Make Hummus Not Walls

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Donnerstag, 24. Juli 2014

Momentane Situation in Israel oder: Ein typisches Wochenende in Beit Perry

Shalom chaverim,

es gib nicht wirklich etwas Neues zu berichten: vier Tage lang hatten wir in Ra’anana keinen Alarm mehr, diese Stille wurde allerdings heute Morgen durch zwei Alarme innerhalb von 20 Minuten unterbrochen. Die Zahl der Toten im Gaza-Streifen nimmt dramatische Ausmaße an, aber bei uns auf der Arbeit herrscht auch eine komische Atmosphäre: in den Nachrichten (die im Moment den ganzen Tag lang im Hintergrund laufen), werden regelmäßig die Bilder der gefallenen und identifizierten israelischen Soldaten gezeigt. Nicht selten kommt es vor, dass einer der Mitarbeiter auf ein Bild zeigt und sagt „Mit ihm bin ich zur Schule gegangen,“ „Das ist der Cousin eines Freundes.“ In einem so kleinen Land wie Israel überrascht das nicht.

Der Bunkerraum im Blauen Haus
Mittlerweile haben viele Airlines ihren Flugverkehr nach Tel Aviv eingestellt, was nicht gerade beruhigend ist. Trotzdem fühlen wir uns immer noch nicht akut bedroht und haben sowieso nicht vor, auszureisen. Viel mehr kann ich zu der aktuellen Situation auch nicht sagen, aber die Bilder, die einen aus dem Gaza-Streifen erreichen, sind schockierend und man merkt, wie sehr das Land sich in der Frage, ob die Bodenoffensive gerechtfertigt ist, spaltet. Ständig finden in Tel Aviv Proteste linker und rechter Gruppen statt. Die einen finden es falsch von Israel, im Gaza-Streifen so hart vorzugehen, wo die Leute sich doch kaum wehren können – Goliath kämpfe gegen David. Andere wiederum haben genug von den ständigen Raketenangriffen, die vielleicht in ein paar Wochen verstummen werden, aber in wenigen Monaten wohlmöglich wieder beginnen könnten.
Man kann nur hoffen, dass die diplomatischen Bemühungen Ägyptens und der USA endlich Früchte tragen werden…

So, chaverim, jetzt etwas ganz anderes: in weniger als einem Monat werde ich das Land hier schon verlassen (ich hoffe, dass ich nicht vorzeitig hier raus muss…). Langsam merke ich, wie mir die Zeit davon rennt und deshalb möchte ich mich ranhalten und noch davon berichten, wie ein typisches Wochenende bei der Arbeit abläuft.

In Israel erstreckt sich das Wochenende auf Freitag und Samstag, an diesen Tagen also arbeiten auch die Friends nicht, sondern bleiben im Projekt. Viele von ihnen verbringen das ganze Wochenenden bei ihren Familie, aber viele – und es sind leider auch immer die gleichen – werden fast nie mit nach Hause genommen.
An einem Wochenende im Monat (dem Ausflugswochenende)bleiben fast alle Friends in Beit Perry, an einem anderen sollen alle bei ihren Familien sein. Sind die Friends aber da, sieht ein Freitag bei uns ungefähr so aus:

Die Friends dürfen theoretisch dann aufstehen, wann sie wollen, nur mit Hagai ist es immer wieder ein Kampf, da er uns auch um 11 Uhr und nach zahlreichen Versuchen, ihn aufzuwecken, noch ein genervtes „noch fünf Minuten“ entgegen ruft und per se nicht aufstehen möchte. Die anderen kommen meistens gegen neun Uhr runter bzw. lassen sich dann problemlos wecken. Die erste Stunde ist meistens sehr ruhig, was für uns Guides angenehm ist - vor allem, wenn man Donnerstag Abends noch unterwegs war… Gerade Jonathan und Ilan stehen aber gerne schon früher auf und stehen um Punkt acht hoch motiviert und voller Tatendrang vor uns.
Mit den Friends bereiten wir das Frühstück (meistens bestehend aus Salat, Brot und Eiern in irgendeiner Form) für halb 10 vor. Bis zur Chug, der Aktivität an diesem Tag, ist Freizeit. Wir puzzeln, spielen Memory, schauen Fernsehen, machen die Wäsche oder lesen mit den Friends. Die Chug am Freitag heißt „Sound and Movement“: die Friends bekommen Tücher, mit denen sie vorgemachte oder selbst ausgedachte Bewegungen ausführen sollen. Bis vor kurzem gab es Freitag eine Yoga-Stunde und niemand weiß so wirklich, warum diese durch „Sound and Movement“ ausgetauscht wurde – die neue wird von allen etwas belächelt…
Bis zum Mittagessen ist wieder Freizeit, die für Verschiedenes genutzt werden kann. Häufig kommen Eltern vorbei, bleiben entweder, um ihre Kinder für eine Stunde zu besuchen oder holen sie ab oder bringen sie von einem kleinen Ausflug zurück. Am Wochenende verläuft jeder Tag anders und manchmal steht man am Ende einer Schicht plötzlich nur noch mit drei Friends da – aber mit sechs Guides.
Nach dem Mittagessen schicken wir die Friends gerne für eine Stunde ins Bett – die Wochenend-Schichten können mitunter sehr anstrengend sein, gerade wenn es keine Chug gibt und wir das gesamte Programm selbst gestalten müssen. Um drei Uhr mittags endet bzw. beginnt eine Schicht. Da wir sowohl vormittags als auch nachmittags arbeiten können, beschreibe ich allerdings beide.

