Make Hummus Not Walls

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Sonntag, 26. Januar 2014

Umweltsch(m)utz in Israel oder: Bilder aus Ra'anana

Sehr sauber: der Ra'anana West Park

Shalom chaverim,

letzte Woche hatten wir einen von den Guides eher belaechelten Vortrag zum Thema Muelltrennung. Die ist in Israel bisher noch eindeutig zu kurz gekommen, bzw. hat noch gar nicht stattgefunden. Jeglicher Muell, ob Flaschen, Zettel oder Bananenschalen werden sorglos in einen Eimer geworfen und die halbvolle Tuete abend von den Friends in einen grossen Container gebracht.

Zwei Leute von einer NGO konfrontierten die Guides also mit der ihnen anscheinend unbekannten Tatsache, dass es umweltschaedlich ist, alles in eine Tonne zu kippen. Sie warben dafuer, ab sofort in allen Haeusern einen braunen Eimer aufzustellen und dorthin Essensabfaelle zu entsorgen. Die Guides warfen sich skeptische bis belustigte Blicke zu und begannen zu witzeln: eines Tages wuerde es wohl noch in allen Haeusern mehrere verschiedenen Eimer geben und man muesste wohl auch noch anfangen, sich ueber jede Sache, die man wegwirft, Gedanken zu machen, wohin genau man sie denn wirft.
Auch Judith und ich begannen uns belustigte Blicke zuzuwerfen, was hier als komisch angesehen wird, ist in Deutschland schliesslich Realitaet.

Da der gute Wille zaehlt, wurden am naechsten Tag in jede Kueche ein solcher brauner Eimer gestellt und ich weihnte ihn begeistert ein.

Das ehrgeizige Projekt scheiterte allerdings schon am naechsten Tag, da es keine mehr Beutel gab, die man in die Eimer tun koennte. Als ich einen der Guides darauf ansprach, schaute er mich unglaeubig an: ob ich denn wirklich vorhaette, den Muell zu trennen? Ich als ueberzeugte Umweltschuetzerin begann also zu erklaeren, wie sinnvoll und einfach es ist, und schockierte ihn mit der Tatsache, dass es in Deutschland mehr als zwei verschiedene Behaelter zum Muelltrennen gibt: fuer Plastik, Restmuell, Papier, Kuechen-Abfaelle und Glas. Da war das Staunen aber gross! Dass beim Glas noch nach Farbe unterschieden wird, erzaehlte ich ihm gar nicht erst...

Sehr sauber ist dafuer der Ra'anana West Park, in dem wir einmal in der Woche mit den Friends Fahrrad fahren. Auch ansonsten sind wir dort hauefiger: am See gibt es ein schoenes Cafe und auf meiner Jogging-Runde lege ich hier manchmal einen Zwischenstop ein und trainiere in der Work-Out-Area. Vor allem am Shabbat ist es hier richtig voll, insbesondere Familien mit kleinen Kindern verbringen den freien Tag im Park. Es gibt auch eine Galerie und einen Streichelzoo, zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Bilder gemacht habe, hatten sich allerdings alle Tiere verkrochen...











Samstag, 25. Januar 2014

Chaos in der Cinematheque oder: Das scheinbar gestohlene Portemonnaie

Shalom chaverim,

seit ueber einer Woche schon wohnt eine weitere Volontaerin, Aviva, bei uns. Sie wird in Kfar Ofarhim in Ramat HaSharon arbeiten, da allerdings ihr Mitvolontaer noch nicht in Israel ist, lebt sie so lange bei uns.

Letzten Samstag ist sie voellig uebermuedet in Beit Perry angekommen, doch Judith hat sie direkt mit sich nach Tel Aviv genommen, wo sie, Rebekka, Hanna und ich uns im Kino getroffen haben.
Und Aviva hat direkt mitbekommen, was fuer eine Chaos-Truppe wir eigentlich sind, bzw. warum der Begriff Balagan hier so oft - und immer zu Recht - gebraucht wird.

Folgendes passierte naemlich: Theoretisch hatten wir uns alle um 19.15 in der Cinematheque treffen wollen, da der Film um 19.30 begann. Sowohl Judiths und Avivas Bus aus Ra'anana, als auch Hannas aus Kannot hatte Verspaetung und auch Rebekka schafften es, obwohl wir eh schon in Tel Aviv waren, nicht rechtzeitig dorthin. Kurz nach Filmbeginn kauften wir also schnell die Karten und stellten uns nur fluechtig bei Aviva vor. Im Kinosaal dann die Ernuechterung: der Film war auf arabisch und - anders als im Internet angegeben - mit hebraeischen und nicht englischen Untertiteln. Mein Hebraeisch macht zwar weiter Fortschritte, um die Schrift zu lesen brauche ich allerdings immer noch dreimal so lang wie der Durchschnitts-Israeli, vom Verstehen mal ganz abgesehen.

