Make Hummus Not Walls

Make Hummus Not Walls

Freitag, 25. Oktober 2013

Die ganze Welt ist eine Straße oder: (Sprachen-)Vielfalt in Israel

Israel ist – und das ist kein Geheimnis – ein Land, in dem Menschen aus aller Welt leben. In Israels Kultur, Küche und Architektur spiegeln sich verschiedenste Einflüsse wider. Hebräisch ist ganz klar die am häufigsten gesprochene Sprachen, gefolgt vom Arabischen, aber auch viele europäische Sprachen, insbesondere Russisch und Französisch, werden noch – meist neben dem Hebräischen – in den Familien gesprochen. Immerhin 1 Million (von insgesamt 7,8 Million) der Israelis haben Russische Vorfahren. Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass Fremde, zu denen ich gesagt habe, dass ich kein Hebräisch kann, einfach auf Russisch weitergesprochen haben.

Anders ist es in Ra’anana: es erhielt zur Zeit seiner Gründung nicht ohne Grund den Spitznamen Americaya; Einwanderer aus den USA machten und machen einen Großteil der Bevölkerung aus.  Ebenfalls sehr präsent ist das Französische, erkennbar beispielsweise an Wahlplakaten auf Französisch.

Vor ein paar Woche sollte ich mit einer anderen Guide mit dem Taxi nach Hadassim fahren, um dort die Friends in den Bus zu setzten und mit ihnen zusammen zurück nach Beit Perry zu fahren. Die Guide, eine Äthiopierin, kann nur ziemlich schlecht Englisch. Der Taxifahrer – interessiert daran, was ich denn hier als Deutsche in Israel mache - wollte sich unbedingt mit mir unterhalten. Es war anstrengend bis nervig, weil er selber nur Hebräisch sprach und auch die Guide mit ihrem schlechten Englisch nur schwer übersetzten konnte. Nach einiger Zeit unterhielten sich die beiden auf Hebräisch und ich meinte herauszuhören, dass er von seinem Sohn erzählte, der in Italien und Frankreich studiert. In einem wirklich sehr (!) schlechten Hebräisch („Du Sohn sprechen Frankreich?“) fragte ich ihn, ob denn sein Sohn Französisch spricht. „Na klar,“ sagt der Taxifahrer, „in meiner Familie sprechen alle Französisch.“ Große Erleichterung, denn endlich konnten wir so etwas wie ein richtiges Gespräch führen – auf Französisch. Die Frau des Taxifahrers kam aus Marokko, durch sie hatten er und auch die gemeinsamen Kinder Französisch gelernt. Der ältere Sohn hatte in Paris und Rom studiert, der jüngere in Berlin, war allerdings mit einer Schweizerin verheiratet. Damit nicht genug: der Taxifahrer selber kam aus Spanien, dementsprechend wurde in der Familie Hebräisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch gesprochen. Bemerkenswert vor allem, wenn man bedenkt, dass der Fahrer an sich ein einfacher Mann ist. Wirklich spannend, in einem Land (vorrübergehend) zu leben, in dem die Menschen stolz auf ihre gemeinsame Kultur und Sprache, das Hebräisch, sind, aber gleichzeitig an ihren Wurzeln hängen und Kontakte in die gesamte Welt pflegen!


Mittwoch, 23. Oktober 2013

Unser täglich Weißbrot oder: Warum Israelis Blumenkohl lila färben

Große Auswahl im Dizengoff Center, Tel Aviv

Ich würde wohl dem Namen dieses Blogs nicht gerecht werden, würde ich nicht endlich mal etwas über das Essen in Israel - und insbesondere Hummus - schreiben. Soviel zu letzterem: Mit dem leckeren, frischen Hummus, den meine Mutter öfters zu Hause macht, ist der Hummus, den wir im Projekt haben und den man in jedem Supermarkt kaufen kann, nicht zu vergleichen: er schmeckt äußerst ölig, ist alles andere als frisch und wird sowieso viel zu oft serviert. Die Friends bekommen ihn morgens auf ihren Sandwich geschmiert und dann öfters noch mittags oder abends zum Essen dazu. In den ersten Tagen haben Judith und ich ihn auch noch fleißig in Suppe, Salat und Sandwich gepackt; ich habe ihm aber völlig abgeschworen. Eine mit Hummus vergleichbare, aber viel leckerere und gesündere Alternative ist Trina: Sesamkernöl, das mit Wasser, Gewürzen und Zitronensaft vermischt wird.

Falafelessen in Yafo
Neben Hummus gehören zu den Lebensmittel, die es im Projekt IMMER gibt: Eier (gerne dreimal täglich), Zwiebeln, weißes Toastbrot (das leider auch zu allem serviert wird), Milch, Cottage Cheese, eine Art schmandiger Quark, Natur- und Fruchtjoghurt, Schoko- und Vanillepudding, Paprika, Tomaten, kleine Gurken und grüner Kopfsalat. In der Regel gibt es auch Äpfel und Avocado, nur manchmal noch Trauben, Kaki, Birnen und Bananen. In dem kleinen Garten von Beit Perry gibt es einen Zitronenbaum sowie Rosmarin, Basilikum und andere Kräuter, die wir manchmal zum Kochen verwenden. Das Essen ist – von Weißbrot und Hummus mal abgesehen – also ziemlich gesund.

Das Abendessen – in der Regel das einzige Essen, das in unsere Schicht fällt – besteht oft aus Salat, einer Gemüsesuppe, Couscous/ Reis/ Pasta, Käse sowie Eiern – in jeglicher Zubereitungsart.
Wenn wir am Wochenende die Frühschicht haben, bekommen wir auch das Frühstück mit, das meistens auch aus Salat, Eiern in irgendeiner Zubereitungsart und Toast in irgendeiner Darreichungsform (French Toast, getoastet, als Sandwich) besteht.
Fleisch gibt es in Beit Perry außer am Wochenende also nie. Vermissen tun wir es nicht, da es schlichtweg nicht schmeckt. Am Wochenende zwingen wir uns allerdings dazu, es doch zu essen, um keine Mangelerscheinungen zu bekommen.

Judith und ich haben angefangen, unser Essen – falls es gelungen ist – zu knipsen:


Gurken-Tomaten-Salat mit Käse und Petersilie

Lachs (teuer!) mit Zwiebel-Möhren-Curry

Couscous-Salat

Typisches Frühstück:
Toast mit Cottag Cheese und Avocado

Kartoffeln mit Ratatouille


Wenn einer der Friends Geburtstag hat, gibt es am Abend einen Stuhlkreis für alle Häuser, in dem wir gemeinsam singen und Kuchen essen. Häufig kommen noch die Eltern dazu und geben Pizza aus – für manchen von den Friends ein Grund, schon Wochen vor dem eigentlichen Tag von der Pizza zu reden.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen, das israelische Nationalgericht schlechthin: die Falafel! Sowohl im Projekt als auch an jeder Straßenecke bekommt man sie angeboten: kleine Kichererbsenbällchen, die man in Pita-Brot (einem platten runden Brötchen) und mit jeder Menge Salat isst. Selbstverständlich wird auch hier gerne ein Kleps Hummus beigefügt. ;)

Die Israelische Küche ist so vielseitig wie die Menschen, die hier leben: aus aller Welt erkennt man Einflüsse: das Deutsche Schnitzel (das auch auf Hebräisch Schnitzel heißt) wird hier ebenso gegessen wie Nordafrikanischer Bulgur. Eigentlich überall findet man französisch Cafés, amerikanische Fast-Food-Ketten und natürlich Falafel-Buden.

Erwähnenswert sind insbesondere auch die kleinen süßen Teilchen, die man an fast jeder Straßenecke kaufen kann: meistens bestehen sie aus Blätterteig und Nüssen, oft sind sie in Honig getränkt. Meistens werden sie auf Tabletts präsentiert, wenn man möchte, wird einem ein Stück abgeschnitten – häufig für gerade mal 2 NIS (40 ct).




Der Kaffe hier schmeckt übrigens gar nicht, wir trinken meistens das in einem Automaten gekühlte Leitungswasser.
  
Den Falafel isst man in der Regel mit in Öl eingelegtem Gemüse. Häufig bekommt man dazu noch Kohlrabi oder Blumenkohl – warum der lila oder auch neongelb eingefärbt ist, muss ich allerdings noch herausfinden….


Perlen und Pailletten oder: Ein typischer Montag

Am Jom Scheni, Montag, kommen die Friends wieder gegen 4 Uhr von ihrer Arbeit zurück und wir machen Seder Jom, den Plan des Tages, mit ihnen. Einer der Friends geht währenddessen jeden Tag in die Mamath, den Ruheraum. Wenn er aus Hadassim zurückkommt, ist er meistens sehr unruhig und möchte viele Fragen stellen. Einer der Guides (ich aufgrund meiner schlechten Hebräisch-Kenntnisse bisher noch nie) setzt sich mit ihm in den Ruheraum, der eigentlich der Bunkerraum des Hauses ist, allerdings als Ablage für Bastelsachen verwendet wird – oder eben als Ruheraum.



Montags schicken wir die Friends noch vor dem 5-Uhr-Snack unter die Dusche. Praktischerweise müssen die Friends des Blue House – anders als die des Green House – nicht geduscht werden, allerdings muss man dabei stehen oder zumindest ab und zu vorbeischauen. Zwei der Friends sind Epileptiker und dürfen schon aus diesem Grund nie alleine gelassen werden. Meistens reichen wir den Sechsen Shampoo und Dusch-Gel an, da sie sich bei der Menge ganz gerne mal verschätzen. Ansonsten fordert man sie recht oft zu Majm al Rosch, Wasser auf den Kopf, auf. Das vergessen sie nämlich des Öfteren und ich muss mich immer beherrschen, nicht loszulachen, wenn plötzlich ein Friend im Bademantel und mit Shampoo an Kopf und Ohren vor mir steht.

Nach Aruchat Chamesh, dem 5-Uhr-Snack, beginnen wir mit Jetzirah, Basteln. Manche Friends malen Mandalas aus, andere fädeln Perlen auf eine Schnur oder sie machen Pajettim, Pailletten. Hierbei heften sie Pailletten mit kleinen Nadeln auf Styropor-Formen, was wirklich schön aussieht. Allerdings hab ich in letzter Zeit den Eindruck, dass es mir mehr Spaß macht, als den meisten von ihnen. J




Meistens ist es relativ stressig: zwei der Friends lassen sich nur schwer motivieren und stehen ständig auf, weil sie am liebsten draußen herumlaufen bzw. den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen wollen. Ein anderer redet die ganze Zeit und sagt gefühlte tauschen Mal am Tag: „Shalom, Lotte!“ Wieder ein anderer ist paranoid und hat permanent Stimmen im Kopf, mit denen er redet. Einer der anderen Friends hört sehr gerne Musik und singt entsprechend laut mit. Dementsprechend gibt es immer eine ziemliche Geräuschkulisse: Das kann manchmal stressig sein, aber ich fühle mich total wohl im Blue House: es ist ständig etwas los, nie langweilig und echt witzig ist es, wenn die Friends die Musik voll aufdrehen und anfangen zu tanzen, bzw. sich wie bescheuert im Kreis zu drehen. Jeder der sechs Friends ist anders als die anderen, aber jeder ist auf seine Art toll und man schließt sie direkt ins Herz.




