Make Hummus Not Walls

Make Hummus Not Walls

Mittwoch, 7. Mai 2014

Zwei Nächte im Golan oder: Happy Birthday, Israel!

Blick vom Berg Bni-Rasan im Golan, im Hintergrund sieht man Syrien

Shalom chaverim,

dieses Wochenende wurde zur Abwechslung wieder gereist, dieses Mal in den äußersten Nord-Westen – Syrien immer in Sichtweite. Der Golan wurde während des Sechstagekrieges 1967 von Israel annektiert. Syrien fordert das Gebiet immer wieder zurück, worauf Israel allerdings nicht eingeht; viel zu wichtig ist die strategische Bedeutung. Der Streit um den Golan ist somit eines der Haupthindernisse auf dem Weg zum Frieden im Nahen Osten.
Nähert man sich dem Golan vom Süden oder der Küste her, fährt man am See Genezareth vorbei durch Tiberias. Die Gegend ist sehr grün und je weiter man in den Norden kommt, desto grüner und hügeliger wird es. Aber auch einsamer: die Menschen, die den Golan besiedeln, leben meist in Kibbuzim. Vom Bus aus sieht man unzählige Gedenktafeln, die an gefallene Soldaten erinnern und gelbe Schilder, die einen vor Minenfeldern abseits der Straße warnen.

Im Kibbuz Merom Golan
In Kiryat Shmona – bekannt aus den Nachrichten als das Ziel von Artillerieangriffen der PLO und Raketenabschüssen der Hisbollah – musste ich eine halbe Ewigkeit auf den Anschluss-Bus warten. Die Gegend ist – wie zu erwarten – nicht gerade die beliebteste Wohngegend und so fahren auch nur selten Busse. Am Shabbat genau einer.
Im Kibbuz Merom Golan traf ich auf Milena und Malin, zwei Volontärinnen, und deren Freundin, Tabea. Die Nacht hatten wir theoretisch zelten wollen und die drei hatten im Kibbuz nach einer geeigneten Stelle gefragt, wegen der Minenfelder sollte man schließlich nicht überall sein Zelt aufschlagen. Dort waren wir eingeladen worden und bekamen die Gästewohnung zur Verfügung gestellt – mit Dusche, ein ziemlicher Luxus, wenn man bedenkt, dass wir eigentlich zelten wollten... Die Mentalität im Golan unterscheidet sich meiner Meinung nach sehr von der im restlichen Land; die Menschen waren unglaublich hilfsbereit und überhäuften uns mit Proviant und Ratschlägen. Die schwierige Situation schweißt wohl zusammen…



Kein seltener Anblick im Golan: Panzer,
Warnungen vor Minenfeldern

Eichenwald
Am nächsten Morgen ging es früh los. Wir hatten uns die dritte und wohl schönste Etappe des aus sieben Etappen bestehenden Golantrail, einem insgesamt 120 km langen Wanderweg, vorgenommen. Zuerst ging es den Berg Bental hoch – in der morgendliche Hitze keine leichte Angelegenheit. Oben gab es ein Café und zuallererst wurde gepicknickt. Der Blick von oben auf die grüne hügelige Landschaft mit dem Mount Hermon, dem höchsten Berg Israels, war allerdings nur scheinbar friedlich: das nächste von hier aus sichtbare Dorf lag gehörte nämlich schon zu Syrien, Damaskus war gerade mal 60 km entfernt. Auf dem Aussichtspunkt gab es Skulpturen schießender Soldaten, ab und zu musste man einen großen Schritt machen, um nicht in eine der Schießscharten zu fallen. Wartete man lang genug, konnte man sicher sein, auch die ein oder andere Explosion zu hören. Noch wirkte die Gefahr allerdings sehr weit weg…
Am Fuße des Berges wanderten wir weiter durch Kirschplantagen, Eichenwälder und an Basaltblöcken vorbei – eine für mich bis dahin noch völlige unbekannte Seite Israels.