Ist am Samstag Ausflugstag und sind fast alle Friends in Beit Perry, dann gibt es am Freitagnachmittag Kabalat Shabat, was so viel wie „Den Shabat begrüßen“ heißt. Hierzu kommen drei Leute aus der Reformierten Synagoge nebenan und singen mit den Friends Lieder, die sich alle um den Shabat drehen. Auch diese Aktivität wird von den einzelnen Friends als sehr unterschiedlich empfunden: manche singen begeistert und laut mit (so laut, dass wir schon dazwischen gehen müssen, da andere Friends sonst genervt sind) und tanzen wild durchs Wohnzimmer. Andere sitzen stumm auf dem Sofa und schauen zu und wieder andere verstehen zwar nicht wirklich, worum es gerade geht, aber klatschen begeistert in die Hände und erfreuen sich an der Musik und all den glücklichen Menschen.
Gibt es kein Kabalat Shabat, so haben wir den ganzen Nachmittag Zeit, mit den Friends zu machen, was wir wollen. Häufig machen wir dann einen Spaziergang, entweder alle zusammen oder ich schnappe mir einen, der gerade sehr aktiv erscheint, und laufe mit ihm etwas durch Ra’anana. Habe ich es schon länger nicht mehr zum Sport geschafft und habe gerade selber das Bedürfnis, mich etwas zu bewegen, so fällt meine Wahl stets auf Jonathan: er ist der jüngste und sportlichste von den Friends. Ein Spaziergang mit ihm ist eher eine schnelle Walking-Tour, da er anfangs zwar begeistert dabei ist, aber nach der Hälfte oft unruhig wird, so weit von Beit Perry entfernt zu sein. Ist man mit Jonathan unterwegs, muss man sich allerdings auch auf die ein oder andere Frage gefasst machen: „Wann essen wir Abendessen?,“ „Geht es nächsten Dienstag ins Schwimmbad?,“ „Wer hat die Nachtschicht?,“ „Wo befindet sich dieser und jener Friend?“…

Häufig starten wir am Freitag auch eine große Bastelaktion: für die Keramik-Stunde am Donnerstag werden Kacheln vorbereitet (sprich zerschlagen), wir basteln Karten für jemanden, der Beit Perry bald verlassen wird oder bekleben Holzbretter, Klopapierrollen oder was sich sonst so finden lässt.

Die Abende am Wochenende gleichen normalen Abenden unter der Woche: es wird gegessen, geduscht, Pillen werden verteilt und während der Harpaia hören die Friends eine Stunde lang Musik, die sie beruhigen und auf das Einschlafen vorbereiten soll.
Der Verlauf eines Samstags unterscheidet sich kaum von dem eines Freitags. Meistens sind noch weniger Friends da, da der Shabat der wichtigste Tag der Woche ist und man ihn eigentlich mit seiner Familie verbringen soll.
Am ersten Samstag des Monats – über solche Events habe ich auch an anderer Stelle schon einmal berichtet – gibt es immer einen Ausflug: ins Kino, in einen Park, ins Museum… Ja, ins Museum! Vor kurzem waren wir mit den Friends im Eretz Israel Museum in Tel Aviv, das sich der Geschichte und Archäologie Israels und Palästinas widmet. Es gibt dort elf verschiedenen Pavillons, zum Beispiel über Münzen, Keramiken oder die Geschichte der Post. Vor kurzem war ich in dem Museum mit Judith und wir haben uns die Pavillons und die Mosaike, die auf dem Gelände verteilt sind, angeschaut. (Leider sind nur die Photos unauffindbar…). Ebenfalls gibt es dort die Ausgrabungen von Tel Qasile, einer Philister-Stadt aus dem 12. Jhd. v. Chr. mit zwölf übereinanderliegenden Siedlungen. Für die Friends allerdings wäre all das nichts: wir haben uns stattdessen eine temporäre Ausstellung über Wildnis-Photografie angeschaut. Nicht, dass ich viel von Zoologie verstehen würde, aber die Friends denken tatsächlich in sehr einfachen Kategorien, was Tiere betrifft: Adler wurden von ihnen als Vögel bezeichnet und fast jedes Tier mit vier Beinen war entweder eine Katze oder ein Hund. Die Friends bekamen Karten, auf denen jeweils ein Stück Stoff, Plastik oder ein anderes Material drauf war und sollten herausfinden, welches Tier ein ähnliches Fell bzw. eine ähnliche Haut hat. Ihnen diese Aufgabe auf Hebräisch zu erklären, war allerdings alles andere als einfach…


In einem zum Museum gehörenden Workshop wurde noch etwas gebastelt und danach gab es auf der Wiese ein kleines Picknick mit Hot Dogs – das eigentliche Highlight des Tages!

Samstag, 19. Juli 2014

Zwischen Angst und Gleichgültigkeit oder: Leben unter Raketenbeschuss

Shalom chaverim,

die Lage hier spitzt sich immer weiter zu und gleichzeitig wird die Gefahr immer alltäglicher und – so merkwürdig das in diesem Kontext klingen mag – man härtet ab. Bei den ersten Alarmen sind wir noch aufgeregt in den Bunker gelaufen, wo wir zehn Minuten verunsicherten Wartens verbracht haben. Mittlerweile laufen wir natürlich immer noch in den Bunker, aber mehr als verunsichert ist man genervt, dass man bei was auch immer unterbrochen wurde und sich jetzt schon wieder hier einfinden muss.

Die Tel Aviknis hingegen haben eine Art Gleichgültigkeit entwickelt, verlassen sich auf den Iron Dome und verweisen darauf, dass die Wahrscheinlichkeit, von Raketenteilen getroffen zu werden, doch sehr sehr gering ist. Vorgestern Abend waren wir in einem Restaurant in Tel Aviv, als der für mich an diesem Tag zweite Alarm losging. Da laute Musik lief, hörten wir ihn zuerst gar nicht und wurden erst darauf aufmerksam, als einer der Kellner in einem sehr ruhigen Tonfall, der schon ins Spöttische überging, verkündete, wir seien herzlichen eingeladen, in den Bunker zu gehen. Fast keiner erhob sich und als wir nach zehn Minuten aus dem staubigen Bunker zurückkamen, redeten, aßen und tranken alle anderen Gäste weiterhin völlig ungerührt. In den Bunkern kommt man mit Leuten leicht ins Gespräch, tauscht sich darüber aus, wo man bei welchem Alarm war und was man generell von allem hält. Meistens zählt man gemeinsam die Explosionen (Od Bummim, noch mehr Bumms, ist einer der am häufigsten gehörten Sätze zur Zeit.) Auf Facebook werden dann im Bunker aufgenommene Fotos veröffentlicht oder per Whatsapp an Freunde weitergeleitet. Erschreckte und verängstigte Gesichter? Fehlanzeige!


Trotzdem laufen den ganzen Tag über im Fernsehen Nachrichten und Talkshows, in denen irgendwelche Ex-Generäle und andere ranghohe Militärs ihre Prognosen und Einschätzungen austauschen. Wie lange die Bodenoffensive im Gaza-Streifen andauern wird und wie es in der Region danach weitergehen soll, weiß keiner so wirklich. Einige der zukünftigen Volontäre, die in unsere Fußstapfen treten und uns ab August in unseren Projekten beerben sollten, sind auf Grund der Entwicklungen abgesprungen oder sind zumindest stark verunsichert. Das ist sehr gut nachvollziehbar in dieser unübersichtlichen Zeit. Es ist furchtbar, wie die Situation dermaßen aus dem Ruder gelaufen ist und wie viele Zivilisten jeden Tag ums Leben kommen. Und manchmal beim Nachrichtenschauen muss ich mir klarmachen, dass das alles gar nicht weit von uns entfernt stattfindet. In diesem trügerisch normalen Alltag und der Stille zwischen zwei Alarmen vergisst man das leicht.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Von trügerischer Stille und plötzlichem Alarm oder: Update aus gegebenem Anlass

Der Platz vor der Cinematheque: Schon wenige Minuten nach dem ersten Alarm ging das Leben hier ganz normal weiter

Shalom chaverim,

eine sehr bewegte Zeit erleben wir hier gerade, das hat durch die Nachrichten wohl schon jeder mitbekommen. Ich hätte auch schon längst gebloggt, hätte ich nicht die letzten zehn Tage Besuch gehabt.
Der Konflikt zwischen Israel und der Hamas spitzt sich jeden Tag weiter zu, von einer Spirale der Gewalt sprechen die meisten Journalisten. Ausgelöst wurde alles durch die Entführung und Ermordung der drei jüdischen Schüler im Westjordanland und der Verbrennung eines palästinensischen Jugendlichen in der Nähe von Jerusalem. Der Konflikt, der anfangs auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wurde, betrifft nun die Bevölkerung auf beiden Seiten: die Zahl der Toten im Gaza-Streifen – und bei den Toten handelt es sich überwiegend um Zivilisten – ist auf über 200 geklettert und auch in Israel haben wir seit Tagen ständig Raketenalarm, der einen verunsichert und bei jedem Autohupen und jeder zuknallenden Tür zusammenzucken lässt.

Rebekka und ich in unserem Lieblings-Bücher-
Café auf der King George
Für einen Israel-Besuch gibt es natürlich bessere Zeiten, aber die Situation im Nahen Osten ändert sich nun einmal ständig und so ist es immer schwer vorherzusagen, wie es denn in ein paar Monaten aussehen wird. Für Rebekka, die selbst bis März für ein halbes Jahr Volontärin in Israel war, war diese Krisen-Situation allerdings auch neu.

Nach Jerusalem – insbesondere in die Altstadt – empfiehlt es sich schon seit Wochen nicht mehr zu fahren: hier gibt es ständig Straßenschlachten, Steine werden geworfen und es kommt vermehrt zu Anfeindungen auf den Straßen.
Die Wüste sollte man momentan auch meiden: hier landen die meisten Raketen, die übrigens nur abgewehrt werden, wenn sie auf bewohnte Gebiete zielen. In den ersten Tagen des zugespitzten Konflikts gingen wir noch davon aus, problemlos in den Norden fahren zu können, der von Raketen aus dem Gaza-Streifen nicht erreicht werden kann. Doch dann kamen plötzlich auch Raketen aus dem Libanon und auch aus Syrien und plötzlich war nichts mehr so wirklich sicher.

Zwei der Volontärinnen aus meiner Organisation reisen noch in dieser Woche aus. Sie arbeiten südlich von Tel Aviv, einer Region, die näher am Gaza-Streifen liegt und in der es entsprechend häufiger Alarm gibt. Dort mussten sie die letzten Nächte mit den Autisten im Bunker bzw. in unmittelbarer Nähe dazu verbringen, da man, je näher man am Gaza-Streifen wohnt, auch weniger Zeit hat, in einen Bunker zu flüchten. Für die beiden war der psychische Druck zu groß, was ich sehr gut nachvollziehen kann.