Ab 5 Uhr steht Drama an. Hierzu kommt jemand von außerhalb, der mit jeweils drei Friends für eine Stunde in den Musik-Raum im Keller geht. Leider war ich noch nie dabei, da wir Guides jeweils mit den Friends, die oben bleiben, basteln, aber soweit ich weiß, trommeln sie unten und singen auch.


Wenn auch die zweite Gruppe zu Ende getrommelt hat, steht wieder das übliche Abendprogramm an: Aruchat Boker, Abendessen, Harpaia, Entspannung zu Musik, Kadorim, Tabletten, und dann ab ins Bett. Einer von uns Guides räumt das Abendessen mit täglich einem anderen Friend weg. Der jeweilige Friend räumt Geschirr in die Spülmaschine, schmeißt Reste weg und trägt den Müll raus. Daran sind sie zeitlich gesehen zwar nicht übermäßig effizient, aber sie machen die Arbeit ordentlich und zieren sich wirklich nie. 

Montag, 21. Oktober 2013

Franzosen, Strand und Diamanten oder: Ein Besuch in Netanya





Gestern haben Judith und ich einen freien Tag und das tolle Wetter genutzt und sind mit dem Sherut nach Netanya gefahren, einem Badeort nördlich von Tel Aviv. Angefühlt hat es sich allerdings wie Frankreich: um uns herum wurde fast ausschließlich Französisch gesprochen und auch Beschriftungen waren weder Hebräisch, Arabisch noch Englisch oder Russisch – sondern Französisch.


Im Amphitheater gibt es an Sommerabenden
Konzerte und Theaterstücke




Den Reichtum einer Stadt, so denken Judith und ich uns das, kann man häufig daran erkennen, wie viele Grünflächen es in ihr gibt. Netanya müsste extrem wohlhabend sein. Das Geld kommt wohlmöglich über den Tourismus in die Stadt, zweite bedeutende Einnahmequelle ist die Diamanten- und Schmuckindustrie.
Die Hauptstraße (Herzl-Street) wird gesäumt von kleinen Läden, Bistros und Cafés. Auf dem Haatzmaut Square, der am Ende dieser Straße und oberhalb des Strands liegt, gibt es ebenfalls jede Menge Cafés, sodass der Platz äußerst lebhaft und bunt wirkt. Auch die Strände Netanyas gefielen uns auf den ersten Blick besser als die von Herzliya: die gesamte Strandpromenade ist eine einzige Grünfläche und zum Strand geht es über steile Felsen hinunter. Der Sandstrand an sich ist über 11km lang und am nördlichen Ende befindet sich – wie auch in Tel Aviv – ein Separate Beach, den die Orthodoxen benutzen: Frauen und Männer dürfen nur zu bestimmten Uhrzeiten schwimmen gehen, sodass sie stets voneinander getrennt sind – züchtige Kleidung erwünscht.


Die Orthodoxen kommen oft zum Beten an den Strand
Hier wird klar geregelt, wer
wann schwimmmen darf





















Dementsprechend haben Judith und ich kehrt gemacht und sind zurückgekehrt an die südlicheren Strände. An den meisten Stränden in Israel gibt es sowohl die Möglichkeit, Sonnenschirme zu mieten, als auch kostenlosen Sonnenschutz durch große hölzerne Schirme – bei dem Wetter absolut notwendig!

Im Süden der Stadt gibt es verschiedene Naturreservate, in einem befindet sich der sogenannte Winterteich, der allerdings nur von Januar bis März Wasser trägt – ein Wiederkommen ist also sicher!


Die grüne Promenade

Der Haatzmaut Square

Was aussah wie eine Eislaufbahn, hat sich als
Bahn aus Plastikplatten erwiesen

„Oh Gott“ ist Kuchen und „Scheiße“ heißt 19 oder: Die hebräische Sprache

Nur um erst einmal ein Missverständnis aus der Welt zu schaffen: vor meiner Ausreise wurde ich von einer Mitschülerin (und ihren Namen möchte ich aus gutem Grund nicht nennen) gefragt, ob ich denn schon Israelisch sprechen würde. Nein, und das werde ich wohl auch niemals, denn die in Israel gesprochenen Sprache heißt Hebräisch – nur um das ein für alle Mal zu klären J

Als ich hier ankam beschränkte sich mein Vokabular allerdings tatsächlich aus Shalom, Lehitraot, Ken (Ja) und Lo (Nein). Nach gut einem Monat in Israel bin ich allerdings überrascht, wie viel ich schon verstehe. Denn das mit dem Hebräischen ist alles andere als einfach…













Das Hebräische Alphabeth besteht aus 22 Konsonanten, die zwar völlig anders aussehen als die lateinischen Buchstaben – allerdings deutlich simpler sind als beispielsweise japanische oder chinesische Schriftzeichen. (Bei Youtube findet man übrigens den wunderbaren Aleph-Beth-Song, eigentlich für Kinder gedacht, aber auch für uns sehr hilfreich – nerviger Ohrwurm garantiert!) Diese 22 Konsonanten muss man schlicht weg lernen – das geht mit ein bisschen Übung auch recht schnell. Wer allerdings denkt, er könne dann drauf los lesen, hat sich getäuscht: denn zusätzlich zu den Konsonanten gibt es einige Vokale, die das Wort erst komplett machen. Aber auch die sind lernbar und alles wäre so schön einfach – würden die Israelis die Vokale denn mitschreiben. Tun sie aber nicht und deshalb ist es unglaublich schwer für Laien, die Schrift zu lesen. Aus den vorhandenen Konsonanten können sich Israelis leicht zusammenreimen, was denn nun das jeweilige Wort heißt, für jemanden mit noch quasi nicht existierendem Wortschatz ist es nahezu unmöglich. Um die Sache noch etwas schwieriger zu machen, gibt es zusätzlich zur Druckschrift noch eine Schreibschrift – und die fällt sehr individuell (sprich unleserlich) aus.

