Make Hummus Not Walls

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Donnerstag, 17. Juli 2014

Von trügerischer Stille und plötzlichem Alarm oder: Update aus gegebenem Anlass

Der Platz vor der Cinematheque: Schon wenige Minuten nach dem ersten Alarm ging das Leben hier ganz normal weiter

Shalom chaverim,

eine sehr bewegte Zeit erleben wir hier gerade, das hat durch die Nachrichten wohl schon jeder mitbekommen. Ich hätte auch schon längst gebloggt, hätte ich nicht die letzten zehn Tage Besuch gehabt.
Der Konflikt zwischen Israel und der Hamas spitzt sich jeden Tag weiter zu, von einer Spirale der Gewalt sprechen die meisten Journalisten. Ausgelöst wurde alles durch die Entführung und Ermordung der drei jüdischen Schüler im Westjordanland und der Verbrennung eines palästinensischen Jugendlichen in der Nähe von Jerusalem. Der Konflikt, der anfangs auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wurde, betrifft nun die Bevölkerung auf beiden Seiten: die Zahl der Toten im Gaza-Streifen – und bei den Toten handelt es sich überwiegend um Zivilisten – ist auf über 200 geklettert und auch in Israel haben wir seit Tagen ständig Raketenalarm, der einen verunsichert und bei jedem Autohupen und jeder zuknallenden Tür zusammenzucken lässt.

Rebekka und ich in unserem Lieblings-Bücher-
Café auf der King George
Für einen Israel-Besuch gibt es natürlich bessere Zeiten, aber die Situation im Nahen Osten ändert sich nun einmal ständig und so ist es immer schwer vorherzusagen, wie es denn in ein paar Monaten aussehen wird. Für Rebekka, die selbst bis März für ein halbes Jahr Volontärin in Israel war, war diese Krisen-Situation allerdings auch neu.

Nach Jerusalem – insbesondere in die Altstadt – empfiehlt es sich schon seit Wochen nicht mehr zu fahren: hier gibt es ständig Straßenschlachten, Steine werden geworfen und es kommt vermehrt zu Anfeindungen auf den Straßen.
Die Wüste sollte man momentan auch meiden: hier landen die meisten Raketen, die übrigens nur abgewehrt werden, wenn sie auf bewohnte Gebiete zielen. In den ersten Tagen des zugespitzten Konflikts gingen wir noch davon aus, problemlos in den Norden fahren zu können, der von Raketen aus dem Gaza-Streifen nicht erreicht werden kann. Doch dann kamen plötzlich auch Raketen aus dem Libanon und auch aus Syrien und plötzlich war nichts mehr so wirklich sicher.

Zwei der Volontärinnen aus meiner Organisation reisen noch in dieser Woche aus. Sie arbeiten südlich von Tel Aviv, einer Region, die näher am Gaza-Streifen liegt und in der es entsprechend häufiger Alarm gibt. Dort mussten sie die letzten Nächte mit den Autisten im Bunker bzw. in unmittelbarer Nähe dazu verbringen, da man, je näher man am Gaza-Streifen wohnt, auch weniger Zeit hat, in einen Bunker zu flüchten. Für die beiden war der psychische Druck zu groß, was ich sehr gut nachvollziehen kann.

Bei uns, nördlich von Tel Aviv, ist es nicht ganz so dramatisch, aber auch wir haben mittlerweile täglich Alarm. Ertönt der Alarm, hat man 90 Sekunden Zeit, in den Bunker zu laufen, dort soll man für zehn Minuten bleiben, da sonst die Gefahr besteht, von herabfallenden Raketenteilen getroffen zu werden. Das israelische Abwehrsystem, der Iron Dome, operiert wie gesagt nur in bewohnten Gebieten, hat aber angeblich eine Erfolgsrate von 87%. Die aus dem Gaza-Streifen abgefeuerten Raketen werden von einem Radar-Gerät wahrgenommen und die Raketen vom Iron Dome abgeschossen. Auch mitten in Tel Aviv haben herabfallende Raketenteile schon Schäden angerichtet.

Diese Wolke ist entstanden, als der Iron Dome eine
Rakete abgeschossen hat
Beim ersten Alarm – wir hatten gerade vom Auswärtigen Amt eine Mail erhalten, auch der Großraum Tel Avivs und nicht nur die Zone von 40km um den Gaza-Streifen könne Ziel der Raketen werden-  waren wir gerade auf einem belebten Platz in Tel Aviv. Es war unser erster ‚richtiger‘ Alarm (also kein Probealarm) und wir rannten allen Leuten hinterher in ein Kino. Auch die Tel Aviknis waren verunsichert und nahmen diesen ersten Alarm sehr ernst. Am Himmel konnte man noch Minuten später eine Wolke sehen, die entstanden war, als der Iron Dome die eintreffende Rakete abgeschossen hatte. Nachdem Rebekka und ich den Bunker verlassen hatten (wir waren deutlich länger geblieben als die Israelis), standen wir ein paar Minuten etwas schockiert und verunsichert auf dem Platz, schauten in den Himmel und reifen Verwandte und andere Volontäre an. Schon da viel uns auf, wie viel lockerer die Israelis mit der Bedrohung umgehen: Leute hielten an, sagten uns, wir sollten nicht so ein Gesicht machen, das sei in einer Woche schon wieder vorbei und generell, sowas passiere doch ständig.

An verschiedenen Stellen habe ich schon geschrieben, dass das Leben in Tel Aviv wie in einer Blase ist, aber
nie konnte man es so gut sehen wie jetzt. Das Leben geht schon eine Minute nach Alarm normal weiter, Leute treffen sich auf Hausdächern, um den Raketen zuzuschauen und es werden Wetten abgeschlossen, ob die Hamas – wie einmal angekündigt – es denn auch wirklich schaffen würde, Tel Aviv ab neun Uhr abends pünktlich zu befeuern. Leute sitzen am Strand, in Cafés, schauen Fußball und bräunen sich. Und all das, obwohl Tel Aviv erklärtes Ziel täglichen Beschusses ist. Da die Raketen sehr ungenau zielen, ist der gesamte Großraum betroffen.



Bilder einer scheinbaren Normalität: In der Nahalat Binyamin
in Tel Aviv; am Strand von Herzliya und beim Fußball-Gucken

Bei unserem ersten Alarm in Beit Perry in Ra’anana schliefen Rebekka und ich noch, bei unserem zweiten stand ich praktischerweise gerade unter der Dusche und hörte ihn zuerst gar nicht. Der Alarm geht allerdings immer nur sehr punktuell los und so hört man oft gar keinen Alarm, wohl aber eine dumpfe Explosion im Hintergrund, die klar macht, dass nicht weit von einem gerade etwas eingeschlagen oder abgeschossen wurde.

Mit meinen Schilderungen möchte ich aber keineswegs den Eindruck erwecken, nur in Israel lebten die Menschen in Angst und Schrecken und seien täglicher Gefahr ausgesetzt. In den Gaza-Streifen wurden von israelischer Seite aus schon 1825 Raketen gefeuert (die Zahl stammt von gestern) und es ist furchtbar, wie viele Menschen dort schon umgekommen sind. Im Gaza-Streifen, der eh sehr dicht besiedelt ist und in dem die Hälfte der Bevölkerung in Flüchtlingslagern lebt, gibt es kaum Bunker und keinen Alarm oder ein funktionierendes Abwehrsystem.

Der von Ägypten vermittelte Waffenstillstand wurde schon nach kurzer Zeit von der Hamas gebrochen und eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen wird immer wahrscheinlicher. 45000 Reservisten wurden schon eingezogen und auch Israelis aus unserem Umfeld sind betroffen.

Keiner kann wirklich sagen, wie die Operation „Protective Edge“ weitergehen wird, aber die Prognose, in spätestes einer Woche sei alles wieder vorbei, die wir am Anfang so oft gehört haben, trifft schon einmal nicht zu.

Das Wichtigste für uns ist momentan, sich stets in der Nähe eins Bunkers aufzuhalten, oder zumindest eines Treppenhauses, in das man sich alternativ auch begeben kann. In Tel Aviv lassen die meisten Leute ihre Haustüren offen stehen und bei Alarm sitzt man dann meist zu zwanzig in einem frisch aufgeräumten und mit Stühlen und Wasserkanistern ausgestatteten Bunker.

Im HaYarkon-Park in Tel Aviv -
wenige Minuten vor dem Alarm
Beim vorgestrigen Alarm lagen Judith, Rebekka und ich gerade in einem Park, konnten aber in ein nahe gelegenes Haus laufen. Viele Tel Aviknis blieben einfach auf der Wiese liegen oder stellten sich unter einen Holzunterschlupf. Bei einem anderen Alarm vor wenigen Tagen saß ich gerade im Bus: es lief laute Musik und so hörte ich wieder nichts, aber als der Bus plötzlich mitten auf der Fahrbahn anhielt und alle Menschen rausliefen, was sofort klar, dass es wieder einen Alarm gegeben hatte. Praktischerweise hielten wir genau vor einem Café und da ich davon ausging, dass wir hier auch die vorgegebenen zehn Minuten verharren würden, ging ich auf Toilette. Als ich allerdings zurück kam, saßen alle schon wieder im zur Abfahrt bereiten Bus – gerade einmal zwei Minuten, nachdem der Alarm losgegangen war.

Die Friends reagieren sehr unterschiedlich auf diese Stresssituation, die nun einmal bei einem Alarm entsteht. Diejenigen unter ihnen, die sowieso eher passiv sind und brav befolgen, was man ihnen sagt, setzen sich auch ruhig für zehn Minuten in den Bunker und erzählen ganz normal von Pfannkuchen und ausgeleerten Mülltonnen. Diejenigen, die allerdings eh schon schnell nervös werden, fühlen sich in dem nicht besonders großen Raum unwohl und das Geheul der Sirenen macht ihnen zu schaffen. Manchmal fangen wir an, mit ihnen Lieder zu singen oder holen noch schnell Puzzles.
Unter den Mitarbeitern ist eine Diskussion darüber entstanden, ob man die Friends bei nächtlichem Alarm überhaupt wecken soll: es ist nämlich kaum möglich, alle 18 innerhalb von 90 Sekunden aufzuwecken und sicher in einem der drei Bunker unterzubringen. Manche sagen, man müsse es trotzdem versuchen, andere finden, das Treppenhaus reiche aus und wieder andere meinen, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Rakete in Beit Perry oder im direkten Umfeld einschlage, sei sowieso gering und stehe in keinem Verhältnis zu der Aggressivität und Nervosität, die der ganze Trubel bei den unruhigen Friends hervorrufen würde. Einer von uns Volontären muss zusätzlich zu den beiden Mitarbeitern der Nacht-Schicht jede Nacht in Beit Perry sein. Was wir nachts im Falle eines Alarms dann tun, hängt wohl davon ab, mit wem wir gerade zusammenarbeiten. Bis jetzt war es allerdings so, dass die Nächte bei uns ruhig waren, der letzte Alarm war bei uns gegen neun Uhr abends zu hören und der früheste circa zwölf Stunden später.

Am Banana-Beach in Tel Aviv
Da wir reisetechnisch sehr eingeschränkt waren, verbrachten Rebekka und ich alle zehn Tage in Tel Aviv, wo das Leben zwischen zwei Alarmen ja auch ganz normal weitergeht: wir saßen in Cafés, schwammen im Meer, schauten Fußball, aßen Unmengen an Falafel, schlenderten über Märkte, trafen Freunde und feierten in ihren Geburtstag rein. (Ja, in Tel Aviv finden jeden Abend noch Partys statt, man sollte sich allerdings möglichst eine Location aussuchen, die auch bei einem Alarm Schutz bietet, da man die Sirenen bei der lauten Musik meistens nicht hört.)
Die Bilder, die ich hier veröffentliche, zeigen alle ein Leben in Normalität, das wir – mit Einschränkungen – auch wirklich noch führen können.


Demonstration auf dem Habima-Squre
In den letzten Tagen wurde ich häufig von Freunden und Verwandten gefragt, ob ich denn nicht ausreisen wolle und ob ich nicht Angst hätte. Eine Situation, die mich wirklich in Angst versetzt hat, war folgende: An einem Abend saßen Rebekka und ich gerade in einer Bar, als ich Nachrichten von Freunden bekam, die Hamas wolle Tel Aviv ab neun Uhr abends massiv beschießen. Viele Israelis hier haben eine App, die einen darüber informiert, wann und wo der nächste Alarm sein wird. Über diese App hatten sie auch von einem Video erfahren, in dem die Hamas den Raketenbeschuss angekündigt hatte. Da es erst acht Uhr war, hatten wir genügend Zeit, uns in einen der umliegenden Bunker zu begeben. Wenige Minuten nach neun ging dann auch wirklich ein sehr langer Alarm los: es war der bis dahin heftigste Raketenbeschuss auf Tel Aviv. Rebekka und ich saßen sicher in dem Bunker der Oper, aber das Gefühl, nicht zu wissen, wie lange der Beschuss noch dauern und vor allem mit was vielleicht geschossen werden würde (es handelte sich allerdings nur um Raketen), hat mich doch sehr beunruhigt. Auf dem Platz vor der Oper fand eine Demonstration statt, die eine Gegendemonstration zu einer pro-palästinensischen Demo darstelllte, die ebenfalls in Tel Aviv stattfand: Leute hüllten sich mit riesigen Israel-Flaggen ein und riefen entsprechende Parolen.

Aber zurück zu der Frage, ob wir hier in Angst leben: solange ich weiß, dass andere Länder wie der Libanon und Syrien nicht (oder nur vereinzelt) involviert sind und solange ich mich immer in Bunkernähe aufhalte (was ich momentan tue), fühle ich mich nicht akut bedroht. Die Situation, die sich jeden Tag verschärft, möchte ich aber auf keinen Fall runter spielen und ich weiß, dass ich jederzeit ausreisen könnte, was ich auch tun würde, wenn es in meinen Augen (oder z.B. denen des Auswärtigen Amtes) notwendig ist. Im Moment verfolgen wir sämtliche Alarme, Raketeneinsätze und Verhandlungsfortschritte im Live-Ticker im Internet. Wie es hier in einer Woche aussehen wird, lässt sich aber nur schwer sagen…


Wie passend: auf der HaYarkon in Tel Aviv
hat ein Künstler sein Haus komplett
mit Grafitti besprüht. Auf dem
Gartentörchen steht: "DON'T PANIC EVER"

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