Shalom
chaverim,
es
gib nicht wirklich etwas Neues zu berichten: vier Tage lang hatten wir in
Ra’anana keinen Alarm mehr, diese Stille wurde allerdings heute Morgen durch
zwei Alarme innerhalb von 20 Minuten unterbrochen. Die Zahl der Toten im
Gaza-Streifen nimmt dramatische Ausmaße an, aber bei uns auf der Arbeit
herrscht auch eine komische Atmosphäre: in den Nachrichten (die im Moment den
ganzen Tag lang im Hintergrund laufen), werden regelmäßig die Bilder der
gefallenen und identifizierten israelischen Soldaten gezeigt. Nicht selten
kommt es vor, dass einer der Mitarbeiter auf ein Bild zeigt und sagt „Mit ihm
bin ich zur Schule gegangen,“ „Das ist der Cousin eines Freundes.“ In einem so
kleinen Land wie Israel überrascht das nicht.
| Der Bunkerraum im Blauen Haus |
Mittlerweile
haben viele Airlines ihren Flugverkehr nach Tel Aviv eingestellt, was nicht
gerade beruhigend ist. Trotzdem fühlen wir uns immer noch nicht akut bedroht
und haben sowieso nicht vor, auszureisen. Viel mehr kann ich zu der aktuellen
Situation auch nicht sagen, aber die Bilder, die einen aus dem Gaza-Streifen
erreichen, sind schockierend und man merkt, wie sehr das Land sich in der
Frage, ob die Bodenoffensive gerechtfertigt ist, spaltet. Ständig finden in Tel
Aviv Proteste linker und rechter Gruppen statt. Die einen finden es falsch von
Israel, im Gaza-Streifen so hart vorzugehen, wo die Leute sich doch kaum wehren
können – Goliath kämpfe gegen David. Andere wiederum haben genug von den
ständigen Raketenangriffen, die vielleicht in ein paar Wochen verstummen
werden, aber in wenigen Monaten wohlmöglich wieder beginnen könnten.
Man
kann nur hoffen, dass die diplomatischen Bemühungen Ägyptens und der USA
endlich Früchte tragen werden…
So,
chaverim, jetzt etwas ganz anderes: in weniger als einem Monat werde ich das
Land hier schon verlassen (ich hoffe, dass ich nicht vorzeitig hier raus muss…).
Langsam merke ich, wie mir die Zeit davon rennt und deshalb möchte ich mich
ranhalten und noch davon berichten, wie ein typisches Wochenende bei der Arbeit
abläuft.
In
Israel erstreckt sich das Wochenende auf Freitag und Samstag, an diesen Tagen
also arbeiten auch die Friends nicht, sondern bleiben im Projekt. Viele von
ihnen verbringen das ganze Wochenenden bei ihren Familie, aber viele – und es
sind leider auch immer die gleichen – werden fast nie mit nach Hause genommen.
An
einem Wochenende im Monat (dem Ausflugswochenende)bleiben fast alle Friends in
Beit Perry, an einem anderen sollen alle bei ihren Familien sein. Sind die
Friends aber da, sieht ein Freitag bei uns ungefähr so aus:
Die
Friends dürfen theoretisch dann aufstehen, wann sie wollen, nur mit Hagai ist
es immer wieder ein Kampf, da er uns auch um 11 Uhr und nach zahlreichen
Versuchen, ihn aufzuwecken, noch ein genervtes „noch fünf Minuten“ entgegen
ruft und per se nicht aufstehen möchte. Die anderen kommen meistens gegen neun
Uhr runter bzw. lassen sich dann problemlos wecken. Die erste Stunde ist
meistens sehr ruhig, was für uns Guides angenehm ist - vor allem, wenn man
Donnerstag Abends noch unterwegs war… Gerade Jonathan und Ilan stehen aber
gerne schon früher auf und stehen um Punkt acht hoch motiviert und voller
Tatendrang vor uns.
Mit
den Friends bereiten wir das Frühstück (meistens bestehend aus Salat, Brot und
Eiern in irgendeiner Form) für halb 10 vor. Bis zur Chug, der Aktivität an
diesem Tag, ist Freizeit. Wir puzzeln, spielen Memory, schauen Fernsehen,
machen die Wäsche oder lesen mit den Friends. Die Chug am Freitag heißt „Sound
and Movement“: die Friends bekommen Tücher, mit denen sie vorgemachte oder
selbst ausgedachte Bewegungen ausführen sollen. Bis vor kurzem gab es Freitag
eine Yoga-Stunde und niemand weiß so wirklich, warum diese durch „Sound and
Movement“ ausgetauscht wurde – die neue wird von allen etwas belächelt…
Bis
zum Mittagessen ist wieder Freizeit, die für Verschiedenes genutzt werden kann.
Häufig kommen Eltern vorbei, bleiben entweder, um ihre Kinder für eine Stunde
zu besuchen oder holen sie ab oder bringen sie von einem kleinen Ausflug
zurück. Am Wochenende verläuft jeder Tag anders und manchmal steht man am Ende
einer Schicht plötzlich nur noch mit drei Friends da – aber mit sechs Guides.