Wir liefen also wieder zur Kasse und wollten die Tickets zurueckgeben, was wohl ziemlich umstaendlich war, da einige von uns mit Kreditkarte, andere in bar gezahlt hatten. Die Frau an der Kasse hasste uns dafuer wahrscheinlich eh schon, noch mehr aber dafuer, dass Rebekka ihr Ticket verloren hatte. In einer grossen Aktion suchten wir fuenf Maedels also in allen vorhandenen Taschen, wovon es viele gab, schliesslich hatten Rebekka und ich die grossen Trekking-Rucksaecke von unserem Wochenende in Tel Aviv dabei.
Die Such-Aktion verlief ohne Erfolg und waehrend Rebekka die eine Haelfte des Personals der Cinematheque beschaeftigte, um das Geld trotz Verlust des Tickets zurueckzubekommen, beschaeftigten Hanna und ich die andere Haelfte, um uns ueber andere Filme zu informieren und uns bestaetigen zu lassen, dass sie auch wirklich mit englischen Untertiteln liefen.

Als Rebekka nach ewigem hin und her ihr Geld zurueckbekommen und der Kassiererin wohl auch den letzten Nerv geraubt hatte, dann das naechste Problem: ihr Portemonnaie, samt Kreditkarte, war verschwunden! Wieder wurden alle Taschen durchsucht, diesmal gefuehlt 20-fach.

In der Zwischenzeit lief ich zu dem Security-Menschen, der an der Tuer stand und eigentlich die Taschen der Leute durchsuchte, die das Kino betraten. Schnell stellte sich heraus, dass sein Englisch aehnlich gut wie mein Hebraeisch war und mit Haenden, Fuessen und einer interessanten Englisch-Hebraeisch-Kombi versuchte ich ihm zu erklaeren, dass das Portemonnaie meiner Freundin weg sei.

Er hatte leider nichts gesehen, war aber scheinbar erfreut ueber die Unterbrechung seines monotonen Arbeits-Alltags und fuehrte mich und Hanna zu dem Menschen, der anscheinend die Ueberwachungs-Kameras koordiniert. Dieser sprach noch weniger - um nicht zu sagen gar kein - Englisch, war aber sehr hilftsbereit. Als Dolmetscher wurde noch ein Typ herrangekarrt, der erfolglos versuchte, im Kino Flyer zu verteilen.
Immer wieder schauten wir uns die Ueberwachunsausfnahmen an, was - waere der Verlust von Rebekkas Portemonnaie nicht so ernst gewesen - ziemlich witzig war: man sah uns fuenf nacheinander in die Cinematheque kommen, schnell die Tickets kaufen, ins Kino gehen, zwei Minuten spaeter wieder rauskommen, mit der Kassiererin streiten, alle Taschen durchwuehlen, wieder mit der Kassierin streiten, die Kassiererin ihre Nerven verlieren, uns andere Kassierer dazuholen, das Geld zurueckbekommen und wieder alle Taschen durchwuehlen.

Immer mehr Menschen kamen dazu, die sich fuer den scheinbaren Diebstahl interessierten und mehr oder minder plausible Thesen aufstellten. Rebekka versuchte in der Zwischenzeit verzweifelt ihre Mutter und die Bank anzurufen, um die Kreditkarte sperren zu lassen, allerdings ohne Erfolg. Die arme Aviva - erst seit Stunden in Israel - stand hilflos zwischen unseren Taschen mitten in der Cinematheque und wird sich ihren Teil gedacht haben... :)

Die Kameraaufnahmen - wir hatten sie uns wiederholt und mit verschiedenen Geschwindigkeiten angeschaut - hatten nichts ergeben und Rebekka war aus gutem Grund ziemlich aufgeloest.
An dieser Stelle kam allerdings wieder eine Charaktereigenschaft der Israelis zum Vorschein, die ich an ihnen sehr zu schaetzen weiss: Hilfsbereitschaft und Groesszuegigkeit. Der nette Mensch von den Ueberwachungskameras, der sicherlich selber kein bombiges Gehalt kassiert, bot Rebekka naemlich mehrfach - und es war auch sicherlich ernst gemeint - in sehr gebrochenem Englisch an, ihr 100 NIS zu schenken, damit sie zumindest nach Hause kommen wuerde und etwas fuer den naechsten Tag haette. Rebekka lehnte natuerlich ab, schliesslich waren wir noch da. Der Kameramensch bestand darauf, noch einmal im Kino nach dem Portemonnaie zu schauen, obwohl es doch dort gaaaanz sicher nicht war!

