| Der Platz vor der Cinematheque: Schon wenige Minuten nach dem ersten Alarm ging das Leben hier ganz normal weiter |
Shalom chaverim,
eine sehr bewegte Zeit erleben wir hier gerade, das hat
durch die Nachrichten wohl schon jeder mitbekommen. Ich hätte auch schon längst
gebloggt, hätte ich nicht die letzten zehn Tage Besuch gehabt.
Der Konflikt zwischen Israel und der Hamas spitzt sich jeden
Tag weiter zu, von einer Spirale der Gewalt sprechen die meisten Journalisten.
Ausgelöst wurde alles durch die Entführung und Ermordung der drei jüdischen
Schüler im Westjordanland und der Verbrennung eines palästinensischen
Jugendlichen in der Nähe von Jerusalem. Der Konflikt, der anfangs auf dem
Rücken der Kinder ausgetragen wurde, betrifft nun die Bevölkerung auf beiden
Seiten: die Zahl der Toten im Gaza-Streifen – und bei den Toten handelt es sich
überwiegend um Zivilisten – ist auf über 200 geklettert und auch in Israel
haben wir seit Tagen ständig Raketenalarm, der einen verunsichert und bei jedem
Autohupen und jeder zuknallenden Tür zusammenzucken lässt.
| Rebekka und ich in unserem Lieblings-Bücher- Café auf der King George |
Für einen Israel-Besuch gibt es natürlich bessere Zeiten,
aber die Situation im Nahen Osten ändert sich nun einmal ständig und so ist es
immer schwer vorherzusagen, wie es denn in ein paar Monaten aussehen wird. Für
Rebekka, die selbst bis März für ein halbes Jahr Volontärin in Israel war, war
diese Krisen-Situation allerdings auch neu.
Nach Jerusalem – insbesondere in die Altstadt – empfiehlt es
sich schon seit Wochen nicht mehr zu fahren: hier gibt es ständig
Straßenschlachten, Steine werden geworfen und es kommt vermehrt zu Anfeindungen
auf den Straßen.
Die Wüste sollte man momentan auch meiden: hier landen die
meisten Raketen, die übrigens nur abgewehrt werden, wenn sie auf bewohnte
Gebiete zielen. In den ersten Tagen des zugespitzten Konflikts gingen wir noch
davon aus, problemlos in den Norden fahren zu können, der von Raketen aus dem
Gaza-Streifen nicht erreicht werden kann. Doch dann kamen plötzlich auch
Raketen aus dem Libanon und auch aus Syrien und plötzlich war nichts mehr so
wirklich sicher.
Zwei der Volontärinnen aus meiner Organisation reisen noch
in dieser Woche aus. Sie arbeiten südlich von Tel Aviv, einer Region, die näher
am Gaza-Streifen liegt und in der es entsprechend häufiger Alarm gibt. Dort
mussten sie die letzten Nächte mit den Autisten im Bunker bzw. in unmittelbarer
Nähe dazu verbringen, da man, je näher man am Gaza-Streifen wohnt, auch weniger
Zeit hat, in einen Bunker zu flüchten. Für die beiden war der psychische Druck
zu groß, was ich sehr gut nachvollziehen kann.
Bei uns, nördlich von Tel Aviv, ist es nicht ganz so dramatisch,
aber auch wir haben mittlerweile täglich Alarm. Ertönt der Alarm, hat man 90
Sekunden Zeit, in den Bunker zu laufen, dort soll man für zehn Minuten bleiben,
da sonst die Gefahr besteht, von herabfallenden Raketenteilen getroffen zu
werden. Das israelische Abwehrsystem, der Iron Dome, operiert wie gesagt nur in
bewohnten Gebieten, hat aber angeblich eine Erfolgsrate von 87%. Die aus dem
Gaza-Streifen abgefeuerten Raketen werden von einem Radar-Gerät wahrgenommen
und die Raketen vom Iron Dome abgeschossen. Auch mitten in Tel Aviv haben
herabfallende Raketenteile schon Schäden angerichtet.
| Diese Wolke ist entstanden, als der Iron Dome eine Rakete abgeschossen hat |
Beim ersten Alarm – wir hatten gerade vom Auswärtigen Amt
eine Mail erhalten, auch der Großraum Tel Avivs und nicht nur die Zone von 40km
um den Gaza-Streifen könne Ziel der Raketen werden- waren wir gerade auf einem belebten Platz in
Tel Aviv. Es war unser erster ‚richtiger‘ Alarm (also kein Probealarm) und wir
rannten allen Leuten hinterher in ein Kino. Auch die Tel Aviknis waren
verunsichert und nahmen diesen ersten Alarm sehr ernst. Am Himmel konnte man
noch Minuten später eine Wolke sehen, die entstanden war, als der Iron Dome die
eintreffende Rakete abgeschossen hatte. Nachdem Rebekka und ich den Bunker
verlassen hatten (wir waren deutlich länger geblieben als die Israelis),
standen wir ein paar Minuten etwas schockiert und verunsichert auf dem Platz,
schauten in den Himmel und reifen Verwandte und andere Volontäre an. Schon da
viel uns auf, wie viel lockerer die Israelis mit der Bedrohung umgehen: Leute
hielten an, sagten uns, wir sollten nicht so ein Gesicht machen, das sei in
einer Woche schon wieder vorbei und generell, sowas passiere doch ständig.
