Make Hummus Not Walls

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Donnerstag, 7. August 2014

Hoffen auf Frieden oder: Der Countdown läuft...

Das Bild sagt, denke ich, alles: das Leben in der Tel Aviver "Blase" geht ganz normal weiter...


Shalom chaverim,

ja, ich weiß: es ist lang her! Die lange Unterbrechung liegt nicht daran, dass nichts Neues passiert wäre (wer die Nachrichten im Fernsehen verfolgt, weiß, dass in kaum einer Region der Welt gerade so ich viel passiert wie hier), sondern daran, dass ich in weniger als zwei Wochen ausreisen werde. In dieser kurzen Zeit will man natürlich noch so allerhand sehen, jede Menge Leute ein letztes Mal treffen und sich von lieb gewonnenen Dingen und Orten verabschieden. Der Countdown bis zu meiner Rückreise läuft…

Ob das nur für ultra-orthodoxe Familien gilt? Eltern-sollen-
ihre-Kinder-an-die-Hand-nehmen-Hinweis in Tel Aviv

Wie Ihr sicherlich festgestellt habt, bin ich in den letzten Wochen kaum verreist, was a) daran liegt, dass ich auf meiner Liste der Dinge, die ich hier unbedingt sehen wollte, eigentlich alles abgehakt habe, b) momentan äußerst unruhige Zeiten sind und die Region, in der ich lebe, wohl noch eine der sichersten ist und c) es unglaublich heiß ist und man sich jeden Schritt doppelt überlegt.

Blick von der Promenade Richtung Yafo
Eine der Sachen, die ich allerdings noch unbedingt machen wollte, habe ich mir trotzdem nicht nehmen lassen: einmal die wunderschöne Strandpromenade von Tel Aviv entlang joggen. Gestern Abend war ich bei meinem israelischen Freund (der praktischerweise fünf Minuten vom Meer entfernt wohnt) und da es den ganzen Tag über zu heiß war, sind wir eben um zwei Uhr nachts losgelaufen. Warm war es immer noch, aber vom Meer her kam ein angenehmer Wind und man musste nicht ständig den grünen Miet-Fahrrädern oder rücksichtslosen Touristen ausweichen.  

Auf einem Konzert in Tel Aviv
Mein Tagesrhythmus – und an sich bin ich Frühaufsteher – hat sich ebenfalls dem Wetter angepasst und so kommt es nicht selten vor, dass ich erst nach zwei Uhr schlafen gehe (mich um sechs Uhr früh für die Wake-up-Schicht aus dem Bett quäle) und dann bis zum Mittag weiterschlafe. Dieser verschobenen Schlafrhythmus hat auch den Vorteil, dass man das wunderbare Tel Aviver Nachtleben ausnutzen kann: durch meinen Freund, Michael, habe ich auch jede Menge Israelis kennengelernt und verbringe momentan mehr Zeit in Tel Aviv als in Ra‘anana.

Apropos Ra‘anana: in den letzten Wochen habe ich jeweils nur noch drei Schichten gearbeitet, um die letzte Zeit hier optimal nutzen zu können und mich langsam von den Friends zu verabschieden. Die sechs sind mir in dem Jahr unglaublich ans Herz gewachsen und auch wenn wir sie als Friends bezeichnen, habe ich eher mütterliche als freundschaftliche Gefühle für sie. Ich helfe ihnen beim Nägelschneiden, ermahne sie, wenn sie sich bekleckern oder ihre Suppe schlürfen und mache mir Sorgen, wenn Hagai schon wieder so nervös ist, dass er nicht mehr einschlafen kann…

Mit einer Freundin - die übrigens auch Charlotte heißt -
am Strand. Israelische Freunde haben uns erklärt, dass das
Buch "Das doppelte Lottchen" im Hebräischen 
allerdings "Die doppelte Ora" heißt.
Was ist sonst so passiert in den letzten Wochen? Der Strand ist glücklicherweise mit Unterschlupfmöglichkeiten im Falle eines Alarms gut ausgestattet und das Wasser bietet eine willkommene Erfrischung bei der Hitze. Bald allerdings beginnt Quallenzeit und man sollte gut aufpassen… Im Übrigen habe ich vor ein paar Tagen die Zusage für meinen Wunschstudienplatz Jura in Münster bekommen und freue mich nun schon auf Studienbeginn. Dort hat es letztens allerdings so stark geregnet, dass auf dem Platz vor der Uni ein kleiner See entstanden ist und zwei Menschen ertrunken sind. Als ich vor ein paar Tagen am Strand von Tel Aviv lag, habe ich schon mit etwas Bedauern festgestellt, bald die wunderbare Mittelmeerküste mit alljährlichem Sonnenschein zu verlassen und gegen einen Ort einzutauschen, in dem es dermaßen regnet….

Jetzt aber noch ein paar Worte zur momentanen Lage: es sieht tatsächlich so aus, als würde die vereinbarte 3-tägige Waffenruhe anhalten. Würde einer Verlängerung zugestimmt, gäbe es auch mehr Zeit, sich zumindest vorerst zu einigen. Die Reservisten kehren erschöpft zurück und ganz Israel merkt man die Erleichterung an. 
Trotzdem: selbst wenn die Waffenruhe verlängert wird, Soldaten nicht mehr kämpfen und man zu einer Einigung kommt: Frieden herrscht hier noch lange nicht. Es gibt – und das habe ich in dem Jahr hier immer wieder festgestellt – sehr viele Hindernisse für einen dauerhaften Frieden: wie kann man es hinbekommen, dass die Menschen im Gaza-Streifen freier und selbstbestimmter leben können, ohne dass dadurch Israels Sicherheit gefährdet wird? Und wie sieht es im Westjordanland aus? Kann die Besatzung einfach so aufgeben werden ohne Israel angreifbarer zu machen? Und was ist mit Jerusalem? Wem gehört die Stadt, wessen Hauptstadt soll sie sein und wie kann man garantieren, dass Anhänger aller Religionen Zugang zu ihr haben ohne dass Gewalt ausbricht? Was soll mit den Siedlungen passieren? Wie sollen die Grenzen verlaufen? Was passiert mit den palästinensischen Flüchtlingen, die in Camps im Gaza-Streifen, im Westjordanland, aber auch zum Beispiel in Jordanien leben? Inwieweit können sie nach Israel zurückkehren?

Eine Lösung für all diese Fragen wäre überfällig und ich selber kann keine einzige beantworten. Da das hier kein politischer Blog ist, möchte ich dazu auch nicht Stellung beziehen. Klar ist aber, dass es auf beiden Seiten engagierte, kompromissbereite und mutige Politiker geben müsste, die sich auf Rückhalt in ihrer Bevölkerung verlassen können und die bereit sind, einen Schritt auf die anderen zuzugehen.

Denn auch, wenn die nächsten Monate erst einmal keine Raketen mehr fliegen werden: der Status-Quo ist für alle unhaltbar. 

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