War es dann aber doch und wir waren erleichtert bis stark amuesiert. In dem Portemonnaie fand sich dann auch das vermisste Ticket, das wir der Kassiererin allerdings nicht mehr unter die Nase rieben. Da keiner mehr wirklich Lust auf Kino hatte (wir haetten schliesslich bei der entnervten Kassiererin ein neues Ticket kaufen muessen), gingen wir in ein Restaurant auf der Ibn Gabirol und es wurde noch ein definitiv schoener Abend, fand auch Aviva.

Die Einleitung in das chaotische Volontaers-Sein war also perfekt. In Israel, erklaerten wir ihr, laeuft es fast immer anders, als man denkt. Aber meistens laeuft es gut...


Freitag, 24. Januar 2014

Nationalpark-Tag oder: Wo man eben landet, wenn man stundenlang gedankenverloren am Strand entlang laeuft





Shalom chaverim,

da Israel - wie schon mehrfach festgestellt - sehr klein ist, kann man sich viele Dinge auch schon bei einem Tagesauflug anschauen. Rebekka und ich haben letzte Woche den Tel Megiddo-Nationalpark besucht, der gleichzeitig eine Ausgrabungsstaette ist. (Uebrigens werden alle zwei Jahre Freiwillige gesucht, die einen Sommer lang mitbuddeln.) 

An sich moechte ich an dieser Stelle gar nicht viel erzaehlen, sondern lieber Bilder zeigen. So viel nur: der Park wurde 2005 zum UNESCO-Welterbe erklaert, denn was hier schon alles gefunden wurde, ist wirklich bemerkenswert: ein 4000 Jahre alter kanaanitischer Tempel, der Palast Koenig Salomos, eine der fruehesten Kirchen Israels und und und...
Im Uebrigens ist Megiddo auch der Ort, an dem am Juengsten Tag die letzte grosse Schlacht auf Erden stattfinden soll - sagt zumindest die Bibel. 



 

Sieht fast aus wie in Deutschland:
ein gruener Huegel und jede Menge Felder

Das Tor Koenig Salomos


Der kanaanitische Tempel mit Rundaltar




Nationalparks in Israel sind anders, als sich Menschen, die sich solche in Nordamerika oder Afrika angeschaut haben, vorstellen: sie sind klein. Auch Megiddo hatten wir in weniger als zwei Stunden durchlaufen, und da Rebekka am Nachmittag arbeiten musste, lief ich noch durch den Alexander Stream Nationalpark in der Naehe von Hadera. Der Nationalpark ist letztlich einfach ein sehr schoener Strand, an dem man sogar legal campen kann.

Ich lief stundenlang gedankenverloren am Strand entlang, genoss das schoene Wetter und schaute der Sonne beim Untergehen zu. Ich hatte ueberhaupt kein Gefuehl fuer die Zeit und vor allem nicht fuer die Distanz, die ich zurueckgelegt hatte. Je weiter ich lief, desto menschenleerer wurde der Strand, doch ploetzlich sah ich vor mir Hotelbauten, Badegaeste und ein Hochzeitspaar, das sich am Strand fotografieren liess. Die Bauten kamen mir merkwuerdig bekannt vor. Ich fragte nach und stellte fest, dass ich - Orientierungsgenie, das ich nun mal bin - tatsaechlich bis Netanja gelaufen war.
Der noerdlichste der Straende der Stadt ist der der Ultraorthodoxen mit fest geregelten Aufenthaltszeiten fuer Maenner und Frauen. Um diese Uhrzeit allerdings war er fuer alle geoeffnet, man sah lediglich ein paar Orthodoxe, die auf den Klippen standen und beteten.

Aber genug der Worte, hier auch Bilder aus dem Alexander Stream Nationalpark:


Immer wieder findet man am Strand zurueckgelassene
Sofas und Couches - perfekt, um sich den
 Sonnenuntergang in Ruhe anzuschauen. 


Kam mir irgendwie bekannt vor: die Silhouette von Netanja


Dienstag, 21. Januar 2014

Champagner und Jeans oder: Eine moderne Synagoge in Tel Aviv

Shalom chaverim,

dieses Wochenende war ich zum ersten Mal in einer Tel Aviver Synagoge. Die Dichte an Synagogen ist im seeehr sekulaeren Tel Aviv ziemlich niedrig und nicht mit Jerusalem und so ziemlich jedem anderen Ort zu vergleichen.
Rebekka und ich hatten uns fuer die International Synagoge of Tel Aviv entschieden. Dafuer, dass sie sich als "vibrant, full service Modern Orthodox synagogue in the heart of Tel Aviv" bezeichnet, war sie dann doch recht konservativ: Maennern und Frauen sassen nicht zusammen und wurden durch einen Sichtschutz voneinander getretnnt. Theoretisch zumindest. Rebekka und ich, beide reltaiv gross, konnten naemlich locker ueber die Trennung hinueberschauen und haben uns passtn wohl auch ansonsten nicht wirklich ins Bild: wir waren auf der Frauen-Seite tatsaechlich die einzigen, die keinen langen Rock trugen.

Die International Synagoge of Tel Aviv
Zu Beginn des Gottesdienstes am Vorabend des Shabbats werden (gegen 17.00 Uhr) zuerst die Kerzen entzuendet, was als Kabbalat Shabbat bezeichnet wird. In Beit Perry singen wir mit den Friends zu diesem Anlass hauefig religioese Lieder. Den Gottesdienst feiern wir mit den Autisten aus guten Gruenden allerdings nicht...

Der juedische Gottesdienst unterscheidet sich vom christlichen vor allem durch ein Merkmal: es gibt keinen Pfarrer, Priester etc., der den Gottesdienst feiert, sondern ein Mitglied der Gemeinde fungiert als Abgesandter der Gemeinde. Im Prinzip kann jedes Mitglied diese Aufgabe uebernehmen, solange er volljaehrig ist, d.h. das 13. Lebensjahr vollendet hat. Seine Aufgabe ist es allerdings nicht, fuer die Gemeinde zu beten, sondern mit ihr. Die Predigt ist nicht fester Bestandteil eines Gottesdienstes, jedoch ist es mittlerweile ueblich, dass ein Rabbi predigt.

Der Hoehepunkt des Shabbat-Gottesdiensts ist die Vorlesung aus der Thora (die fuenf Buecher Mose fuer alle, die es nicht wissen). Jede Woche wird einer der 54 Abschnitte gelesen, sodass der gesamte Zyklus im Laufe des Jahres gelesen wird.

Die Synagoge war insofern sehr modern, als dass sowohl auf Hebraeisch, als auch auf Englisch gebetet wurde. Der Vorbeter hatte allerdings einen so starken amerikanischen Akzent, dass man teilweise nur schwer sagen konnte, ob er gerade auf Englisch oder auf Hebraeisch sprach. :)
Er trug selbstverstaendlich den dafuer gedachten Tallit, einen Gebetmantel aus Wolle und Seide und - wie jeder andere Mann in der Synagoge - auch eine Kippa.

Er stand die gesamte Zeit vor dem Schrank mit den Thora-Rollen, der sich auf der Seite der Maenner befindet. Die Frauen und Maedchen (es waren sehr viele junge Leute in der Synagoge, die meisten Amerikaner) nutzten diese Abgeschiedenheit fuer ein Plaeuschchen. Viele waren sowieso viel zu spaet gekommen und wollten nun in aller Ruhe erstmal ihre Freundinnen begruessen...

Die Dynamik in der Synagoge (vor allem auf der Seite der Maenner) glich ansonsten aber der von suedamerikanischen Gemeinden beim christlichen Gottesdienst: es wurde laut gesungen und der Vorbeter tanzte wie wild.

Nach dem Gottesdienst wird der Shabbat durch einen Segensspruch, dem Kiddusch, bei einem Glas Wein eingeleitet. In dieser Gemeinde - anscheinend wohl doch eine sehr moderne - gab es stattdessen Champagner und Gebaeck. Rebekka und ich zogen uns allerdings zurueck - mit unseren Jeans kamen wir uns doch etwas fehl am Platz vor...

Montag, 20. Januar 2014

Leben in einer Blase oder: Momentaufnahme aus Tel Aviv

Auf der Dizengoff Street in Tel Aviv


Shalom chaverim,

den folgenden Artikel habe ich - wie Ihr schnell merken werdet - zu einem ganz anderen Zeitpunkt verfasst, möchte ihn aber einfach so übernehmen:

