Make Hummus Not Walls

Make Hummus Not Walls

Samstag, 30. August 2014

Ein Essen lang blind oder: Litschis im Jordan und Hummus im Golan

Blick auf den See Genezareth von den Golan-Höhen aus

Shalom chaverim,

so schnell kann ein Jahr vergehen! Unfassbar, dass ich plötzlich wieder in Deutschland bin und die Bilder an meinem Schreibtisch mit Blick ins Grüne bearbeite – die heiße Tasse Tee steht neben mir, denn an die Kälte habe ich mich immer noch nicht gewöhnt! In den letzten zwei Wochen in Israel ist allerdings noch so allerhand passiert, das ich Euch nicht vorenthalten möchte und somit beginne ich das Nachtragen mit einem Eintrag, der sich auf das zweite Augustwochenende bezieht und den ich damals schon geschrieben habe und hier unbearbeitet veröffentlichen möchte:

Das Aufatmen, von dem ich in meinem vorletzten Eintrag geschrieben hatte, war leider nur von kurzer Dauer: der dreitägige Waffenstillstand wurde nicht verlängert und der gegenseitige Beschuss geht weiter, eine Lösung hingegen rückt in immer weitere Ferne.

Mit Aviva und Judith in Yafo
Trotzdem konnten wir das Wochenende (oder besser gesagt das verlängerte Wochenende, ich arbeite ja kaum noch) unbeschwert genießen. Nach einem wunderbaren Tag am Strand traf ich mich am Donnerstagabend mit Malin, einer Volontärin aus dem Norden, sowie Laura, Aviva und Judith in einem Restaurant in Yafo. Es war allerdings nicht irgendein Restaurant, sondern ein Blindenrestaurant, das zu dem Kulturzentrum „Nalaga’at“ gehört. Nalaga’at bedeutet so viel wie „Bitte berühren,“ die Leute, die dort arbeiten, sind alle blind, taub oder stumm. Vor wenigen Wochen war ich mit Judith in dem zu dem Zentrum gehörenden Theater (auch darüber habe ich berichtet!), dieses Mal haben wir das Blindenrestaurant getestet. Die in dem Restaurant beschäftigten Kellner sind alle blind und auch man selber bekommt sein Essen gar nicht zu sehen: aus einer Speisekarte wählt man eines der – übrigens koscheren – Gerichte aus und wird dann in einen dunklen Raum geführt. Und ab dann sieht man gar nichts mehr!
In der Beschreibung wird ein besonderes Sinneserlebnis versprochen und man wird tatsächlich nicht enttäuscht: man isst das Essen automatisch langsamer, schmeckt viel intensiver und versucht herauszuschmecken, welche Zutaten wohl verwendet wurden und versucht sich vorzustellen, welche Farbe zum Beispiel die Nudeln wohl haben. Die Kellner führen einen bis zu seinem Stuhl und erklären einem dort, wo sich was auf dem Tisch befindet. Zu Beginn wurde erst einmal ein Wasserglas umgeworfen, aber letztendlich fand man sich doch erstaunlich gut zurecht und gewöhnte sich an die Dunkelheit.
Den Abend ließen wir in einer Bar beim Flohmarkt in Yafo ausklingen – sehend!

Am nächsten Morgen trafen Malin, Judith und ich uns zum Picknick im HaYarkon Park. Bei unserem letzten Besuch dort vor ein paar Wochen war prompt zu dem Zeitpunkt, als wir dort entspannt auf einer Wiese lagen, der Waffenstillstand gebrochen worden und wir hatten in eines der nächsten Häuser flüchten müssen. Da es Freitagmorgen und der Waffenstillstand nicht verlängert worden war, hielten wir unsere Sachen auch stets griffbereit – wir wurden allerdings den ganzen Tag verschont…

Später trafen wir Laura zum Sushi-Essen und fuhren zusammen nach Tel Kabir, einen Stadtteil südlich von Tel Aviv. Dort hat ein Verwandter von einem Volontär aus Malins Projekt eine Wohnung, die er uns für das Wochenende zur Verfügung gestellt hatte. Dort trafen wir noch auf Roman, Mattis, Miriam und Adi. Zusammen zogen wir los nach Tel Aviv und es wurde entsprechend spät – die anderen konnten am nächsten Morgen ausschlafen, ich allerdings wurde schon um acht Uhr von Michael abgeholt. Zusammen mit Ben, einem Freund von ihm, fuhren wir in die Golanhöhen.

