagemauer, den Tempelberg und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchte. Abschließend traf er auf Peres und Netanyahu und feiert eine Abschlussmesse auf dem Zions-Berg.
Jerusalem liegt nur 8 km von Bethlehem entfernt, trotzdem flog der Papst von Bethlehem aus erst einmal ins 45 km entfernte Tel Aviv, wo ihn ein offizieller israelischer Empfang erwartete – schließlich ist Tel Aviv die international anerkannte Hauptstadt Israels und nicht Jerusalem.
Auch ich machte mich von Bethlehem auf in Richtung Tel Aviv - der Papst hätte mich also ruhig mitnehmen können! 
Der Papst aus nächste Nähe

Samstag, 17. Mai 2014

Blütezeit in Jehudia oder: Kurzes Vergnügen in Safed

An einem Flussufer im Jehudia National-Park

Aviva, Milena und Judith beim Klettern im
Karmel-Gebirge
Shalom chaverim,

wie ihr vielleicht merkt, habe ich mich bei der letzten Wanderung in den Golan verliebt und dort diese Woche wieder zwei Tage verbracht – solange man nicht neben einem Minenfeld schläft und das Zelt von Kojoten umstellt wird (gut, vielleicht übertreibe ich etwas), ist es auch nicht wirklich gefährlich.
Am Dienstagmorgen also wollten Aviva, Milena, Judith und ich uns in der Uni von Haifa treffen, dort ins Archäologische Museum gehen und danach durch den Karmel wandern. Um 10 Uhr waren wir auch tatsächlich alle an der Uni von Haifa – Judith und ich nur leider in einer anderen als Milena und Aviva. Um 11 Uhr aber trafen wir uns dann an der richtigen Uni und es konnte losgehen. Zuerst besuchten wir das Hecht-Museum, in dem archäologische Funde aus Israel  ausgestellt werden, die nicht selten einige tausend Jahre alt sind. Unter anderem gibt es auch ein Boot aus dem See Genezareth zu sehen, das aus der Zeit Jesu stammt.


Blick auf Haifa vom Eskol-Tower

Direkt neben dem Museum befindet sich der Eskol-Tower, ein Konferenzzentrum, von dessen höchsten Etage aus man einen tollen Blick auf Haifa und die Küste bis hin zum Libanon hat. Vom Turm aus wanderten wir los durch das Karmel-Gebirge. Es gibt unzählig viele Wanderwegs, die alle durch die grünen Wälder führen, die ein bisschen wie im Märchen aussehen. Unser Weg führte uns zum Hai Bar Reservat, in dem in Israel ausgestorbene oder zumindest bedrohte Tierarten aufgezogen und in die Umgebung wiedereingeführt werden. Nach wenigen Kilometern kamen wir in eine Region des Karmel-Gebirges, die nicht ohne Grund „Little Switzerland“ genannt wird.






Tiere, Pflanzen, schöne Landschaft: das Karmel-Gebirge

Am nächsten Tag – Milena und Judith mussten arbeiten bzw. bekamen Besuch – fuhren Aviva und ich über Tiberias am See Genezareth entlang zum Jehudia-Nationalpark, einem der schönsten Nationalparks Israels, die ich bisher gesehen habe. Dass wir den Park so schön fanden, lag sicherlich auch daran, dass momentan Blütezeit ist und Wildblumen blühten und die Bäume rosane Blüten trugen. Der vierstündige Wanderweg war sehr abwechslungsreich: Zuerst passiert man die Ruinen der arabischen Stadt Sheikh Hussein (heute eine Kuhweide), überquert einen Fluss, kommt an Basalsäulen und Wasserbecken vorbei und erreicht schließlich den Zavitan-Wasserfall, der in ein Becken mit eiskaltem Wasser läuft, das etwas versteckt liegt. Um das Becken zu erreichen muss man etwas klettern, und auch das Steigen der in den Felsen gehauenen Stufen ist bei der Hitze gleich doppelt so anstrengend. Man wird aber entlohnt:  inmitten der pink blühenden Bäume fällt an einem steilen Felsen ein Wasserfall herunter in ein Becken, in dessen eiskaltem Wasser man sich wunderbar erfrischen kann.








Jehudia-Nationalpark


Blick auf Safed, den See Genezareth und die Golanhöhen

Am Abend fuhren wir nach Safed, der viertheiligsten Stadt des Judentums, in der sich – das fällt direkt auf – sehr viele orthodoxe Juden niedergelassen haben. In Safed hat die Kabbala, das mystische Judentum, seinen Ursprung und es gäbe hier  – hätten wir nach der Wanderung noch Kraft gehabt – auch jede Menge Synagogen, Friedhöfe und ein Künstlerviertel zu besichtigen. Da die Sonne allerdings schon sehr tief stand, liefen wir nur zum höchsten Punkt der Stadt, einem Berg, auf dem noch die Ruinen einer Kreuzfahrerfestung stehen und sahen von dort aus die Sonne hinter den Bergen Galiläas untergehen und dabei die Ortschaften am See Genezareth beleuchten. Vielleicht schafft man es ja noch einmal hierhin…


Blick auf die Berge Galiläas

Freitag, 16. Mai 2014

Kreideweiß trifft türkisblau oder: Die Kalksteinfelsen von Rosh HaNiqra

Blick von Rosh HaNiqra auf die Küste


Shalom chaverim,

beim letzten großen Ausflug mit meiner Familie ging es hoch in den Norden, so hoch, wie es eben geht: die Grenze zum Libanon sollte man momentan nämlich eher nicht überschreiten… Sehr schön ist dafür der Grenzort Rosh HaNiqra, was auf Deutsch in etwa Kopf des Felsens heißt. Der Weg nach Rosh HaNiqra führt einen eine Zeitlang direkt am Meer entlang, vorbei an Kibbuzim und Stränden. Die weißen Kreidefelsen, die 70 m in die Tiefe fallen, sieht man schon von Weitem. Vor Ort kann man mit einer Seilbahn hinunter zu den Höhlen fahren.Über die letzten Jahrtausende hinweg hat das Meer die berühmten Grotten von Rosh HaNiqra aus dem Stein gespült. Durchläuft man die Höhlen, muss man sich ständig bücken und auch auf den Boden achten, um nicht zu stolpern. Das Meerwasser ist türkisblau und bildet somit einen starken Kontrast zu dem unwirklichen Weiß der Felsen. Beim Rundgang verlässt man für einen kurze Zeit die Höhlen, sieht Militärschiffe und Jetskies, die wie selbstverständlich aneinander vorbeifahren und Bojen, die die Wassergrenze zum Libanon markieren. Direkt vor dem Grenzposten befindet sich ein Café mit Blick auf die Küste hinunter bis nach Haifa und die vom türkisenen Wasser umgebenen Inseln – auf der anderen Seite: Maschendraht und Kontrolltürme.



Die Kreidefelsen von Rosh HaNiqra

An der am Wasser entlang führenden Straße ging es weiter Richtung Süden: vorbei an der Autonomen Republik Akhzivland, dem kleinsten – und tatsächlich von Israel anerkannten – Freistaat der Welt; dem Badeort Nahariya und dem nördlich von Akko gelegenen Bahaischrein, der zusammen mit dem in Haifa gelegenen das höchste Heiligtum der Bahai bildet und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Besagter Schrein ist das Mausoleum des Baha’u’llah, des Gründers der Bahai-Religion. Der darum liegende Park ist dermaßen sauber und penibel, dass man ihn schon als spießig bezeichnen könnte – das Farbenmeer und die Farbenvielfalt sind aber einfach wunderschön! Die Bahai vertreten die Auffassung von der Einheit der Religion und der Einheit aller Menschen und lehnen Vorurteile völlig ab. Die Gemeinde zählt heute 8 Mio. Mitglieder, von denen die meisten in USA oder Indien leben.



Die Gärten um das Mausoleum des Baha'u'llah


Meeresfrüchte im Restaurant in Akko
Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in der wunderschönen Kreuzfahrerstadt Akko, über die ich schon ausführlich berichtet habe. Durch den trubeligen Markt kämpften wir uns durch zur Großen Moschee; liefen durch die unterirdische Kreuzfahrerstadt; kletterten auf der Zitadelle und sahen von der Terrasse unseres Restaurants aus die Sonne untergehen und dabei die gesamte Bucht, einschließlich Nachsholim und Haifa, rosa verfärben. Ein paar Mutige schwammen noch im Wasser, aber als die Lichter von Haifa immer heller leuchteten, zogen auch sie sich zurück.

Am nächsten Tag hatte ich meine einzige Schicht während der gesamten zwei Wochen. Meine kleine Schwester durfte allerdings mitkommen und konnte so die Friends kennenlernen und ich glaube, dass auch sie sie direkt in ihr Herz geschlossen hat. Nach einem Strand- und Synagogenbesuch in Tel Aviv (ja, das lässt sich durchaus verbinden!), hieß es am nächsten Morgen Abschied nehmen. Zwei Wochen voller Abwechslung und neuer Einblicke!


Abendliches Haifa