In den bisherigen vier Monaten in Israel habe ich schon Momente gehabt, die ich einfach einfangen und niemals vergessen möchte. Und gerade ist wieder so einer: Rebekka und ich sitzen auf den Treppen zum Strand von Tel Aviv; sie hat ihr Notizbuch gezückt und ich versuche jetzt, den Moment mit Euch zu teilen: die Sonne steht schon tief und wirft ein schönes Licht auf die Hotels hinterm Strand. Links von uns sieht man die Altstadt von Yaffa, da die Sonne blendet, erkennt man nur die Silhouette der Stadt: unzählige Kreuze, Halbmonde und Sterne ragen aus dem Häusergewirr hervor, als ob jede Religion versuchen würde, die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wegen des Shabbats haben alle Läden geschlossen und die Menschen sitzen in Cafés oder auf Bänken in einem der unzähligen kleinen Parks der Stadt. Tel Aviv, zum Leben eigentlich unbezahlbar, hat einen Ort, der jedem offen steht und den auch jeder unabhängig von seiner Religion zu nutzen scheint: der Strand. Familien, die gerade aus der Synagoge kommen, flanieren an der Promenade, Jugendliche spielen Volleyball im Sand und ein Päarchen lehnt an einem der hölzernen Sonnenschirme. Man hört eine französische Reisegruppe und britische Geschäftsleute, die den freien Tag und das schöne Wetter nutzen, vor allem aber hört man das Rauschen des Meeres. Vor uns fährt ein Paraglider durchs Wasser und wirbelt die an sich ruhige Wasseroberfläche auf. Obwohl es schon Januar ist, wärmt die Sonne und gibt einem das Gefühl, sich in einer anderen Jahreszeit zu befinden. Ueberall in der Stadt, vor allem an der Promenade, sieht man die grünen Fahrräder, die man sich für drei Euro am Tag ausleihen kann, um Tel Aviv zu durchstreifen. Ein tieffliegendes Militärflugzeug zerstört die nachmittäglicht Idylle und holt einen zurück in die Realität: das hier ist nicht irgendeine Mittelmeer-Metropole, sondern der Nahe Osten. Wie in einer Blase fühlt sich das Leben in Tel Aviv aber dennoch an.




Samstagnachmittag in Tel Aviv


Auch Rebekka und ich haben uns gestern die grünen Fahrräder ausgeliehen und sind von der Wohnung eines Bekannten von Rebekka - mit Blicks aufs Meer (!) - an der Promenade entlang bis ans andere Ende der nicht wirklich großen Stadt gefahren. In Yafo haben wir uns mit Freunden getroffen und waren zuerst dort und später in Tel Aviv feiern. Zurück ging es durch die scheinbare Sommernacht mit unseren grünen Rädern - das Urlaubsfeeling war mal wieder perfekt. Den gesamten Vormittag haben wir lesend in Cafés verbracht, haben Leute aus alles Welt beim Joggen, Streiten und Essen beobachtet und auf der Dizengoff einen Schaufensterbummel gemacht.

Langsam geht die Sonne unter und es wird wieder kalt. Wahrscheinlich werden wir uns gleich wieder in ein Café setzen, lesen, Leute beobachten. Und das Leben in der Blase geniessen....


Sonnenuntergang am Frishman Beach





Montag, 13. Januar 2014

Dringender Spendenaufruf!

Shalom chaverim,

nein, Geld moechte ich von Euch nicht haben. Freuen tue ich mich aber ueber Postkarten,die garantiert aufgehangen werden. Unser Profi-Hausmeister hat es tatsaechlich geschafft, die Pinnwand in meinem Zimmer aufzuhaengen, wobei er allerdinge die sehr deutlichen Markierungen an der Wand voellig missachtet hat. Wie auch immer, der Kuehlschrank ist voller Fotos und fuer die Pinnwand freue ich mich nun auf Eure Postkarten - aus aller Welt und aus dem Rheinland... :)


Sonntag, 12. Januar 2014

Das israelische Gesundheitssystem oder: Ein Stück Afrika in Kanot


Shalom chaverim,

Das israelische Gesundheitssystem durfte ich letzte Woche aus nächster Nähe erfahren und es ist – ähnlich wie in den USA – ziemlich unfair. Wer arm ist geht – so plump es klingen mag – gar nicht erst zum Arzt, da sich kaum jemand die hohen Rechnungen leisten kann. Wer allerdings Geld hat, für den stehen diverse Spezialisten zur Verfügung. Im Herzliya Medical Center, dem "führenden Privat-Krankenhaus Israels", kann man sich beispielsweise in elf verschiedenen Sprachen behandeln lassen – Zimmer mit Meerblick ist selbstverständlich.