In den Golan-Höhen
Mit dem See Genezareth auf der linken und der jordanischen Grenze auf der rechten Seite fuhren wir eine extrem kurvige und steile Straße entlang, die mich an Anfahrten zu Skidörfern erinnerte – Schnee exklusive.

Scheinbar mitten im Nirgendwo stellten wir unser Auto ab und machten uns auf den Weg zu einer kleinen Wanderung – praktisch, dass ich nur Ballerinas dabei hatte….
Bergab liefen wir circa 20 Minuten bis wir zu einem natürlichen Wasserbecken kam, das sein Wasser aus einer nahen Quelle bekam. Dort trafen wir noch drei andere Freunde von Michael und Ben und genossen den privaten Natur-Pool mitten im Golan und mit Blick auf den See Genezareth – völlig einsam und mit einem wunderbaren Blick!



Unsere Gruppe, im Hintergrund der See Genezareth; in dem
natürlichen Pool; ein Kaktusbaum voller Kaktusfeigen -
es empfiehlt sich allerdings nicht, die Früchte zu pflücken,
da man sonst lauter Stacheln im Finger hat

Zurück zum Auto ging es allerdings bergauf und mittlerweile war es schon 12 Uhr und entsprechend heiß. Meine Ballerinas waren mittlerweile ruiniert und auf unseren Schultern und Nasen zeichneten sich erste leichte Verbrennungen ab – den Blick war es allerdings wert!

Nicht gerade der eindrucksvollste Fluss: der Jordan an einer
besonders schmalen Stelle
Weiter ging es mit dem Auto durch die hügelige Landschaft. Unseren nächsten Halt legten wir an einer abgelegenen Stelle des Jordans ein. Unterwegs hatten wir uns Litschis, Kirschen und anderes frisches Obst gekauft. Das Wasser war an dieser Stelle weniger als einen halben Meter tief und so liefen wir etwas durch den Fluss und setzten uns an einer schattigen Stelle auf Steine, die aus dem Wasser ragten und wuschen das Obst im Fluss. Litschis essen im Jordan – warum auch nicht?

Anstatt viel zu erzählen möchte ich aber eigentlich lieber Bilder zeigen: 






Kopfstand vor dem See Genezareth; einer der Wasserfälle
am Strand bei Kapernaum; Michael und ich; Wasserbecken,
die an den See angrenzen

Vom Jordan aus fuhren wir zurück an den See Genezareth in einen Nationalpark nicht weit von Kapernaum, wo das Haus des Petrus steht. Der Nationalpark (und in Israel kann ein Nationalpark von einem gigantischen Naturreservat bis hin zu einer popligen Ausgrabungsstelle so ziemlich alles sein) bestand aus einem Steinstrand, war aber – im Gegensatz zu den vorigen Stationen – kein Geheimtipp: viele Familien - jüdische wie arabische - verbrachten hier ihren Samstag, picknickten und die Kinder spielten im Wasser. Es gab verschiedene kleine Becken, in denen Wasserfälle fielen. Hinter einen der Wasserfälle konnte man krabbeln und landete in einer kleinen Höhle, deren Gestein sich durch die im Wasser enthaltenen Mineralien türkis verfärbt hatte – wunderschön! Der See war voll von großen dunklen Fischen, die ständig aus dem Wasser hüpften und wohl wenige Kilometer weiter in Tiberias frisch auf den Teller kamen.

Wir allerdings fragten in dem kleinen arabischen Dorf, in dem wir zum Tanken anhielten, nach dem besten Hummus-Restaurant in der Gegend und wurden von der Empfehlung nicht enttäuscht: mitten im Golan befindet sich ein kleines Drusendorf, das zwar über keinerlei Infrastruktur, aber dafür über den wohl besten Hummus verfügt, den ich je gegessen habe.

Der Abschied von Israel – 1,5 Wochen hatte ich da noch – wird mir wirklich nicht leicht gemacht….

Dienstag, 12. August 2014

Zurück in Jordanien (in Gedanken) oder: Bunte Fische und vier Tauch-Anfänger

Auf Tauchgang im Roten Meer


Shalom chaverim,

kaum zu glauben, der 99. Blog-Eintrag! Aber auch kaum zu glauben, dass es wohl einer der letzten sein wird, schließlich bin ich morgen in einer Woche schon wieder in Deutschland...

