| Pause in den Sodomsbergen |
Shalom chaverim,
gerade, als ich meine Computer hochgefahren habe, um Euch
von meinem wunderbaren Wochenende zu erzählen, passierte, was ja irgendwann eh
kommen musste: wir hatten zum ersten Mal Bombenalarm. Eine Freundin hatte mich
gestern schon gewarnt, dass er heute um 10:05 losgehen würde, aber ich hatte
ihn schon wieder völlig verdrängt. Wo genau der Alarm herkam, kann ich nicht
genau sagen, wahrscheinlich sind in ganz Israel im Abstand von wenigen Metern
solche Lautsprecher installiert. In Beit Perry haben wir drei Bunkerräume
(bekannt eher als Bastelräume, denn dafür werden sie verwendet), sodass wir es
im Falle eines Falles nie weit hätten.
Zum Zeitpunkt des Alarms befanden sich allerdings alle
Friends in ihrer Tagesstätte und die hier verbliebenen Angestellten, also
Putzfrau, Hausmeister und Köchin, ließ
der Alarm völlig kalt. Ich hingegen wollte brav zum Bunkerraum laufen, wurde
dann aber doch von der Gelassenheit der Israelis überzeugt. Ein Blick aus dem
Fenster zeigte nämlich, dass sich keiner groß um den Alarm scherte, sondern
jeder seelenruhig seiner Tätigkeit nachging. Ich musste an das Zitat von Brecht
denken: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin…“
Diesen Freitag fuhren Judith, Johanna, Aviva und ich – zur
Abwechslung – mal nach Jerusalem. Aber auch nach gefühlt 200 Besuchen dort,
gibt es immer noch Dinge zu besichtigen und bestaunen. Für dieses Mal hatten
wir uns die Hebrew University auf dem Mount Scopus vorgenommen. Die Universität
wurde 1918 gegründet und ist somit deutlich älter als der Staat Israel selbst. Zu
den Initiatoren für den Bau gehört übrigens auch Albert Einstein!
| Blick auf das an den Mount Scopus angrenzende arabische Dorf |
Die Universität ist – wie so ziemlich alles in Israel –
umzäumt und vor Betreten wird man kontrolliert. Von außen sieht sie aus wie
eine Festung aus dem für Jerusalem so typischen Sandstein. Den Eingang (und es
gibt nur einen) zu finden, ist alles andere als leicht und so begann der Tag
für uns mit einer kleinen Wanderung auf dem Mount Scopus. Der Blick von hier
oben ist toll: man sieht die Altstadt von Jerusalem inklusive dem Felsendom,
dessen Kuppel zu jeder Tages- und Nachtzeit zu glitzern scheint. Als wir den
Eingang endlich fanden, war in der Universität leider nichts mehr los: es war
mittlerweile Freitag Nachmittags und die Studenten alle auf dem Weg zu ihren
Familien. Wir liefen also ein bisschen durch den botanischen Garten, der zur
Universität gehört und picknickten dort.
Wieder in der Altstadt besichtigten wir das Gartengrab. An
dieser Stelle befindet sich – was allerdings umstritten ist – der Garten von
Joseph von Arimathäa, in der Jesus begraben wurde. Es war irgendwie merkwürdig,
die Höhle, in der Jesus wohl bis zu seiner Auferstehung lag, zu betreten. Ich
musste an ein Bild aus meiner Kinderbibel denken, in der man Maria und Maria
Magdalena sieht, wo sie an ebendieser Stelle stehen und sich über den zur Seite
gerollten Stein und das leere Grab wundern…
Von einer Plattform am Ende des Gartens aus sieht man den
Busbahnhof, von dem aus ich schon mehrfach Busse auf den Ölberg genommen habe.
Was mir allerdings nie aufgefallen war: von einer Seite wird er von einer
Felsenwand begrenzt. Die Felsen haben hier die Form eines Schädels, sodass man
davon ausgeht, dass es sich hierbei um Golgatha (aramäisch Schädelstätte), also
den Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde, handelt.
Läuft man Freitags Nachmittags durch die Altstadt, ist
auffällig, wie viele Juden, insbesondere die Ultraorthodoxen, Richtung
Klagemauer rennen, um dort den Shabbat zu beginnen. Wir allerdings entschieden
uns für einen Kaffee in dem wunderschönen Österreichischen Hospiz und machten
uns dann auf den Weg nach Gilon, wo wir bei anderen Freiwilligen übernachteten.
Am nächsten Morgen ging es schon sehr früh los: um sieben
Uhr trafen sich circa 50 Freiwillige am Jaffa Gate, um bei dem Volontärsausflug,
einer Wanderung durch das Wadi Perazim und die Sodomsberg, teilzunehmen. Mit
einem Bus ging es Richtung Osten, die Route 1 entlang zum Toten Meer. Die Sonne
stand noch sehr tief und ich hatte vom Bus aus den wohl bisher schönsten Blick
auf Jerusalem: alles schien zu leuchten, der Felsendom, die Stadtmauer und all
Kuppeln und Dächer der Kirchen, Synagogen und Moscheen. Die Straße fällt steil
ab, da man schon nach kurzer Zeit das Niveau des Toten Meeres, immerhin der
tiefste Punkt der Erde, erreicht.
| Die besagte Salzsäule |
Der angehende Pfarrer der Erlöserkirche, der die Exkursion
leitete, war etwas überrascht darüber, dass nur die wenigsten von uns die
Geschichten aus dem Alten Testament über Lot und seine Frau kannten. Ich
zumindest kannte sie nicht: Gott plante, die Städte Sodom und Gomorrha zu
zerstören, wollte allerdings Lot und seine Frau die Chance geben, rechtzeitig
zu fliehen. Bei ihrer Flucht drehte sich Lots Frau allerdings – entgegen Gottes
Anweisung – um und erstarrte zur Salzsäule.
Unsere Wanderung begann am Südende des Toten Meeres, im Wadi
Perazim, das eines der trockensten Orte des Landes ist. Da die Salzformationen
des Wadis von Tälern durchzogen sind, kann man hier wunderbar wandern gehen.
Die Berge sehen ständig anders aus: mal sind es Säulen, die in den Himmel
ragen, mal kommt man an Höhlen vorbei, die allerdings Einsturz gefährdet sind.
4,5 Stunden liefen wir so durch die Wüste. Da wir in die
Mittagshitze gerieten, wurde es richtig heiß und der Weg war ohnehin schon
nicht unanstrengend: ständig musste man auf den sehr unebenen Weg achten, ab
und zu führte der Weg die Felsen hoch, sodass wir einige Male auch kletterten.
Die empfohlenen Menge von 3 Litern Wasser war tatsächlich nicht übertrieben,
nervig nur, dass man sie die gesamte Zeit mit sich tragen musste. Auf unserem
Weg durch das Wadi und später hoch in die Sodomsberge begegneten wir fast
niemandem. Wir liefen in kleinen Gruppen, jeder seinem Tempo entsprechend.
Sobald einmal keiner sprach bzw. trank, merkte man, wie still es um einen herum
wurde: Man hörte den Wind um die Felsen wehen, aber ansonsten war es absolut
still.
Oben in den Sodomsbergen hatte man einen spektakulären
Blick: auf der einen Seite die einzigartigen Gesteinsformationen, auf der
anderen das Tote Meer. Unten angekommen ging es mit dem Bus weiter nach Ein
Boqeq, eines der Kurzentren am Toten Meer. Hier befindet sich im Übrigen auch
der einzige Sandstrand, für den man keinen Eintritt bezahlen muss. Ein Boqeq
ist, wie so viele Orte und Städte in Israel, von Russen geprägt. Ansonsten ist
es natürlich sehr touristisch, alle paar Meter kann man sich Schlammpackungen
und Sonnenhüte kaufen.
Nach fast sechs Monaten in Israel habe ich es dann tatsächlich
auch einmal ins Tote Meer geschafft! Wirklich ein besonderes Gefühl: sobald man
mit den Beinen oder einem anderen Körperteil ins Wasser eintaucht, fühlt es
sich total ölig an, als hätte man jede Menge Creme draufgepackt. Im Wasser
selber treibt man eigentlich die ganze Zeit: entweder liegt man auf dem Rücken
oder auf dem Bauch, Arme und Beine von sich gestreckt. Sich in dem Gewässer
hinzustellen, ist gar nicht so einfach: will man mit den Beinen auf den Boden,
muss man sich zuerst auf den Bauch
drehen und dann die Beine Richtung Boden drücken, von der Rückenlage aus ist
das nicht möglich.
Schluckt man versehentlich etwas von dem Wasser, so schmeckt
es – Überraschung – nach Öl und vor allem Salz und es dauert auch lange, bis
man den Ölfilm wieder abgeduscht hat. Generell freuten sich alle auf die
Dusche: unsere Klamotten und Schuhe waren ganz weiß vom Wüstenstaub, die Haut
ordentlich eingeölt und die Haare voller Sonnencreme und Schweiß.
Im Bus nach Jerusalem – es war gerade mal 18 Uhr – schliefen
alle direkt ein. Die Wüste strengt an!
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