| Der Innenhof von Beit Perry |
Shalom chaverim,
Endlich komme ich nochmal dazu, einen weiteren Wochentag zu
beschreiben: Jom Schlischi, Dienstag, ist einer meiner Lieblingstage.
Dienstage sind an sich ziemlich stressig: die Friends kommen
erst gegen 16.00 aus Hadassim zurück, um 16.40 werden sie allerdings schon wieder
abgeholt und vorher müssen wir mit ihnen den Plan des Tages machen, den 5-Uhr-Snack
essen und sie für den Ausflug umziehen
und natürlich alle nochmal aufs Sherotim, aufs Klo, schicken. Apropos
Sherotim: einer der Friends (der Paranoide) trinkt den ganzen Tag am
liebsten ununterbrochen Wasser. Er hat mittlerweile schon ein Wasser-Verbot bekommen
und darf nur noch trinken, wenn wir es ihm anbieten. Das machen wir nicht nur,
weil zu viel Wasser wirklich nicht mehr gesund ist, sondern vor allem, weil er
ständig auf Toilette muss – bevorzugt natürlich während der Sport-Stunde oder
wenn irgendetwas Anstrengendes ansteht.
Der Friend ist allerdings alles andere als dumm (im Prinzip
ist er der einzig wirklich intelligente im Blue House) und nimmt sich immer,
wenn er aufs Klo geht, einen Becher mit und schöpft heimlich Wasser aus dem Hahn.
Wir bekommen das natürlich mit und versuchen, ihn davon abzuhalten, aber es gibt
wirklich leichtere Dinge, als einem Autisten seine Gewohnheiten abzugewöhnen…
Sind dann alle Friends fertig für den Ausflug, steigen wir
zusammen in den Bus und jeder Guide bekommt 1-2 Friends zugeteilt, auf die er unterwegs
ein besonderes Auge werfen soll. Im Sommer geht es Dienstags immer ins
Schwimmbad von Ra’anana. Es ist eine ziemlich große Anlage mit Außen- und Innenbereich.
Ein paar der Friends gehen per se nicht schwimmen, andere hingegen blühen im
Wasser erst so richtig auf – bedeutet: sie schmeißen die Arme in die Luft,
quieken herum und sind gar nicht mehr aus dem Wasser zu bekommen. In dem
Schwimmbad gibt es auch einen Jacuzzi, den manche Friends vorziehen.
Nach dem Schwimmen sitzen wir auf der Wiese neben dem Becken
und essen dort das mitgebrachte Abendessen.
Die Schwimmbad-Saison endet für uns Mitte September, auch
wenn es noch Monate danach absolutes Freibad-Wetter gibt. Die restliche Zeit
des Jahres fahren wir mit den Friends dienstags in den Ra’anana West Park, den
größten Park Ra’ananas mit einem großen Spielplatz, einem See mit Café, einer
Kunst-Galerie und einem Streichelzoo. Bei einem Fahrradverleih holen wir
Fahrräder, mit denen die Friends durch den Park fahren. Das klingt sehr
einfach, man darf allerdings nicht denken, dass alle 18 in einer Reihe
hintereinanderher fahren würden: jeder Friend ist anders und sehr
unterschiedlich sind auch ihr Können und ihre Motivation zum Fahrradfahren. Die
beiden Stunden, die wir für Gewöhnlich im Park verbringen, teilen wir in zwei
Einheiten auf: eine Gruppe fährt Fahrrad, die andere geht spazieren, sodass
alle Friends – zumindest die, die können und wollen – einmal fahren können.
| Da ich von den Friends keine Bilder veröffentlichen darf, müssen die beiden eben als Motiv herhalten: Judith und Rebekka im Ra'anana West Park |
Beim Fahrradfahren haben die Friends Einzelbetreuung, es ist
also jeweils ein Guide für einen Friend verantwortlich: Dienstags in den Park
kommen also noch drei ältere Frauen mit, die ehrenamtlich aushelfen und auch
Leute von dem Fahrrad-Verleih helfen mit: manche der Friends fahren sehr gut
Fahrrad, sie werden von einem Guide begleitet, der hinter ihnen herfährt.