An verschiedenen Stellen habe ich schon geschrieben, dass
das Leben in Tel Aviv wie in einer Blase ist, aber
nie konnte man es so gut
sehen wie jetzt. Das Leben geht schon eine Minute nach Alarm normal weiter,
Leute treffen sich auf Hausdächern, um den Raketen zuzuschauen und es werden
Wetten abgeschlossen, ob die Hamas – wie einmal angekündigt – es denn auch wirklich
schaffen würde, Tel Aviv ab neun Uhr abends pünktlich zu befeuern. Leute sitzen
am Strand, in Cafés, schauen Fußball und bräunen sich. Und all das, obwohl Tel
Aviv erklärtes Ziel täglichen Beschusses ist. Da die Raketen sehr ungenau
zielen, ist der gesamte Großraum betroffen.| Bilder einer scheinbaren Normalität: In der Nahalat Binyamin in Tel Aviv; am Strand von Herzliya und beim Fußball-Gucken |
Bei unserem ersten Alarm in Beit Perry in Ra’anana schliefen
Rebekka und ich noch, bei unserem zweiten stand ich praktischerweise gerade
unter der Dusche und hörte ihn zuerst gar nicht. Der Alarm geht allerdings
immer nur sehr punktuell los und so hört man oft gar keinen Alarm, wohl aber
eine dumpfe Explosion im Hintergrund, die klar macht, dass nicht weit von einem
gerade etwas eingeschlagen oder abgeschossen wurde.
Mit meinen Schilderungen möchte ich aber keineswegs den
Eindruck erwecken, nur in Israel lebten die Menschen in Angst und Schrecken und
seien täglicher Gefahr ausgesetzt. In den Gaza-Streifen wurden von israelischer
Seite aus schon 1825 Raketen gefeuert (die Zahl stammt von gestern) und es ist
furchtbar, wie viele Menschen dort schon umgekommen sind. Im Gaza-Streifen, der
eh sehr dicht besiedelt ist und in dem die Hälfte der Bevölkerung in
Flüchtlingslagern lebt, gibt es kaum Bunker und keinen Alarm oder ein
funktionierendes Abwehrsystem.
Der von Ägypten vermittelte Waffenstillstand wurde schon
nach kurzer Zeit von der Hamas gebrochen und eine Bodenoffensive im
Gaza-Streifen wird immer wahrscheinlicher. 45000 Reservisten wurden schon
eingezogen und auch Israelis aus unserem Umfeld sind betroffen.
Keiner kann wirklich sagen, wie die Operation „Protective
Edge“ weitergehen wird, aber die Prognose, in spätestes einer Woche sei alles
wieder vorbei, die wir am Anfang so oft gehört haben, trifft schon einmal nicht
zu.
Das Wichtigste für uns ist momentan, sich stets in der Nähe
eins Bunkers aufzuhalten, oder zumindest eines Treppenhauses, in das man sich
alternativ auch begeben kann. In Tel Aviv lassen die meisten Leute ihre
Haustüren offen stehen und bei Alarm sitzt man dann meist zu zwanzig in einem
frisch aufgeräumten und mit Stühlen und Wasserkanistern ausgestatteten Bunker.
| Im HaYarkon-Park in Tel Aviv - wenige Minuten vor dem Alarm |
Beim vorgestrigen Alarm lagen Judith, Rebekka und ich gerade
in einem Park, konnten aber in ein nahe gelegenes Haus laufen. Viele Tel
Aviknis blieben einfach auf der Wiese liegen oder stellten sich unter einen Holzunterschlupf.
Bei einem anderen Alarm vor wenigen Tagen saß ich gerade im Bus: es lief laute
Musik und so hörte ich wieder nichts, aber als der Bus plötzlich mitten auf der
Fahrbahn anhielt und alle Menschen rausliefen, was sofort klar, dass es wieder
einen Alarm gegeben hatte. Praktischerweise hielten wir genau vor einem Café
und da ich davon ausging, dass wir hier auch die vorgegebenen zehn Minuten
verharren würden, ging ich auf Toilette. Als ich allerdings zurück kam, saßen
alle schon wieder im zur Abfahrt bereiten Bus – gerade einmal zwei Minuten,
nachdem der Alarm losgegangen war.
Die Friends reagieren sehr unterschiedlich auf diese
Stresssituation, die nun einmal bei einem Alarm entsteht. Diejenigen unter
ihnen, die sowieso eher passiv sind und brav befolgen, was man ihnen sagt,
setzen sich auch ruhig für zehn Minuten in den Bunker und erzählen ganz normal
von Pfannkuchen und ausgeleerten Mülltonnen. Diejenigen, die allerdings eh
schon schnell nervös werden, fühlen sich in dem nicht besonders großen Raum unwohl
und das Geheul der Sirenen macht ihnen zu schaffen. Manchmal fangen wir an, mit
ihnen Lieder zu singen oder holen noch schnell Puzzles.
Unter den Mitarbeitern ist eine Diskussion darüber
entstanden, ob man die Friends bei nächtlichem Alarm überhaupt wecken soll: es
ist nämlich kaum möglich, alle 18 innerhalb von 90 Sekunden aufzuwecken und
sicher in einem der drei Bunker unterzubringen. Manche sagen, man müsse es
trotzdem versuchen, andere finden, das Treppenhaus reiche aus und wieder andere
meinen, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rakete in Beit Perry oder im direkten
Umfeld einschlage, sei sowieso gering und stehe in keinem Verhältnis zu der
Aggressivität und Nervosität, die der ganze Trubel bei den unruhigen Friends
hervorrufen würde. Einer von uns Volontären muss zusätzlich zu den beiden
Mitarbeitern der Nacht-Schicht jede Nacht in Beit Perry sein. Was wir nachts im
Falle eines Alarms dann tun, hängt wohl davon ab, mit wem wir gerade
zusammenarbeiten. Bis jetzt war es allerdings so, dass die Nächte bei uns ruhig
waren, der letzte Alarm war bei uns gegen neun Uhr abends zu hören und der
früheste circa zwölf Stunden später.
| Am Banana-Beach in Tel Aviv |
Da wir reisetechnisch sehr eingeschränkt waren, verbrachten
Rebekka und ich alle zehn Tage in Tel Aviv, wo das Leben zwischen zwei Alarmen
ja auch ganz normal weitergeht: wir saßen in Cafés, schwammen im Meer, schauten
Fußball, aßen Unmengen an Falafel, schlenderten über Märkte, trafen Freunde und
feierten in ihren Geburtstag rein. (Ja, in Tel Aviv finden jeden Abend noch
Partys statt, man sollte sich allerdings möglichst eine Location aussuchen, die
auch bei einem Alarm Schutz bietet, da man die Sirenen bei der lauten Musik
meistens nicht hört.)
Die Bilder, die ich hier veröffentliche, zeigen alle ein Leben
in Normalität, das wir – mit Einschränkungen – auch wirklich noch führen
können.
![]() |
| Demonstration auf dem Habima-Squre |
In den letzten Tagen wurde ich häufig von Freunden und
Verwandten gefragt, ob ich denn nicht ausreisen wolle und ob ich nicht Angst
hätte. Eine Situation, die mich wirklich in Angst versetzt hat, war folgende:
An einem Abend saßen Rebekka und ich gerade in einer Bar, als ich Nachrichten
von Freunden bekam, die Hamas wolle Tel Aviv ab neun Uhr abends massiv
beschießen. Viele Israelis hier haben eine App, die einen darüber informiert,
wann und wo der nächste Alarm sein wird. Über diese App hatten sie auch von
einem Video erfahren, in dem die Hamas den Raketenbeschuss angekündigt hatte.
Da es erst acht Uhr war, hatten wir genügend Zeit, uns in einen der umliegenden
Bunker zu begeben. Wenige Minuten nach neun ging dann auch wirklich ein sehr
langer Alarm los: es war der bis dahin heftigste Raketenbeschuss auf Tel Aviv. Rebekka
und ich saßen sicher in dem Bunker der Oper, aber das Gefühl, nicht zu wissen,
wie lange der Beschuss noch dauern und vor allem mit was vielleicht geschossen
werden würde (es handelte sich allerdings nur um Raketen), hat mich doch sehr
beunruhigt. Auf dem Platz vor der Oper fand eine Demonstration statt, die eine
Gegendemonstration zu einer pro-palästinensischen Demo darstelllte, die
ebenfalls in Tel Aviv stattfand: Leute hüllten sich mit riesigen Israel-Flaggen
ein und riefen entsprechende Parolen.
Aber zurück zu der Frage, ob wir hier in Angst leben: solange
ich weiß, dass andere Länder wie der Libanon und Syrien nicht (oder nur
vereinzelt) involviert sind und solange ich mich immer in Bunkernähe aufhalte
(was ich momentan tue), fühle ich mich nicht akut bedroht. Die Situation, die
sich jeden Tag verschärft, möchte ich aber auf keinen Fall runter spielen und ich
weiß, dass ich jederzeit ausreisen könnte, was ich auch tun würde, wenn es in
meinen Augen (oder z.B. denen des Auswärtigen Amtes) notwendig ist. Im Moment
verfolgen wir sämtliche Alarme, Raketeneinsätze und Verhandlungsfortschritte im
Live-Ticker im Internet. Wie es hier in einer Woche aussehen wird, lässt sich
aber nur schwer sagen…
| Wie passend: auf der HaYarkon in Tel Aviv hat ein Künstler sein Haus komplett mit Grafitti besprüht. Auf dem Gartentörchen steht: "DON'T PANIC EVER" |

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen