Heute waren Judith und ich nochmal am Strand von Herzliya –
denn ja, es sind immer noch 28°… Sämtlichen Muskelgruppen an meinem Körper
gefiel das Schwimmen allerdings gar nicht, denn mir tut noch so ziemlich jede
Bewegung weh. Bei der Arbeit wurde ich von einer der Guides schon als „Old
Polish woman – always complaining“ bezeichnet. Zu beklagen gibt es hier alles
in allem aber wirklich wenig. Sicherlich hat sowieso das Liegen in der
Sonne den Muskelkater gelindert…
| Der Strand von Herzliya |
Wie schon lange angekündigt, berichte ich nun endlich von unserer Arbeit mit den Friends. Mittlerweile ist es entschieden, dass ich im Blue und Judith im Green House arbeite, worüber ich sehr froh bin. Mit den Friends ist jeder Tag anders, was nicht nur daran liegt, dass sie einen immer wieder aufs Neue mit irgendwelchen Talenten, Launen oder Ideen überraschen, sondern auch daran, dass ihnen hier in Beit Perry ein wirklich abwechslungsreiches Programm geboten wird. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, über jeden Wochentag im Laufe der Zeit einen eigenen kleinen Bericht zu schreiben.
Los geht die Woche mit Jom Rishon, Sonntag, dem ersten
Arbeitstag für die Friends. Einer der Friends aus dem Blue House arbeitet nicht
in Hadassim wie die anderen, sondern bei Nokia – er zählt somit zu den
‚fähigsten‘. Er kommt schon um 15:45 nach Beit Perry und dann koche ich mit ihm
Kaffee und bereite den Aruchat Chamesh, den 5-Uhr-Snack vor, der aus
Joghurt, Kaffee und Obst besteht. Mit ihm mache ich dementsprechend schon dann Seder
Jom, den Plan des Tages. Jeder der Friends bespricht mit einem Guide, was
an diesem Tag noch ansteht. Teilweise haben sie Karten mit Symbolen (wie z.B.
einem Basketball oder einer Dusche), die sie dann an eine Wand pappen. Andere
schreiben in eine Tabelle die verschiedene Aktivitäten, je nachdem, wie gut sie
schreiben und reden können.
Nachdem wir Seder Jom auch mit den Friends, die erst um 16:00 kommen, beendet haben, gehen wir mit ihnen nach oben in die Zimmer, wo sie sich für den Sport umziehen. Was
Waschen betrifft, ist man hier wirklich sehr penibel: für den Sport wird sich
verständlicher Weise umgezogen, aber warum danach für die zwei Stunden bis zum
Schlafengehen wieder neue Klamotten (die am Abend wieder gewaschen werden)
genommen werden, und warum der Schlafanzug täglich in die Wäsche kommt, sehe
ich nicht so ganz ein.
Sobald die Friends sich umgezogen haben, setzen wir uns
zusammen in die gemütliche Sitzecke im Wohnzimmer. In der Regel sind wir drei
Guides, von den sechs Friends ist öfters mal einer für einen Nachmittag bei
seinen Eltern. Zuerst gibt es Sitkansut, eine Art Gesprächsrunde, bei
der wir die Friends einzeln fragen, wie es ihnen geht, wo sie heute waren
(überraschender Weise ist die Antwort immer die Selbe) und was es zu essen gab.
Neulich hat der wohl schlauste Friend zur House Managerin gesagt, er verstehe
nicht, warum sie alle nach dem Essen frage – schließlich hätten doch alle das
gleiche gehabt. Die Friends werden dazu aufgefordert, miteinander zu reden.
Dementsprechend fragen sie sich gegenseitig, wie ihr Tag war. Das klingt
simpel, ist es allerdings nicht. Man muss einen Friend explizit ansprechen und
ihm in der Regel genau sagen, welche Frage er welchem Friend stellen soll.
Häufig müssen wir sie dazu auffordern, den Friend auch wirklich anzuschauen –
für Autisten alles andere als selbstverständlich!
Nach dem 5-Uhr-Snack, beginnen wir mit Jetzirah,
Basteln, über das ich an anderer Stelle mehr schreiben werde. Leider darf ich
von den Friends keine Bilder veröffentlichen, ich werde bei Gelegenheit aber
mal fotografieren, was sie Künstlerisches fabrizieren. Während des Bastelns
gehen drei der Friends nacheinander zur Einzel-Therapie, die allerdings in den
Räumlichkeiten von Beit Perry stattfindet.
| Da mehrere der Guides nebenbei Kunst studieren, kommen beim Basteln oftmals schöne Dinge raus, wie hier beispielsweise Mosaike |
Um sechs Uhr geht es dann zum - von manchen verhassten -
Sport. In der Gym gehen sie für eine Dreiviertelstunde aufs Laufband, den
Crosstrainer oder aufs Fahrrad. Ein Trainer von außerhalb stellt für sie die Geräte
ein. Und dann geht es für uns los: Was den Sport, betrifft, haben zwei der
Friends erhebliche Motivationsprobleme. Einer von ihnen ist zwar ständig
glücklich (was sich darin äußert, dass er die Arme in die Luft wirft und
lustige Geräusche macht), aber trotzdem ist so Ausdauersport schon was Doofes.
Da ein Laufband mit einem Klick schnell gestoppt sind, haben wir uns
verschiedene Methoden überlegt, ihn vom Unterbrechen abzuhalten. Auf die
Tastatur haben wir ein Stück Pappe gelegt, doch die hatte er schnell weggeworfen.
Als nächstes wurde die Pappe mit Tesa-Film angeklebt, aber er hat – wenn auch
mit ein bisschen mehr Aufwand – die Pappe wieder weggerissen. Also Pappe mit
Tesa-Film anklebt und darauf ein schweres Brett gelegt. Das hat tatsächlich
funktioniert! Doch eines schönen Tages kam der Friends – nach vielen
Brett-Beseitigungsversuchen – auf die Idee, das Laufband nicht zu stoppen,
sondern sich einfach auf den Rand zu stellen! Dementsprechend bleibt uns nichts
anderes übrig, als uns neben den Friend zu stellen, das Brett festzuhalten und
mit ihm zu schimpfen, sobald er versucht, das Laufband zu verlassen – seine
gute Laune allerdings ist geblieben und er schmeißt immer noch regelmäßig die
Arme in die Luft und sagt sinnlose Sätze wie „Die Mutter und der Vater“,
„Pfannkuchen“, „Die reformierte Synagoge“ oder „Schokolade von der Firma
Elite.“
Nach dem Sport geht’s unter die Miklachat, die
Dusche. Danach gibt es Abendessen und nach der Harpaia, der
allabendlichen Entspannung mit Musik bekommen sie Kadorim, die Tabletten.
Als letztes bringen wir sie ins Bett und wünschen ihnen eine Lajla Tov,
eine gute Nacht.
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