Make Hummus Not Walls

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Donnerstag, 24. Juli 2014

Momentane Situation in Israel oder: Ein typisches Wochenende in Beit Perry

Shalom chaverim,

es gib nicht wirklich etwas Neues zu berichten: vier Tage lang hatten wir in Ra’anana keinen Alarm mehr, diese Stille wurde allerdings heute Morgen durch zwei Alarme innerhalb von 20 Minuten unterbrochen. Die Zahl der Toten im Gaza-Streifen nimmt dramatische Ausmaße an, aber bei uns auf der Arbeit herrscht auch eine komische Atmosphäre: in den Nachrichten (die im Moment den ganzen Tag lang im Hintergrund laufen), werden regelmäßig die Bilder der gefallenen und identifizierten israelischen Soldaten gezeigt. Nicht selten kommt es vor, dass einer der Mitarbeiter auf ein Bild zeigt und sagt „Mit ihm bin ich zur Schule gegangen,“ „Das ist der Cousin eines Freundes.“ In einem so kleinen Land wie Israel überrascht das nicht.

Der Bunkerraum im Blauen Haus
Mittlerweile haben viele Airlines ihren Flugverkehr nach Tel Aviv eingestellt, was nicht gerade beruhigend ist. Trotzdem fühlen wir uns immer noch nicht akut bedroht und haben sowieso nicht vor, auszureisen. Viel mehr kann ich zu der aktuellen Situation auch nicht sagen, aber die Bilder, die einen aus dem Gaza-Streifen erreichen, sind schockierend und man merkt, wie sehr das Land sich in der Frage, ob die Bodenoffensive gerechtfertigt ist, spaltet. Ständig finden in Tel Aviv Proteste linker und rechter Gruppen statt. Die einen finden es falsch von Israel, im Gaza-Streifen so hart vorzugehen, wo die Leute sich doch kaum wehren können – Goliath kämpfe gegen David. Andere wiederum haben genug von den ständigen Raketenangriffen, die vielleicht in ein paar Wochen verstummen werden, aber in wenigen Monaten wohlmöglich wieder beginnen könnten.
Man kann nur hoffen, dass die diplomatischen Bemühungen Ägyptens und der USA endlich Früchte tragen werden…

So, chaverim, jetzt etwas ganz anderes: in weniger als einem Monat werde ich das Land hier schon verlassen (ich hoffe, dass ich nicht vorzeitig hier raus muss…). Langsam merke ich, wie mir die Zeit davon rennt und deshalb möchte ich mich ranhalten und noch davon berichten, wie ein typisches Wochenende bei der Arbeit abläuft.

In Israel erstreckt sich das Wochenende auf Freitag und Samstag, an diesen Tagen also arbeiten auch die Friends nicht, sondern bleiben im Projekt. Viele von ihnen verbringen das ganze Wochenenden bei ihren Familie, aber viele – und es sind leider auch immer die gleichen – werden fast nie mit nach Hause genommen.
An einem Wochenende im Monat (dem Ausflugswochenende)bleiben fast alle Friends in Beit Perry, an einem anderen sollen alle bei ihren Familien sein. Sind die Friends aber da, sieht ein Freitag bei uns ungefähr so aus:

Die Friends dürfen theoretisch dann aufstehen, wann sie wollen, nur mit Hagai ist es immer wieder ein Kampf, da er uns auch um 11 Uhr und nach zahlreichen Versuchen, ihn aufzuwecken, noch ein genervtes „noch fünf Minuten“ entgegen ruft und per se nicht aufstehen möchte. Die anderen kommen meistens gegen neun Uhr runter bzw. lassen sich dann problemlos wecken. Die erste Stunde ist meistens sehr ruhig, was für uns Guides angenehm ist - vor allem, wenn man Donnerstag Abends noch unterwegs war… Gerade Jonathan und Ilan stehen aber gerne schon früher auf und stehen um Punkt acht hoch motiviert und voller Tatendrang vor uns.
Mit den Friends bereiten wir das Frühstück (meistens bestehend aus Salat, Brot und Eiern in irgendeiner Form) für halb 10 vor. Bis zur Chug, der Aktivität an diesem Tag, ist Freizeit. Wir puzzeln, spielen Memory, schauen Fernsehen, machen die Wäsche oder lesen mit den Friends. Die Chug am Freitag heißt „Sound and Movement“: die Friends bekommen Tücher, mit denen sie vorgemachte oder selbst ausgedachte Bewegungen ausführen sollen. Bis vor kurzem gab es Freitag eine Yoga-Stunde und niemand weiß so wirklich, warum diese durch „Sound and Movement“ ausgetauscht wurde – die neue wird von allen etwas belächelt…
Bis zum Mittagessen ist wieder Freizeit, die für Verschiedenes genutzt werden kann. Häufig kommen Eltern vorbei, bleiben entweder, um ihre Kinder für eine Stunde zu besuchen oder holen sie ab oder bringen sie von einem kleinen Ausflug zurück. Am Wochenende verläuft jeder Tag anders und manchmal steht man am Ende einer Schicht plötzlich nur noch mit drei Friends da – aber mit sechs Guides.
Nach dem Mittagessen schicken wir die Friends gerne für eine Stunde ins Bett – die Wochenend-Schichten können mitunter sehr anstrengend sein, gerade wenn es keine Chug gibt und wir das gesamte Programm selbst gestalten müssen. Um drei Uhr mittags endet bzw. beginnt eine Schicht. Da wir sowohl vormittags als auch nachmittags arbeiten können, beschreibe ich allerdings beide.

Ist am Samstag Ausflugstag und sind fast alle Friends in Beit Perry, dann gibt es am Freitagnachmittag Kabalat Shabat, was so viel wie „Den Shabat begrüßen“ heißt. Hierzu kommen drei Leute aus der Reformierten Synagoge nebenan und singen mit den Friends Lieder, die sich alle um den Shabat drehen. Auch diese Aktivität wird von den einzelnen Friends als sehr unterschiedlich empfunden: manche singen begeistert und laut mit (so laut, dass wir schon dazwischen gehen müssen, da andere Friends sonst genervt sind) und tanzen wild durchs Wohnzimmer. Andere sitzen stumm auf dem Sofa und schauen zu und wieder andere verstehen zwar nicht wirklich, worum es gerade geht, aber klatschen begeistert in die Hände und erfreuen sich an der Musik und all den glücklichen Menschen.
Gibt es kein Kabalat Shabat, so haben wir den ganzen Nachmittag Zeit, mit den Friends zu machen, was wir wollen. Häufig machen wir dann einen Spaziergang, entweder alle zusammen oder ich schnappe mir einen, der gerade sehr aktiv erscheint, und laufe mit ihm etwas durch Ra’anana. Habe ich es schon länger nicht mehr zum Sport geschafft und habe gerade selber das Bedürfnis, mich etwas zu bewegen, so fällt meine Wahl stets auf Jonathan: er ist der jüngste und sportlichste von den Friends. Ein Spaziergang mit ihm ist eher eine schnelle Walking-Tour, da er anfangs zwar begeistert dabei ist, aber nach der Hälfte oft unruhig wird, so weit von Beit Perry entfernt zu sein. Ist man mit Jonathan unterwegs, muss man sich allerdings auch auf die ein oder andere Frage gefasst machen: „Wann essen wir Abendessen?,“ „Geht es nächsten Dienstag ins Schwimmbad?,“ „Wer hat die Nachtschicht?,“ „Wo befindet sich dieser und jener Friend?“…

Häufig starten wir am Freitag auch eine große Bastelaktion: für die Keramik-Stunde am Donnerstag werden Kacheln vorbereitet (sprich zerschlagen), wir basteln Karten für jemanden, der Beit Perry bald verlassen wird oder bekleben Holzbretter, Klopapierrollen oder was sich sonst so finden lässt.

Die Abende am Wochenende gleichen normalen Abenden unter der Woche: es wird gegessen, geduscht, Pillen werden verteilt und während der Harpaia hören die Friends eine Stunde lang Musik, die sie beruhigen und auf das Einschlafen vorbereiten soll.
Der Verlauf eines Samstags unterscheidet sich kaum von dem eines Freitags. Meistens sind noch weniger Friends da, da der Shabat der wichtigste Tag der Woche ist und man ihn eigentlich mit seiner Familie verbringen soll.
Am ersten Samstag des Monats – über solche Events habe ich auch an anderer Stelle schon einmal berichtet – gibt es immer einen Ausflug: ins Kino, in einen Park, ins Museum… Ja, ins Museum! Vor kurzem waren wir mit den Friends im Eretz Israel Museum in Tel Aviv, das sich der Geschichte und Archäologie Israels und Palästinas widmet. Es gibt dort elf verschiedenen Pavillons, zum Beispiel über Münzen, Keramiken oder die Geschichte der Post. Vor kurzem war ich in dem Museum mit Judith und wir haben uns die Pavillons und die Mosaike, die auf dem Gelände verteilt sind, angeschaut. (Leider sind nur die Photos unauffindbar…). Ebenfalls gibt es dort die Ausgrabungen von Tel Qasile, einer Philister-Stadt aus dem 12. Jhd. v. Chr. mit zwölf übereinanderliegenden Siedlungen. Für die Friends allerdings wäre all das nichts: wir haben uns stattdessen eine temporäre Ausstellung über Wildnis-Photografie angeschaut. Nicht, dass ich viel von Zoologie verstehen würde, aber die Friends denken tatsächlich in sehr einfachen Kategorien, was Tiere betrifft: Adler wurden von ihnen als Vögel bezeichnet und fast jedes Tier mit vier Beinen war entweder eine Katze oder ein Hund. Die Friends bekamen Karten, auf denen jeweils ein Stück Stoff, Plastik oder ein anderes Material drauf war und sollten herausfinden, welches Tier ein ähnliches Fell bzw. eine ähnliche Haut hat. Ihnen diese Aufgabe auf Hebräisch zu erklären, war allerdings alles andere als einfach…


In einem zum Museum gehörenden Workshop wurde noch etwas gebastelt und danach gab es auf der Wiese ein kleines Picknick mit Hot Dogs – das eigentliche Highlight des Tages!

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