in Anbetracht der Tatsache, dass ich nur noch weniger als
zwei Monate im Lande sein werde, sollte ich mich besser ranhalten und weiter
darüber schreiben, wie bei uns die Tage klassischer Weise ablaufen. Heute also:
ein typischer Donnerstag, Jom Chamishi.
Der Nachmittag beginnt wie üblich: die Friends kommen aus
Hadassim zurück, wir schreiben oder legen mit Hilfe von Symbolkarten einzeln
mit den Friends den Plan des Tages und setzen uns zusammen für Sitkansut.
Die Friends sollen nacheinander erzählen, wie es ihnen geht, wie ihr Tag war,
was und mit wem sie gearbeitet haben und was sie gegessen haben. Meistens läuft
es so ab, dass ein Guide dem jeweiligen Friend nacheinander alle Fragen stellt.
Einer der Friends, Udi, ist aber nicht in der Lage, richtige
Gespräche zu führen. Er redet die ganze Zeit mit sich selber und führt mit
seinen Händen merkwürdige Bewegungen aus – einer seiner vielen Ticks. Fragen
wir ihn, wie es ihm geht, bekommen wir meist als Antwort: „Danke gut. Ich war
in Hadassim. Puzzle. Reis und Fleisch. Lecker.“ „Udi, wir haben nur gefragt,
wie es dir geht.“ „Reis und Fleisch. Reis und Fleisch.“ Stellt man ihm eine
Frage, hört er gar nicht richtig hin, sondern schießt schnell eine Antwort
raus, um sich direkt wieder in seiner eigenen Welt verkriechen zu können.
Ein anderer Friend, Janiv, der meistens faul auf dem Sofa
rumsitzt, redet fast gar nicht. Die einzelnen Wörter muss man ihm aus der Nase
ziehen und häufig klappt nicht einmal das, sodass wir ihm meistens eine Frage
stellen und gleichzeitig schon die halbe Antwort gehen müssen: „Janiv, wo hast
du heute gearbeitet? Hadas…“ „…sim.“ „Was für eine Aktivität haben wir heute?
Fahr…“ „…radstunde.“
Ganz anders wieder ist Jonathan. Er redet den ganzen Tag,
entweder mit sich selber oder mit uns. Er behält gerne den Überblick und möchte
über alles Bescheid wissen: Wer die nächsten drei Tage so arbeitet, um wie viel
Uhr es unter die Dusche geht, was es zum Abendessen gibt und – sein
Lieblingsthema – wann mal wieder ein Feiertag oder sein Geburtstag ist. Mittlerweile
hat er ein Verbot bekommen, über seinen Geburtstag zu reden, aber manchmal
kommt er trotzdem an: „Lotte, an meinem Geburtstag bekomme ich ganz viele
Geschenke. Und es wird eine Party geben und alle werden singen und Kuchen
essen. Toll, oder?“ Meistens hüpft er dann durch die Gegend, singt, dreht sich
im Kreis oder – und das weiß ich sehr an ihm zu schätzen – bietet seine Hilfe
an: Wäsche falten, Tisch decken, die Spülmaschine einräumen – auf Jonathan ist
Verlass!
Nir, einer meiner absoluten Lieblinge, lebt wie Udi sehr in
seiner eigenen Welt. Er hat einen sehr lieben Charakter und macht wirklich alles, was man ihm sagt. Ein Guide hat ihm zum Beispiel
beigebracht, dass er aufsteht und einem ein Küsschen auf die Wange gibt, sobald
man vorgibt zu weinen. Stellt man ihm eine Frage, wiederholt er sie eigentlich
immer, hängt ein paar lustige Endungen an die Wörter und springt zur Antwort in
die Luft und klatscht sich mit den Armen auf die Beine. Ruft man „Nir,“ kommt
von ihm meistens „Jaaa, Niiiiir,“ und er klatscht sich dabei auf die
Oberschenkel, auf den Bauch und dann auf die Schultern. Diesen Bewegungsablauf
haben wir Mitarbeiter mittlerweile eigentlich alle relativ gut drauf und
manchmal verhalten wir uns sogar autistischer als unsere Autisten… J
Nir hat meistens überhaupt keine Ahnung, was für ein Tag ist
und vergisst auch eigentlich immer, ob er an diesem Tag bei der Arbeit war, was
er dort gemacht und gegessen hat. Teil des Seder Joms, des Tagesplans,
den wir zu Schichtbeginn erstellen, dreht sich aber genau darum. Frage ich Nir,
welcher Wochentag gerade ist, so schaut er mich meistens ratlos an und rät dann
ganz schnell die Tage der Woche durch, in der Hoffnung, der richtige möge bald
kommen. Auf Ja-Nein-Fragen antwortet er per se mit ja, aber er teilt uns auch
nicht mit, wenn ihm etwas weh tut, oder ihm etwas nicht schmeckt. Letztens habe
ich beispielsweise beim Abendessen ein lautes Knacken gehört, als Nir
versuchte, den Hähnchenknochen durchzubeißen: einer seiner Ticks ist es, nicht
einen Tropfen oder Krümel auf dem Teller übrig zu lassen.
Hagai, der intelligenteste der sechs Friends aus dem blauen
Haus, ist neben Jonathan der einzige, mit dem man ein vernünftiges Gespräch führen kann. Während Sitkansut bekommt manchmal er die Aufgabe, den
einzelnen Friends die Fragen über den Tag zu stellen und allen zu erklären,
welche jeweilige Aufgabe (Wäsche falten, Tisch decken, Spülmaschine einräumen…)
sie für den Tag haben. Hagai ist allerdings auch sehr ungeduldig mit seinen
Mitbewohnern und möchte gefordert werden. Mittlerweile haben wir uns für ihn
ein Programm überlegt, bei dem er jeden Tag verschiedene ‚Missionen‘ erfüllen
muss, um am Abend das ersehnte Chupar, eine Belohnung, zu erhalten.