In einer meiner ersten Shifts gingen wir mit den Friends in die Gym. Plötzlich sagte einer der Guides „Scheiße“ zu einem der Friends. Ich war etwas verwundert, dachte allerdings, er wolle mir beweisen, dass auch er ein paar Wörter auf Deutsch kann wie die meisten Guides hier. Ich fragte ihn also, welche Wörter er denn noch auf Deutsch könne, was ihn völlig verwirrte. Aus gutem Grund: ein Friend hatte ihn gefragt, wie lange er denn schon auf dem Laufband sei und der Guide antwortete: „Tschaesre“, also 19, was – schnell gesprochen – klingt wie „Scheiße.“ Erste Eselsbrücke…

Mit den Friends ist die Kommunikation immer noch, nun ja, beschwerlich. Langsam hat man die Standardsätze wie „Setz dich ordentlich hin,“ „Gut gemacht“ und natürlich Dinge wie „Wie geht es dir“ gut drauf. Jeder der Friends hat seine präferierten Themen (in 90% der Fälle Essen), über die er sich gerne unterhält oder auch Monologe führt. Einer der Friends aus dem Blue House grüßt sich beispielsweise mehrfach täglich und fragt zuerst mich und dann sich nach dem jeweiligen Wohlbefinden. Ein anderer erkundigt sich gerne über das Vorhandensein von Süßwaren. „Pfannkuchen?“, „Schokolade?“, „Chips?“, „Kakao?“ worauf ich immer mit „En“ (gibt’s nicht) antworte – also noch keine tiefsinnigen Konversationen. Auch nach Kuchen, „Oogot“ (was klingt wie Oh Gott) fragt er gerne.

Fast immer reicht es aus, bei Fragen einfach Ja oder Nein zu sagen (die Wahrscheinlichkeit, die richtige Antwort zu geben, beträgt immerhin 50%). Kompliziert wird es, wenn sie anfangen, Fragen zu stellen, auf die sie sich auch Antworten erhoffen, also wenn sie zum Beispiel fragen, was denn heute ansteht, wer mit mir in der Schicht ist etc. Erhält man einen verwirrten Gesichtsausdruck, kann man sich sicher sein, dass es eine offene Frage war. Aber auch das wird sich mit der Zeit wohl erledigen: Diesen Donnerstag nämlich hatten wir unsere erste Hebräisch-Stunde, die bis Ende Januar gehen werden.

Drei der Friends aus dem Red House können etwas bis einigermaßen Englisch. Mit einem unterhalte ich mich eigentlich ausschließlich über die Wochentage. Frage ich ihn danach, nennt er mir den richtigen Tag – auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. Learning by doing!


Mittwoch, 16. Oktober 2013

Tausend Wege, Sport zu umgehen oder: Ein typischer Sonntag

Heute waren Judith und ich nochmal am Strand von Herzliya – denn ja, es sind immer noch 28°… Sämtlichen Muskelgruppen an meinem Körper gefiel das Schwimmen allerdings gar nicht, denn mir tut noch so ziemlich jede Bewegung weh. Bei der Arbeit wurde ich von einer der Guides schon als „Old Polish woman – always complaining“ bezeichnet. Zu beklagen gibt es hier alles in allem aber wirklich wenig. Sicherlich hat sowieso das Liegen in der Sonne den Muskelkater gelindert…



Der Strand von Herzliya

Wie schon lange angekündigt, berichte ich nun endlich von unserer Arbeit mit den Friends. Mittlerweile ist es entschieden, dass ich im Blue und Judith im Green House arbeite, worüber ich sehr froh bin. Mit den Friends ist jeder Tag anders, was nicht nur daran liegt, dass sie einen immer wieder aufs Neue mit irgendwelchen Talenten, Launen oder Ideen überraschen, sondern auch daran, dass ihnen hier in Beit Perry ein wirklich abwechslungsreiches Programm geboten wird. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, über jeden Wochentag im Laufe der Zeit einen eigenen kleinen Bericht zu schreiben.

Los geht die Woche mit Jom Rishon, Sonntag, dem ersten Arbeitstag für die Friends. Einer der Friends aus dem Blue House arbeitet nicht in Hadassim wie die anderen, sondern bei Nokia – er zählt somit zu den ‚fähigsten‘. Er kommt schon um 15:45 nach Beit Perry und dann koche ich mit ihm Kaffee und bereite den Aruchat Chamesh, den 5-Uhr-Snack vor, der aus Joghurt, Kaffee und Obst besteht. Mit ihm mache ich dementsprechend schon dann Seder Jom, den Plan des Tages. Jeder der Friends bespricht mit einem Guide, was an diesem Tag noch ansteht. Teilweise haben sie Karten mit Symbolen (wie z.B. einem Basketball oder einer Dusche), die sie dann an eine Wand pappen. Andere schreiben in eine Tabelle die verschiedene Aktivitäten, je nachdem, wie gut sie schreiben und reden können.
Nachdem wir Seder Jom auch mit den Friends, die erst um 16:00 kommen, beendet haben, gehen wir mit ihnen nach oben in die Zimmer, wo sie sich für den Sport umziehen. Was Waschen betrifft, ist man hier wirklich sehr penibel: für den Sport wird sich verständlicher Weise umgezogen, aber warum danach für die zwei Stunden bis zum Schlafengehen wieder neue Klamotten (die am Abend wieder gewaschen werden) genommen werden, und warum der Schlafanzug täglich in die Wäsche kommt, sehe ich nicht so ganz ein.