Ich bin glücklicherweise an ein etwas bodenständigeres Krankenhaus in Kfar Saba gelangt, doch dass man hier keine elf Sprachen sprach, hat sich als Schwierigkeit erwiesen: man sprach hier nicht mal Englisch. Alle Schilder waren ausschließlich auf Hebräisch, was untypisch ist, schließlich ist sonst das Meiste auf Hebräisch, Englisch und Arabisch ausgeschildert.
Die Ambulanz zu finden war also eine erste Schwierigkeit. Wann immer man mal jemanden braucht, der eine andere Sprache als Hebräisch spricht, findet man natürlich keinen. Als ich mich zur Rezeption der Ambulanz durchgefragt hatte, fragte man mich nur, was passiert sei (Fahrradunfall und verletzte Hand) und erleichterte schon gleich meine Kreditkarte um einen nicht geringen Betrag. Ich fand es ziemlich merkwürdig, schon im Voraus für die Arztkosten aufkommen zu müssen, auch wenn noch gar nicht klar war, 
wie die Behandlung aussehen würde.
Noch beunruhigender ist allerdings, dass es in der Macht der Rezeptionistin liegt, jemanden der Röntgen-Strahlung auszusetzen, ohne dass sich ein Arzt, geschweige den sie, die Hand angeschaut hätte.
Mit den Röntgenbildern wurde ich durchs Krankenhaus-Labyrinth geschickt.

Als ich beim Arzt, begann das unter Israelis übliche Kreuzfeuer mit Fragen über das Wohlergehen: Wie geht es dir? - Gut, und dir? - In Ordnung. Ist bei dir alles okay? - Ja, bei dir alles gut? - Ja. Wie stehen die Dinge? So geht es oft noch minutenlang weiter...
Irgendwann wollte ich das Gespräch allerdings auf Englisch weiterführen, da wir im Hebraeisch-Unterricht noch lange nicht bei "Elastische Bandage" und "Roentgenstrahlung" angekommen sind. Als ich den Arzt fragte, ob er Englisch spreche, sagte er Nein, was mich in dem Moment doch etwas bestuerzte, schliesslich hatte die Untersuchung so wenig Sinn.
"Aber das geht auch so'" meinte er und tatsaechlich war sein Englisch doch gar nicht sooo schlimm. Meine Hand schaute er sich wirklich kaum zwei Sekunden lang an, als er aber erfuhr, dass ich Volontaerin bin, wollte er mich gar nicht mehr gehen lassen und alles ueber meine Arbeit hier erfahren. Sowas freut einen natuerlich immer, aber in diesem Moment war mir meine Hand dann doch etwas wichtiger.

Ich bat ihn mehrmals, mir doch auch auf Englisch zu schreiben, was ich habe und wie die Behandlung aussah, um es bei der Versicherung einreichen zu koennen. Das koenne er leider nicht machen, er koenne doch nicht wirklich Englisch und die Unterlagen seien immer auf Hebraeisch, sagte er. Ich war wieder bestuerzt, dass es in einem Israelischen Krankenhaus anscheinend nicht wirklich war, eine Bescheinigung auf Englisch zu bekommen.

Er schrieb mir zuliebe dann doch eine Diagnose, bestehend aus vier Woertern: "Contrusion of l. Hand," stand dort in unlesbarer Krakelschrift. Die Buchstaben sehen natuerlich eher Hebraeisch als Lateinisch aus… J

Mein Vater erzaehlte mir wenige Tage spaeter bei Skype, es sei eigentlich typisch fuer Entwicklungslaender, dass Menschen ohne vorherige Untersuchung geroentgt oder anderweitig bestrahlt werden. Aber auch das ist typisch fuer Israel: einerseits so fortschrittlich und manchmal eben doch so ganz anders als das, was man aus Deutschland gewohnt ist

Ein bisschen wie in Afrika habe ich mich allerdings nicht nur bei meinem Besuch im Krankenhaus gefuehlt, sondern auch am letzten Wochenende: Rebekka, Judith und ich sind nach Kanot gefahren und haben dort Hanna und Nils, zwei andere deutsche Freiwillige besucht, die dort in einem Jugenddorf arbeiten und Kindern helfen, die aus schwierigen Verhaeltnissen kommen

Suedlich von Tel Aviv und mitten in der Pampa ist diese Dorf gelegen, was von Struktur und Aufbau her sehr an einen Kibbuz erinnert: die Jugendlichen leben auf einzelne Haeuser verteilt, es gibt eine grosse Chedar Ochel, Speiseraum, in dem alle zusammen essen, und auch ansonsten wird hier sehr viel Wert auf Gemeinsamkeit gelegt

Neben gut 200 Jugendlichen, jeder Menge Betreuern, Lehrern und anderen Staff-Membern, leben in dem Dorf noch 14 Aethiopische Freiwillige. Hanna, Nils und der amerikanische Freiwillige wohnen mit diesen und ein paar Soldaten zusammen in einem grossen Haus. Dort herrscht eigentlich immer gute Stimmung (mit anderen Worten: es ist laut), da Israelis allgemein sehr lebhaft sind und solche, die aethiopische Wurzeln haben, anscheinende nochmal besonders