Bevor ich meinen Bericht vom Wochenende veröffentliche, kommt hier eine kleine Bilderflut. Endlich habe ich die Bilder bekommen, die Malin vom Tauchen in Aqaba in Jordanien mit ihrer Unterwasser-Kamera gemacht hat und teile sie nun natürlich mit Euch! (Die Kamele haben uns übrigens nicht zum Tauchen gebracht, sondern sind hier gelandet, weil dieses Foto auch von Malin stammt, als wir sie und Max zufällig im Wadi Rum getroffen hatten...)











 


Sonntag, 10. August 2014

Bei einer Essens-Verteilung für Bedürftige oder: Erste Jiddisch-Versuche

Shalom chaverim,

Von einem besonderen Erlebnis der letzten Wochen möchte ich noch kurz erzählen: ich hatte schon vor Ewigkeiten bei Helping Hands Coalition, einer Organisation, die sich um Holocaust Überlebende kümmert, angefragt, ob es möglich sei, mitzuhelfen und selber einen Holocaust-Überlebenden zu besuchen. Ihre Situation in Israel ist teilweise sehr prekär, sie verfügen oft über wenig Geld und vereinsamen. Helping Hands vermittelt unter anderem Freiwillige, die sie besuchen, mit ihnen einkaufen gehen, mit ihnen reden, spielen und einfach für sie da sind.

Bei der Essens-Verteilung in Netanya
Da in Israel leider alles immer etwas länger dauert, kam ein Treffen mit Vertretern der Organisation erst vor Kurzen zustande. In meinem Umkreis gab es auch keinen Überlebenden, der Deutsch, Englisch oder Französisch sprach und besucht werden wollte. Ein Großteil der bedürftigen Holocaust-Überlebenden stammt aus Russland bzw. der ehemaligen UdSSR, und diese bekommen – im Gegensatz zu Überlebenden aus anderen europäischen Ländern – keine Rentenzahlungen. Diese sind dementsprechend vor allem finanziell bedürftig und mir wurde gesagt, ich könne bei einer Essens-Verteilung in Netanya für russische Holocaust-Überlebende, äthiopische Flüchtlinge und andere Bedürftige mithelfen.

Ein messianischer Jude von Beit Sar Shalom (hebr.: das Haus des Friedens-Prinzens)organisiert jeden Dienstag die Essens-Verteilung. Die Arbeit wird ausschließlich von Freiwilligen ausgeführt, die fast alle aus dem Ausland kommen und oft nur einmal mithelfen. Dieses Mal waren beispielsweise 12 Kinder aus der Schweiz dabei, die eine Rundreise durch Israel machten und unterwegs bei verschiedenen sozialen Projekten mithalfen. Ansonsten gab es jüdisch-israelische, arabisch-israelische, deutsche, amerikanische und eine russische Freiwillige.

Wir packten Tüten mit Essens-Vorräten und ließen jeweils fünf Bedürftige gleichzeitig in den Saal, deren Taschen wir befüllten. Das alles lief mitunter etwas chaotisch ab: draußen wurde gedrängelt, Leute beschwerten sich, ihre Nummer sie übersprungen worden und außerdem gab es da ein gewaltiges Sprachproblem: die meisten Holocaust-Überlebenden (und sie stellten einen Großteil der Bedürftigen dar) sprachen ausschließlich Russisch und nur ein bisschen Hebräisch. Es stellte sich allerdings heraus, dass einige von ihnen Jiddisch sprachen und da ich, abgesehen von zwei älteren Frauen, die gar kein Hebräisch konnten, die einzige Deutsche war, bekam ich die Aufgabe, die Überlebenden zu empfangen, ihnen Getränke anzubieten und ein bisschen Smalltalk auf Jiddisch zu führen, bis sie endlich an die Reihe kamen.

Jiddisch ist eine aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Sprache mit slawischen und hebräischen Einflüssen. In vielen jüdischen – insbesondere ultra-orthodoxen – Familien wird die Sprache noch gesprochen. Für einen Deutschen ist es möglich, ein Gespräch auf Jiddisch zu führen, solange beide langsam reden. Wirkliche Regeln, was das Jiddische vom Deutschen unterscheidet, konnte ich noch nicht erkennen, aber beispielsweise Städtenamen werden immer auf Hebräisch gesagt. Die meisten Überlebenden freuten sich, Jiddisch reden zu können, da sie ansonsten in einem rein russisch-sprachigen Umfeld leben.