Sobald die Friends sich umgezogen haben, setzen wir uns zusammen in die gemütliche Sitzecke im Wohnzimmer. In der Regel sind wir drei Guides, von den sechs Friends ist öfters mal einer für einen Nachmittag bei seinen Eltern. Zuerst gibt es Sitkansut, eine Art Gesprächsrunde, bei der wir die Friends einzeln fragen, wie es ihnen geht, wo sie heute waren (überraschender Weise ist die Antwort immer die Selbe) und was es zu essen gab. Neulich hat der wohl schlauste Friend zur House Managerin gesagt, er verstehe nicht, warum sie alle nach dem Essen frage – schließlich hätten doch alle das gleiche gehabt. Die Friends werden dazu aufgefordert, miteinander zu reden. Dementsprechend fragen sie sich gegenseitig, wie ihr Tag war. Das klingt simpel, ist es allerdings nicht. Man muss einen Friend explizit ansprechen und ihm in der Regel genau sagen, welche Frage er welchem Friend stellen soll. Häufig müssen wir sie dazu auffordern, den Friend auch wirklich anzuschauen – für Autisten alles andere als selbstverständlich!

Nach dem 5-Uhr-Snack, beginnen wir mit Jetzirah, Basteln, über das ich an anderer Stelle mehr schreiben werde. Leider darf ich von den Friends keine Bilder veröffentlichen, ich werde bei Gelegenheit aber mal fotografieren, was sie Künstlerisches fabrizieren. Während des Bastelns gehen drei der Friends nacheinander zur Einzel-Therapie, die allerdings in den Räumlichkeiten von Beit Perry stattfindet.

Da mehrere der Guides nebenbei Kunst studieren, kommen beim
Basteln oftmals schöne Dinge raus, wie hier beispielsweise Mosaike

Um sechs Uhr geht es dann zum - von manchen verhassten - Sport. In der Gym gehen sie für eine Dreiviertelstunde aufs Laufband, den Crosstrainer oder aufs Fahrrad. Ein Trainer von außerhalb stellt für sie die Geräte ein. Und dann geht es für uns los: Was den Sport, betrifft, haben zwei der Friends erhebliche Motivationsprobleme. Einer von ihnen ist zwar ständig glücklich (was sich darin äußert, dass er die Arme in die Luft wirft und lustige Geräusche macht), aber trotzdem ist so Ausdauersport schon was Doofes. Da ein Laufband mit einem Klick schnell gestoppt sind, haben wir uns verschiedene Methoden überlegt, ihn vom Unterbrechen abzuhalten. Auf die Tastatur haben wir ein Stück Pappe gelegt, doch die hatte er schnell weggeworfen. Als nächstes wurde die Pappe mit Tesa-Film angeklebt, aber er hat – wenn auch mit ein bisschen mehr Aufwand – die Pappe wieder weggerissen. Also Pappe mit Tesa-Film anklebt und darauf ein schweres Brett gelegt. Das hat tatsächlich funktioniert! Doch eines schönen Tages kam der Friends – nach vielen Brett-Beseitigungsversuchen – auf die Idee, das Laufband nicht zu stoppen, sondern sich einfach auf den Rand zu stellen! Dementsprechend bleibt uns nichts anderes übrig, als uns neben den Friend zu stellen, das Brett festzuhalten und mit ihm zu schimpfen, sobald er versucht, das Laufband zu verlassen – seine gute Laune allerdings ist geblieben und er schmeißt immer noch regelmäßig die Arme in die Luft und sagt sinnlose Sätze wie „Die Mutter und der Vater“, „Pfannkuchen“, „Die reformierte Synagoge“ oder „Schokolade von der Firma Elite.“

Nach dem Sport geht’s unter die Miklachat, die Dusche. Danach gibt es Abendessen und nach der Harpaia, der allabendlichen Entspannung mit Musik bekommen sie Kadorim, die Tabletten. Als letztes bringen wir sie ins Bett und wünschen ihnen eine Lajla Tov, eine gute Nacht. 

Montag, 14. Oktober 2013

Vier Tage Lähmung oder: Wasserski in Tel Aviv

4) Heute werde ich – und dass, obwohl mir sogar das Tippen schwerfällt – meine Top Ten-Liste für Tel Aviv um einen Punkt ergänzen: Wasserski-Fahren mitten im Menachem Begin Park! Durch die Nature Party war unser Schlafrythmus völlig aus dem Lot geraten – Wake-Up-Shifts (von 6-8 Uhr morgens) an den beiden darauf folgenden Tagen taten ein Übriges. Trotzdem wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen, was Freunde vorgeschlagen hatten.

Dabei begann alles mit einem Missverständnis: sie hatten uns davon vorgeschwärmt, in Tel Aviv zu surfen, worauf ich direkt angesprungen bin und auch Judith überzeugen konnte. Irgendwie sind sie auch noch an Vergünstigungen gekommen: 95 NIS für zwei Stunden Surfen und Wasserski-Fahren. Eigentlich hätte es mich stutzig machen sollen: Wasserski im Meer?
Als wir unser Auto auf dem Parkplatz mitten in Tel Aviv abstellten, fragte ich also, wo denn nun das Meer sei – und erhielt prompt zur Antwort, das Meer sei schon noch ein Stück entfernt, der See allerdings ganz in der Nähe. Und mit Surfen hatten sie gemeint, dass man Wasserski sowohl auf Skiern, als auch auf Brettern machen kann!
Menachem Begin-Park

Also doch kein Meer, dafür allerdings ein erstaunlich großer See mitten in der Stadt. Erstaunlich nicht nur,
weil er so zentral gelegen ist, sondern auch angesichts der Tatsache, dass Israel – von Palästina ganz zu schweigen - ein riesiges Wasserproblem hat. Der Park ist im Übrigen auch an sich schon einen Besuch wert: am See kann man auf den äußerst gut gepflegten Wiesen grillen, es gibt einen Streichelzoo und – wie eigentlich in allen israelischen Parks – Work-Out-Areas, also Geräte, an denen man kostenlos Fitnessübungen machen kann.


