Make Hummus Not Walls

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Sonntag, 8. Dezember 2013

Mit dem Tandem durch Ra’anana oder: Ein typischer Dienstag

Der Innenhof von Beit Perry

Shalom chaverim,

Endlich komme ich nochmal dazu, einen weiteren Wochentag zu beschreiben: Jom Schlischi, Dienstag, ist einer meiner Lieblingstage.

Dienstage sind an sich ziemlich stressig: die Friends kommen erst gegen 16.00 aus Hadassim zurück, um 16.40 werden sie allerdings schon wieder abgeholt und vorher müssen wir mit ihnen den Plan des Tages machen, den 5-Uhr-Snack  essen und sie für den Ausflug umziehen und natürlich alle nochmal aufs Sherotim, aufs Klo, schicken. Apropos Sherotim: einer der Friends (der Paranoide) trinkt den ganzen Tag am liebsten ununterbrochen Wasser. Er hat mittlerweile schon ein Wasser-Verbot bekommen und darf nur noch trinken, wenn wir es ihm anbieten. Das machen wir nicht nur, weil zu viel Wasser wirklich nicht mehr gesund ist, sondern vor allem, weil er ständig auf Toilette muss – bevorzugt natürlich während der Sport-Stunde oder wenn irgendetwas Anstrengendes ansteht.

Der Friend ist allerdings alles andere als dumm (im Prinzip ist er der einzig wirklich intelligente im Blue House) und nimmt sich immer, wenn er aufs Klo geht, einen Becher mit und schöpft heimlich Wasser aus dem Hahn. Wir bekommen das natürlich mit und versuchen, ihn davon abzuhalten, aber es gibt wirklich leichtere Dinge, als einem Autisten seine Gewohnheiten abzugewöhnen…

Sind dann alle Friends fertig für den Ausflug, steigen wir zusammen in den Bus und jeder Guide bekommt 1-2 Friends zugeteilt, auf die er unterwegs ein besonderes Auge werfen soll. Im Sommer geht es Dienstags immer ins Schwimmbad von Ra’anana. Es ist eine ziemlich große Anlage mit Außen- und Innenbereich. Ein paar der Friends gehen per se nicht schwimmen, andere hingegen blühen im Wasser erst so richtig auf – bedeutet: sie schmeißen die Arme in die Luft, quieken herum und sind gar nicht mehr aus dem Wasser zu bekommen. In dem Schwimmbad gibt es auch einen Jacuzzi, den manche Friends vorziehen.
Nach dem Schwimmen sitzen wir auf der Wiese neben dem Becken und essen dort das mitgebrachte Abendessen.

Die Schwimmbad-Saison endet für uns Mitte September, auch wenn es noch Monate danach absolutes Freibad-Wetter gibt. Die restliche Zeit des Jahres fahren wir mit den Friends dienstags in den Ra’anana West Park, den größten Park Ra’ananas mit einem großen Spielplatz, einem See mit Café, einer Kunst-Galerie und einem Streichelzoo. Bei einem Fahrradverleih holen wir Fahrräder, mit denen die Friends durch den Park fahren. Das klingt sehr einfach, man darf allerdings nicht denken, dass alle 18 in einer Reihe hintereinanderher fahren würden: jeder Friend ist anders und sehr unterschiedlich sind auch ihr Können und ihre Motivation zum Fahrradfahren. Die beiden Stunden, die wir für Gewöhnlich im Park verbringen, teilen wir in zwei Einheiten auf: eine Gruppe fährt Fahrrad, die andere geht spazieren, sodass alle Friends – zumindest die, die können und wollen – einmal fahren können.

Da ich von den Friends keine Bilder veröffentlichen darf,
müssen die beiden eben als Motiv herhalten:
Judith und Rebekka im Ra'anana West Park

Beim Fahrradfahren haben die Friends Einzelbetreuung, es ist also jeweils ein Guide für einen Friend verantwortlich: Dienstags in den Park kommen also noch drei ältere Frauen mit, die ehrenamtlich aushelfen und auch Leute von dem Fahrrad-Verleih helfen mit: manche der Friends fahren sehr gut Fahrrad, sie werden von einem Guide begleitet, der hinter ihnen herfährt. Andere fahren extrem langsam und schlecht, sodass man nebenherläuft (oder besser gesagt: geht). Meistens arbeite ich Dienstags mit einem Friend, den ich jetzt einfach mal Moshe nenne. (Moshe ist übrigens ein in Israel sehr verbreiteter Name; in Beit Perry heißt allerdings niemand so). Moshe kann an sich gut Fahrrad fahren, ist allerdings etwas dick und vor allem faul. Sein Fahrrad hat hinten zwei zusätzliche Stützräder, damit es nicht umfällt, wenn er auf einer geraden Strecke mal wieder seeehr langsam wird. Mit Moshe fahre ich immer die selbe Route: wir durchqueren den gesamten Park bis wir beim See rauskommen (auf dem abends manchmal ein Typ in einer venezianischen Gondel Leute herumfährt – sehr merkwürdig), umrunden den See und fahren dann auf einem Weg oberhalb des Sees wieder zurück. Problem: hierzu muss man einen winzigen Hügel hoch, der eine wahre Herausforderung für Moshe darstellt. Ab und zu muss ich sogar am Lenker ziehen, damit Moshe nicht den Berg wieder rückwärts runter fährt. Ein Problem ergibt sich auch, wenn es bergab geht: Da es bei mir an Hebräischkenntnissen und bei Moshe an Einsicht mangelt, bekomme ich ihn nicht dazu, mit dem Trampeln aufzuhören, wenn es den Berg runter geht. Er tritt also weiter in die Pedale und bekommt wegen seines Gewichts eine ganz schöne Geschwindigkeit, der er nicht mehr Herr ist und bei der er auch das Lenken vergisst. Geht es also bergab, laufe ich mittlerweile immer rückwärts vor ihm her und drücke gegen seinen Lenker – so wird er nicht zu schnell und ich arbeite nebenbei an meiner Schultermuskulatur. J

Der andere Friend, mit dem ich meistens fahre, ist deutlich flexibler und physikalisch soweit bewandert, dass er versteht, dass die Geschwindigkeit beim Runterfahren zunimmt. Er trampelt dementsprechend nicht weiter und so ist die Tour für mich eine ganz angenehme Sache. Manchmal machen wir zwischendurch Pausen, essen Mandarinen oder Orangen von den Bäumen und wiederholen seinen Deutsch-Wortschatz. (Das ist schnell erledigt; er kann eigentlich nur bis 10 zählen, ‚Guten Abend‘ und ‚Schlaf gut und träume süß‘ sagen. Mittlerweile ist noch das Wort ‚Fahrrad‘ dazugekommen, aber das musste ich ähnlich oft mit ihm üben wie meinen Namen.)

Im Bus zurück kontrollieren wir, ob auch wirklich alle Friends da sind. Ich fühle mich nicht selten wie in der Grundschule: Manchen Friends macht es nämlich einen Heidenspaß, nicht nur bei ihrem Namen, sondern auch bei dem eines anderen ‚Po‘ (ist hier) zu rufen.

In Beit Perry angekommen schicken wir die Friends unter die Dusche und essen dann mit ihnen Abendessen. Während der Harpaia, der abendlichen Entspannung, bekommen sie wieder ihre Kadorim, die Tabletten und auch hier sieht man gut, wie unterschiedlich die sechs Jungs sind: manche halten brav ihr Hand hin und schlucken die Pillen mit Wasser runter, aber einer beißt jedes Mal auf ihnen rum, als sei es Essen. Die Guides (wir als Volontäre dürfen die Tabletten nicht geben) haben schon verschiedene Strategien entwickelt, ihn dazu zu bringen, sie einfach mit dem Wasser zu schlucken. Manchmal, wenn ich dem Friend eine Stunde später die Zähne putze, entdecke ich immer noch Tabletten unter seiner Zunge…


Die letzten Tage war es hier ziemlich kalt, so um die 17°. (Ja, wenn man sich an eine Durchschnittstemperatur von über 20° gewöhnt hat, friert man dann.) Was mir allerdings immer noch ein Rätsel ist, ist der Umgang der Israelis mit elektronischem Temperaturausgleich (sprich Air Conditioner und Heizung): während wir im Sommer die Häuser meistens auf 22° herunter gekühlt haben, wurde gestern tatsächlich angefangen zu heizen: auf 26°…

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