Make Hummus Not Walls

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Samstag, 28. Juni 2014

Durchmachen! oder: Lajla Levan in Tel Aviv

Die Ruhe vor dem Sturm: der scheinbar ruhige Rabin Square


Shalom chaverim,

in Tel Aviv ist immer etwas los! Letzten Donnerstag war Lajla Levan, dieWhite Night, ein alljährlich stattfindendes  Event, bei dem es von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang Konzerte, Vorlesungen, Tanzvorführungen und andere Aktionen gibt. Museen haben die ganze Nacht geöffnet, Koch- und Tanzkurse für alle werden gegeben, Bands treten auf, und wer wirklich durchhält, kann am nächsten Morgen um fünf beim Yoga am Strand mitmachen. Eine weiße Nacht, eine Lajla Levan zu machen, bedeutet im Hebräischen, die ganze Nacht durchzumachen und nicht schlafen zu gehen – zu sehen gab es auf jeden Fall genug!

Die Stadt befand sich in einem Ausnahmezustand – im positiven wie im negativen Sinne (ich erinnere an das schöne hebräisch Wort für Chaos, Balagan) : es war so voll, dass ein Großteil der Stadt für Fahrzeuge gesperrt war und die noch zugänglichen Straße von Autos verstopft wurden. Die Stimmung aber war toll: Menschen allen Alters liefen durch die Straßen, legten bei einem Konzert einen Stopp ein, fuhren weiter in die Oper und zum Strand oder doch direkt in einen der vielen Clubs, die an diesem Abend freien Eintritt hatten.
Auf dem Habima Square, einem Platz im Herzen Tel Avivs, fand ein Bollywood-Tanzkurs statt, bei dem wir kurz stoppten und beobachten konnten, dass wirklich alle mitmachten: kleine Mädchen saßen auf den Schultern ihrer Väter und warfen begeistert die Arme in die Luft, aber auch ein altes Ehepaar versuchte so gut es ging, mitzuhalten.


Wenige Meter weiter spielte eine Band Klezmer-Musik, traditionelle jiddische Musik, auf dem Bialik Square traten Bands aus der ganzen Welt auf und im Norden der Stadt schauten wir uns zum Schluss noch die Dreigroschenoper an. Hier die Stationen einer Nacht: 


19:23: Der Rabin Square bereitet sich auf die Headphone Party um 20.00 vor,
bei der die Teilnehmer die Musik nur über Kopfhörer hören

19: 47: Im Habima-Theater fanden wurden die ganze Nacht lang Stücke
aufgeführt

19:53: Bollywood-Tänze wurden auf dem Habima Square aufgeführt -
wer wollte, konnte mitmachen! 

20:30: Wenige Meter weiter, im Gan Ya'akov trat eine Klezmer-Band auf

22:20: Im Gan Me'ir gab es ein Konzert einer lokalen Band

23:12: Auch auf dem Bialik Square wurde die ganze Nacht Musik gemacht

23:13: Aviva und ich auf dem Bialik Square

2:03: Aufführung der Dreigroschenoper in der School of Performing Arts

4:00: Menschenmassen auf dem Rothschild Boulevard - auf dem Weg zum
nächsten Club oder auf der Suche nach einem Taxi nach Hause

Dienstag, 24. Juni 2014

Abschiedsschmerz oder: Wenn Autisten Briefe schreiben

Shalom chaverim

Nächsten Dienstag wird Johanna, unsere Mitfreiwillige in Beit Perry, Judith und mich leider schon verlassen und zurück nach Deutschland gehen. Seit fast einem halben Jahr ist sie hier uns so wird der Abschied ziemlich traurig werden…

Wann immer jemand Beit Perry verlässt, ob Volontär oder Guide, gibt es eine Abschiedsparty mit den Friends: es werden Geschenke überreicht und die Friends lesen ihre selbst geschriebenen Briefe vor.
Unser Haus-Manager und ich haben uns überlegt, dass jeder unserer sechs Friends einen Brief schreibt und ein Bild malt, wir alles einlaminieren und Johanna dann überreichen werden. Typisch für Autisten ist, dass sie zwar Emotionen empfinden (manchmal sogar sehr heftige), aber ihnen oft die Empathie fehlt und in Situationen, in denen für uns „Normale“ eine gewisses Reaktion selbstverständlich wäre, sie sich ganz anders verhalten.

Durch die bisherigen zehn Monaten mit den Friends kann ich auch folgende Auffassung nur bestätigen: Je intelligenter ein Autist ist, desto schwerer hat er es. Diejenigen, die verstehen, dass sie nicht „normal“ sind, dass es komisch ist, nicht mit Anfang 30 alleine oder in einer Beziehung zu leben und einer Arbeit nachgehen, sondern dass sie in einem Heim, in dem sie 24 h am Tag bewacht und bespaßt werden, für die ist es wohl am härtesten: sie hinterfragen Dinge, werden schnell eifersüchtig und auch ungeduldig.
Mein Lieblingsfriend, Ilan, gehört – um es nett auszudrücken – zu denjenigen, die immer glücklich sind: Kommt er aus seiner Arbeitsstelle nach Hause, quietscht er vergnügt, schmeißt die Arme in die Luft, hüpft umher und will allen in die Hand klatschen. Danach kippt er sich im Sturztrunk seinen Kaffee runter und fängt an über Traktoren, Pfannkuchen oder ausgeleerte Mülleimer zu reden.

