Make Hummus Not Walls

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Mittwoch, 4. Juni 2014

Verschiedenes über Israel oder: Mein dritter Rundbrief

Shalom chaverim,

da ich momentan krank bin, kann ich Euch leider nicht mit neuen Reiseberichten oder lustigen Momenten bei der Arbeit unterhalten. Dafür bin ich aber endlich dazu bekommen, meinen dritten Rundbrief zu schreiben, den ich auch hier veröffentliche: ein bisschen was von Israel aus den verschiedensten Bereichen. Viel Spaß beim Lesen!



Shalom chaverim,
Liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierte!

Es sind tatsächlich nur noch weniger als drei Monate, bis ich mich wieder auf deutschem Boden befinden werde! Darüber möchte ich lieber noch gar nicht nachdenken, sondern lieber die verbliebene Zeit genießen.
Für den dritten und damit vorletzten Rundbrief hatten wir keine thematische Vorgabe. Es gibt viele Themen, über die man auch jeweils viel schreiben könnte, ich habe mir aber überlegt, lieber ein paar Dinge herauszusuchen, die Israel so besonders machen, und sie jeweils kurz zu erklären:

Vielfalt, Vielfalt und noch mehr Vielfalt:

Das Wort Vielfalt passt in Israel in vielerlei Hinsicht, insbesondere kulturell und landschaftlich. Bei letzterem möchte ich anfangen. Israel und die palästinensischen Gebiete sind zusammen gerade mal so groß wie Hessen, trotzdem findet man eine äußerst abwechslungsreiche Natur. Im Norden liegen die (eigentlich zu Syrien gehörenden, aber 1967 von Israel annektierten) Golanhöhen mit dem Berg Hermon, dem einzigen Skigebiet Israels in einer ansonsten sehr grünen und hügeligen Landschaft. Ganz im Süden liegt Eilat am Roten Meer mit einem wunderschönen Korallenriff, umgeben wird es von der Negev-Wüste, die mehr als die Hälfte der Fläche Israels einnimmt, aber auch keine einseitige Landschaft darstellt: Dünen, Wadis, eine Kraterlandschaft und Oasen sorgen hier für Abwechslung. Die mediterrane Küstenlinie besteht von der Grenze zum Gaza-Streifen im Süden bis hoch zur nördlichen Grenze zum Libanon fast durchgehend aus meist schmalen Sandstränden. Nicht zu vergessen: das Tote Meer, dessen hohe Salzgehalt es erlaubt, auf der Wasseroberfläche zu schwimmen.

Israels Bevölkerung setzt sich aus Menschen aus den verschiedensten Ländern zusammen, genau genommen: aus über 140 Ländern! Die Sephardim, Einwanderer aus Arabien und dem Maghreb, bilden mehr als die Hälfte der Einwanderer. Die Ashkenasim, vorwiegend aus Europa, aber auch aus den USA und Ozeanien stammende Juden, sind die beruflich und wirtschaftlich erfolgreichste Einwanderungsgruppe. In den letzten Jahren hat die Einwanderung afrikanischer Juden immer weiter zugenommen, vor allem aus Eritrea, dem Sudan und Äthiopien. Immerhin 1 Mio. der insgesamt 8 Mio. Israelis stammen aus der ehemaligen UdSSR – auf den Straßen hört man deshalb häufig russisch.

Tel Aviv und Jerusalem – zwei Welten treffen aufeinander:

Mit dem Bus liegen die beiden größten Städte Israels keine zwei Stunden voneinander entfernt, trotzdem sind sie so unterschiedlich, wie zwei Städte nur irgendwie sein können: Tel Aviv, das New York des Nahen Ostens, ist eine gerade mal 104 Jahre alte Stadt mit einem unvergleichlichen Nachtleben. Es zieht vor allem junge, säkulare Menschen an, die das lockere Leben hier genießen, vormittags am Strand und Abends in einer der zahlreichen Kneipen.
Jerusalem ist seit über 5000 Jahren besiedelt, deutlich ehrwürdiger und vor allem: religiöser. Für Juden, Muslime und Christen ist Jerusalem ein heiliger Ort. Doch das Zusammenleben verläuft keineswegs reibungslos und die Jerusalem-Frage, also die Frage, ob Jerusalem denn nun zu Israel oder zu Palästina – oder zu beiden - gehört, ist eines der Haupthindernisse auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten.  