Andere fahren extrem langsam und schlecht, sodass man nebenherläuft (oder
besser gesagt: geht). Meistens arbeite ich Dienstags mit einem Friend, den ich
jetzt einfach mal Moshe nenne. (Moshe ist übrigens ein in Israel sehr
verbreiteter Name; in Beit Perry heißt allerdings niemand so). Moshe kann an
sich gut Fahrrad fahren, ist allerdings etwas dick und vor allem faul. Sein
Fahrrad hat hinten zwei zusätzliche Stützräder, damit es nicht umfällt, wenn er
auf einer geraden Strecke mal wieder seeehr langsam wird. Mit Moshe fahre ich
immer die selbe Route: wir durchqueren den gesamten Park bis wir beim See
rauskommen (auf dem abends manchmal ein Typ in einer venezianischen Gondel
Leute herumfährt – sehr merkwürdig), umrunden den See und fahren dann auf einem
Weg oberhalb des Sees wieder zurück. Problem: hierzu muss man einen winzigen
Hügel hoch, der eine wahre Herausforderung für Moshe darstellt. Ab und zu muss
ich sogar am Lenker ziehen, damit Moshe nicht den Berg wieder rückwärts runter
fährt. Ein Problem ergibt sich auch, wenn es bergab geht: Da es bei mir an
Hebräischkenntnissen und bei Moshe an Einsicht mangelt, bekomme ich ihn nicht
dazu, mit dem Trampeln aufzuhören, wenn es den Berg runter geht. Er tritt also
weiter in die Pedale und bekommt wegen seines Gewichts eine ganz schöne Geschwindigkeit,
der er nicht mehr Herr ist und bei der er auch das Lenken vergisst. Geht es
also bergab, laufe ich mittlerweile immer rückwärts vor ihm her und drücke
gegen seinen Lenker – so wird er nicht zu schnell und ich arbeite nebenbei an
meiner Schultermuskulatur. J
Der andere Friend, mit dem ich meistens fahre, ist deutlich
flexibler und physikalisch soweit bewandert, dass er versteht, dass die
Geschwindigkeit beim Runterfahren zunimmt. Er trampelt dementsprechend nicht
weiter und so ist die Tour für mich eine ganz angenehme Sache. Manchmal machen
wir zwischendurch Pausen, essen Mandarinen oder Orangen von den Bäumen und wiederholen
seinen Deutsch-Wortschatz. (Das ist schnell erledigt; er kann eigentlich nur
bis 10 zählen, ‚Guten Abend‘ und ‚Schlaf gut und träume süß‘ sagen.
Mittlerweile ist noch das Wort ‚Fahrrad‘ dazugekommen, aber das musste ich ähnlich
oft mit ihm üben wie meinen Namen.)
Im Bus zurück kontrollieren wir, ob auch wirklich alle
Friends da sind. Ich fühle mich nicht selten wie in der Grundschule: Manchen
Friends macht es nämlich einen Heidenspaß, nicht nur bei ihrem Namen, sondern
auch bei dem eines anderen ‚Po‘ (ist hier) zu rufen.
In Beit Perry angekommen schicken wir die Friends unter die
Dusche und essen dann mit ihnen Abendessen. Während der Harpaia, der
abendlichen Entspannung, bekommen sie wieder ihre Kadorim, die Tabletten und
auch hier sieht man gut, wie unterschiedlich die sechs Jungs sind: manche
halten brav ihr Hand hin und schlucken die Pillen mit Wasser runter, aber einer
beißt jedes Mal auf ihnen rum, als sei es Essen. Die Guides (wir als Volontäre
dürfen die Tabletten nicht geben) haben schon verschiedene Strategien
entwickelt, ihn dazu zu bringen, sie einfach mit dem Wasser zu schlucken.
Manchmal, wenn ich dem Friend eine Stunde später die Zähne putze, entdecke ich immer
noch Tabletten unter seiner Zunge…
Die letzten Tage war es hier ziemlich kalt, so um die 17°.
(Ja, wenn man sich an eine Durchschnittstemperatur von über 20° gewöhnt hat,
friert man dann.) Was mir allerdings immer noch ein Rätsel ist, ist der Umgang
der Israelis mit elektronischem Temperaturausgleich (sprich Air Conditioner und
Heizung): während wir im Sommer die Häuser meistens auf 22° herunter gekühlt
haben, wurde gestern tatsächlich angefangen zu heizen: auf 26°…
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen