Shalom chaverim,
hier auch noch mein zweiter Rundbrief von Feburar, der etwas allgemeiner über Israel spricht und Euch auch interessieren könnte. Viel Spaß beim Lesen!
Shalom Chaverim,
Liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierte,
Euch und Ihnen allen sende ich beste Grüße aus Israel. Auch im Februar haben wir hier meist solide
20°. Das Schneechaos, von dem sogar im deutschen Fernsehen berichtet wurde, war also auch ganz
schnell wieder vorbei…
Heute, in meinem zweiten Rundbrief, erzähle ich etwas über das Land, die Kultur, die Politik, die
Religion sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Sich auf wenigen Seiten über ein so schwer
verständliches Land wie Israel auszulassen, ist alles andere als einfach, ich werde es trotzdem mal
versuchen.
Um Israel wirklich zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. All die Kriege, die es seit seiner
Staatsgründung (den ersten schon wenige Stunden danach) geführt hat, tragen nämlich zu dem bei,
was das Land heute beschäftigt: der israelisch‐palästinensische Konflikt hat seine Wurzeln in den
50er‐Jahren und der Friedensprozess kommt nur sehr schleppend voran. Nach wie vor streitet man
sich um territoriale Gebiete und beide Parteien erheben nicht ohne Grund Anspruch auf sie.
Aber nicht nur die Geschehnisse seit der Staatsgründung beeinflussen das heutige Leben in Israel:
auch das Thema Holocaust ist hier noch präsent, wenn auch vielleicht weniger, als man es in
Deutschland denken würde: Schüler treffen regelmäßig auf Holocaust‐Überlebende, obwohl gerade
die jüngere Generation betont, sich nicht über ihre Vergangenheit definieren zu wollen.
In der Politik allerdings findet der Holocaust noch sehr oft Erwähnung. Als vor wenigen Tagen der EU Parlamentspräsident Martin Schulz eine Rede in der Knesset, dem israelischen Parlament, auf
Deutsch hielt, erschien einer der Abgeordneten gar nicht erst. Folgendes war seine Begründung: "Ich
werde während der Rede abwesend sein, weil es unpassend ist, dass im Parlament des jüdischen
Staates eine Rede in der Sprache gehalten wird, in der unsere Eltern in die Eisenbahnwaggons und in
die Krematorien gestoßen wurden."
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| Blick auf Jenin: über die Hälfte der Stadt ist Flüchtlingscamp |
Als Deutsche in Israel sollte man sich – aus gutem Grund – sensibel verhalten und auch eher vorsichtig Kritik üben. Trotzdem versuchen wir Volontäre, den Konflikt zumindest von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten.
Vor einigen Tagen war ich mit einer Freundin in Jenin, einer Stadt im Westjordanland und Schauplatz der Zweiten Intifada.Wenn man mit den Menschen dort redet und hört, wie hart für sie das Leben unter israelischer Besatzung ist und wie grausam die Verluste sind, die sie erlitten haben, so ändert sich die eigenen Haltung zum Konflikt.
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle noch die Armee, einfach weil sie auch im Alltag eine große Rolle spielt: anfangs war es etwas gewöhnungsbedürftig, in einem Bus zu sitzen, in dem sich mehr bewaffnete Soldaten als Zivilisten befinden und beim Betreten von Krankenhäusern, Einkaufszentren oder größeren Bushaltestellen wie auf einem Flughafen durchleuchtet zu werden (von den Checkpoints, also den Grenzübergängen zwischen Israel und Palästina ganz zu schweigen…). Mittlerweile hat man sich an den Anblick der grünen Uniformen gewöhnt und gerade in Jerusalem geben sie mir sogar eine Art Sicherheit.
Wenn wir übers Militär reden, sind wir bei einem der Hauptunterschiede zwischen Deutschland und
Israel angelangt: in Israel werden alle Jugendliche im Alter von 18 Jahren für drei Jahre (Männer) bzw.zwei Jahre (Frauen) eingezogen. Heutzutage ist es immer noch schwer, den Militärdienst zu
verweigern, allerdings ist es im Vergleich zu früher leichter geworden. Meiner Meinung nach merkt
man gerade Israelis im Alter von 20‐30 Jahren an, ob sie beim Militär waren oder nicht. Das mag
einerseits an den oftmals traumatischen Erfahrungen liegen, die sie zu ernsteren Menschen machen,
aber auch daran, dass in der Armee vor allem eins gelehrt wird: Disziplin und Liebe zum Land Israel.
Wer allerdings denkt, die Israelis seien allzu ernst, liegt völlig falsch: es sind in der Regel sehr offene
und entspannte Menschen, die die Dinge ziemlich locker angehen. Was ich besonders erstaunlich
finde: viele verbringen freiwillig vier statt zwei bzw. drei Jahre in der Armee, arbeiten danach oft zwei (!) Jahre ehrenamtlich in einer sozialen Einrichtung und gehen dann noch auf große Reise, bevorzugt nach Südostasien oder Südamerika. Und trotzdem gibt es in Israel unverhältnismäßig viele
Nobelpreisträger und Start‐up Unternehmen. Kurzgefasst: Man geht es hier locker an, aber schafft es
trotzdem weit!
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| Zentrum der Bahai-Religion: Haifa |
In Israel leben – und auch das sollte keine Überraschung sein – Menschen aus allen Kontinenten, die ihre jeweiligen Traditionen mitbringen und die israelische Gesellschaft kulturell bereichern. In Ra’anana, wo ich als Volontärin arbeite, leben vor allem aus Amerika, Südafrika und Frankreich
stammende Juden. Andere Städte sind dafür russisch geprägt und in wieder einer anderen hat man das Gefühl, in Afrika gelandet zu sein. Bestimmt Gruppierungen bleiben stark unter sich.
Man findet hier allerdings nicht nur Menschen verschiedenster Herkunft, sondern auch
verschiedener Religionen: Juden, Muslime, Christen, Drusen und Bahai. Dass diese religiöse Vielfalt
oftmals mehr ein Gegeneinander als ein Miteinander ist, brauche ich denke ich nicht zu erklären…
Schon mehrfach habe ich hier eine Redewendung gehört, die das Leben in den drei größten Städten
gut auf den Punkt bringt. „In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet und in Tel Aviv gelebt.“
In Israel sind die Dinge in der Regel etwas komplizierter als anderswo und so überrascht es wahrscheinlich nicht, dass sich nicht einmal eine eindeutige Antwort darauf geben lässt, welche denn
nun die Hauptstadt ist: Israel erklärt West‐Jerusalem zu seiner Hauptstadt, was international nicht
anerkannt ist: In dem Teilungsbeschluss von 1947 (es ging damals um die Teilung des damaligen
Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat) hat Jerusalem nämlich einen sog.
Internationalen Status und wird – theoretisch – von den Vereinten Nationen verwaltet. Sämtliche
Botschaften befinden sich daher in Tel Aviv – zum Ärger der Israelis.
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| Karmel-Gebirge bei Haifa |
Die Vielfalt Israels spiegelt sich nicht nur in seiner Bevölkerung wider, sondern zeigt sich auch in der Landschaft. Man kann hier – etwas überspitzt ausgedrückt – morgens in den grünen Golanhöhen wandern, mittags am Mittelmeer schwimmen und abends ein Lagerfeuer in der Wüste genießen.
Diese politische, religiöse, ethnische, kulturelle und landschaftliche Vielfalt machen Israel in meinen Augen so interessant und nach sechs Monaten im Heiligen Land ist die Liste der Orte, zu denen ich noch reisen möchte, eher länger als kürzer geworden.
Viele liebe Grüße aus Israel,
LOTTE