Am Freitag Abend - Judith und Rebekka waren schon im Bett - sind Hanna, Nils, der amerikanische Freiwillige und ich mit ihnen in einen Club in Rechovot, der naechsten groesseren Stadt, gefahren. Dort hatte man tatsaechlich das Gefuehl, in Afrika gelandet zu sein: der Club gehoerte nicht nur einem der aethiopischen Studenten, es waren anscheinend auch alle seine afrikanischen Freunde da. Von den bestimmt 200 Menschen, die dort waren, waren wir vier die einzigen Weissen. Aber nicht nur wegen unserer Hautfarbe sind wir aufgefallen: Afrikaner tanzen schliesslich auch viel besser

PS: Es ist wirklich unglaublich verwirrend, an einem israelischen Computer zu schreiben: moechte man beispielsweise am Ende der Zeile einen Leerschritte machen, muss man mit der Maus an den Zeilenanfang gehen...

Mittwoch, 8. Januar 2014

Mal wieder Balagan oder: Unerwartete Gefahren in Israel

Shalom chaverim,

an sich ist es gar nicht meine Art, mich zu beklagen und theoretisch habe ich dazu auch wenig Anlass. Das vorherrschende Gefühl der letzten Tage war allerdings wieder Balagan: wie ihr an der doch recht langen Pause zwischen meinem vorletzten und meinem letzten Post vielleicht erkennen konntet, haben wir seit Tagen kaum Internet. Und das in Israel, einem der technologisch am weitesten fortgeschrittenen Ländern. Dementsprechend kann ich nicht nur meinen eigenen Laptop, dessen Reparatur noch keine Fortschritte gemacht hat, nicht benutzen, sondern mich auch auf die anderen Computer nicht wirklich verlassen. Dass wir hier in letzter Zeit so oft kein Internet haben, liegt nicht an rückschrittlicher Technik, sondern ist mal wieder eine Frage der Mentalität: der liebe Hausmeister, der wirklich kein Wort Englisch kann, mit dem wir uns aber trotzdem jeden Morgen locker zehn Minuten über unser Wohlbefinden unterhalten (im Hebräischen gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, jemanden nach seinem Wohlbefinden zu befragen), macht sich mit solchen Dingen auch keinen übermäßigen Stress. Angeblich bekommen wir bald WLAN, aber das glaube ich erst, sobald ich es sehe...

Wer an Israel denkt, vergisst leicht, dass es - von den Gefahren durch Terror abgesehen - auch alltägliche Gefahren gibt, die man - so auch ich - gerne vergisst. Nummer eins ist ganz klar der Verkehr: Zebrastreifen werden konsequent ignoriert und auch den Respekt vor Ampeln haben einige verlernt. In Israel, das merkt man hier, muss eben alles immer ganz schnell gehen und wenn es eine Möglichkeit gibt, zwei Minuten schneller von A nach B zu kommen, dann ergreift man sie eben auch.

Ob schon so viel Israelin in mir steckt, weiß ich nicht, auf jeden Fall hatte ich gestern auch meinen ersten kleinen Unfall - und das, als ich vom Strand kam und mit nichts Bösem gerechnet habe. Beteiligt waren allerding nur ich, mein Fahrrad und ein Bordstein. Mit meiner linken Hand ist jetzt irgendwas nicht in Ordnung, sodass ich eine Bandage trage und es später noch von einem Arzt abchecken lassen werde. Das Bloggen wird somit nicht nur durch einen desolaten Computer und unzuverlässiges Internet, sondern auch noch durch eine bandagierten Hand erschwert.

In diesem Zusammenhang gab es auch noch ein lustiges Missverständnis: als ich heute Morgen meine Managerin anrief, um sie zu fragen, an welchen Arzt ich mich wenden könnte, bestand sie darauf, dass ich umgehend mit Judith in die Notausnahme fahre. Die gute Frau war nicht etwa unnötig besorgt, sondern hatte verstanden, ich sei auf meinen head statt auf meine hand gefallen und hätte wohlmöglich eine schlimme Gehirnerschütterung.

Die israelische Guides haben sich nacheinander meine Hand angeschaut und die verschiedensten Prognosen abgegeben. Ob sie generell ein besonderes Interesse an Unfällen haben, weiß ich nicht. Von Merkels Skiunfall habe ich zumindest in den israelischen Nachrichten erfahren...

Um Euch trotzdem ein bisschen Sommer-Feeling aus Israel zukommen zu lassen, hier ein Foto von uns acht EKIR-Freiwilligen bei unserem Seminar in Nachsholim im November. (Wer sich über den Stofftier-Knoblauch wundert: der ist sowas wie unser Maskottchen und theoretisch bei allen Gruppenfotos dabei.)




Silvester in Tel Aviv oder: Deutsche Verstärkung in Beit Perry


Auch ein paar Israelis haben Silvester gefeiert: in Yafo

Shalom chaverim,

Nachdem schon zwei Hosen, unzählige T-Shirts, Judiths Kamera und ihre Sandalen in Israel kaputt gegangen ist, hat nun auch mein Laptop beschlossen, seinen Geist aufzugeben. Ein hilfsbereiter Guide will sich seiner jetzt annehmen, allerdings gibt es wohl nicht allzu viel Hoffnung. 

Im Moment benutze ich einen der sechs Beit Perry-Computer, doch das Bloggen erweist sich als eine schwierige Angelegenheit: nicht nur ist die Tastatur anders (man kann sie glücklicherweise so einstellen, dass man mit lateinischen und nicht hebräischen Buchstaben tippt - sonst könnte es wirklich witzig werden...), sondern auch der Computer an sich läuft auf Hebräisch. Ich habe somit eben eine halbe Ewigkeit damit verbracht, Bilder von Judiths Festplatte in meinen Ordner zu packen, weil keine Ahnung habe, was beispielsweise "Neuer Ordner" auf Hebräisch heisst...

In einem AMPM in Tel Aviv
Neben unzähligen Computer-Neustart-Versuchen haben wir aber auch noch Silvester gefeiert. Am 31. selber haben wir noch gearbeitet und als wir um 23.30 endlich in Tel Aviv ankamen, beschlossen wir, unsere Sachen noch nicht ins Hostel zu bringen, da wir den Jahresübergang mit unseren Freunden am Strand und nicht an der Hostel-Rezeption verbringen wollten. Vom Strand aus liefen wir mit ein paar Freundinnen zum Jaffa-Hostel, wo andere Volontäre übernachteten. Vom Dach des Hostels, wo wir um 00.00 Uhr waren, hat man einen tollen Blick. Jahreswechsel war in Israel allerdings schon im September (wir leben schliesslich auch im Jahr 5774) und das Feuerwerk - bestehend aus ein paar mickrigen Böllern, die irgendwelche Nicht-Israelis über Tel Aviv verteilt starteten - fiel entsprechend klein aus.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir eine Gruppe von vielleicht 20 Jugendlichen und es gab gefühlt auch 20 verschiedenen Pläne für den Abend, sodass wir uns aufteilten. Judith und ich beschlossen, uns unser Hostel zu sparen und stattdessen mit dem ersten Bus am Morgen zurückzufahren. Das Gepäck ließen wir bei zwei Freundinnen im Yaffa Hostel, die eh vorhatten, uns am nächsten Tag besuchen zu kommen. In "The Block", einem Club direkt neben der CBS, trafen wir uns mit Milena und Rebekka und hielten tatsächlich bis zum ersten Bus um 05.15 durch.



In "The Block"

In Ra'anana war allerdings nur wenig Zeit zum Schlafen - um 15.00 mussten wir schliesslich am Flughafen sein, um die neue deutsche Volontärin, Johanna, abzuholen. Johanna wird für ein halbes Jahr in Beit Perry sein und arbeitet vorerst mit mir Blauen Haus. An ihrem ersten Abend backten wir mit einer israelischen Freundin zusammen ziemlich verspätet Weihnachtsplaetzchen. Besser spät als nie!

Man vergisst gerne, dass momentan Winter ist:
Platz vor  dem Theter von Tel Aviv


Bialik Square in Tel Aviv
Mit Rebekka war ich am Freitag in Tel Aviv, wo wir uns Sushi gegönnt haben, was sehr lecker und auch nicht teurer als in Deutschland war. Im Goethe Institut, wo wir zum ersten Mal waren, liefen lauter motivierte Israelis rum, die fleissig für die Prüfung Deutsch A2 lernten. Wahrscheinlich wollen auch sie - wie eigentlich jeder Israeli - irgendwann nach Berlin... Als Volontär kann man sich in der Bibliothek kostenlos registrieren, sodass auch der Bedarf an Büchern für das Jahr locker gedeckt sein sollte. 


Wie immer am ersten Shabbat eines Monat blieben auch dieses Wochenende (fast) alle Friends in Beit Perry und wir machten einen besonderen Letiul, einen Ausflug. Dieses Mal ging es in eine Art Park nach Herzliya, wo wir mit den Friends süße Pita-Brote gebacken haben. Jeder der Friends bekam einen Teig-Klumpen, den er kneten und formen sollte. Wir haben diese Kreise mit Schoko-Creme beschmiert und dann in den Ofen getan.Von grosser Hilfe waren die Friends allerdings nicht - ein Grossteil des Teigs landete im Gras oder in ihren Haaren...