Bei uns, nördlich von Tel Aviv, ist es nicht ganz so dramatisch, aber auch wir haben mittlerweile täglich Alarm. Ertönt der Alarm, hat man 90 Sekunden Zeit, in den Bunker zu laufen, dort soll man für zehn Minuten bleiben, da sonst die Gefahr besteht, von herabfallenden Raketenteilen getroffen zu werden. Das israelische Abwehrsystem, der Iron Dome, operiert wie gesagt nur in bewohnten Gebieten, hat aber angeblich eine Erfolgsrate von 87%. Die aus dem Gaza-Streifen abgefeuerten Raketen werden von einem Radar-Gerät wahrgenommen und die Raketen vom Iron Dome abgeschossen. Auch mitten in Tel Aviv haben herabfallende Raketenteile schon Schäden angerichtet.

Diese Wolke ist entstanden, als der Iron Dome eine
Rakete abgeschossen hat
Beim ersten Alarm – wir hatten gerade vom Auswärtigen Amt eine Mail erhalten, auch der Großraum Tel Avivs und nicht nur die Zone von 40km um den Gaza-Streifen könne Ziel der Raketen werden-  waren wir gerade auf einem belebten Platz in Tel Aviv. Es war unser erster ‚richtiger‘ Alarm (also kein Probealarm) und wir rannten allen Leuten hinterher in ein Kino. Auch die Tel Aviknis waren verunsichert und nahmen diesen ersten Alarm sehr ernst. Am Himmel konnte man noch Minuten später eine Wolke sehen, die entstanden war, als der Iron Dome die eintreffende Rakete abgeschossen hatte. Nachdem Rebekka und ich den Bunker verlassen hatten (wir waren deutlich länger geblieben als die Israelis), standen wir ein paar Minuten etwas schockiert und verunsichert auf dem Platz, schauten in den Himmel und reifen Verwandte und andere Volontäre an. Schon da viel uns auf, wie viel lockerer die Israelis mit der Bedrohung umgehen: Leute hielten an, sagten uns, wir sollten nicht so ein Gesicht machen, das sei in einer Woche schon wieder vorbei und generell, sowas passiere doch ständig.

An verschiedenen Stellen habe ich schon geschrieben, dass das Leben in Tel Aviv wie in einer Blase ist, aber
nie konnte man es so gut sehen wie jetzt. Das Leben geht schon eine Minute nach Alarm normal weiter, Leute treffen sich auf Hausdächern, um den Raketen zuzuschauen und es werden Wetten abgeschlossen, ob die Hamas – wie einmal angekündigt – es denn auch wirklich schaffen würde, Tel Aviv ab neun Uhr abends pünktlich zu befeuern. Leute sitzen am Strand, in Cafés, schauen Fußball und bräunen sich. Und all das, obwohl Tel Aviv erklärtes Ziel täglichen Beschusses ist. Da die Raketen sehr ungenau zielen, ist der gesamte Großraum betroffen.



Bilder einer scheinbaren Normalität: In der Nahalat Binyamin
in Tel Aviv; am Strand von Herzliya und beim Fußball-Gucken

Bei unserem ersten Alarm in Beit Perry in Ra’anana schliefen Rebekka und ich noch, bei unserem zweiten stand ich praktischerweise gerade unter der Dusche und hörte ihn zuerst gar nicht. Der Alarm geht allerdings immer nur sehr punktuell los und so hört man oft gar keinen Alarm, wohl aber eine dumpfe Explosion im Hintergrund, die klar macht, dass nicht weit von einem gerade etwas eingeschlagen oder abgeschossen wurde.

Mit meinen Schilderungen möchte ich aber keineswegs den Eindruck erwecken, nur in Israel lebten die Menschen in Angst und Schrecken und seien täglicher Gefahr ausgesetzt. In den Gaza-Streifen wurden von israelischer Seite aus schon 1825 Raketen gefeuert (die Zahl stammt von gestern) und es ist furchtbar, wie viele Menschen dort schon umgekommen sind. Im Gaza-Streifen, der eh sehr dicht besiedelt ist und in dem die Hälfte der Bevölkerung in Flüchtlingslagern lebt, gibt es kaum Bunker und keinen Alarm oder ein funktionierendes Abwehrsystem.

Der von Ägypten vermittelte Waffenstillstand wurde schon nach kurzer Zeit von der Hamas gebrochen und eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen wird immer wahrscheinlicher. 45000 Reservisten wurden schon eingezogen und auch Israelis aus unserem Umfeld sind betroffen.

Keiner kann wirklich sagen, wie die Operation „Protective Edge“ weitergehen wird, aber die Prognose, in spätestes einer Woche sei alles wieder vorbei, die wir am Anfang so oft gehört haben, trifft schon einmal nicht zu.

Das Wichtigste für uns ist momentan, sich stets in der Nähe eins Bunkers aufzuhalten, oder zumindest eines Treppenhauses, in das man sich alternativ auch begeben kann. In Tel Aviv lassen die meisten Leute ihre Haustüren offen stehen und bei Alarm sitzt man dann meist zu zwanzig in einem frisch aufgeräumten und mit Stühlen und Wasserkanistern ausgestatteten Bunker.

Im HaYarkon-Park in Tel Aviv -
wenige Minuten vor dem Alarm
Beim vorgestrigen Alarm lagen Judith, Rebekka und ich gerade in einem Park, konnten aber in ein nahe gelegenes Haus laufen. Viele Tel Aviknis blieben einfach auf der Wiese liegen oder stellten sich unter einen Holzunterschlupf. Bei einem anderen Alarm vor wenigen Tagen saß ich gerade im Bus: es lief laute Musik und so hörte ich wieder nichts, aber als der Bus plötzlich mitten auf der Fahrbahn anhielt und alle Menschen rausliefen, was sofort klar, dass es wieder einen Alarm gegeben hatte. Praktischerweise hielten wir genau vor einem Café und da ich davon ausging, dass wir hier auch die vorgegebenen zehn Minuten verharren würden, ging ich auf Toilette. Als ich allerdings zurück kam, saßen alle schon wieder im zur Abfahrt bereiten Bus – gerade einmal zwei Minuten, nachdem der Alarm losgegangen war.

Die Friends reagieren sehr unterschiedlich auf diese Stresssituation, die nun einmal bei einem Alarm entsteht. Diejenigen unter ihnen, die sowieso eher passiv sind und brav befolgen, was man ihnen sagt, setzen sich auch ruhig für zehn Minuten in den Bunker und erzählen ganz normal von Pfannkuchen und ausgeleerten Mülltonnen. Diejenigen, die allerdings eh schon schnell nervös werden, fühlen sich in dem nicht besonders großen Raum unwohl und das Geheul der Sirenen macht ihnen zu schaffen. Manchmal fangen wir an, mit ihnen Lieder zu singen oder holen noch schnell Puzzles.
Unter den Mitarbeitern ist eine Diskussion darüber entstanden, ob man die Friends bei nächtlichem Alarm überhaupt wecken soll: es ist nämlich kaum möglich, alle 18 innerhalb von 90 Sekunden aufzuwecken und sicher in einem der drei Bunker unterzubringen. Manche sagen, man müsse es trotzdem versuchen, andere finden, das Treppenhaus reiche aus und wieder andere meinen, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rakete in Beit Perry oder im direkten Umfeld einschlage, sei sowieso gering und stehe in keinem Verhältnis zu der Aggressivität und Nervosität, die der ganze Trubel bei den unruhigen Friends hervorrufen würde. Einer von uns Volontären muss zusätzlich zu den beiden Mitarbeitern der Nacht-Schicht jede Nacht in Beit Perry sein. Was wir nachts im Falle eines Alarms dann tun, hängt wohl davon ab, mit wem wir gerade zusammenarbeiten. Bis jetzt war es allerdings so, dass die Nächte bei uns ruhig waren, der letzte Alarm war bei uns gegen neun Uhr abends zu hören und der früheste circa zwölf Stunden später.

Am Banana-Beach in Tel Aviv
Da wir reisetechnisch sehr eingeschränkt waren, verbrachten Rebekka und ich alle zehn Tage in Tel Aviv, wo das Leben zwischen zwei Alarmen ja auch ganz normal weitergeht: wir saßen in Cafés, schwammen im Meer, schauten Fußball, aßen Unmengen an Falafel, schlenderten über Märkte, trafen Freunde und feierten in ihren Geburtstag rein. (Ja, in Tel Aviv finden jeden Abend noch Partys statt, man sollte sich allerdings möglichst eine Location aussuchen, die auch bei einem Alarm Schutz bietet, da man die Sirenen bei der lauten Musik meistens nicht hört.)
Die Bilder, die ich hier veröffentliche, zeigen alle ein Leben in Normalität, das wir – mit Einschränkungen – auch wirklich noch führen können.


Demonstration auf dem Habima-Squre
In den letzten Tagen wurde ich häufig von Freunden und Verwandten gefragt, ob ich denn nicht ausreisen wolle und ob ich nicht Angst hätte. Eine Situation, die mich wirklich in Angst versetzt hat, war folgende: An einem Abend saßen Rebekka und ich gerade in einer Bar, als ich Nachrichten von Freunden bekam, die Hamas wolle Tel Aviv ab neun Uhr abends massiv beschießen. Viele Israelis hier haben eine App, die einen darüber informiert, wann und wo der nächste Alarm sein wird. Über diese App hatten sie auch von einem Video erfahren, in dem die Hamas den Raketenbeschuss angekündigt hatte. Da es erst acht Uhr war, hatten wir genügend Zeit, uns in einen der umliegenden Bunker zu begeben. Wenige Minuten nach neun ging dann auch wirklich ein sehr langer Alarm los: es war der bis dahin heftigste Raketenbeschuss auf Tel Aviv. Rebekka und ich saßen sicher in dem Bunker der Oper, aber das Gefühl, nicht zu wissen, wie lange der Beschuss noch dauern und vor allem mit was vielleicht geschossen werden würde (es handelte sich allerdings nur um Raketen), hat mich doch sehr beunruhigt. Auf dem Platz vor der Oper fand eine Demonstration statt, die eine Gegendemonstration zu einer pro-palästinensischen Demo darstelllte, die ebenfalls in Tel Aviv stattfand: Leute hüllten sich mit riesigen Israel-Flaggen ein und riefen entsprechende Parolen.

Aber zurück zu der Frage, ob wir hier in Angst leben: solange ich weiß, dass andere Länder wie der Libanon und Syrien nicht (oder nur vereinzelt) involviert sind und solange ich mich immer in Bunkernähe aufhalte (was ich momentan tue), fühle ich mich nicht akut bedroht. Die Situation, die sich jeden Tag verschärft, möchte ich aber auf keinen Fall runter spielen und ich weiß, dass ich jederzeit ausreisen könnte, was ich auch tun würde, wenn es in meinen Augen (oder z.B. denen des Auswärtigen Amtes) notwendig ist. Im Moment verfolgen wir sämtliche Alarme, Raketeneinsätze und Verhandlungsfortschritte im Live-Ticker im Internet. Wie es hier in einer Woche aussehen wird, lässt sich aber nur schwer sagen…


Wie passend: auf der HaYarkon in Tel Aviv
hat ein Künstler sein Haus komplett
mit Grafitti besprüht. Auf dem
Gartentörchen steht: "DON'T PANIC EVER"

Sonntag, 6. Juli 2014

Letztes Seminar oder: Fußball, Kunst und ein Waldbrand

Kunstmarkt in Haifa

Shalom chaverim,

in den letzten Wochen haben sich nach und nach Volontäre verabschiedet: für viele endet jetzt schon das halbe bzw. ganze Jahr und mit jeder Verabschiedung rückt auch das eigene Ende des Jahres näher. Vorher allerding will ich noch einiges erleben – es sind immerhin noch fast sieben Wochen!

