| Auf dem Souq in Hebron |
Shalom chaverim,
wie schon angekündigt, möchte ich heute von Hebron
berichtet. Vor einigen Wochen habe ich einen Post mit dem Titel „ Die Stadt der
Patriarchen oder: Warum ich in Hebron keine Bilder machen konnte“
veröffentlicht. Dieser kurze Eindruck, nur aus dem Auto heraus, wird der Stadt
nicht gerecht und so stimmte ich sofort zu, als Milena, eine Freundin von mir,
vorschlug, von Bethlehem aus mit einem Service einen Tagesausflug nach Hebron
zu machen. (Service sind das palästinensische Pendant zu den israelischen
Sheruts, also auch große Sammeltaxis, die wenig kosten und erst losfahren,
sobald sie voll besetzt sind.)
| Ein israelischer Wachturm |
Die Eindrücke von diesem einzigen Tag und das beklemmende
Gefühl, das sie hinterlassen, sind schwer in Worte zu fassen. Ich habe schon
einmal erwähnt, dass ich in dem Konflikt weder für Israelis noch für
Palästinenser Partei ergreifen will, da es schwer ist, die unfassbar komplexe
Situation zu verstehen und richtig zu bewerten. Deshalb versuche ich einfach
kurz und knapp zu schildern, was wir aus nächster Nähe gesehen haben: In Hebron
leben 160 000 Palästinenser und 600 Siedler, außerdem sind hier 2000 Soldaten
stationiert, die die Aufgabe haben, die Siedler zu bewachen. Auf die Stadt verteilt
gibt es verschiedene israelische Siedlungen, eine von ihnen, die mitten in der
Altstadt liegt, ist besonders heftig umstritten. Milena und ich liefen durch
den wuseligen Souq, der so voller Farben und Gerüche war, wie man es von
anderen arabischen Märkten her kennt. Auf einem der Häuser der Altstadt sah man
allerdings etwas, das so gar nicht ins Bild zu passen schien: ein gelber
Wachturm mit einer großen israelischen Flagge. Ein Händler erklärte uns, dass
dieser Wachturm am Rande besagter Siedlung liege. Wartete man ein bisschen, sah
man auf dem Dach Soldaten umherlaufen, die auf den Markt herunterschauten. Von
der Dachterrasse des Hauses des Händlers konnte man in die Siedlung
hineinschauen: auf der einen Seite eine Synagoge, davor eine Art Spielplatz,
auf dem ultraorthodoxe Frauen (erkennbar an ihren Perücken und der
konservativen Kleidung) mit kleinen Kindern saßen, auf der anderen Seite ein
Basketballplatz, auf dem kleinen Kinder mit Kippa und Schläfenlöckchen spielten.
Dahinter, ungefähr auf gleicher Höhe wie die Dachterrasse des Haus des
Händlers, war eine Art Plattform, auf der die Soldaten umherliefen. Hinter der
Dachterrasse, auf der wir standen, befand sich ein hohes Haus, das ebenfalls
zur Siedlung gehört, aber unmittelbar an das Haus des Palästinensers angrenzt.
Eine ziemlich unwirkliche Situation: unten die Araber, die auf dem trubeligen
Markt Obst und Gemüse kaufen, hier oben die Siedler, die von Soldaten bewacht
ebenfalls ihren Alltag leben.
Dass dieses Zusammenleben auf engstem Raum keineswegs
reibungslos verläuft, brauche ich denke ich nicht zu erwähnen. Immer wieder
wurden uns – ob wir danach fragten oder nicht – Geschichten von Übergriffen
erzählt, von willkürlichen Verhaftungen, fliegenden Steinen und Flaschen.
Läuft man entlang der breiten Straße um die zentrale
Siedlung herum, hat man das Gefühl, sich in einer Geisterstadt zu befinden: die
Läden, ursprünglich auch Teil des arabischen Marktes, wurden vor Jahren
geschlossen und man darf sie nur noch nach Passkontrollen durch das Militär
betreten.
| Die die Siedlung von der Altstadt trennende "Geisterstraße" |
| Rechts das Grab Isaaks, links das seiner Frau Rebekka |
Auch der Platz um die große Moschee mit den Gräbern der
Patriarchen ist unter militärischer Kontrolle. Anders würde es wohlmöglich auch
nicht gehen: Sowohl Juden als auch Muslime verehren den Ort und so werden zwei
Säle der Moschee als Synagoge genutzt. Die Gräber von Isaak, Rebekka und Sarah
befinden sich in der Moschee, die Gräber von Jakob und Lea in der Synagoge und
das Grab Abrahams in einem Raum, in den man sowohl von der Moschee also auch
von der Synagoge aus reinschauen kann. In der Moschee, die man nur mit
speziellen, alles bedeckenden Gewändern betreten darf, sieht man wunderschöne
Imitarsenarbeiten. Hier und überall in der Altstadt laufen selbsternannte
Tourguides herum, die hartnäckig versuchen, einem eine Führung anzudrehen – man
merkt, dass die Wirtschaft am Boden ist. Da Samstag war, durfte man die
Synagoge nicht betreten.
| Von Synagoge und Moschee aus sichtbar: das Grab Abrahams |
| Auf dem Souq |
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