Nach
dem Mittagessen schicken wir die Friends gerne für eine Stunde ins Bett – die
Wochenend-Schichten können mitunter sehr anstrengend sein, gerade wenn es keine
Chug gibt und wir das gesamte Programm selbst gestalten müssen. Um drei Uhr
mittags endet bzw. beginnt eine Schicht. Da wir sowohl vormittags als auch
nachmittags arbeiten können, beschreibe ich allerdings beide.
Ist
am Samstag Ausflugstag und sind fast alle Friends in Beit Perry, dann gibt es
am Freitagnachmittag Kabalat Shabat, was so viel wie „Den Shabat
begrüßen“ heißt. Hierzu kommen drei Leute aus der Reformierten Synagoge nebenan
und singen mit den Friends Lieder, die sich alle um den Shabat drehen. Auch
diese Aktivität wird von den einzelnen Friends als sehr unterschiedlich empfunden:
manche singen begeistert und laut mit (so laut, dass wir schon dazwischen gehen
müssen, da andere Friends sonst genervt sind) und tanzen wild durchs
Wohnzimmer. Andere sitzen stumm auf dem Sofa und schauen zu und wieder andere
verstehen zwar nicht wirklich, worum es gerade geht, aber klatschen begeistert
in die Hände und erfreuen sich an der Musik und all den glücklichen Menschen.
Gibt
es kein Kabalat Shabat, so haben wir den ganzen Nachmittag Zeit, mit den
Friends zu machen, was wir wollen. Häufig machen wir dann einen Spaziergang,
entweder alle zusammen oder ich schnappe mir einen, der gerade sehr aktiv
erscheint, und laufe mit ihm etwas durch Ra’anana. Habe ich es schon länger
nicht mehr zum Sport geschafft und habe gerade selber das Bedürfnis, mich etwas
zu bewegen, so fällt meine Wahl stets auf Jonathan: er ist der jüngste und
sportlichste von den Friends. Ein Spaziergang mit ihm ist eher eine schnelle
Walking-Tour, da er anfangs zwar begeistert dabei ist, aber nach der Hälfte oft
unruhig wird, so weit von Beit Perry entfernt zu sein. Ist man mit Jonathan
unterwegs, muss man sich allerdings auch auf die ein oder andere Frage gefasst
machen: „Wann essen wir Abendessen?,“ „Geht es nächsten Dienstag ins
Schwimmbad?,“ „Wer hat die Nachtschicht?,“ „Wo befindet sich dieser und jener
Friend?“…
Häufig
starten wir am Freitag auch eine große Bastelaktion: für die Keramik-Stunde am
Donnerstag werden Kacheln vorbereitet (sprich zerschlagen), wir basteln Karten
für jemanden, der Beit Perry bald verlassen wird oder bekleben Holzbretter,
Klopapierrollen oder was sich sonst so finden lässt.
Die
Abende am Wochenende gleichen normalen Abenden unter der Woche: es wird
gegessen, geduscht, Pillen werden verteilt und während der Harpaia hören
die Friends eine Stunde lang Musik, die sie beruhigen und auf das Einschlafen vorbereiten
soll.
Der
Verlauf eines Samstags unterscheidet sich kaum von dem eines Freitags. Meistens
sind noch weniger Friends da, da der Shabat der wichtigste Tag der Woche ist
und man ihn eigentlich mit seiner Familie verbringen soll.
Am
ersten Samstag des Monats – über solche Events habe ich auch an anderer Stelle
schon einmal berichtet – gibt es immer einen Ausflug: ins Kino, in einen Park,
ins Museum… Ja, ins Museum! Vor kurzem waren wir mit den Friends im Eretz
Israel Museum in Tel Aviv, das sich der Geschichte und Archäologie Israels und Palästinas
widmet. Es gibt dort elf verschiedenen Pavillons, zum Beispiel über Münzen,
Keramiken oder die Geschichte der Post. Vor kurzem war ich in dem Museum mit Judith
und wir haben uns die Pavillons und die Mosaike, die auf dem Gelände verteilt
sind, angeschaut. (Leider sind nur die Photos unauffindbar…). Ebenfalls gibt es
dort die Ausgrabungen von Tel Qasile, einer Philister-Stadt aus dem 12. Jhd. v.
Chr. mit zwölf übereinanderliegenden Siedlungen. Für die Friends allerdings
wäre all das nichts: wir haben uns stattdessen eine temporäre Ausstellung über
Wildnis-Photografie angeschaut. Nicht, dass ich viel von Zoologie verstehen
würde, aber die Friends denken tatsächlich in sehr einfachen Kategorien, was
Tiere betrifft: Adler wurden von ihnen als Vögel bezeichnet und fast jedes Tier
mit vier Beinen war entweder eine Katze oder ein Hund. Die Friends bekamen
Karten, auf denen jeweils ein Stück Stoff, Plastik oder ein anderes Material
drauf war und sollten herausfinden, welches Tier ein ähnliches Fell bzw. eine
ähnliche Haut hat. Ihnen diese Aufgabe auf Hebräisch zu erklären, war
allerdings alles andere als einfach…
In
einem zum Museum gehörenden Workshop wurde noch etwas gebastelt und danach gab
es auf der Wiese ein kleines Picknick mit Hot Dogs – das eigentliche Highlight
des Tages!