Wasserski-Fahrer in Tel Aviv
Für Johanna, unsere Mitfreiwillige, ging es allerdings schon am Dienstag zurück nach Deutschland. In Beit Perry gab es eine kleine Abschiedsparty und die Friends lasen ihre selbstgeschriebenen Briefe vor, wenn man sie denn als solche bezeichnen kann J. Am Tag vor Johannas Abreise fuhren wir zusammen mit ihr und einer anderen Freundin nach Tel Aviv in den Menachem Begin Park zum Wasserskifahren, was Judith und ich vor über einem halben Jahr schon einmal gemacht haben. In Anbetracht des Tatsache, dass wir das letzte Mal fünf Tage unter wirklich schmerzhaften Muskelkater gelitten hatten, fuhren wir dieses Mal nur eine statt zwei Stunden – meine Arme habe ich trotzdem noch tagelang gespürt…

Am Morgen nach Johannas Abreise fuhren Judith, Aviva und ich mit 15 anderen Volontären auf unser wahrscheinlich letztes Seminar in Haifa mit dem Thema „Kunst und Kultur.“ Der israelischen Kultur – und zwar sowohl der jüdischen als auch der arabischen – in nur drei Tagen gerecht zu werden, ist eigentlich nicht machbar, aber wir erhielten zumindest ein paar interessante Einblicke: in dem ersten Vortrag ging es beispielsweise um die fünf großen Einwanderungswellen nach Israel. Jede der eintreffenden Gruppen – ob aus Osteuropa, Nordafrika oder Zentraleuropa, stellte eine Bereicherung für die Entwicklung der israelischen Gesellschaft und ihrer Kultur dar – trotzdem wurde jede eintreffende Welle von der zuvor eingetroffenen kritisch beäugt und die Juden verhielten sich alles andere als einladend und solidarisch.

In einem zweiten Vortrag ging es um die arabischen Kultur, bei der wiederum zwischen der arabisch-christlichen und der arabisch-muslimischen differenziert werden muss. Einen wichtigen Teil der arabischen Kultur bildet der Tanz, und so hatten wir am Abend zuerst einen Vortrag und dann einen Workshop zum Thema arabischer Bauchtanz. Wahrscheinlich haben wir Deutschen das ein oder andere Cliché bedient, als wir ziemlich versteift und ungelenk versuchten, die Bewegungen nachzumachen….





Die von Erik Brauer gestaltete Kastra-Mall in Haifa; hier also
wohnt der Weihnachtsmann: Haus im Wadi Nisnas; das
Atelier der Künsterlin Aviva Shemer

Der zweiten Tag war Ausflugtag: zuerst besuchten wir das arabisch-jüdische Kulturzentrum in Haifa und hatten dann eine Führung durch das Wadi Nisnas, einem etwas heruntergekommenen Teil der Stadt, in dem jüdische und arabische Künstler ihre Werke verstreut ausstellen.  
Später ging es in ein Einkaufszentrum, das von dem jüdischen Künstler Erik Brauer gestaltet wurde. Erik Brauer ist einer der Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus und hat in diesem Stil die Fassade und die Kuppel der Kastra Mall gestaltet.

Blick auf Haifa
Am Nachmittag fuhren wir in das Künsterldorf Ein Hod, in dem ich schon einmal bei einem anderen Seminar war und über das ich damals auch ausführlich berichtet habe.
Am Abend wurde wieder getanzt, diesmal stellten wir uns aber etwas besser an, da israelische Volkstänze doch etwas einfacher sind als israelischer Bauchtanz…
Nach einem Besuch des Ateliers der Künstlerin Aviva Shemer, deren Kunst von der Kabbalah, der jüdischen Mystik, beeinflusst wird, und einer Auswertungsrunde endete das Seminar in Haifa.

Von Haifa aus hatten Aviva und ich direkt nach Tel Aviv fahren wollen, wo eine öffentliche Wasserschlacht auf dem Habima Square stattfand, doch aus Haifa kamen wir so schnell nicht weg: die Züge fuhren nicht mehr, da es einen Brand gegeben hatten und Busse und Sheruts waren entsprechend überfüllt. Als wir dann doch einen Bus bekamen und südlich von Haifa am Meer entlang fuhren, konnten wir es selber aus nächster Nähe sehen: schlimme Waldbrände, wie man sie sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Helikopter kamen mit Planen voller Wasser an, die sie über dem Wald öffneten. Vor vier Jahren gab es in der Region die schlimmsten Waldbrände, die Israel je erlebt hat und die immer noch stark sichtbare Spuren hinterlassen haben. Kann man nur hoffen, dass es nicht noch heißer wird und es zu einem ähnlichen Desaster kommt…


Als wir endlich in Tel Aviv ankamen war es auch schon Zeit für das Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich, das natürlich auch in Israel verfolgt wurde. Das Goethe-Institut mietet jedes Mal eine Bar an, die mit Deutschland-Fahnen geschmückt wird und auch das Publikum ist fast ausschließlich deutsch. Der ein oder andere Volontär ist auch immer dabei…


Public Viewing am Frishman Beach in Tel Aviv

Samstag, 5. Juli 2014

Mosaike legen und Wäscheklammern klauen oder: Ein typischer Donnerstag

Mosaik im Innhof von von Beit Perry mit dem Namen des Projekts

Shalom chaverim,

in Anbetracht der Tatsache, dass ich nur noch weniger als zwei Monate im Lande sein werde, sollte ich mich besser ranhalten und weiter darüber schreiben, wie bei uns die Tage klassischer Weise ablaufen. Heute also: ein typischer Donnerstag, Jom Chamishi.