Wer fällt, muss bis zum Startpunkt
 zurücklaufen - manchmal ein weiter Weg....

Mir wurde direkt prophezeit, mich mindestens vier Tage lang nicht mehr bewegen zu können aufgrund des Muskelkaters: an Unter- und Oberarmen, der Brust-und Rückenmuskulatur, im Nacken, aber auch an den Beinen, die durch das Hocken stark beansprucht werden. Die Tatsache, dass meine Arme schon nach wenigen Minuten anfingen weh zu tun, wird wohl nichts Gutes heißen… Trotzdem: es lohnt sich auf jeden Fall! Das Fahren ist sogar einfacher als es aussieht, nach zwei Versuchen hatten wir es ziemlich gut raus und haben ohne Probleme schon eine oder auch zwei Runden geschafft. Wem das zu langweilig ist, der kann über die Rampen fahren oder allerlei Kunststücke auf seinen Brettern probieren.
Zu dem Verleih gehört ein schönes Café, in dem wir uns danach etwas ausgeruht haben - übrigens bei strahlendem Sonnenschein :) Zuvor hatten Judith und ich allerdings ausgiebig die Duschen genossen: schon schön, mal wieder eine mit starkem Strahl und verstellbarer Wasser-Temperatur zu haben.

Da direkt nach unserer Rückkehr unsere Schicht begann, blieb keine Zeit zum Dehnen – was sich heute Morgen in einem wirklich gigantischen Muskelkater äußert. Gelähmt bin ich mindestens für vier Tage!

Sonntag, 13. Oktober 2013

Der Morgen wird zum Abend oder: Nature Parties in Israel

Eigentlich hatte ich als nächstes nochmal von meiner Arbeit im Projekt, über die Strände der Umgebung oder Tel Aviv berichten wollen, aber gestern waren wir – ziemlich spontan – auf einer der in Israel legendären Nature Parties, die jetzt wohl eindeutig Vorrang hat.

Das Konzept von Nature Parties wurde mir schon mehrfach erklärt, doch habe ich immer noch nicht das Gefühl, es wirklich verstanden zu haben. Der Name lässt die Location unschwer erkennen: die Natur – und das kann von Strand über Wald bis hin zu Wüste auch wirklich alles sein. Der Ort der Veranstaltung wird allerdings meist erst am selben Tag bekannt gegeben. Hierzu ruft man eine Nummer, die vorher an alle Interessierte versendet wurde, und erfährt auf der Mailbox die Directions. Das kann dann so lauten: „Auf der Autobahn von Herzliya nach Tel Aviv vor Petah Tiqwa rechts aufs Feld abbiegen. Geradeaus unter der Brücke durch fahren. An dem großen Stein rechts abbiegen und dem Feldweg solange folgen, bis es nicht mehr geht. Dann nach links und bis zum Wald. Dort findet die Party statt.“


 
Durchaus keine Seltenheit:
Nature Parties in der Wüste

Nature Parties sind meistens privat veranstaltet und  deshalb wird die Location nicht etwa im Internet veröffentlicht, sondern nur an ausgewählte Nummern gesendet, meistens sind es so um die 50 Leute. Dass es immer einen konkreten Anlass für die Party geben  muss, bezweifle ich. Gestern war es angeblich die Geburtstagsfeier von zwei der Anwesenden, aber das  niemand so richtig wusste, wer denn jetzt Geburtstag hat, spricht irgendwie für sich. Es gibt auch Nature Parties von professionellen Veranstaltern, zu denen dann entsprechend mehr Menschen kommen (bis zu  mehreren hundert) und die teilweise mehrere Tage dauern – vergleichbar mit dem Festival in Deutschland. In diesem Fall wird die Location auch schon vorher bekannt gegeben. Privat organisierte Nature Parties sind in der Regel illegal – nicht wegen der Party an sich, sondern wegen Ruhestörung, Umweltverschmutzung etc. Meistens läuft es wohl so ab, dass die Polizei kommt, sich über zu laute Musik beschwert, die Autos durchsucht, sich dann aber wieder zurückzieht. Ist allerdings ein Wohngebiet in der Nähe, das gestört wird, muss die Party beendet werden.
Unabdingbar für den Besuch einer Nature Party ist ganz klar das Auto. Die Location ist bewusst abseits gewählt – wo man ungestört Musik aufdrehen kann. Judith und ich waren allerdings überrascht zu sehen, dass sich die nächste Schnellstraße in Blickweite befand. (Israel ist halt nicht groß genug, um jemals völlig aus der Zivilisation herauszukommen.)

Soviel zur Einführung, jetzt möchte ich von gestern erzählen. Der Freund einer Freundin holte Judith und ich mich nach unserer Evening-Shift um 12 Uhr ab. Wir waren schon etwas verwundert, dass er so früh los wollte, schließlich wussten wir, dass die Parties in der Regel erst am frühen Morgen beginnen – wir hatten allerdings keine Vorstellung davon, wie spät sie erst beginnen würde.

Als wir abgeholt wurden, sagte er uns: „You know it’s gonna be until noon, right?“. Judith und ich schauten uns an und dachten zuerst, das sei ein Witz. War es allerdings nicht und deshalb umso blöder, dass Judith am nächsten Tag um acht arbeiten musste, die Uhrzeit, zu der die Party angeblich erst so richtig beginnt. Uns wurde allerdings gesagt, dass sei kein Problem und wir würden schon wieder hier sein um acht.