Die Schweizer Kinder beim Singen; vor ihnen stehen fünf
Taschen, die jeweils gleichzeitig befüll werden; im
Hintergrund sieht man einen der Vorratsschränke
Zwischenzeitlich fingen die Kinder aus der Schweiz an, auf Französisch zu singen und auch wenn die Überlebenden den Text nicht verstanden (und auch nicht die Ansprache auf Englisch von der Betreuerin der Kinder, die das allerdings nicht merkte), freuten sie sich über die ihnen geschenkte Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft. Wie viele Taschen wir letztlich füllten, weiß ich nicht genau, aber es waren sicherlich an die hundert. Nach einer kurzen Mittagspause kamen die äthiopischen Flüchtlinge an die Reihe. Brian, der Organisator der Verteilung, erklärte mir, dass man auf keinen Fall auf die Idee kommen sollte, die beiden Gruppen zu durchmischen. In der Warteschlange vor der Tür herrschte sowieso schon eine angespannte Stimmung, die noch schlimmer werden würde, wenn man alle gleichzeitig kommen ließe.

Die Kommunikation mit den äthiopischen Flüchtlingen stellte sich als noch schwieriger heraus: sie sprachen selbstverständlich kein Jiddisch, aber auch leider weder Englisch, noch Hebräisch. Aber auch ein Lächeln oder eine einfache Geste können manchmal mehr Sympathien ausdrücken, als ein Gespräch, das habe ich an diesem Tag gelernt.

Leider musste ich nach fünf Stunden schon zu meiner Schicht nach Beit Perry aufbrechen. Aber ich hoffe, noch einmal die Zeit zu finden und in Netanya mithelfen zu können!


Donnerstag, 7. August 2014

Hoffen auf Frieden oder: Der Countdown läuft...

Das Bild sagt, denke ich, alles: das Leben in der Tel Aviver "Blase" geht ganz normal weiter...


Shalom chaverim,

ja, ich weiß: es ist lang her! Die lange Unterbrechung liegt nicht daran, dass nichts Neues passiert wäre (wer die Nachrichten im Fernsehen verfolgt, weiß, dass in kaum einer Region der Welt gerade so ich viel passiert wie hier), sondern daran, dass ich in weniger als zwei Wochen ausreisen werde. In dieser kurzen Zeit will man natürlich noch so allerhand sehen, jede Menge Leute ein letztes Mal treffen und sich von lieb gewonnenen Dingen und Orten verabschieden. Der Countdown bis zu meiner Rückreise läuft…

Ob das nur für ultra-orthodoxe Familien gilt? Eltern-sollen-
ihre-Kinder-an-die-Hand-nehmen-Hinweis in Tel Aviv

Wie Ihr sicherlich festgestellt habt, bin ich in den letzten Wochen kaum verreist, was a) daran liegt, dass ich auf meiner Liste der Dinge, die ich hier unbedingt sehen wollte, eigentlich alles abgehakt habe, b) momentan äußerst unruhige Zeiten sind und die Region, in der ich lebe, wohl noch eine der sichersten ist und c) es unglaublich heiß ist und man sich jeden Schritt doppelt überlegt.

Blick von der Promenade Richtung Yafo
Eine der Sachen, die ich allerdings noch unbedingt machen wollte, habe ich mir trotzdem nicht nehmen lassen: einmal die wunderschöne Strandpromenade von Tel Aviv entlang joggen. Gestern Abend war ich bei meinem israelischen Freund (der praktischerweise fünf Minuten vom Meer entfernt wohnt) und da es den ganzen Tag über zu heiß war, sind wir eben um zwei Uhr nachts losgelaufen. Warm war es immer noch, aber vom Meer her kam ein angenehmer Wind und man musste nicht ständig den grünen Miet-Fahrrädern oder rücksichtslosen Touristen ausweichen.  

Auf einem Konzert in Tel Aviv
Mein Tagesrhythmus – und an sich bin ich Frühaufsteher – hat sich ebenfalls dem Wetter angepasst und so kommt es nicht selten vor, dass ich erst nach zwei Uhr schlafen gehe (mich um sechs Uhr früh für die Wake-up-Schicht aus dem Bett quäle) und dann bis zum Mittag weiterschlafe. Dieser verschobenen Schlafrhythmus hat auch den Vorteil, dass man das wunderbare Tel Aviver Nachtleben ausnutzen kann: durch meinen Freund, Michael, habe ich auch jede Menge Israelis kennengelernt und verbringe momentan mehr Zeit in Tel Aviv als in Ra‘anana.

