| Der große Weihnachtsbaum in Bethlehem; dahinter die Geburtskirche |
Shalom chaverim,
Weihnachten, das ich nicht zu Hause verbracht habe und wäre ich nicht ständig von Leute umgeben und permanent auf Achse gewesen, hätte ich wahrscheinlich starkes Heimweh gehabt. Andrerseits habe ich es auch nicht irgendwo verbracht: nach der Christmette in der Erlöserkirche in Jerusalem und dreistündiger Wanderung ins Westjordanland, kamen wir um drei Uhr nachts tatsächlich genau an dem Ort an, an dem Jesus wohl vor über 2000 Jahren geboren wurde: Bethlehem.
Als Judith und ich in Jerusalem ankamen, bezogen wir unsere
Betten in einem Hostel im Muslimischen Viertel, wo wir noch nie zuvor
übernachtet hatten. Die meisten anderen Hostels waren schon belegt und
Jerusalem – im Gegensatz zu der Woche davor – so, wie man es kennt: voll und
laut. Das christliche Viertel war stark geschmückt und es lief laut
Weihnachtsmusik. Einige Christen, die man auf den Straßen traf (vor allem aber
wohl deutsche Volontäre J),
trugen Nikolausmützen und so wurde uns alle paar Minuten ein freundliches
„Merry Christmas“ entgegen geschleudert. (Im Hebräischen gibt es übrigens
keinen Ausdruck für Weihnachten.)
Mit ein paar Freunden gingen wir in der Jerusalemer Neustadt
in einem schönen Restaurant essen. Ein paar von ihnen hatten die begehrten
Karten für den deutschen Weihnachts-Gottesdienst in der Erlöserkirche bekommen;
wir zählten nicht zu den glücklichen. Da die Messe in der Dormitio-Abtei, die
wir uns rausgesucht hatte, erst um 24:00 Uhr beginnen sollte, begleiteten wir
die anderen und wurden spontan noch auf die wenigen freien Plätze in der Erlöserkirche
gesetzt.
| Auf dem Weg nach Bethlehem |
Nach der Messe um 24:00 begann dann das eigentliche Highlight des
Tages: die Wanderung der deutschen Gemeinde Jerusalems nach Bethlehem. Hätte
sie wenige Tage zuvor stattgefunden, hätte sie wahrscheinlich wegen des Wetters
abgesagt werden müssen; glücklicherweise gab es aber nur noch vereinzelte
Schneeberge und es war auch nicht wirklich kalt. Der Pfarrer der Erlöserkirche
lief mit einem Holzstern voran und wir hielten mehrfach an, um deutsche
Weihnachtslieder zu singen. Vor allem das Lied „Stern über Bethlehem, zeig uns
den Weg…“ zu singen, war ein besonderes Erlebnis; man kennt es schon seit der
Kindheit, allerdings hat es für mich jetzt eine völlige neue Bedeutung und wann
immer ich es hören werde, werde ich an die Wanderung zurückdenken. Ein
Erwachsener, der zur Gruppe dazugehörte, schenkte zweimal Arak aus, einen in
Israel sehr verbreiteten Anisschnaps, der schön wärmte. Der Weg (knapp 10 km
lang) führte entlang der Stadtmauer über die Verbindungsstraße nach Bethlehem,
die ich schon mehrfach mit dem Bus entlang gefahren war. Kurz vor Bethlehem kam
der Checkpoint, den ich zum ersten Mal zu Fuß passierte. Es dauerte allerdinge
nicht lange – raus aus Israel kommt man ziemlich einfach, das Zurückkommen ist
eher das Problem. Um Bethlehem herum liefen wir ein Stück an der Separation
Wall entlang, die zur friedliche Weihnachtsatmosphäre so gar nicht passte. In
Bethlehem war ziemlich viel los, es gab auch ein paar Stände, die noch geöffnet
hatten und überteuerten Glühwein anboten. In der Geburtstkirche angekommen
hatten wir eine kleine Andacht, beteten und sangen noch einmal gemeinsam.
| Kontrastreiches Bethlehem: neben den geschmückten Straßen und Häusern sahen wir auch wieder die Separation Wall |
Wir alle waren ziemlich müde, aber total froh, in Bethlehem
zu sein und die Stimmung, die dort herrschte, mitzuerleben.
Der Weg – entlang an einer Schnellstraße, durch einen
Checkpoint und vorbei an der Separation Wall - war längst nicht so idyllisch,
wie sich ihn manch einer vielleicht vorgestellt hatte. Der Pfarrer in der
Geburtskirche erklärte uns, dass aber vielleicht gerade das mit zu Weihnachten
gehört: denn auch Joseph und Maria, die vor über 2000 Jahren nach Bethlehem
gekommen waren, hatten eine strapaziöse Wanderung hinter sich und keinen
Sonntag-Nachmittag-Spaziergang.
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