Der Nachmittag beginnt wie üblich: die Friends kommen aus Hadassim zurück, wir schreiben oder legen mit Hilfe von Symbolkarten einzeln mit den Friends den Plan des Tages und setzen uns zusammen für Sitkansut. Die Friends sollen nacheinander erzählen, wie es ihnen geht, wie ihr Tag war, was und mit wem sie gearbeitet haben und was sie gegessen haben. Meistens läuft es so ab, dass ein Guide dem jeweiligen Friend nacheinander alle Fragen stellt.

Einer der Friends, Udi, ist aber nicht in der Lage, richtige Gespräche zu führen. Er redet die ganze Zeit mit sich selber und führt mit seinen Händen merkwürdige Bewegungen aus – einer seiner vielen Ticks. Fragen wir ihn, wie es ihm geht, bekommen wir meist als Antwort: „Danke gut. Ich war in Hadassim. Puzzle. Reis und Fleisch. Lecker.“ „Udi, wir haben nur gefragt, wie es dir geht.“ „Reis und Fleisch. Reis und Fleisch.“ Stellt man ihm eine Frage, hört er gar nicht richtig hin, sondern schießt schnell eine Antwort raus, um sich direkt wieder in seiner eigenen Welt verkriechen zu können.

Ein anderer Friend, Janiv, der meistens faul auf dem Sofa rumsitzt, redet fast gar nicht. Die einzelnen Wörter muss man ihm aus der Nase ziehen und häufig klappt nicht einmal das, sodass wir ihm meistens eine Frage stellen und gleichzeitig schon die halbe Antwort gehen müssen: „Janiv, wo hast du heute gearbeitet? Hadas…“ „…sim.“ „Was für eine Aktivität haben wir heute? Fahr…“ „…radstunde.“

Ganz anders wieder ist Jonathan. Er redet den ganzen Tag, entweder mit sich selber oder mit uns. Er behält gerne den Überblick und möchte über alles Bescheid wissen: Wer die nächsten drei Tage so arbeitet, um wie viel Uhr es unter die Dusche geht, was es zum Abendessen gibt und – sein Lieblingsthema – wann mal wieder ein Feiertag oder sein Geburtstag ist. Mittlerweile hat er ein Verbot bekommen, über seinen Geburtstag zu reden, aber manchmal kommt er trotzdem an: „Lotte, an meinem Geburtstag bekomme ich ganz viele Geschenke. Und es wird eine Party geben und alle werden singen und Kuchen essen. Toll, oder?“ Meistens hüpft er dann durch die Gegend, singt, dreht sich im Kreis oder – und das weiß ich sehr an ihm zu schätzen – bietet seine Hilfe an: Wäsche falten, Tisch decken, die Spülmaschine einräumen – auf Jonathan ist Verlass!

Nir, einer meiner absoluten Lieblinge, lebt wie Udi sehr in seiner eigenen Welt. Er hat einen sehr lieben Charakter und macht wirklich alles, was man ihm sagt. Ein Guide hat ihm zum Beispiel beigebracht, dass er aufsteht und einem ein Küsschen auf die Wange gibt, sobald man vorgibt zu weinen. Stellt man ihm eine Frage, wiederholt er sie eigentlich immer, hängt ein paar lustige Endungen an die Wörter und springt zur Antwort in die Luft und klatscht sich mit den Armen auf die Beine. Ruft man „Nir,“ kommt von ihm meistens „Jaaa, Niiiiir,“ und er klatscht sich dabei auf die Oberschenkel, auf den Bauch und dann auf die Schultern. Diesen Bewegungsablauf haben wir Mitarbeiter mittlerweile eigentlich alle relativ gut drauf und manchmal verhalten wir uns sogar autistischer als unsere Autisten… J
Nir hat meistens überhaupt keine Ahnung, was für ein Tag ist und vergisst auch eigentlich immer, ob er an diesem Tag bei der Arbeit war, was er dort gemacht und gegessen hat. Teil des Seder Joms, des Tagesplans, den wir zu Schichtbeginn erstellen, dreht sich aber genau darum. Frage ich Nir, welcher Wochentag gerade ist, so schaut er mich meistens ratlos an und rät dann ganz schnell die Tage der Woche durch, in der Hoffnung, der richtige möge bald kommen. Auf Ja-Nein-Fragen antwortet er per se mit ja, aber er teilt uns auch nicht mit, wenn ihm etwas weh tut, oder ihm etwas nicht schmeckt. Letztens habe ich beispielsweise beim Abendessen ein lautes Knacken gehört, als Nir versuchte, den Hähnchenknochen durchzubeißen: einer seiner Ticks ist es, nicht einen Tropfen oder Krümel auf dem Teller übrig zu lassen.