Apropos Ra‘anana: in den letzten Wochen habe ich jeweils nur noch drei Schichten gearbeitet, um die letzte Zeit hier optimal nutzen zu können und mich langsam von den Friends zu verabschieden. Die sechs sind mir in dem Jahr unglaublich ans Herz gewachsen und auch wenn wir sie als Friends bezeichnen, habe ich eher mütterliche als freundschaftliche Gefühle für sie. Ich helfe ihnen beim Nägelschneiden, ermahne sie, wenn sie sich bekleckern oder ihre Suppe schlürfen und mache mir Sorgen, wenn Hagai schon wieder so nervös ist, dass er nicht mehr einschlafen kann…

Mit einer Freundin - die übrigens auch Charlotte heißt -
am Strand. Israelische Freunde haben uns erklärt, dass das
Buch "Das doppelte Lottchen" im Hebräischen 
allerdings "Die doppelte Ora" heißt.
Was ist sonst so passiert in den letzten Wochen? Der Strand ist glücklicherweise mit Unterschlupfmöglichkeiten im Falle eines Alarms gut ausgestattet und das Wasser bietet eine willkommene Erfrischung bei der Hitze. Bald allerdings beginnt Quallenzeit und man sollte gut aufpassen… Im Übrigen habe ich vor ein paar Tagen die Zusage für meinen Wunschstudienplatz Jura in Münster bekommen und freue mich nun schon auf Studienbeginn. Dort hat es letztens allerdings so stark geregnet, dass auf dem Platz vor der Uni ein kleiner See entstanden ist und zwei Menschen ertrunken sind. Als ich vor ein paar Tagen am Strand von Tel Aviv lag, habe ich schon mit etwas Bedauern festgestellt, bald die wunderbare Mittelmeerküste mit alljährlichem Sonnenschein zu verlassen und gegen einen Ort einzutauschen, in dem es dermaßen regnet….

Jetzt aber noch ein paar Worte zur momentanen Lage: es sieht tatsächlich so aus, als würde die vereinbarte 3-tägige Waffenruhe anhalten. Würde einer Verlängerung zugestimmt, gäbe es auch mehr Zeit, sich zumindest vorerst zu einigen. Die Reservisten kehren erschöpft zurück und ganz Israel merkt man die Erleichterung an. 
Trotzdem: selbst wenn die Waffenruhe verlängert wird, Soldaten nicht mehr kämpfen und man zu einer Einigung kommt: Frieden herrscht hier noch lange nicht. Es gibt – und das habe ich in dem Jahr hier immer wieder festgestellt – sehr viele Hindernisse für einen dauerhaften Frieden: wie kann man es hinbekommen, dass die Menschen im Gaza-Streifen freier und selbstbestimmter leben können, ohne dass dadurch Israels Sicherheit gefährdet wird? Und wie sieht es im Westjordanland aus? Kann die Besatzung einfach so aufgeben werden ohne Israel angreifbarer zu machen? Und was ist mit Jerusalem? Wem gehört die Stadt, wessen Hauptstadt soll sie sein und wie kann man garantieren, dass Anhänger aller Religionen Zugang zu ihr haben ohne dass Gewalt ausbricht? Was soll mit den Siedlungen passieren? Wie sollen die Grenzen verlaufen? Was passiert mit den palästinensischen Flüchtlingen, die in Camps im Gaza-Streifen, im Westjordanland, aber auch zum Beispiel in Jordanien leben? Inwieweit können sie nach Israel zurückkehren?

Eine Lösung für all diese Fragen wäre überfällig und ich selber kann keine einzige beantworten. Da das hier kein politischer Blog ist, möchte ich dazu auch nicht Stellung beziehen. Klar ist aber, dass es auf beiden Seiten engagierte, kompromissbereite und mutige Politiker geben müsste, die sich auf Rückhalt in ihrer Bevölkerung verlassen können und die bereit sind, einen Schritt auf die anderen zuzugehen.

Denn auch, wenn die nächsten Monate erst einmal keine Raketen mehr fliegen werden: der Status-Quo ist für alle unhaltbar.