Shalom chaverim,
die Lage hier spitzt sich immer weiter zu und gleichzeitig
wird die Gefahr immer alltäglicher und – so merkwürdig das in diesem Kontext
klingen mag – man härtet ab. Bei den ersten Alarmen sind wir noch aufgeregt in
den Bunker gelaufen, wo wir zehn Minuten verunsicherten Wartens verbracht
haben. Mittlerweile laufen wir natürlich immer noch in den Bunker, aber mehr
als verunsichert ist man genervt, dass man bei was auch immer unterbrochen
wurde und sich jetzt schon wieder hier einfinden muss.
Die Tel Aviknis hingegen haben eine Art Gleichgültigkeit
entwickelt, verlassen sich auf den Iron Dome und verweisen darauf, dass die
Wahrscheinlichkeit, von Raketenteilen getroffen zu werden, doch sehr sehr
gering ist. Vorgestern Abend waren wir in einem Restaurant in Tel Aviv, als der
für mich an diesem Tag zweite Alarm losging. Da laute Musik lief, hörten wir
ihn zuerst gar nicht und wurden erst darauf aufmerksam, als einer der Kellner
in einem sehr ruhigen Tonfall, der schon ins Spöttische überging, verkündete,
wir seien herzlichen eingeladen, in den Bunker zu gehen. Fast keiner erhob sich
und als wir nach zehn Minuten aus dem staubigen Bunker zurückkamen, redeten,
aßen und tranken alle anderen Gäste weiterhin völlig ungerührt. In den Bunkern
kommt man mit Leuten leicht ins Gespräch, tauscht sich darüber aus, wo man bei
welchem Alarm war und was man generell von allem hält. Meistens zählt man
gemeinsam die Explosionen (Od Bummim, noch mehr Bumms, ist einer der am
häufigsten gehörten Sätze zur Zeit.) Auf Facebook werden dann im Bunker
aufgenommene Fotos veröffentlicht oder per Whatsapp an Freunde weitergeleitet.
Erschreckte und verängstigte Gesichter? Fehlanzeige!
Trotzdem laufen den ganzen Tag über im Fernsehen Nachrichten
und Talkshows, in denen irgendwelche Ex-Generäle und andere ranghohe Militärs
ihre Prognosen und Einschätzungen austauschen. Wie lange die Bodenoffensive im
Gaza-Streifen andauern wird und wie es in der Region danach weitergehen soll,
weiß keiner so wirklich. Einige der zukünftigen Volontäre, die in unsere
Fußstapfen treten und uns ab August in unseren Projekten beerben sollten, sind auf
Grund der Entwicklungen abgesprungen oder sind zumindest stark verunsichert. Das
ist sehr gut nachvollziehbar in dieser unübersichtlichen Zeit. Es ist
furchtbar, wie die Situation dermaßen aus dem Ruder gelaufen ist und wie viele
Zivilisten jeden Tag ums Leben kommen. Und manchmal beim Nachrichtenschauen
muss ich mir klarmachen, dass das alles gar nicht weit von uns entfernt
stattfindet. In diesem trügerisch normalen Alltag und der Stille zwischen zwei
Alarmen vergisst man das leicht.
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