Gestern also habe ich versucht, mit Ilan einen Abschiedsbrief zu verfassen, was doppelt schwierig war: einerseits ist mein Hebräisch immer noch verbesserungsfähig und andrerseits antwortet Ilan auf Fragen meistens mit irgendwas, was in diesem Zusammenhang keinen Sinn ergibt. Ich habe ihm also erklärt, dass Johanna jetzt zurück nach Hause fliegt. Als ich ihn fragte, wo sie denn wohnt, meinte er nur Rechov Rambam, auf der Rambam Straße, wo seine Mutter lebt.
Irgendwann fiel ihm dann doch Germania ein und ich erklärte ihm, dass wir ihr jetzt zusammen einen Abschiedsbrief schreiben würden:

„Ilan, was schreibt man in einem Brief?“
„Herzlichen Glückwunsch!“
„Ilan, es ist ein Abschiedsbrief…“
„Alles Gute zum Geburtstag!“
„Du musst Johanna doch tschüss sagen…“
„Hallo Johanna,“
„Gut, was noch?“
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“
„Nee, was sagt man denn zum Abschied zu jemandem?“
„Auf Wiedersehen.“ (Ilan fing an Für Johanna, auf Wiedersehen zu schreiben, allerdings schreibt er alle Konsonanten immer doppelt, sodass er FFürr Jjohhanna, auff Wwiedderssehhenn schrieb.
„Was kann man denn noch zum Abschied sagen?“
„Viel Glück!“ (Er schrieb Vviell Ggllücckk.)
„Was noch?“
„Vielen Dank.“ (Er schrieb Vviellenn Ddannkk.)
„Willst du ihr noch schreiben, wie du die Arbeit mit ihr fandest?“
„Es war schön.“ (Er schrieb Ess wwarr sscchhönn.)
„Sehr gut. Jetzt musst du nur noch deinen Namen drunter schreiben.“
Ilan schrieb: Icchh hheißße Illann.

Letztendlich steht - auf Hebräisch natürlich – Folgendes im Brief: FFürr Jjohhanna, auff Wwiedderssehhenn. Vviell Ggllücckk. Vviellenn Ddannkk. Ess wwarr sscchhönn. Icchh hheißße Illann.

Johanna wird sich trotzdem freuen!


Montag, 23. Juni 2014

Von Linien und Geraden und Altem und Neuen oder: Mal wieder Jerusalem

Blick vom Obersten Gerichtshof auf die Altstadt Jerusalems


Der Rockefeller-Museum
Shalom chaverim,

endlich komme ich dazu, Euch von meinem letzten Besuch in Jerusalem zu berichten. Ja, es war locker das achte Mahl, das ich da war, aber ich könnte auch noch achtmal hinfahren und hätte immer noch nicht alles gesehen.
Zuerst ging es ins Rockefeller-Museum, das gegenüber der Nordostecke der Altstadt liegt und das architektonisch insofern interessant ist, als dass es Neues mit Altem verbindet – den für Jerusalem typischen Sandstein mit Stahlbeton. Es zählt zu den bedeutendsten archäologischen Museen im Nahen Osten mit Funden ausschließlich aus Palästina. Viele der Fundorte kannte ich bereits (über alle habe ich selbstverständlich berichtet): Steinwerkzeuge aus Megiddo, Stuckarbeiten aus dem Hisham-Palast in Jericho, die Friese der Grabeskirche, Schnitzereien aus der nicht weit entfernten Al-Aqsa-Moschee…



Innenhof des Rockefeller-Museums; Wasserbecken
aus dem Hisham-Palast in Jericho

Der vom Ophel-Park zugängliche Teil der Klagemauer mit
 Rudimenten des Robinson-Bogens, durch den zur Zeit
des Zweiten Tempels alle Pilger den Tempelberg betraten
Als nächstes habe ich mir die Ausgrabungen neben der Klagemauer angeschaut, auf die ich schon so oft geblickt, sie aber nie aus der Nähe gesehen hatte. Im Ophel-Park, dem Bereich unterhalb der südlichen Mauer des Tempelbergs, wurden 25 Siedlungsschichten zutage gefördert. Unter anderem sieht man dort Aufgegrabenes aus der Zeit des Ersten und des Zweiten Tempels, aber auch die Überreste eines Umayyaden-Palastes. Der Tempelberg – heute wie damals ein Ort, auf den viele Anspruch erheben.

Nicht weit vom Ophel Park entfernt, allerdings außerhalb der Mauern der Altstadt, liegt die Davidsstadt, der älteste Teil Jerusalems mit Ruinen der kanaanitischen Zitadelle sowie Überresten des Davidspalasts – von hier aus gründete König David vor 3000 Jahren Jerusalem. 

Am Abend traf ich auf Judith im Hostel, wo prompt ein Live-Konzert stattfand, für das wir aber etwas zu müde waren – am nächsten Tag hatten wir auch noch einiges vor: Zuerst fuhr ich nach Ein Kerem, eigentlich ein Stadtteil von Jerusalem, das allerdings eher an ein kleines Bergdorf erinnert, da es auf einem Berg mitten im Wald liegt. Eine Straße führt in Serpentinen vom Berg Herzl aus dorthin.
Bis 1948 war Ein Kerem ein arabisches Dorf, heute dominieren hier Galerien, Ateliers und vor allem Kirchen und Klöster, die auf dem Hang verstreut liegen. In Ein Kerem sollen die Eltern Johannes des Täufers gelebt haben und er geboren und in einer Höhle versteckt worden sein, um den Kindermord durch Herodes zu umgehen. In einer der Kirchen – die meisten heißen Kirchen Ein Kerems heißen übrigens Johannes-Kirche – sieht man die Höhle. 



Blick auf Ein Kerem; die Kirche der Heimsuchung (in der
Johannes der Täufer vor Herodes versteckt wurde)
und eine der vielen Galerien


Einer der fünf Gerichtssäle des
Obersten Gerichtshofs
Am Mittag nahm ich an einer Führung durch den erst 1992 fertig gestellten Supreme Court, den Obersten Gerichtshof, teil. Eine Führung ist auch notwendig, um die Symbolik des Gebäudes zu verstehen: überall lassen sich die Grundprinzipien des Hauses, Recht, Wahrheit, Gerechtigkeit finden, sie werden jeweils durch geometrische Formen und Licht dargestellt: Linien stehen für Gesetz und Wahrheit, Kreise stehen für Gerechtigkeit. Diese Verbindung von geometrischen Formen mit Prinzipien gehen auf folgende zwei Psalem zurück: „Herr, du bist gerecht, und deine Urteile sind gerade,“ (Ps. 119, 137) und „Er führet mich auf Kreisen der Gerechtigkeit um seines Namens willen,“ (Ps. 24, 3).
Hat man die Sicherheitskontrollen passiert, stiegt man eine Treppe hoch, die sich nach oben verengt und an eine typische Jerusalemer Gasse erinnern soll. Oben angekommen steht man vor einem gewölbten Panoramafenster, und blickt auf viele Stadtteile der Neustadt.
Es gibt insgesamt fünf Gerichtssäle, dich sich von ihrer architektonischen Struktur her sehr ähneln (alle sind rechteckig geformt, mit Holz verkleidet und sehr hell), aber sich dennoch unterscheiden. Die Verhandlungen stehen in der Regel jedem offen, solange man sich an gewisse Regeln hält und sich hat ausgiebig kontrollieren lassen. Nach der Führung setzte ich mich auch zu einer Verhandlung dazu, verstand zwar nicht mal, worum es in dem Prozess wirklich ging, aber es war interessant, die Menschen zu beobachten und sich eine Geschichte dazu auszudenken: in der Regel sind bei den Verhandlungen immer drei der neun Richter des Obersten Gerichtshof anwesend, so auch dieses Mal. Es waren drei alte Männer, die vorne saßen uns sich von nichts aus der Ruhe bringen ließen: Anwälte, Angeklagter und Kläger regten sich nämlich tierisch übereinander auf und irgendwann schaltete sich sogar eine Frau aus dem Publikum, anscheinend die Mutter des Klägers, ein.
Immer mehr Leute kamen dazu, um sich den Prozess anzuschauen, sodass es relativ unruhig wurde – ein Ergebnis wurde an dem Tag auch nicht mehr verkündet und alle verließen den Gerichtssaal entnervt, nur die drei alten Richter blieben ganz ruhig.

Ganz in der Nähe des Obersten Gerichtshofs befindet sich das Israel-Museum, in dem ich vor ein paar Wochen schon einmal mit meiner Familie war, aber noch längst nicht alles gesehen habe: die Abteilung der Judaika, islamische Kunst, rekonstruierte Synagogen, eine Pop-Art Ausstellung…

Mein letzter Besuch in Jerusalem war es aber trotzdem noch lange nicht!




Ausstellungsstücke des Israel-Museums: Ein Mihrab
(die Gebetsnische einer Moschee); eine Hagaddah
(das Buch, aus dem Juden am Abend vor Pessache vorlesen)
und griechische und semitische Büsten, die Verstotbene
auf ihren Gräbern stehen hatten

Samstag, 21. Juni 2014

Buntes Tel Aviv oder: Auf der Gay Pride Parade und im Blinden-Theater

Der Aufkleber zur Gay Pride

Shalom chaverim,

In Jafo war ich vor zwei Wochen mit Judith im Nalaga‘at Theater, einem Theater, in dem taub-stumme und blinde Menschen spielen. Viele sind nur taub-stumm, manche nur blind, manche beides. Auf der Bühne waren deshalb ab und zu in schwarz gekleidete Helfer zu sehen, die die Blinden an Ort und Stelle rückten und zu Beginn und Ende jeder Szene wurde auf eine Trommel geklopft – taube und blinde Schauspieler konnten durch die Vibration spüren, dass es weiterging. 
Das Bühnenblind stellte eine Bäckerei dar, in der die Schauspieler tatsächlich Brot buken, das zwischendurch in den Ofen geschoben wurde. Das Stück hieß „Not by bread alone“: es ging um die Träume der Blinden und Taub-Stummen, die in ihrem Tun stets eingeschränkt sind, aber eben nicht nur von Brot leben. Auch sie wollen soziale Kontakte knüpfen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Am Ende des Stück war das Brot fertig gebacken, man konnte auf die Bühne kommen, etwas essen und mit den Schauspielern ins Gespräch kommen – auf vielfältige Weise. Einer der Schauspieler war zum Beispiel taub und blind, konnte aber reden und fühlen. Als eine Frau aus dem Publikum zu ihm kam, begann er direkt, ihr Fragen zu stellen und sie antwortete, indem sie seinen Finger nahm und ihn von Buchstabe zu Buchstabe auf einem Brett führte, auf dem das gesamte Aleph-Beth in Buchstaben und in Brailleschrift geschrieben stand.

Judith und ich mussten an unsere Autisten aus Beit Perry denken, die teilweise auch nicht reden können, dafür aber mit Karten voll von kleinen Bildern und Symbolen kommunizieren, mit denen sie beispielsweise anzeigen können, dass sie mehr Kaffee wollen oder fragen, wann wir einen Ausflug machen.


Am Freitag vor unserem Wüstentrip fand in Tel Aviv die alljährliche Tel Aviv Gay Pride Parade statt, Abschluss und Höhepunkt der einwöchigen Feierlichkeiten. Insgesamt gab es über 50 Veranstaltungen wie Modeschauen, Pool Parties und Festivals. Die Stadt war schon Wochen vorher mit den bunt gestreiften Peace-Flaggen geschmückt und am Tag der Parade war die Strandpromenade nicht wiederzuerkennen, so voll war es dort. Vom nördlichen Ende am Hafen bis runter nach Yafo feierten und tanzten junge Israelis und Besucher aus der ganzen Welt. Man sah viele schwule und lesbische Pärchen, aber trotzdem war die Mehrheit sicherlich heterosexuell. Viele nahmen einfach teil, um ein Statement für mehr Toleranz zu setzen und die Strand-Party nach der Parade wollte sich natürlich auch keiner entgehen lassen…
Da ich am Morgen noch arbeitete, verpassten wir leider die Parade, aber auch so bekam man noch einen guten Eindruck von diesem Karneval-ähnlichen Event. Viele waren verkleidet, überall wurden Flyer für Partys durch die Luft geschmissen, leere Flaschen bedeckten die Straßen und Leute tanzten zur Musik aus Lautsprechern und vorbeifahrenden Autos.




Teilnehmer der Gay Pride Parade

An der Strandpromenade von Tel Aviv
Auf einer Wiese am Strand traten bis sieben Uhr abends Bands auf, danach konnte wer wollte noch in den Clubs und Bars der Stadt weiterfeiern. Es war also eigentlich wie so oft in Tel Aviv; die Leute: leicht bekleidet, die Stimmung: ausgelassen und die durch die Entführung in der West-Bank ausgelöste Krise: ganz weit weg!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Wüste, Hitze und kein Auto oder: Abenteuer im Negev

Blick auf den Zin Canyon


Shalom chaverim,

ich weiß: es ist lange her! In den letzten Wochen ist viel passiert und ich habe viel gesehen und werde mich bemühen, alles in absehbarer Zeit hier zu veröffentlichen: Beginnen möchte ich mit dem Aktuellsten, einem dreitägigen Trip in die Wüste mit einer anderen Volontärin aus dem Norden, Theresia.