Zuerst ging es in einen Pub in Kfar Saba, wo wir noch andere trafen und ein anderes Mädchen einsammelten, das mit uns kam. Wir waren schon so früh unterwegs, weil der Veranstalter ein Freund vom Fahrer war und er ihm beim aufbauen helfen wollte. Denn irgendwoher muss die riesige Musikanlage und die improvisiert Bar schließlich kommen. Um ein Uhr ging es dann also in einer kleinen Autoschlange (viele mit Anhänger) los. Trotz eigentlich nur 15 Minuten Fahrt, erreichten wir unser Ziel erst lange nach drei – aus dem Grund, dass auf dem Platz, an dem alles errichtet werden sollte, schon eine andere Party stattfand. Definitiv ein Nachteil daran, dass die Location erst so kurzfristig bekannt gegeben wird… Die ziemlich beschwerliche Suche nach einem neuen Ort (denn mit Anhänger kann ein Auto auf dem Feldweg eher schlecht werden) erspare ich euch. Wir fanden eine und während einige anfingen, alles aufzubauen, schliefen Judith und ich eine Runde. Das ist bei Nature Parties, vor allem solchen, die mehrere Tage dauern, durchaus üblich. Einige hatten Zelte mitgebracht, andere schliefen aus Teppichen oder einfach im Auto – denn für israelische Verhältnisse war es ziemlich kalt.

Um fünf Uhr wurden wir dann von ziemlich lauter Dubstep-Musik geweckt und waren wirklich überrascht, wie praktisch aus dem Nichts ein mittelgroßes Getränke-Zelt und vor allem ein riesiges Pult und Scheinwerfer aufgebaut worden waren. Auch wenn wir, wie schon gesagt, nicht völlig ab vom Schuss waren, befanden wir uns auf einer Lichtung in einem Wald, die sich innerhalb von wenigen Stunden völlig verändert hatte. Auf der `Tanzfläche´ (also dem Bereich vor dem Pult) tanzten auch schon einige, andere schliefen noch oder saßen auf Decken und unterhielten sich. Die Leute sahen überwiegend aus wie Hippies: weite Klamotten, Typen mit Zopf und generell allerlei Zeugs in den Haaren. Es war schon ein komisches Gefühl, als gegen halb sechs langsam die Sonne aufging. In Israel wird nicht die Nacht zum Tag gemacht, sondern der Morgen zum Abend. Denn erst nachdem die Sonne aufgegangen war, ging die Feier erst richtig los. Während wir geschlafen hatten, waren noch viele Autos gekommen und wir waren mittlerweile eine recht große Gruppe. Das Tanzen machte echt Spaß und ich wünschte, ich hätte ein paar Fotos machen können (hatte allerdings mein Handy zu Hause gelassen).

Dass es wirklich erst um 8 Uhr richtig losging, kann ich definitiv nicht glaube, es war trotzdem schade, schon so früh gehen zu müssen. Die arme Judith musste allerdings – als wir um 7:59 wieder in Beit Perry ankamen – los zur 7-stündigen Morning-Shift….

Dienstag, 8. Oktober 2013

Zu feiern gibt es immer was oder: Samstag auf der Autobahn

Was wäre ein Blog über ein Jahr in Israel ohne einen Bericht über den alljährlichen Feiertags-Marathon im September? Eben. Eine Freundin stellte neulich beim Skypen die berechtigte Frage, wie sich das denn auf Israels Wirtschaft auswirke, wenn einen ganzen Monat lang kaum jemand arbeitet. Keine Ahnung! Da ich den Blog erst einen Monat nach meiner Ankunft begonnen habe, berichte ich etwas verspätet über Sukkoth & Co, aber besser spät als nie.

Los ging es schon eine Woche nach unserer Ankunft mit Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahr. Das feierten wir – wenn auch eher zufällig, da es auf den gleichen Tag wie der Geburtstag eines Mitfreiwilligen fiel – am Strand von Tel Aviv. Obwohl wir in der Partystadt schlechthin waren, gab es gerade einmal ein popeliges Feuerwerk, also nicht zu vergleichen mit unseren Silvesterfeierlichkeiten. Schön war allerdings, dass alle Guides in unserem Projekt eine Box mit Wein, Schokolade (Kinderriegel!!) und einem Einkaufsgutschien bekamen. Alle Mitarbeiter trafen sich am nächsten Tag, die Managerin hielt eine Ansprache und wir aßen in Honig getunkte Äpfel und Honigkuchen – Honig in der Hoffnung auf ein süßes neues Jahr.

Wenig später war schon Yom Kippur, der höchste aller Feiertage. Viele erinnert der Name an der Yom-Kippur-Krieg von 1973: die Offensive begannen Syrien und Ägypten nicht ohne Grund am höchsten jüdischen Feiertag; das israelische Heer war aufgrund der Feierlichkeiten schlecht vorbereitet und rechnete nicht mit einem Angriff. Auch 40 Jahre später verbringt man den Tag in der Regel in der Synagoge. Sowohl am Freitag als auch am Samstag ging ich in meiner Schicht mit den Friends in die reformierte Synagoge nebenan – einige von ihnen singen wirklich gerne.

Wie schon einmal erwähnt, läuft am Shabbat nicht viel in Israel, was Busse, Läden etc. betrifft. Doch Shabbat ist nichts im Vergleich zu Yom Kippur, wo wirklich absolut tote Hose ist: nicht mal Autos dürfen an diesem Tag fahren. Da es uns mehrfach empfohlen worden war, schwangen Judith und ich uns nach der Nachmittagsschicht auf unsere Fahrräder und fuhren los. Ein wirklich komisches Gefühl: überhaupt keine Autos, selbst auf der Autobahn. Ahuza Street, die eigentlich stark befahrene Hauptstraße Ra’ananas war völlig Auto-frei. Stattdessen liefen die Bewohner der Stadt herum, verließen oder betraten die Synagoge, trafen sich mit Freunden oder staunten einfach über das Ausbleiben der Autos. Bestärkt wurde die ungewöhnliche Situation durch die Tatsache, dass alle Ampeln ganz normal weiterliefen. Ich persönlich wurde auch nie das Gefühl los, gleich von einem Auto überholt zu werden – schwer zu beschreiben.