Meine Schwestern und ich in Tel Aviv,
Felsendom und Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt


Umweltschutz oder eher: Umweltschmutz

Ich möchte keineswegs ein schlechtes Bild des typischen Israelis zeichnen, aber eine positive Eigenschaft kann man ihm leider nicht nachsagen: ökologisches Bewusstsein. Ein ausgiebiger Konsum von Plastikbechern, -tellern, -messern, - löffeln, -tüten und –verpackungen steht hier auf der Tagesordnung. Sofortiges Wegschmeißen ist selbstverständlich.
Auch in anderen Bereichen zeigt sich der lockere Umgang mit knappen Ressourcen. Dass Israel unter Wasserknappheit leidet, ist kein Geheimnis, trotzdem werden in allen wohlhabenden Ortschaften an jeder Ecke Parks und Grünanlagen errichtet – natürlich auch in der Wüste. Das Tote Meer wird vom Jordan gespeist wird, aus dem allerdings jede Menge Wasser für die Bewässerung  genommen wird.So singt der Wasserspiegel des Toten Meeres jedes Jahr um 1 m und soll Berechnungen zufolge schon 2050 ausgetrocknet sein – die Israelis sollten also dringend anfangen, sich mehr für die Umwelt einzusetzen.
In Israel hört man – vielleicht auch nicht völlig zu Unrecht – immer wieder folgenden Einwand: Israel hat andere Sorgen. Und damit wäre ich auch schon beim nächsten Thema…

Israels Sicherheit:

Fürs Israels Sicherheit wird im Ausland wie im Inland gesorgt. Und das kommt man zu spüren, wenn man hier lebt: einerseits sind da natürlich die vielen Soldaten, die man überall sieht. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass eigentlich alle Jugendlichen unseres Alters für zwei bzw. drei Jahre bei der Armee sind. Dass wir hier mitten in einem Konfliktherd leben, bekamen wir ganz am Anfang zu spüren: kurz nach unserer Ankunft im August hatte der Konflikt mit Syrien dramatische Ausmaße angenommen und es sah ganz nach einem amerikanischen Militärschlag gegen Syrien aus – auf den Syriens Verbündeter Iran wohlmöglich mit einem Vergeltungsschlag gegen Israel reagiert hätte. Dementsprechend holten alle ihre Gasmasken raus und plötzlich war man doch etwas beunruhigt…
Ansonsten wird der Alltag trotzdem wenig von der unruhigen Lage tangiert: ab und zu gibt es einen Probealarm, bei dem alle in den Bunker rennen müssen, und in Einkaufszentren, Museen, Krankenhäusern und größeren Bushaltestellen wird man in der Regel durchleuchtet. Aber an all das gewöhnt man sich schnell: seine Tasche öffnet man automatisch, hält sie kurz dem Wachmann hin, der einen gelangweilten Blick hineinwirft, und weiter geht’s.

Irgendwie widersprüchlich: die Ultraorthodoxen:

Von Israels Straßen sind sie nicht mehr wegzudenken: die Ultraorthodoxen. Noch bilden sie mit nur 10% der Bevölkerung eine eindeutige Minderheit – aber eine schnell wachsende. Und das könnte sich für Israel als Problem erweisen: Die Ultraorthodoxen leisten keinen Wehrdienst, gehen in der Regel keiner Arbeit nach und leben somit auf Kosten des Staats. Den allerdings lehnen sie mit der Begründung ab, ein jüdischer Staat könne nur vom Messias gegründet werden und so hissen manche an nicht-religiösen Feiertagen schwarze Flaggen.
Aber das ist nur ein Beispiel für die vielen Komplexitäten und Widersprüchlichkeiten, die es in diesem Land gibt und die mit zu seiner Faszination beitragen.
Es bleibt weiter spannend!

Beste Grüße aus Israel,

Lotte 

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