Schon im Voraus hatten uns einige (auch nicht völlig zu Unrecht) für verrückt erklärt, zu dieser Jahreszeit noch in die Wüste zu fahren, aber es gab eben ein paar Dinge, die Theresia und ich unbedingt noch sehen wollten und kälter wird es in den verbliebenen 2,5 Monaten auch nicht mehr werden….

  
In Israels Museen sieht man sie ständig: Soldaten in
ihrer Einführungswochen
Los ging es am Sonntagmorgen mit einer ewig langen Busfahrt, die gar nicht so lange gewesen wäre, hätten wir jeweils alle Busse und die jeweiligen Anschlussbusse bekommen. Haben wir allerdings nicht und so kamen wir erst ziemlich spät bei unserem Ziel an, dem Kibbuz Sde Boker, der von Obstgärten in einer ansonsten extrem kargen aber auch extrem schönen Wüstenlandschaft umgeben wird. Berühmt wurde der Kibbuz durch David Ben Gurion, nach dem nicht nur jede zweite Straße in Israel benannt ist, sondern der auch 1948 Israels Unabhängigkeit erklärte und der erste Premierminister des Landes wurde.

In dem Kibbuz kann man sich das Haus anschauen, in dem er lebte und sich von dort aus auch nach seiner Amtszeit sehr für die Begrünung der Wüste (die er als die Zukunft Israels erachtete) einsetzte. Vom Kibbuz aus fuhren wir nach Midreshet Ben Gurion, einem Campus der Universität von Beersheva, in dem haupsächlich – wozu auch sonst – zum Thema Wüste, Wüstenerschließung und Wasserversorgung in der Wüste geforscht wird. Eine Freundin von Theresias Mitarbeiterin hatte uns angeboten, in ihrem Apartment zu übernachten. Der ganze Campus ist wie ein Kibbuz aufgebaut: man betritt ihn durch ein gelbes Tor (das nur alle Jubeljahre von einem Bus angefahren wird…), er liegt mitten im Nirgendwo und außer einem Postamt und einer Falafelbude gibt es nur einen Pub, in dem sich abends alle Einwohner tummeln. Die Einwohner allerdings sind alles Studenten, die auf dem Campus Vorlesungen haben und Forschungsprojekte vor Ort betreiben.
Hinter dem Kibbuz liegt der Zin Canyon, auf den man einen tollen Blick. Vor allem der Sonnenuntergang ist toll, wenn die Klippen hell beleuchtet werden und man das Gefühl hat, wirklich mitten im Nirgendwo gelandet zu sein. 

 
Der Zin Canyon

Am nächsten Morgen machten wir uns schon sehr früh auf den Weg, um den Machtesh Ramon, Israels größten Krater (8 km breit, 40 km lang und 380 m hoch) noch bei erträglichen Temperaturen zu durchwandern. Kaum zu ertragen waren die Temperaturen allerdings auch um 8 Uhr schon kaum noch und war man den Krater einmal hinuntergestiegen, lief man Kilometer weit einfach geradeaus und da es so flach war und man weit sehen konnte, hatte man das Gefühl, kaum von der Stelle zu kommen. Dafür war die Kulisse atemberaubend schön: um einen herum nichts als steinige Wüste und der Krater, in dessen Mitte man lief. Am Morgen hatten wir noch einige Steinböcke gesehen, je wärmer es wurde, desto weniger Tiere sah man allerdings, von Menschen ganz zu schweigen. Unsere Route hieß Carpenter’s Trail, Werkstatt des Zimmermanns, weil Gesteinsformationen, die man passiert, an Holz das Holz eines Zimmermanns erinnern. Diesen Vergleich konnten wir nicht ganz nachvollziehen, waren aber sehr zufrieden mit unserer Wahl, da wir einen guten Eindruck von dem Krater bekamen und nach elf Uhr auch wirklich kein Bedürfnis verspürten, noch einen weiteren Schritt in der Hitze zu machen.




Blick auf den Machtesh; Gesteinsformationen im Krater;
zutrauliche Steinböcke in Mizpe

Irgendwo im Nirgendwo: auf einer durch den
Krater führenden Landstraße
Die Wanderroute war zwar geschafft, allerdings waren wir noch lange nicht wieder in Mizpe Ramon, der Stadt, von der aus wir gestartet waren. Die Straße, an der der Weg endete, war alles andere als befahren: minutenlang kamen überhaupt keine Autos vorbei und eine Bushaltestelle war leider auch nicht in Sicht. Ein Busfahrer, der erst in Mizpe Ramon seine Tour beginnen wollte, hatte glücklicherweise Mitleid, hielt an und ersparte uns somit einen ordentlichen Sonnenbrand.
Zurück in Mizpe lagen wir Ewigkeiten einfach nur im Schatten, um uns etwas zu erholen und die Mittagszeit zu überbrücken. Neben dem Besucherzentrum gab es einen kleinen Wüstenzoo, in dem Skorpionen, Adler und andere Tiere des Negev leben. Im Besucherzentrum machten wir das ganze Touristenprogramm durch (wir hatten wirklich kein Lust, weiter in der Sonne zu schmoren) und schauten uns jeden dort verfügbaren Film an. In einem ging es ebenfalls um Tiere, die in der Wüste leben und wir waren ganz froh, den Film erst nach der Wanderung gesehen zu haben: Schlangen, Füchse und sogar Leoparden hätte ich nämlich nicht so gerne getroffen…

Im Kibbuz-Pub wurde am Abend das Fußballspiel übertragen und wir mussten feststellen, dass die Israelis besser über die einzelnen Spieler, ihre jeweilige Verfassung und die Chancen des Teams Bescheid wussten als wir…