Ahuza Street

Nach weniger als einer Woche gab es – na was wohl – wieder Feiertage. Judith und ich hatten schon das Gefühl einen schlechten Deal mit der Managerin gemacht zu haben (wir haben an deutschen Feiertagen frei, arbeiten dafür aber an israelischen). An sich ist es aber ganz praktisch, öfters am Shabbat und an den israelischen Feiertagen zu arbeiten – schließlich fahren dann kaum Busse.  

Als nächstes stand also Sukkoth, das Laubhüttenfest, an. Der Tradition folgend stand auch im Innenhof von Beit Perry für eine Woche eine solche Sukka. Diese erinnert an den Auszug aus Ägypten, bei dem das auserwählte Volk auch in solchen Hütten schlief. Theoretisch sollen Juden die gesamte Woche in der Hütte essen und schlafen. Da für 17 Friends definitiv kein Platz gewesen wäre, beschränkten wir es auf das Essen – aber auch das wurde nicht besonders eng gesehen: abends wurde es schnell dunkel und morgens war irgendwie auch nie die nötige Zeit…

Die Sukka bei Tag...

...und bei Nacht






Die Hütte war dennoch eine Attraktion für die Friends: einer von ihnen, der es fertig bringt, den gesamten lieben langen Tag zu reden ohne irgendetwas inhaltlich Relevantes mitzuteilen, hatte ein neues Thema für seine Monologe gefunden: die Laubhütte und ihre Deko. Die schoscheret (Girlanden) haben wir in tagelanger Arbeit angefertigt und aufgehangen. Abends habe ich mich manchmal mit einem der Friends auf die Hollywood-Schaukel gesetzt, die Lichter der Sukka angeschaltet und mich mit ihm darüber unterhalten, wie schön es doch aussieht – so gut das mit einem gefühlt 50 Wörter umfassenden Wortschatz eben geht…

Montag, 7. Oktober 2013

Auf den Spuren der Nabatäer oder: Sonnenbrand mit Abdruck

An dem letzten Tag unseres Kurzurlaubs ging es in die Wüste Negev. Da der Negev rund 60% der Fläche Israels einnimmt, war es nicht unser erster Besuch hier – und wird sicherlich auch nicht der letzte gewesen sein. Leider ist Judiths Kamera am zweiten Tag einfach ausgegangen – und das in der Grabeskirche. Eine Freundin von uns meinte hierzu nur: „You’re camera died next to Jesus!“ – hoffentlich wird sie auch wieder auferstehen!

Dementsprechend haben wir uns die übrigen Tage mit meiner Handykamera rumgeschlagen. Da die Bilder aber gar nicht so schlecht geworden sind, möchte ich über den Ausflug gar nicht viel erzählen und lieber Fotos zeigen – ein Bild sagt schließlich mehr als tausend Worte.

Noch kurz zu der Reisegruppe: bei dem Veranstalter handelt es sich um die Evangelische Kirche Deutschlands im Heiligen Land. Wir Volontäre sind dort in einen Verteiler geraten und bekommen häufig Einladungen: zu Wahlübertragung, Klavierkonzert – oder eben solchen Ausflügen. Die Tour wurde von einem äußerst kompetenten Professor aus Deutschland geleitet, der jedes Jahr fürs Wintersemester nach Deutschland fliegt und dort lehrt und die Zeit während des Sommersemesters in Israel verbringt. Es war sehr entspannt, mal wieder ausschließlich Deutsch reden zu können und interessant, sich mit den anderen darüber auszutauschen, was sie nach Israel gebracht hatte: andere Volontäre, Mitarbeiter an der Deutschen Botschaft in Tel Aviv, Lehrer an der Deutschen Schule in Jerusalem, Journalisten für den Katholischen Nachrichtendienst, Mitarbeiter am Goethe-Institut in Ramallah….
Die Exkursion führte uns zuerst nach Mampsis, der östlichsten Stadt des Gebietes der Nabatäer, einem vom 6.-1. Jhd. v.Chr. im südlichen Palästina angesiedelten Nomadenvolk. Im Mamshit-Nationalpark besichtigten wir die Ruinen der Stadt. 


Mampsis
Säule aus einer der Kirchen in Mampsis
Zu Recht UNESCO-Welterbe: der
Mamshit-Nationalpark





















Weiter ging es in den Nationalpark En Avdat mit Quellen, Höhlen an steilen Wänden und Steinböcken. Judith und ich sind im Übrigen stolze Besitzer einer Jahreskarte für alle israelische Nationalparks – da der Ausweis allerdings nur auf Hebräisch ist, wissen wir gar nicht sooo genau, was wir da eigentlich erworben haben ;)

Bilder aus dem Nationalpark En Avdat



 



Zum Schluss ging es noch zur Festung En Avdat, die – ebenso wie der Mamshit-Nationalpark – zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde. Und dann kam, was kommen musste: denn (ja, im Oktober!) war es noch ziemlich hieß – erst recht in der Wüste. Trotz Sonnenschutz durch lange Klamotten, Tücher und Sonnencreme bekamen einigen der Teilnehmer einen leichten Sonnenbrand – natürlich mit einem wunderschönen Abdruck der jeweiligen Sonnenbrille.

Es gab übrigens auch echt Kamele
Die Gruppe

Die Festung Avdat