Aussichtspunkt auf dem Berg Bental;
 diese Vögel begegneten einem ständig

Wein- und Käseverkostung in Ein Ziwan
Nach 9 km erreichten wir Ein Ziwan, ebenfalls ein Kibbuz mitten im Nirgendwo. Der Kibbuz ist touristisch erschlossen und es gibt sogar eine Schokolaterie und eine Weinerei. In letzterer wurden wir eingeladen an einer Verkostung teilzunehmen. Malin und Tabea lagen völlig erschöpft im Schatten, Milena und ich nahmen das Angebot allerdings gerne an – es gab schließlich auch leckeren Ziegenkäse und dunkles Brot, absolute Luxusgüter für Wanderer, die sich sonst nur von Trockenfrüchten und Nüssen ernähren. Der Wein zeigte durch die Hitze allerdings schnell Wirkung und so wollten Milena und ich voller Tatendrang noch den nächsten Berg hochlaufen. Malin und Tabea waren allerdings zu erschöpft und bauten so schon einmal das Zelt auf einer Kuhwiese in der Nähe der Kibbuz auf. Milena und ich liefen also alleine den Berg Bni-Rasan hoch, oben gab es wieder einen tollen Blick auf die umliegenden Felder, die von der tiefstehenden Sonne gold beleuchtet wurden. Die Gefahr wirkte hier allerdings doch schon etwas realer: Zwischen uns und Syrien lag nur noch die sogenannte Pufferzone, die weder zu Syrien noch zu Israel gehört. Die Explosionen häuften sich und unser Abstieg wurde von Maschinengewehr-Schüssen begleitet. Besonders beunruhigend war, dass man sie zwar hören konnte, allerdings keine Ahnung hatte, wo sie fielen… Da wir eh das Tagesziel erreicht hatten, beschlossen wir, uns auf den Rückweg zu machen.




Ein schon zu Syrien gehörendes Dorf; grün, blau, weiß:
die Markierung des Golantrails; ebenfalls
kein seltener Anblick: Kuhherden 

 Um acht Uhr abends – wir waren mittlerweile wieder beim Zelt angekommen – gab es eine sehr laute Sirene wie am Holocaust-Gedenktag. Am Montag war Memorial Day, an dem der gefallenen Soldaten gedacht wurde, und dieser wurde – wie alle israelischen Feiertage – am Vorabend eingeleitet. Von Kibbuzniks waren wir zu der Andacht am Abend eingeladen worden: es wurden Reden gehalten, gesungen und der Gefallenen gedacht – einige stammten aus dem Kibbuz.

Schießscharte auf dem Berg Bental
Dort putzten wir uns auch noch schnell die Zähne, abends wurde schließlich das Tor geschlossen und wir mussten warten, bis ein Auto raus fuhr und wir mit rauslaufen konnten. Je weiter wir uns vom Kibbuz entfernten, desto mulmiger wurde uns. Den ganzen Tag schon waren uns auf den Straßen, die wir gekreuzt hatten, fast ausschließlich Panzer und die weißen Autos von Mitarbeitern der Vereinten Nationen begegnet. Jetzt allerdings waren nur noch Panzer unterwegs und auch unser Zelt stand neben einem – hoffentlich zur Ruhe gesetzten – Panzer. Diese begegnen einem ständig im Golan, häufig auch auf abgelegenen Kuhwiesen.




Da es so dunkel war, hatten wir erst einmal Probleme, unser Zelt zu finden. Die Explosionen häuften sich immer mehr, jetzt hörte man sie nicht nur, sondern sah sie auch: für wenige Sekunden leuchtete der Himmel auf. Da es erst neun Uhr war und wir alle viel zu aufgeregt waren, um schlafen zu gehen, setzten wir uns draußen auf die Picknickdecke und zündeten eine Kerze an, um die Batterien sämtlicher Taschenlampen und Handys zu schonen. Zu allem Überfluss ist momentan im Golan auch noch Schlangenzeit, wann immer man sich irgendwo hinsetzt, sollten man den Untergrund lieber gründlich checken. Oft hörte man auch das Gejaule von Füchsen und Kojoten, einmal war es eine ganze Herde, die nicht weit von uns im Chor aufjaulte und wir vier waren wie nichts im Zelt. Malin hatte glücklicherweise ein Gerät dabei, das bei Knopfdruck einen hellen, sehr unangenehmen Laut von sich gibt, der Tiere abschreckt und der in jener Nacht ziemlich häufig zum Einsatz kam.
In den Nacht hörten wir das Tapsen irgendwelcher Tiere vor dem Zelt, Malin meinte, es sei ein gleichmäßiges Geräusch gewesen und deshalb wohl eher eine Schlange – so genau wollten wir es gar nicht wissen.