Die Ruinen von Shivta mitten in der Wüste
Auch gestern Morgen machten wir uns schon früh auf den Weg, was sich am Vortag als Vorteil erwiesen hatte. Unser Ziel war die Nabatäerstadt Shivta, die im 1. Jhd. v. Chr. gegründet wurde und noch ziemlich gut erhalten ist. Eine Bekannte unserer Gastgeberin war für uns netterweise einen Umweg gefahren und hatte uns in den entlegenen Nationalpark gebracht. Dort allerdings waren wir völlige alleine: die Ruinen Shivtas waren schon von Weitem zu sehen, allerdings sah man weit und breit niemanden. Ein einziges Auto stand auf dem Parkplatz, auf dem wir uns etwas mehr Andrang erwartet hätten: Shivta gehört schließlich zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auch um das Gasthaus herum fanden wir niemanden und als wir anklopften, kam eine verschlafene Frau heraus, die uns mitteilte, momentan seien keine Gäste da. Das Auto gehörte einem Südafrikaner, der außer uns der einzige Gast in dem Park war. Er bot auch an, uns bis zur nächsten größeren Straße mit zurückzunehmen, die immerhin 8 km entfernt lag. Als wir mit der Besichtigung Shivtas fertig waren, war sein Auto allerdings weg und es war kein einziger neuer Besucher gekommen und in den beiden Stunden unseres Aufenthalts auch kein einziges Auto auf der Straße vorbeigefahren. Wir standen also in einem Haufen Ruinen mitten in der Wüste, um uns herum keine Menschenseele und kein Schatten, aber immerhin genügend Wasser.
Der mürrischen Frau im Gasthaus ohne Gäste konnten wir noch mehr Wasser abkaufen, allerdings hatte auch sie keine wirklich Idee, wie wir zurückkommen könnten. Mit etwas Glück könnten wir trampen, ansonsten müssten wir wohl die 4,5 km bis zur Armee Basis laufen und von dort aus einen Bus nehmen.



Eine der drei gut erhaltenen Kirchen von Shivta;
Wüstenlandschaft


Dass mit dem Trampen konnte sie wohl nicht ganz ernst gemeint haben, schließlich fuhren den ganzen Tag keine Autos die Straße entlang. Uns blieb also nichts anderes übrig, als loszulaufen: durch die Mittagshitze, über die asphaltierte Straße, die niemand nutzte, und durch eine atemberaubend schöne Wüstenlandschaft, für die wir uns in den 70 Minuten des unerträglichen Wanderns allerdings nicht begeistern konnten. Zum Glück mussten wir unterwegs nicht aufs Klo, man hätte die Straße nämlich nicht verlassen dürfen, da drum herum mal wieder Minenfelder waren. Die Armee-Basis schien immer sehr nah, da man sie schon aus Kilometer weiter Entfernung sehen konnte. Einmal sahen wir einen Bus dort halten und hatten schon Angst, es sei vielleicht der einzige, der dort am Tag vorbeifuhr. In einem Bus voller Soldaten, auf den wir nicht lange hatten warten müssen, fuhren wir weg aus dieser menschenverlassenen Gegend, die durchaus einen Besuch lohnt. Allerdings NUR MIT AUTO!

Die Gräber von David und Paula Ben Gurion
Zurück in Midreshet Ben Gurion liefen wir noch zum Gartengrab von Ben Gurion und Paula, von wo aus man einen tollen Blick auf den Canyon und den Fluss Zin hat, durch das schon Moses sein Volk führte. Sie haben es auch ohne Auto geschafft…

Auf der Rückfahrt von Beersheva nach Tel Aviv konnten wir schon wieder über unsere unfreiwillige Wüstenwanderung lachen, trotzdem empfehle ich jedem, den Negev besser per Auto zu erkunden. Und vielleicht auch nicht im Juni…





Blick auf die Klippen des Zin Canyons



Mittwoch, 4. Juni 2014

Allgemeines über Israel oder: Mein zweiter Rundbrief

Shalom chaverim,

hier auch noch mein zweiter Rundbrief von Feburar, der etwas allgemeiner über Israel spricht und Euch auch interessieren könnte. Viel Spaß beim Lesen!



Shalom Chaverim,
Liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierte,


Euch und Ihnen allen sende ich beste Grüße aus Israel. Auch im Februar haben wir hier meist solide

20°. Das Schneechaos, von dem sogar im deutschen Fernsehen berichtet wurde, war also auch ganz
schnell wieder vorbei…
Heute, in meinem zweiten Rundbrief, erzähle ich etwas über das Land, die Kultur, die Politik, die
Religion sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Sich auf wenigen Seiten über ein so schwer
verständliches Land wie Israel auszulassen, ist alles andere als einfach, ich werde es trotzdem mal
versuchen.

Um Israel wirklich zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. All die Kriege, die es seit seiner
Staatsgründung (den ersten schon wenige Stunden danach) geführt hat, tragen nämlich zu dem bei,
was das Land heute beschäftigt: der israelisch‐palästinensische Konflikt hat seine Wurzeln in den
50er‐Jahren und der Friedensprozess kommt nur sehr schleppend voran. Nach wie vor streitet man
sich um territoriale Gebiete und beide Parteien erheben nicht ohne Grund Anspruch auf sie.
Aber nicht nur die Geschehnisse seit der Staatsgründung beeinflussen das heutige Leben in Israel:
auch das Thema Holocaust ist hier noch präsent, wenn auch vielleicht weniger, als man es in
Deutschland denken würde: Schüler treffen regelmäßig auf Holocaust‐Überlebende, obwohl gerade
die jüngere Generation betont, sich nicht über ihre Vergangenheit definieren zu wollen.
In der Politik allerdings findet der Holocaust noch sehr oft Erwähnung. Als vor wenigen Tagen der EU Parlamentspräsident Martin Schulz eine Rede in der Knesset, dem israelischen Parlament, auf
Deutsch hielt, erschien einer der Abgeordneten gar nicht erst. Folgendes war seine Begründung: "Ich
werde während der Rede abwesend sein, weil es unpassend ist, dass im Parlament des jüdischen
Staates eine Rede in der Sprache gehalten wird, in der unsere Eltern in die Eisenbahnwaggons und in
die Krematorien gestoßen wurden."


Blick auf Jenin: über die Hälfte der Stadt ist Flüchtlingscamp
Als Deutsche in Israel sollte man sich – aus gutem Grund – sensibel verhalten und auch eher vorsichtig Kritik üben. Trotzdem versuchen wir Volontäre, den Konflikt zumindest von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten. 

Vor einigen Tagen war ich mit einer Freundin in Jenin, einer Stadt im Westjordanland und Schauplatz der Zweiten Intifada.Wenn man mit den Menschen dort redet und hört, wie hart für sie das Leben unter israelischer Besatzung ist und wie grausam die Verluste sind, die sie erlitten haben, so ändert sich die eigenen Haltung zum Konflikt.
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle noch die Armee, einfach weil sie auch im Alltag eine große Rolle spielt: anfangs war es etwas gewöhnungsbedürftig, in einem Bus zu sitzen, in dem sich mehr bewaffnete Soldaten als Zivilisten befinden und beim Betreten von Krankenhäusern, Einkaufszentren oder größeren Bushaltestellen wie auf einem Flughafen durchleuchtet zu werden (von den Checkpoints, also den Grenzübergängen zwischen Israel und Palästina ganz zu schweigen…). Mittlerweile hat man sich an den Anblick der grünen Uniformen gewöhnt und gerade in Jerusalem geben sie mir sogar eine Art Sicherheit. 
Wenn wir übers Militär reden, sind wir bei einem der Hauptunterschiede zwischen Deutschland und
Israel angelangt: in Israel werden alle Jugendliche im Alter von 18 Jahren für drei Jahre (Männer) bzw.zwei Jahre (Frauen) eingezogen. Heutzutage ist es immer noch schwer, den Militärdienst zu
verweigern, allerdings ist es im Vergleich zu früher leichter geworden. Meiner Meinung nach merkt
man gerade Israelis im Alter von 20‐30 Jahren an, ob sie beim Militär waren oder nicht. Das mag
einerseits an den oftmals traumatischen Erfahrungen liegen, die sie zu ernsteren Menschen machen,
aber auch daran, dass in der Armee vor allem eins gelehrt wird: Disziplin und Liebe zum Land Israel.
Wer allerdings denkt, die Israelis seien allzu ernst, liegt völlig falsch: es sind in der Regel sehr offene
und entspannte Menschen, die die Dinge ziemlich locker angehen. Was ich besonders erstaunlich
finde: viele verbringen freiwillig vier statt zwei bzw. drei Jahre in der Armee, arbeiten danach oft zwei (!) Jahre ehrenamtlich in einer sozialen Einrichtung und gehen dann noch auf große Reise, bevorzugt nach Südostasien oder Südamerika. Und trotzdem gibt es in Israel unverhältnismäßig viele
Nobelpreisträger und Start‐up Unternehmen. Kurzgefasst: Man geht es hier locker an, aber schafft es
trotzdem weit!


Zentrum der Bahai-Religion: Haifa
In Israel leben – und auch das sollte keine Überraschung sein – Menschen aus allen Kontinenten, die ihre jeweiligen Traditionen mitbringen und die israelische Gesellschaft kulturell bereichern. In Ra’anana, wo ich als Volontärin arbeite, leben vor allem aus Amerika, Südafrika und Frankreich
stammende Juden. Andere Städte sind dafür russisch geprägt und in wieder einer anderen hat man das Gefühl, in Afrika gelandet zu sein. Bestimmt Gruppierungen bleiben stark unter sich.
Man findet hier allerdings nicht nur Menschen verschiedenster Herkunft, sondern auch
verschiedener Religionen: Juden, Muslime, Christen, Drusen und Bahai. Dass diese religiöse Vielfalt
oftmals mehr ein Gegeneinander als ein Miteinander ist, brauche ich denke ich nicht zu erklären…
Schon mehrfach habe ich hier eine Redewendung gehört, die das Leben in den drei größten Städten
gut auf den Punkt bringt. „In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet und in Tel Aviv gelebt.“
In Israel sind die Dinge in der Regel etwas komplizierter als anderswo und so überrascht es wahrscheinlich nicht, dass sich nicht einmal eine eindeutige Antwort darauf geben lässt, welche denn
nun die Hauptstadt ist: Israel erklärt West‐Jerusalem zu seiner Hauptstadt, was international nicht
anerkannt ist: In dem Teilungsbeschluss von 1947 (es ging damals um die Teilung des damaligen
Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat) hat Jerusalem nämlich einen sog.
Internationalen Status und wird – theoretisch – von den Vereinten Nationen verwaltet. Sämtliche
Botschaften befinden sich daher in Tel Aviv – zum Ärger der Israelis.

Karmel-Gebirge bei Haifa
Die Vielfalt Israels spiegelt sich nicht nur in seiner Bevölkerung wider, sondern zeigt sich auch in der Landschaft. Man kann hier – etwas überspitzt ausgedrückt – morgens in den grünen Golanhöhen wandern, mittags am Mittelmeer schwimmen und abends ein Lagerfeuer in der Wüste genießen.
Diese politische, religiöse, ethnische, kulturelle und landschaftliche Vielfalt machen Israel in meinen Augen so interessant und nach sechs Monaten im Heiligen Land ist die Liste der Orte, zu denen ich noch reisen möchte, eher länger als kürzer geworden.


Viele liebe Grüße aus Israel,

LOTTE

Verschiedenes über Israel oder: Mein dritter Rundbrief

Shalom chaverim,

da ich momentan krank bin, kann ich Euch leider nicht mit neuen Reiseberichten oder lustigen Momenten bei der Arbeit unterhalten. Dafür bin ich aber endlich dazu bekommen, meinen dritten Rundbrief zu schreiben, den ich auch hier veröffentliche: ein bisschen was von Israel aus den verschiedensten Bereichen. Viel Spaß beim Lesen!



Shalom chaverim,
Liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierte!

Es sind tatsächlich nur noch weniger als drei Monate, bis ich mich wieder auf deutschem Boden befinden werde! Darüber möchte ich lieber noch gar nicht nachdenken, sondern lieber die verbliebene Zeit genießen.
Für den dritten und damit vorletzten Rundbrief hatten wir keine thematische Vorgabe. Es gibt viele Themen, über die man auch jeweils viel schreiben könnte, ich habe mir aber überlegt, lieber ein paar Dinge herauszusuchen, die Israel so besonders machen, und sie jeweils kurz zu erklären:

Vielfalt, Vielfalt und noch mehr Vielfalt:

Das Wort Vielfalt passt in Israel in vielerlei Hinsicht, insbesondere kulturell und landschaftlich. Bei letzterem möchte ich anfangen. Israel und die palästinensischen Gebiete sind zusammen gerade mal so groß wie Hessen, trotzdem findet man eine äußerst abwechslungsreiche Natur. Im Norden liegen die (eigentlich zu Syrien gehörenden, aber 1967 von Israel annektierten) Golanhöhen mit dem Berg Hermon, dem einzigen Skigebiet Israels in einer ansonsten sehr grünen und hügeligen Landschaft. Ganz im Süden liegt Eilat am Roten Meer mit einem wunderschönen Korallenriff, umgeben wird es von der Negev-Wüste, die mehr als die Hälfte der Fläche Israels einnimmt, aber auch keine einseitige Landschaft darstellt: Dünen, Wadis, eine Kraterlandschaft und Oasen sorgen hier für Abwechslung. Die mediterrane Küstenlinie besteht von der Grenze zum Gaza-Streifen im Süden bis hoch zur nördlichen Grenze zum Libanon fast durchgehend aus meist schmalen Sandstränden. Nicht zu vergessen: das Tote Meer, dessen hohe Salzgehalt es erlaubt, auf der Wasseroberfläche zu schwimmen.

Israels Bevölkerung setzt sich aus Menschen aus den verschiedensten Ländern zusammen, genau genommen: aus über 140 Ländern! Die Sephardim, Einwanderer aus Arabien und dem Maghreb, bilden mehr als die Hälfte der Einwanderer. Die Ashkenasim, vorwiegend aus Europa, aber auch aus den USA und Ozeanien stammende Juden, sind die beruflich und wirtschaftlich erfolgreichste Einwanderungsgruppe. In den letzten Jahren hat die Einwanderung afrikanischer Juden immer weiter zugenommen, vor allem aus Eritrea, dem Sudan und Äthiopien. Immerhin 1 Mio. der insgesamt 8 Mio. Israelis stammen aus der ehemaligen UdSSR – auf den Straßen hört man deshalb häufig russisch.

Tel Aviv und Jerusalem – zwei Welten treffen aufeinander:

Mit dem Bus liegen die beiden größten Städte Israels keine zwei Stunden voneinander entfernt, trotzdem sind sie so unterschiedlich, wie zwei Städte nur irgendwie sein können: Tel Aviv, das New York des Nahen Ostens, ist eine gerade mal 104 Jahre alte Stadt mit einem unvergleichlichen Nachtleben. Es zieht vor allem junge, säkulare Menschen an, die das lockere Leben hier genießen, vormittags am Strand und Abends in einer der zahlreichen Kneipen.
Jerusalem ist seit über 5000 Jahren besiedelt, deutlich ehrwürdiger und vor allem: religiöser. Für Juden, Muslime und Christen ist Jerusalem ein heiliger Ort. Doch das Zusammenleben verläuft keineswegs reibungslos und die Jerusalem-Frage, also die Frage, ob Jerusalem denn nun zu Israel oder zu Palästina – oder zu beiden - gehört, ist eines der Haupthindernisse auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten.  



Meine Schwestern und ich in Tel Aviv,
Felsendom und Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt


Umweltschutz oder eher: Umweltschmutz

Ich möchte keineswegs ein schlechtes Bild des typischen Israelis zeichnen, aber eine positive Eigenschaft kann man ihm leider nicht nachsagen: ökologisches Bewusstsein. Ein ausgiebiger Konsum von Plastikbechern, -tellern, -messern, - löffeln, -tüten und –verpackungen steht hier auf der Tagesordnung. Sofortiges Wegschmeißen ist selbstverständlich.
Auch in anderen Bereichen zeigt sich der lockere Umgang mit knappen Ressourcen. Dass Israel unter Wasserknappheit leidet, ist kein Geheimnis, trotzdem werden in allen wohlhabenden Ortschaften an jeder Ecke Parks und Grünanlagen errichtet – natürlich auch in der Wüste. Das Tote Meer wird vom Jordan gespeist wird, aus dem allerdings jede Menge Wasser für die Bewässerung  genommen wird.So singt der Wasserspiegel des Toten Meeres jedes Jahr um 1 m und soll Berechnungen zufolge schon 2050 ausgetrocknet sein – die Israelis sollten also dringend anfangen, sich mehr für die Umwelt einzusetzen.
In Israel hört man – vielleicht auch nicht völlig zu Unrecht – immer wieder folgenden Einwand: Israel hat andere Sorgen. Und damit wäre ich auch schon beim nächsten Thema…

Israels Sicherheit:

Fürs Israels Sicherheit wird im Ausland wie im Inland gesorgt. Und das kommt man zu spüren, wenn man hier lebt: einerseits sind da natürlich die vielen Soldaten, die man überall sieht. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass eigentlich alle Jugendlichen unseres Alters für zwei bzw. drei Jahre bei der Armee sind. Dass wir hier mitten in einem Konfliktherd leben, bekamen wir ganz am Anfang zu spüren: kurz nach unserer Ankunft im August hatte der Konflikt mit Syrien dramatische Ausmaße angenommen und es sah ganz nach einem amerikanischen Militärschlag gegen Syrien aus – auf den Syriens Verbündeter Iran wohlmöglich mit einem Vergeltungsschlag gegen Israel reagiert hätte. Dementsprechend holten alle ihre Gasmasken raus und plötzlich war man doch etwas beunruhigt…
Ansonsten wird der Alltag trotzdem wenig von der unruhigen Lage tangiert: ab und zu gibt es einen Probealarm, bei dem alle in den Bunker rennen müssen, und in Einkaufszentren, Museen, Krankenhäusern und größeren Bushaltestellen wird man in der Regel durchleuchtet. Aber an all das gewöhnt man sich schnell: seine Tasche öffnet man automatisch, hält sie kurz dem Wachmann hin, der einen gelangweilten Blick hineinwirft, und weiter geht’s.

Irgendwie widersprüchlich: die Ultraorthodoxen:

Von Israels Straßen sind sie nicht mehr wegzudenken: die Ultraorthodoxen. Noch bilden sie mit nur 10% der Bevölkerung eine eindeutige Minderheit – aber eine schnell wachsende. Und das könnte sich für Israel als Problem erweisen: Die Ultraorthodoxen leisten keinen Wehrdienst, gehen in der Regel keiner Arbeit nach und leben somit auf Kosten des Staats. Den allerdings lehnen sie mit der Begründung ab, ein jüdischer Staat könne nur vom Messias gegründet werden und so hissen manche an nicht-religiösen Feiertagen schwarze Flaggen.
Aber das ist nur ein Beispiel für die vielen Komplexitäten und Widersprüchlichkeiten, die es in diesem Land gibt und die mit zu seiner Faszination beitragen.
Es bleibt weiter spannend!

Beste Grüße aus Israel,

Lotte 

Sonntag, 1. Juni 2014

Diesmal aber richtig! oder: Hebron aus nächsten Nähe

Auf dem Souq in Hebron

Shalom chaverim,

wie schon angekündigt, möchte ich heute von Hebron berichtet. Vor einigen Wochen habe ich einen Post mit dem Titel „ Die Stadt der Patriarchen oder: Warum ich in Hebron keine Bilder machen konnte“ veröffentlicht. Dieser kurze Eindruck, nur aus dem Auto heraus, wird der Stadt nicht gerecht und so stimmte ich sofort zu, als Milena, eine Freundin von mir, vorschlug, von Bethlehem aus mit einem Service einen Tagesausflug nach Hebron zu machen. (Service sind das palästinensische Pendant zu den israelischen Sheruts, also auch große Sammeltaxis, die wenig kosten und erst losfahren, sobald sie voll besetzt sind.)

Ein israelischer Wachturm
Die Eindrücke von diesem einzigen Tag und das beklemmende Gefühl, das sie hinterlassen, sind schwer in Worte zu fassen. Ich habe schon einmal erwähnt, dass ich in dem Konflikt weder für Israelis noch für Palästinenser Partei ergreifen will, da es schwer ist, die unfassbar komplexe Situation zu verstehen und richtig zu bewerten. Deshalb versuche ich einfach kurz und knapp zu schildern, was wir aus nächster Nähe gesehen haben: In Hebron leben 160 000 Palästinenser und 600 Siedler, außerdem sind hier 2000 Soldaten stationiert, die die Aufgabe haben, die Siedler zu bewachen. Auf die Stadt verteilt gibt es verschiedene israelische Siedlungen, eine von ihnen, die mitten in der Altstadt liegt, ist besonders heftig umstritten. Milena und ich liefen durch den wuseligen Souq, der so voller Farben und Gerüche war, wie man es von anderen arabischen Märkten her kennt. Auf einem der Häuser der Altstadt sah man allerdings etwas, das so gar nicht ins Bild zu passen schien: ein gelber Wachturm mit einer großen israelischen Flagge. Ein Händler erklärte uns, dass dieser Wachturm am Rande besagter Siedlung liege. Wartete man ein bisschen, sah man auf dem Dach Soldaten umherlaufen, die auf den Markt herunterschauten. Von der Dachterrasse des Hauses des Händlers konnte man in die Siedlung hineinschauen: auf der einen Seite eine Synagoge, davor eine Art Spielplatz, auf dem ultraorthodoxe Frauen (erkennbar an ihren Perücken und der konservativen Kleidung) mit kleinen Kindern saßen, auf der anderen Seite ein Basketballplatz, auf dem kleinen Kinder mit Kippa und Schläfenlöckchen spielten. Dahinter, ungefähr auf gleicher Höhe wie die Dachterrasse des Haus des Händlers, war eine Art Plattform, auf der die Soldaten umherliefen. Hinter der Dachterrasse, auf der wir standen, befand sich ein hohes Haus, das ebenfalls zur Siedlung gehört, aber unmittelbar an das Haus des Palästinensers angrenzt. Eine ziemlich unwirkliche Situation: unten die Araber, die auf dem trubeligen Markt Obst und Gemüse kaufen, hier oben die Siedler, die von Soldaten bewacht ebenfalls ihren Alltag leben.
Dass dieses Zusammenleben auf engstem Raum keineswegs reibungslos verläuft, brauche ich denke ich nicht zu erwähnen. Immer wieder wurden uns – ob wir danach fragten oder nicht – Geschichten von Übergriffen erzählt, von willkürlichen Verhaftungen, fliegenden Steinen und Flaschen.

Läuft man entlang der breiten Straße um die zentrale Siedlung herum, hat man das Gefühl, sich in einer Geisterstadt zu befinden: die Läden, ursprünglich auch Teil des arabischen Marktes, wurden vor Jahren geschlossen und man darf sie nur noch nach Passkontrollen durch das Militär betreten.

Die die Siedlung von der Altstadt trennende "Geisterstraße"


Rechts das Grab Isaaks, links das seiner Frau Rebekka
Auch der Platz um die große Moschee mit den Gräbern der Patriarchen ist unter militärischer Kontrolle. Anders würde es wohlmöglich auch nicht gehen: Sowohl Juden als auch Muslime verehren den Ort und so werden zwei Säle der Moschee als Synagoge genutzt. Die Gräber von Isaak, Rebekka und Sarah befinden sich in der Moschee, die Gräber von Jakob und Lea in der Synagoge und das Grab Abrahams in einem Raum, in den man sowohl von der Moschee also auch von der Synagoge aus reinschauen kann. In der Moschee, die man nur mit speziellen, alles bedeckenden Gewändern betreten darf, sieht man wunderschöne Imitarsenarbeiten. Hier und überall in der Altstadt laufen selbsternannte Tourguides herum, die hartnäckig versuchen, einem eine Führung anzudrehen – man merkt, dass die Wirtschaft am Boden ist. Da Samstag war, durfte man die Synagoge nicht betreten.

Von Synagoge und Moschee aus sichtbar:
das Grab Abrahams

 Zurück auf dem Souq (auf Arabisch spricht man ihn übrigens Schouq aus Hebräisch Souq aus) kauften wir Unmengen an Gewürzen, Nüssen und anderem Zeugs, das wir nicht wirklich brauchten, da alles – gerade im Vergleich zu Tel Aviv – extrem günstig ist. Man muss allerdings aufpassen, dass einem nicht ausversehen ein „Toda“ (Danke) oder ein anderes Wort auf Hebräisch herausrutscht. Damit würde man sich hier sicher nicht beliebt machen…

Auf dem Souq