Manchmal hinterfragt er Dinge, die schon seit Monaten praktiziert werden:
Neulich bei Sitkansut fragte er unsere damalige
Haus-Managerin, warum sie denn jeden Friend frage, was er in Hadassim gegessen
habe - dort gäbe es doch schließlich für jeden das Gleiche!
| Unser Wäscheständer |
Hagai ist schizophren und redet daher ständig mit den
Stimmen in seinem Kopf, unterschiedlich intensiv, manchmal ist er auch für eine
längere Zeit ruhig. Eine seiner vielen Obsessionen ist es, ständig etwas in der
Hand zu haben. Am liebsten die Stifte der Tafel, die wir allerdings brauchen,
um mit Nir, Jonathan und ihm den Plan des Tages zu schreiben. Klaut er die
Stifte, bekommt er abends keine Belohnung mehr und so hat er sich jetzt einen
andere Gegenstand gesucht: nach und nach verschwinden die Wäscheklammern von
unserem Wäscheständer…
Gestern allerdings habe ich gesehen, dass er die
Wäscheklammern nach Farben geordnet hatte – typisch autistisch!
Ilan, der Sonnenschein unseres Hauses, der immer-glückliche
Friend, redet auch sehr gerne, aber meistens irgendwelchen Humbug:
„ Ich habe den Müll ausgeleert.“
„Die Mutter und der Vater.“
„Pfannkuchen!“
„Ich habe den Traktor gemacht (gemeint ist ein Puzzle).“
„Was macht man an Purim? Kostüme.“
„Dani spielt in der Synagoge auf der Gitarre.“
Seit ein paar Wochen ist noch ein anderer Ausdruck hinzugekommen,
Jom HaShoa, der Holocaust-Gedenktag. Die Dinge, von denen Ilan redet,
stehen eigentlich nie in einem Zusammenhang zueinander, sondern er redet über
das, was er gerne hätte (Pfannkuchen) oder Sachen, die ihm einfach so einfallen
(Dani spielt in der Synagoge auf der Gitarre). Wie Jom HaShoa in seinen
Kopf kommt, weiß ich allerdings nicht.
Manchmal fordern wir Ilan während Sitkansut auf, einen
anderen Friend über dessen Tag auszufragen:
„Ilan, frag Nir, was er heute gemacht hat.“
„Ich habe den Müll ausgeleert.“
„Nein, du sollst Nir fragen, was er heute
gemacht hat.“
„Nir, was hast du heute in Yorokom gemacht?“ (Yorokom ist
Ilans Arbeitsstätte, alle anderen Friends arbeiten allerdings in Hadassim.)
„Ilan, wo arbeitet Nir?“
„In Hadassim.“
„Was fragst du also Nir?“
„Wo warst du heute? In Hadassim!“. (Ilan gibt auch gleich
die Antwort und Nir klatscht sich auf die Oberschenkel und sagt „Jaaa,
Hadassim!“
„Ilan, was könntest du Nir noch fragen?“
„Wie war es heute in Yorokom?“
„Ne, das hatten wir schon. Frag ihn doch, was er heute
gegessen hat.“
„Cousous und Fisch.“
„Nein, du sollst Nir fragen, was er heute
gegessen hat…“
„Couscous und Fisch.“
Spätestens dann fängt Ilan dann an, sich begeistert in die
Hände zu klatschen oder von einem seiner Lieblingsthemen zu reden – und wir
Guides geben lachend auf…
Eigentlich aber wollte ich von einem typischen Donnerstag
erzählen: Nach dem 5-Uhr-Snack haben die Friends Freizeit, in der wir mit ihnen
puzzeln, basteln und speziell für Autisten konzipierte Computerspiele spielen.
Um sechs Uhr geht es dann in den Keller zur Chug Michzur,
der Keramik-Stunde, die von einem der Guides geleitet wird. Die Friends
legen hierbei Mosaike in einem auf einer großen Kachel vorgezeichneten Muster.
Der Guide, der die Chug leitet, möchte den Innenhof von Beit Perry aufhübschen
und die Kacheln an den Wänden befestigen. Ein paar hängen schon:
| Innenhof von Beit Perry: an den Wänden hängen von den Friends gestaltete Mosaike und Ketten mit Keramika |
Manche Friends sind sehr schnell und fabrizieren Kacheln in
Massenproduktion. Janiv allerdings muss ständig neu aufgefordert werden:
meistens sitzt er in der typischen Janiv-Pose faul auf seinem Stuhl, aber
manchmal fängt er ohne erkennbaren Grund an zu lachen, drückt seine unfassbar
biegsamen Finger durch und gluckst vor sich hin…
Der restliche Tag läuft ab wie immer, aber doch ist jeder
Tag anders: wir schicken die Friends unter die Dusche, essen mit ihnen, geben
Tabletten und hören Musik bei Harpaia, der allabendlichen Entspannung.
In der Regel erhält Hagai dann sein Chupar, meistens ein Keks oder eine
kleine Tüte Chips, die er allerdings im Bunkerraum essen muss, damit Jonathan
nicht eifersüchtig wird (die beiden sind die einzigen, die manchmal aufeinander
eifersüchtig werden). Jonathan bekommt allerdings auch ein Chupar: er
darf bei YouTube Musik auflegen, zu der er lautstark singt und sich begeistert
im Kreis dreht. Ruhig ist es bei uns nicht einen Moment!
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