Make Hummus Not Walls

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Dienstag, 24. Juni 2014

Abschiedsschmerz oder: Wenn Autisten Briefe schreiben

Shalom chaverim

Nächsten Dienstag wird Johanna, unsere Mitfreiwillige in Beit Perry, Judith und mich leider schon verlassen und zurück nach Deutschland gehen. Seit fast einem halben Jahr ist sie hier uns so wird der Abschied ziemlich traurig werden…

Wann immer jemand Beit Perry verlässt, ob Volontär oder Guide, gibt es eine Abschiedsparty mit den Friends: es werden Geschenke überreicht und die Friends lesen ihre selbst geschriebenen Briefe vor.
Unser Haus-Manager und ich haben uns überlegt, dass jeder unserer sechs Friends einen Brief schreibt und ein Bild malt, wir alles einlaminieren und Johanna dann überreichen werden. Typisch für Autisten ist, dass sie zwar Emotionen empfinden (manchmal sogar sehr heftige), aber ihnen oft die Empathie fehlt und in Situationen, in denen für uns „Normale“ eine gewisses Reaktion selbstverständlich wäre, sie sich ganz anders verhalten.

Durch die bisherigen zehn Monaten mit den Friends kann ich auch folgende Auffassung nur bestätigen: Je intelligenter ein Autist ist, desto schwerer hat er es. Diejenigen, die verstehen, dass sie nicht „normal“ sind, dass es komisch ist, nicht mit Anfang 30 alleine oder in einer Beziehung zu leben und einer Arbeit nachgehen, sondern dass sie in einem Heim, in dem sie 24 h am Tag bewacht und bespaßt werden, für die ist es wohl am härtesten: sie hinterfragen Dinge, werden schnell eifersüchtig und auch ungeduldig.
Mein Lieblingsfriend, Ilan, gehört – um es nett auszudrücken – zu denjenigen, die immer glücklich sind: Kommt er aus seiner Arbeitsstelle nach Hause, quietscht er vergnügt, schmeißt die Arme in die Luft, hüpft umher und will allen in die Hand klatschen. Danach kippt er sich im Sturztrunk seinen Kaffee runter und fängt an über Traktoren, Pfannkuchen oder ausgeleerte Mülleimer zu reden.

Gestern also habe ich versucht, mit Ilan einen Abschiedsbrief zu verfassen, was doppelt schwierig war: einerseits ist mein Hebräisch immer noch verbesserungsfähig und andrerseits antwortet Ilan auf Fragen meistens mit irgendwas, was in diesem Zusammenhang keinen Sinn ergibt. Ich habe ihm also erklärt, dass Johanna jetzt zurück nach Hause fliegt. Als ich ihn fragte, wo sie denn wohnt, meinte er nur Rechov Rambam, auf der Rambam Straße, wo seine Mutter lebt.
Irgendwann fiel ihm dann doch Germania ein und ich erklärte ihm, dass wir ihr jetzt zusammen einen Abschiedsbrief schreiben würden:

„Ilan, was schreibt man in einem Brief?“
„Herzlichen Glückwunsch!“
„Ilan, es ist ein Abschiedsbrief…“
„Alles Gute zum Geburtstag!“
„Du musst Johanna doch tschüss sagen…“
„Hallo Johanna,“
„Gut, was noch?“
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“
„Nee, was sagt man denn zum Abschied zu jemandem?“
„Auf Wiedersehen.“ (Ilan fing an Für Johanna, auf Wiedersehen zu schreiben, allerdings schreibt er alle Konsonanten immer doppelt, sodass er FFürr Jjohhanna, auff Wwiedderssehhenn schrieb.
„Was kann man denn noch zum Abschied sagen?“
„Viel Glück!“ (Er schrieb Vviell Ggllücckk.)
„Was noch?“
„Vielen Dank.“ (Er schrieb Vviellenn Ddannkk.)
„Willst du ihr noch schreiben, wie du die Arbeit mit ihr fandest?“
„Es war schön.“ (Er schrieb Ess wwarr sscchhönn.)
„Sehr gut. Jetzt musst du nur noch deinen Namen drunter schreiben.“
Ilan schrieb: Icchh hheißße Illann.

Letztendlich steht - auf Hebräisch natürlich – Folgendes im Brief: FFürr Jjohhanna, auff Wwiedderssehhenn. Vviell Ggllücckk. Vviellenn Ddannkk. Ess wwarr sscchhönn. Icchh hheißße Illann.

Johanna wird sich trotzdem freuen!


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