da ich momentan krank bin, kann ich Euch leider nicht mit neuen Reiseberichten oder lustigen Momenten bei der Arbeit unterhalten. Dafür bin ich aber endlich dazu bekommen, meinen dritten Rundbrief zu schreiben, den ich auch hier veröffentliche: ein bisschen was von Israel aus den verschiedensten Bereichen. Viel Spaß beim Lesen!
Shalom chaverim,
Liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierte!
Es sind tatsächlich nur noch weniger als drei Monate, bis
ich mich wieder auf deutschem Boden befinden werde! Darüber möchte ich lieber
noch gar nicht nachdenken, sondern lieber die verbliebene Zeit genießen.
Für den dritten und damit vorletzten Rundbrief hatten wir
keine thematische Vorgabe. Es gibt viele Themen, über die man auch jeweils viel
schreiben könnte, ich habe mir aber überlegt, lieber ein paar Dinge
herauszusuchen, die Israel so besonders machen, und sie jeweils kurz zu
erklären:
Vielfalt,
Vielfalt und noch mehr Vielfalt:
Das Wort Vielfalt passt in Israel in vielerlei Hinsicht,
insbesondere kulturell und landschaftlich. Bei letzterem möchte ich anfangen.
Israel und die palästinensischen Gebiete sind zusammen gerade mal so groß wie
Hessen, trotzdem findet man eine äußerst abwechslungsreiche Natur. Im Norden
liegen die (eigentlich zu Syrien gehörenden, aber 1967 von Israel annektierten)
Golanhöhen mit dem Berg Hermon, dem einzigen Skigebiet Israels in einer
ansonsten sehr grünen und hügeligen Landschaft. Ganz im Süden liegt Eilat am
Roten Meer mit einem wunderschönen Korallenriff, umgeben wird es von der Negev-Wüste,
die mehr als die Hälfte der Fläche Israels einnimmt, aber auch keine einseitige
Landschaft darstellt: Dünen, Wadis, eine Kraterlandschaft und Oasen sorgen hier
für Abwechslung. Die mediterrane Küstenlinie besteht von der Grenze zum
Gaza-Streifen im Süden bis hoch zur nördlichen Grenze zum Libanon fast
durchgehend aus meist schmalen Sandstränden. Nicht zu vergessen: das Tote Meer,
dessen hohe Salzgehalt es erlaubt, auf der Wasseroberfläche zu schwimmen.
Israels Bevölkerung setzt sich aus Menschen aus den
verschiedensten Ländern zusammen, genau genommen: aus über 140 Ländern! Die
Sephardim, Einwanderer aus Arabien und dem Maghreb, bilden mehr als die Hälfte
der Einwanderer. Die Ashkenasim, vorwiegend aus Europa, aber auch aus den USA
und Ozeanien stammende Juden, sind die beruflich und wirtschaftlich
erfolgreichste Einwanderungsgruppe. In den letzten Jahren hat die Einwanderung
afrikanischer Juden immer weiter zugenommen, vor allem aus Eritrea, dem Sudan und Äthiopien.
Immerhin 1 Mio. der insgesamt 8 Mio. Israelis stammen aus der ehemaligen UdSSR
– auf den Straßen hört man deshalb häufig russisch.
Tel Aviv und
Jerusalem – zwei Welten treffen aufeinander:
Mit dem Bus liegen die beiden größten Städte Israels keine
zwei Stunden voneinander entfernt, trotzdem sind sie so unterschiedlich, wie
zwei Städte nur irgendwie sein können: Tel Aviv, das New York des Nahen Ostens,
ist eine gerade mal 104 Jahre alte Stadt mit einem unvergleichlichen
Nachtleben. Es zieht vor allem junge, säkulare Menschen an, die das lockere
Leben hier genießen, vormittags am Strand und Abends in einer der zahlreichen
Kneipen.
Jerusalem ist seit über 5000 Jahren besiedelt, deutlich
ehrwürdiger und vor allem: religiöser. Für Juden, Muslime und Christen ist
Jerusalem ein heiliger Ort. Doch das Zusammenleben verläuft keineswegs
reibungslos und die Jerusalem-Frage, also die Frage, ob Jerusalem denn nun zu
Israel oder zu Palästina – oder zu beiden - gehört, ist eines der
Haupthindernisse auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten.
Umweltschutz
oder eher: Umweltschmutz
Ich möchte keineswegs ein schlechtes Bild des typischen
Israelis zeichnen, aber eine positive Eigenschaft kann man ihm leider nicht
nachsagen: ökologisches Bewusstsein. Ein ausgiebiger Konsum von Plastikbechern,
-tellern, -messern, - löffeln, -tüten und –verpackungen steht hier auf der
Tagesordnung. Sofortiges Wegschmeißen ist selbstverständlich.
Auch in anderen Bereichen zeigt sich der lockere Umgang mit
knappen Ressourcen. Dass Israel unter Wasserknappheit leidet, ist kein
Geheimnis, trotzdem werden in allen wohlhabenden Ortschaften an jeder Ecke
Parks und Grünanlagen errichtet – natürlich auch in der Wüste. Das Tote Meer
wird vom Jordan gespeist wird, aus dem allerdings jede Menge Wasser für die
Bewässerung genommen wird.So singt der Wasserspiegel des Toten Meeres jedes Jahr um 1
m und soll Berechnungen zufolge schon 2050 ausgetrocknet sein – die Israelis
sollten also dringend anfangen, sich mehr für die Umwelt einzusetzen.
In Israel hört man – vielleicht auch nicht völlig zu Unrecht
– immer wieder folgenden Einwand: Israel hat andere Sorgen. Und damit wäre ich
auch schon beim nächsten Thema…
Israels
Sicherheit:
Fürs Israels Sicherheit wird im Ausland wie im Inland
gesorgt. Und das kommt man zu spüren, wenn man hier lebt: einerseits sind da
natürlich die vielen Soldaten, die man überall sieht. Es ist ein komisches
Gefühl zu wissen, dass eigentlich alle Jugendlichen unseres Alters für zwei
bzw. drei Jahre bei der Armee sind. Dass wir hier mitten in einem Konfliktherd
leben, bekamen wir ganz am Anfang zu spüren: kurz nach unserer Ankunft im
August hatte der Konflikt mit Syrien dramatische Ausmaße angenommen und es sah
ganz nach einem amerikanischen Militärschlag gegen
Syrien aus – auf den Syriens Verbündeter Iran wohlmöglich mit einem
Vergeltungsschlag gegen Israel reagiert hätte.
Dementsprechend holten alle ihre Gasmasken raus und plötzlich war man doch
etwas beunruhigt…
Ansonsten
wird der Alltag trotzdem wenig von der unruhigen Lage tangiert: ab und zu gibt
es einen Probealarm, bei dem alle in den Bunker rennen müssen, und in
Einkaufszentren, Museen, Krankenhäusern und größeren Bushaltestellen wird man
in der Regel durchleuchtet. Aber an all das gewöhnt man sich schnell: seine
Tasche öffnet man automatisch, hält sie kurz dem Wachmann hin, der einen
gelangweilten Blick hineinwirft, und weiter geht’s.
Irgendwie
widersprüchlich: die Ultraorthodoxen:
Von Israels Straßen sind sie nicht mehr wegzudenken: die
Ultraorthodoxen. Noch bilden sie mit nur 10% der Bevölkerung eine eindeutige
Minderheit – aber eine schnell wachsende. Und das könnte sich für Israel als
Problem erweisen: Die Ultraorthodoxen leisten keinen Wehrdienst, gehen in der
Regel keiner Arbeit nach und leben somit auf Kosten des Staats. Den allerdings
lehnen sie mit der Begründung ab, ein jüdischer Staat könne nur vom Messias
gegründet werden und so hissen manche an nicht-religiösen Feiertagen schwarze
Flaggen.
Aber das ist nur ein Beispiel für die vielen Komplexitäten
und Widersprüchlichkeiten, die es in diesem Land gibt und die mit zu seiner
Faszination beitragen.
Es bleibt weiter spannend!
Beste Grüße aus Israel,
Lotte

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