Hagai, der intelligenteste der sechs Friends aus dem blauen Haus, ist neben Jonathan der einzige, mit dem man ein vernünftiges Gespräch führen kann. Während Sitkansut bekommt manchmal er die Aufgabe, den einzelnen Friends die Fragen über den Tag zu stellen und allen zu erklären, welche jeweilige Aufgabe (Wäsche falten, Tisch decken, Spülmaschine einräumen…) sie für den Tag haben. Hagai ist allerdings auch sehr ungeduldig mit seinen Mitbewohnern und möchte gefordert werden. Mittlerweile haben wir uns für ihn ein Programm überlegt, bei dem er jeden Tag verschiedene ‚Missionen‘ erfüllen muss, um am Abend das ersehnte Chupar, eine Belohnung, zu erhalten. Manchmal hinterfragt er Dinge, die schon seit Monaten praktiziert werden: Neulich bei Sitkansut fragte er unsere damalige Haus-Managerin, warum sie denn jeden Friend frage, was er in Hadassim gegessen habe - dort gäbe es doch schließlich für jeden das Gleiche!

Unser Wäscheständer
Hagai ist schizophren und redet daher ständig mit den Stimmen in seinem Kopf, unterschiedlich intensiv, manchmal ist er auch für eine längere Zeit ruhig. Eine seiner vielen Obsessionen ist es, ständig etwas in der Hand zu haben. Am liebsten die Stifte der Tafel, die wir allerdings brauchen, um mit Nir, Jonathan und ihm den Plan des Tages zu schreiben. Klaut er die Stifte, bekommt er abends keine Belohnung mehr und so hat er sich jetzt einen andere Gegenstand gesucht: nach und nach verschwinden die Wäscheklammern von unserem Wäscheständer…
Gestern allerdings habe ich gesehen, dass er die Wäscheklammern nach Farben geordnet hatte – typisch autistisch!



Ilan, der Sonnenschein unseres Hauses, der immer-glückliche Friend, redet auch sehr gerne, aber meistens irgendwelchen Humbug:

„ Ich habe den Müll ausgeleert.“
„Die Mutter und der Vater.“
„Pfannkuchen!“
„Ich habe den Traktor gemacht (gemeint ist ein Puzzle).“
„Was macht man an Purim? Kostüme.“
„Dani spielt in der Synagoge auf der Gitarre.“

Seit ein paar Wochen ist noch ein anderer Ausdruck hinzugekommen, Jom HaShoa, der Holocaust-Gedenktag. Die Dinge, von denen Ilan redet, stehen eigentlich nie in einem Zusammenhang zueinander, sondern er redet über das, was er gerne hätte (Pfannkuchen) oder Sachen, die ihm einfach so einfallen (Dani spielt in der Synagoge auf der Gitarre). Wie Jom HaShoa in seinen Kopf kommt, weiß ich allerdings nicht.
Manchmal fordern wir Ilan während Sitkansut auf, einen anderen Friend über dessen Tag auszufragen:

„Ilan, frag Nir, was er heute gemacht hat.“
„Ich habe den Müll ausgeleert.“
„Nein, du sollst Nir fragen, was er heute gemacht hat.“
„Nir, was hast du heute in Yorokom gemacht?“ (Yorokom ist Ilans Arbeitsstätte, alle anderen Friends arbeiten allerdings in Hadassim.)
„Ilan, wo arbeitet Nir?“
„In Hadassim.“
„Was fragst du also Nir?“
„Wo warst du heute? In Hadassim!“. (Ilan gibt auch gleich die Antwort und Nir klatscht sich auf die Oberschenkel und sagt „Jaaa, Hadassim!“
„Ilan, was könntest du Nir noch fragen?“
„Wie war es heute in Yorokom?“
„Ne, das hatten wir schon. Frag ihn doch, was er heute gegessen hat.“
„Cousous und Fisch.“
„Nein, du sollst Nir fragen, was er heute gegessen hat…“
„Couscous und Fisch.“
Spätestens dann fängt Ilan dann an, sich begeistert in die Hände zu klatschen oder von einem seiner Lieblingsthemen zu reden – und wir Guides geben lachend auf…

Eigentlich aber wollte ich von einem typischen Donnerstag erzählen: Nach dem 5-Uhr-Snack haben die Friends Freizeit, in der wir mit ihnen puzzeln, basteln und speziell für Autisten konzipierte Computerspiele spielen.
Um sechs Uhr geht es dann in den Keller zur Chug Michzur, der Keramik-Stunde, die von einem der Guides geleitet wird. Die Friends legen hierbei Mosaike in einem auf einer großen Kachel vorgezeichneten Muster. Der Guide, der die Chug leitet, möchte den Innenhof von Beit Perry aufhübschen und die Kacheln an den Wänden befestigen. Ein paar hängen schon:

Innenhof von Beit Perry: an den Wänden hängen von den Friends
gestaltete Mosaike und Ketten mit Keramika

Manche Friends sind sehr schnell und fabrizieren Kacheln in Massenproduktion. Janiv allerdings muss ständig neu aufgefordert werden: meistens sitzt er in der typischen Janiv-Pose faul auf seinem Stuhl, aber manchmal fängt er ohne erkennbaren Grund an zu lachen, drückt seine unfassbar biegsamen Finger durch und gluckst vor sich hin…

Der restliche Tag läuft ab wie immer, aber doch ist jeder Tag anders: wir schicken die Friends unter die Dusche, essen mit ihnen, geben Tabletten und hören Musik bei Harpaia, der allabendlichen Entspannung. In der Regel erhält Hagai dann sein Chupar, meistens ein Keks oder eine kleine Tüte Chips, die er allerdings im Bunkerraum essen muss, damit Jonathan nicht eifersüchtig wird (die beiden sind die einzigen, die manchmal aufeinander eifersüchtig werden). Jonathan bekommt allerdings auch ein Chupar: er darf bei YouTube Musik auflegen, zu der er lautstark singt und sich begeistert im Kreis dreht. Ruhig ist es bei uns nicht einen Moment!