Make Hummus Not Walls

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Samstag, 8. Februar 2014

Auf der anderen Seite des Checkpoints oder: In Ramallah und Jenin

Gewürze auf dem Markt von Jenin

Shalom chaverim,

von einem ganz anderen Trip, dieses Mal ins Herz der West-Bank, möchte ich heute erzählen. Von Ra’anana aus fuhr ich diesen Mittwoch nach Jerusalem, wo ich mich mit Rebekka und Max, einem Freund von ihr aus Deutschland, traf und wir zusammen nach Ramallah, in die Hauptstadt des Westjordanlands fuhren. 

Ramallah: laut und voll

Kaffeeverkäufer auf dem Manara-Square

Im Bus unterhielten wir uns mit einem Palästinenser, der seit Jahren in Tel Aviv lebt und dort arbeitet. Als wir ihn fragten, was man sich in Ramallah anschauen könnte, meinte er schlicht „Nothing.“ Da er auf seine Stadt trotzdem stolz zu sein schien, gab er uns dennoch eine Stadtführung. Unrecht hatte er in Puncto Attraktivität auch nicht, in Ramallah gibt es (außer vielleicht dem Grab Jassir Arafats) tatsächlich keine
Sehenswürdigkeiten. Und trotzdem ist die Stadt sehr sehenswert: Erst einmal sind die Menschen hier unglaublich freundlich und man wird alle paar Sekunden von irgendjemandem willkommen geheißen. Zuerst dachte ich, die Leute würden versuchen, uns irgendwelches Zeugs anzudrehen, aber sie wollten wirklich einfach nur freundlich sein. Wir waren auch weit und breit die einigen Touristen, sodass wir ziemlich auffielen. Die Straßen waren rappelvoll und von überall wehte einem der Duft von frischem arabischen Kaffee, Falafel – und Abgasen entgegen. Der Verkehr in Israel ist nämlich nichts im Vergleich zu dem in der West-Bank. Auf den beiden großen Plätzen Ramallahs stehen in der Mitte Polizisten, die versuchen, etwas Ordnung  in das Chaos zu bringen. Das Chaos als „Balagan“ zu bezeichnen wäre allerdings keine gute Idee, generell sollte man lieber Englisch als Hebräisch sprechen, wenn man sich nicht unbeliebt machen möchte…

Das Grab Jassir Arafats
Ramallah ist – verglichen mit der restlichen West-Bank und vor allem mit dem Gaza-Streifen – sehr liberal: es gibt viele westliche Läden wie Zara und in dem Café, in dem wir eine Pause einlegten, wurden wir von einem schwulen Kellner bedient. Trotzdem merkt man, dass man sich in einer arabischen Stadt befindet: man hört den Muezzin rufen und auf den Straßen begegnet man hauptsächlich Männern und die Frauen, die man sieht, tragen fast alle Kopftücher. Rebekka und ich waren froh, mit einem Jungen unterwegs zu sein und dem Rat einer Freundin gefolgt zu haben, einen Ring am Ringfinger zu tragen.

Am späten Nachmittag fuhren wir mit einem Service (so werden die Sheruts in Palästina bezeichnet) in den Norden nach Jenin. Die Fahrt sollte eine Stunde dauern, doch als wir schon deutlich länger unterwegs waren, machten wir uns doch etwas Sorgen: es war schon spät und in dem Service saßen außer uns nur arabische Männer, die alle kein Wort Englisch sprachen. An einer Art Tankstelle hielten wir an und der Fahrer wechselte.
Im Westjordanland fährt man die meiste Zeit auf Feldwegen, da es kaum ausgebaute Straßen geschweige denn Autobahnen gibt – und wenn doch, dann finden man am Straßenrand Schilder, die darauf hinweisen, dass die USA oder Deutschland sie finanziert haben. Da die Sonne schon lange untergegangen war, konnte man nicht mehr gut sehen, aber die Landschaft um uns herum war ganz offensichtlich anders als in Israel: hügelig und grün, ein bisschen wie in Deutschland.

Als wir in Jenin ankamen, gingen wir zuerst in ein kleines Restaurant, in dem ich den wohl besten Döner meines Lebens gegessen habe – das Essen ist hier extrem günstig und man kann in einem Restaurant Falafel für umgerechnet 60 ct essen!
Da das Guesthouse leer und der Manager sehr nett war, bekamen wir ein Zimmer nur für uns. Es war allerdings lausig kalt, da die Häuser hier noch viel schlechter isoliert sind als in Israel und die Heizung ausfiel, sobald das Stromnetz überlastet war.
Jenin ist die nördlichste Stadt der West-Bank mit circa 45.000 Einwohnern, ein Großteil von ihnen wohnt in dem seit 1948 bestehenden Flüchtlingscamp. Heutzutage sind die Grenzen zwischen Stadt und Flüchtlingscamp allerdings nicht klar zu bestimmen. Wer sich unter Flüchtlingscamp nämlich eine aus Zelten bestehende Ansammlung vorstellt, in der täglich Suppe und Kleidung verteilt werden, liegt  falsch: das Camp besteht aus Häusern, es gibt Schulen, Läden und Moscheen – wie eine normale arabische Stadt eben. Trotzdem ist das Camp anders: die Menschen dort haben kaum Geld und vor allem keine Perspektive. Viele haben Angehörige oder Freunde während der zweiten Intifada verloren, als deren Ausgangspunkt Jenin übrigens angesehen wird: aus dem Flüchtlingscamp von Jenin kamen nämlich 35-50 Selbstmordattentäter während der zweiten Intifada.

Jenin gehört zur Zone A, das heißt, dass hier, anders als in Städten der Zone B bzw. C die palästinensische Behörde volle Autonomie hat. Bedeutet konkret: tagsüber sieht man hier keine israelische Soldaten, nachts dafür schon. In unserer ersten Nacht (ich schlafe immer sehr tief, deshalb habe ich davon nichts mitbekommen), hat man Bombenexplosionen und Schüsse gehört. Die Bombengeräusche, versicherte der Hostel-Manager am nächsten Morgen den beunruhigten Gästen, seien allerdings nur Atrappen, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Die Schüsse allerdings waren echt…

Das Guesthouse gehört zum Cinema Jenin, das einst das größte Kino in der West-Bank war, während der zweiten Intifada allerdings zerstört wurde. 2010 wurde es – finanziert hauptsächlich durch deutsche Mittel – wieder aufgebaut und fungiert seitdem als Kulturzentrum. Eine deutsche Volontärin, die wir im Guesthouse kennengelernt haben, bietet dort Tanzworkshops an, um den Jugendlichen ein bisschen Abwechslung zu ermöglichen.

Die gleichen Ziele (also Kultur und Abwechslung für die Einwohner Jenins) verfolgt auch das Freedom
Theatre im Flüchtlingslager. Sein Gründer, Juliano Mer Khamis, wurde 2011 im Theater erschossen, aber palästinensische Jugendliche und ausländische Aktivisten führen das Projekt fort: sowohl Jungen als auch Mädchen (keine Selbstverständlichkeit!) aus Jenin und Umgebung, vor allem aber jene aus dem Flüchtlingscamp, erhalten hier Schauspielunterricht. In dem Theater werden einem Filme über die Entstehung des Theaters, seine Projekt und auch das Leben in Jenin unter israelischer Besatzung gezeigt. Motto des Theaters: Creation under Occupation.

Zu dem Theater gehört mittlerweile auch eine kleine Schule, die mit Hilfe von ausländischen Mitteln junge Palästinenser zu Bühnenbildnern und Tontechnikern ausbildet. Unterhält man sich mit den Jugendlichen dort, erzählen sie einem, welche Bedeutung das Theater für sie hat: ziemlich mittellos und in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt haben sie in Jenin nämlich kaum Möglichkeiten. Das Theater gibt ihnen Hoffnung, lässt sie in ihrer Freizeit etwas sinnvolles tun und hilft vielen auch dabei, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Das Emblem des Freedom Theatre
Die Abschlussklasse des Theaters ist mittlerweile ziemlich professionell und tourt auch durch Europa.

 Da Rebekka einen der Schauspieler aus dem Theater kannte, haben wir uns mit ihm und seinen Freunden getroffen und einiges über ihr Leben in Jenin erfahren. Die meisten stammen selber aus dem Flüchtlingscamp, viele haben Verwandschaft im Gaza-Streifen, die sie allerdings nicht besuchen können. Auch das Meer haben die meisten von ihnen nicht mehr gesehen, seit sie 13 sind…
Einer der Filme, die einem in Theater gezeigt werden, handelt von den Zukunfts-Wünschen der Kinder: die meisten wollen Schauspieler oder auf anderen Wegen berühmt werden. Aber einige haben immer noch den Traum, den viele Kinder in Palästina haben: sie wollen als Märtyrer sterben.

Mit dem Manager vom Guesthouse und anderen Reisenden liefen wir durchs Flüchtlingscamp auf einen Berg, von dem man einen tollen Blicke hatte: die Berge Palästinas, dazwischen Checkpoints, Afula und Nazareth. Israel ist nie weit.

Blick auf Jenin

Typisch West-Bank: Shisha-Läden
Der Markt von Jenin ist ein Erlebnis für die Sinne: es riecht nach frischem Obst und Kuchen und überall sieht man Gewürze in allen Farben. Da Rebekka, Max und ich weit und breit die einzigen Touristen waren, fielen wir ziemlich auf: die arabischen Kinder wollten mit uns Fotos machen und sich mit uns unterhalten, auch wenn sie kein Wort Englisch und wir nur ein Wort Arabisch (Danke) konnten. Am meisten schien sie, von unseren Namen abgesehen, das Thema Fußball zu interessieren. Ständig gaben sie uns High-Five und riefen dabei „Beckenbauer,“ „Ballack,“ „Klose!“
Auf unserer kleinen Wanderung kamen Kinder auf Max zugerannt und erzählten ihm, er sei der größte Mensch, den sie je gesehen hätten.

Was auf dem Markt aber vor allem auffiel, war die Freundlichkeit der Menschen. Wir waren davon ausgegangen, ständig über den Tisch gezogen zu werden und Touristenpreise zu zahlen. (Selbst das wäre verkraftbar gewesen, schließlich ist hier alles so günstig.) Das Gegenteil war der Fall: wann immer wir Gewürze, Früchte oder Kuchen kaufen und uns nach dem Preis erkundigten, bekamen wir die Sachen geschenkt. Wenn man einmal doch zwei Avocados bezahlte, bekam man mindestens vier Bananen obendrauf. Ein kleines Stück Kuchen? Eine Tüte Gemüse? Alles geschenkt!

Unsere zweite Nacht im Guesthouse war im Vergleich zur ersten sehr ruhig. Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Taxi zum Checkpoint Jalame zwischen Jenin auf palästinensischer und Afula auf israelischer Seite.
Rebekka und Max wollten nach Nazareth und ich nach Afula, um von dort aus nach Ra’anana zu fahren. Arabische Taxis allerdings dürfen nicht über die Grenze fahren, sodass man am Checkpoint aussteigen und dahinter in ein anderes Taxi steigen muss.
Mit dem Checkpoint war es allerdings auch so eine Sache. Unser Taxifahrer brachte uns quasi für lau bis zur Grenze und ließ uns dort raus. Weit und breit waren wir – von ein paar arabischen Taxifahrern abgesehen – mal wieder die einzigen und fühlten uns etwas verloren. Zuerst liefen wir gefühlte Stunden durch ein System aus Gängen und Drehtüren, die alle Teil des Checkpoints waren. Irgendwann schrie uns eine Stimme aus dem Off auf Hebräisch an. Wir erschreckten uns ziemlich, vor allem, weil wir keine Ahnung hatten, wo die Stimme herkam, wir anscheinend aber die gesamte Zeit beobachtet worden waren. Die mysteriöse Stimme merkte allerdings, dass wir kein Hebräisch verstanden und schleuderte und daher ein freundliches „DO YOU SPEAK ENGLISH????“ entgegen. Rebekka und Max waren schon durch die Drehtür gelaufen und ließen sich dort von der Stimme beschimpfen, ich allerdings befand mich noch auf der anderen Seite und bekam erst einmal kein grünes Licht zum Durchlaufen.
Irgendwann erhielt allerdings auch ich die Aufforderung, meine Tasche durchleuchten zu lassen und durch die Kontrolle zu kommen. Bis dahin hatten wir am Checkpoint immer noch keinen Menschen gesehen und auch als unsere Pässe kontrolliert wurden, kommunizierten wir mit einer Stimme hinter einem Vorhang.

Anscheinend aber hielten uns die Stimmen für passabel, denn wir wurden durchgelassen und liefen weiter durch Drehtüren und Gänge. Am Ende einer dieser Gänge wurden unsere Pässe wieder kontrolliert (diesmal von einem für uns sichtbaren Menschen!) und die Araber vor uns in der Schlange mussten auch einen Fingerabdruck machen.

Rebekka wies mich unauffällig darauf hin, einen vorsichtigen Blick nach oben zu werfen: dort stand ein Soldat mit gezücktem Gewehr, der uns einen äußerst strengen Blick zuwarf, sodass man sich direkt schuldig fühlte.

Hinter Checkpoint stiegen wir wieder in ein Taxi, das mich nach Afula und Rebekka und Max weiter nach Nazareth brachte. Der Toilettenbesuch in Afula kostete übrigens so viel wie in Jenin ein Fladenbrot, das für eine halbe Großfamilie reicht.


Wieder in Ra’anana fühle ich mich doch etwas wohler: keine Bomben- und Schussgeräusche und ein vergleichsweise harmloser Verkehr. Die Gastfreundschaft der Palästinenser wird mir aber auf jeden Fall in Erinnerung bleiben! 

Dieses Metall-Pferd hat ein deutscher Künstler entworfen:
es besteht aus den Überresten von Autos, die von
der israelischen Armee in Jenin zerstört wurden

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