Auch ihnen begegnet man ab und zu: Schildkröten
Am nächsten Morgen – wir alle waren froh, die Nacht heil überstanden zu haben – fuhren wir nach Qatzrin, die sehr neue und sehr hässliche Hauptstadt des Golans, wo wir während des Wartens auf den Bus wieder die Sirene miterlebten. Im ersten Moment schreckten wir natürlich zusammen – man war schließlich im Golan und es hätte auch gut einen Bombenalarm geben können – allerdings zeigte die Sirene nur die Schweigeminute für den Memorial Day an. Wieder fuhren alle Autos an den Straßenrand, die Menschen stiegen aus und verweilten reglos neben ihren Fahrzeugen, um der vielen gefallenen israelischen Soldaten zu gedenken.

In Beit Perry angekommen hatte ich kaum Zeit zu duschen. Es war nämlich nicht nur Memorial Day, sondern auch der Vorabend des Independence Day, der in Israel sehr groß gefeiert wird. Die Friends waren mit Plastikhammern, kleinen Fähnchen und Hüten – alle mit dem Muster der israelischen Flagge – schon bestens ausgestattet, um Israels 66. Geburtstag zu feiern.
Mittlerweile ist es im Heim Tradition, dass die Eltern allen Friends und Guides einen Restaurantbesuch spendieren. Es wurde sehr typisches Essen serviert: viele kleine Vorspeisenteller mit Hummus, Salaten und eingelegtem Gemüse, dazu Falafelbällchen, Kebab und Hühnchen. Da sich jeder von den in den Mitte stehenden Tellerchen bedienen konnte, mussten wir aufpassen, dass keiner der Friends maßlos zuschlug – was uns natürlich nicht vollständig gelang. Einige der Friends, die Probleme haben, längere Zeit still zu sitzen, sprangen während des Essens auf und liefen umher – kamen aber immer wieder vorbei, um ein riesiges Pitabrot vom Tisch zu mopsen. Besonders süß fand ich es, als einer der Friends nach dem Essen aufstand, seinen Teller nahm und die Küche suchte – Manieren haben sie also doch!

Am Abend traf ich mich mit ein paar Freunden in Tel Aviv, hier wurde der Independence Day auf eine ganz andere Art gefeiert. Wir hatten überlegt, in welchen Club wir am besten gehen würden, allerdings stellte sich schon bald heraus, dass die ganze Innenstadt eine einzige Party-Meile war. Die Jugendlichen tanzten ausgelassen auf den Straßen, besonders Ausgelassene machten auch vor Autos nicht halten, sprangen auf sie drauf und tanzten dort mit der israelischen Flagge. Die Autofahrer waren übrigens nicht mal genervt, sondern hupten begeistert im Takt der Musik. Apropos Flagge: in Israel ist die Fahne eh sehr präsent, um den Independence Day herum hing sie aber wirklich von jedem Balkon, flatterte an jedem Auto und bis dahin freiem Mauerstück.

Auf Balkonen legten Leute Musik auf, Bars hatten ihre Theken nach draußen verlegt und auch auf Häuserdächern fand die ein oder andere Party statt. Da es extrem warm war, wurde die gesamte Nacht durchgefeiert. Am nächsten Morgen gingen wir in Tel Aviv brunchen und beobachteten die Tel Aviknis bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: in Cafés sitzen, quatschen, sehen und gesehen werden. Wie vielseitig ein einziges Wochenende doch sein kann! 


Wir vier auf dem Berg Bental: Entfernung nach Jerusalem: 240 km,
Damaskus 60 km und Bagdad 800 km

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen