| Ein letztes Mal Jerusalem! Vor den Mauern der Altstadt mit Aviva |
| Graffiti in einer Unterführung bei der zentralen Bus- Station von Jerusalem |
Shalom
chaverim,
es
ist soweit! Der letzte Blog-Eintrag! Die letzten vier Tage in Israel waren voller
Abschiede – diesmal aber endgültigen: den Autisten, Mitarbeitern, Freunden…
Am
Sonntag stand aber erst einmal der Abschied von einem Ort an: Jerusalem! Mit
Aviva fuhr ich mit dem Sherut ein vorerst letztes Mal in die Heilige Stadt, die
in diesen Tagen ungewöhnlich leer war. Das lag zum einen an den beiden
Terroranschlägen vom 4. August, die zu diesem Zeitpunkt ja erst gut zwei Wochen
zurück lagen. Damals hatte ein Mann mit einem Bagger einen Fußgänger überfahren
und danach einen Bus umgestoßen, wenige Stunden später wurde ein Soldat an der
Jerusalemer Universität niedergeschossen. Aber auch so herrscht momentan eine
angespannte Stimmung in der Stadt: immer wieder hört man von Anfeindungen auf
den Straßen, Übergriffen sowohl gegen Juden als auch gegen Araber und Demonstrationen,
auf denen Steine geworfen werden und die Polizei hart durchgreift. Viele Touristen werden von den Nachrichten
verschreckt und sagen ihren Urlaub ab.
| Knafeh und arabischer Honigkuchen |
Es
war natürlich ein Vorteil, in der Altstadt zum ersten Mal nicht von
Menschenmassen zerquetscht zu werden und in der Schlange für die Falafel nicht gefühlte
Stunden hinter einer philippinischen Reise-Gruppe zu stehen, aber es löste auch
ein ungutes Gefühl aus: irgendwas war falsch, irgendwas stimmte hier nicht.
Trotzdem
genossen wir unseren letzten Besuch in der Stadt, aßen Falafel und jede Menge
arabischen Kuchen, handelten auf dem Souq und schossen ein paar
Touristen-Fotos.
Am
Abend dann stand Judiths und meine Abschiedsfeier mit den Mitarbeitern aus Beit
Perry an. Fast alle waren gekommen, auch einige Ehemalige, darunter die
ehemalige israelische Freiwillige, die wir ewig nicht mehr gesehen hatten und
was mich sehr freute. Wir sprachen wieder einmal in einem lustigen Mix aus
Englisch und Hebräisch und ich merkte, dass ich den verrückten Haufen wohl ganz
schön vermissen werde!
| Auf unsere Abschiedsfeier mit den Mitarbeitern aus Beit Perry |
Der
Abschiedstrott wurde durch einen Kurzurlaub, der meine letzten zwei Tage in
Israel ausfüllte, unterbrochen: für zwei Tage fuhr ich mit Michael in die
Golan-Höhen zu Verwandten von ihm, die in einem Kibbuz nahe der Grenze zum
Libanon und Syrien wohnen. Die - für israelische Verhältnisse sehr lange –
Fahrt von drei Stunden führte uns durch die grünen und hügeligen Golan-Höhen,
vorbei an Plantagen mit Apfel- und Granatapfelbäumen und vorbei auch am See
Genezareth, in dem gerade die Sonne verschwand, als wir vorbei fuhren. Je weiter
man Richtung Norden fuhr, desto verlassener wurde die Gegend: nur ab und zu kam
man an Kibbuzim vorbei und mittelgroßen Städten mit einer riesigen, immer
gleich aussehenden Mall am Stadtausgang.
| In den Golan-Höhen |
Der Kibbuz Gonen hat kaum noch was von einem
traditionellen Kibbuz: die Häuser sind groß und neu, es gibt keinen Speisesaal
geschweige denn ein Kinderhaus und außer einem Pool für alle befindet sich
alles in Privatbesitz. Trat man auf den Balkon des Hauses unserer Gastgeber, so
sah man vor sich eine Bergkette, hinter der der Libanon beginnt. Auf den
Bergspitzen befinden sich israelische Militärstationen, die den Soldaten einen
weiten Blick hinein ins Land ermöglichen. Drehte man sich etwas nach rechts,
dann sah man geradewegs hinein nach Syrien. Fünf Tage später kamen aus beiden
Nachbarländer Raketen, die nicht weit entfernt einschlugen – ein mulmiges
Gefühl erfüllt mich, wenn ich daran denke.
| Blick vom Balkon aus: Hinter der Bergkette beginnt der Libanon |
| Auch Honig wird im Golan gewonnen |
Über
uns gab es einen wunderschönen Sternenhimmel, den man vom hell erleuchteten Tel
Aviv und der dicht besiedelten Sharon-Ebene aus nicht so schön sehen kann.
Etwas unidyllisch war nur die Geräuschkulisse: Michaels Cousin hatte uns
erklärt, dass in dem Kibbuz noch Steaks produziert werden und dafür werden nun einmal
Kühe gebraucht, die es hier sogar relativ gut haben, da sie frei auf den
Feldern der eh kaum besiedelten Umgebung leben dürfen. Die Kälber allerdings
werden von ihren Müttern nach wenigen Tagen getrennt und kommen in einen großen
Käfig im Freien, da sie sich nicht selbstständig ernähren könnten, wenn ich das
richtig verstanden habe. Da sie aber von ihren Müttern getrennt sind, schreien
sie die ganze Nacht und wenn ich sage, die ganze Nacht, dann meine ich auch DIE
GANZE NACHT! Wir saßen wirklich mehrere Stunden auf dem Balkon und das Geschrei
hörte einfach nicht auf. Und immer, wenn man dachte, die Kälber würden endlich
Ruhe geben, dann schrien sie nur umso lauter. Irgendwann wurde es zu einer Art
Tinnitus: wenn man länger nicht drüber nachdachte, schaffte man es ganz gut,
das Geräusch auszublenden, aber sobald der jeweils andere sich wieder einmal
darüber ausließ, so hörte man es auch wieder.
Das
Gästezimmer war praktischer Weise – wie übrigens so oft in Israel – im
Bunkerraum und so war es für uns zumindest in der Nacht schön ruhig.
Am
nächsten Morgen – also einen Tag vor Abflug – verbrachten wir noch etwas Zeit
am Kibbuz-Pool, fuhren dann aber weiter zu einem Aussichtspunkt mit einem Turm,
der noch aus der britischen Mandatszeit stammt und von dem aus man ins Hulatal
schauen kann. Der Otto Normalverbraucher (und ich vor einem Jahr übrigens auch)
weiß nämlich gar nicht, dass Israel ein Paradies für Vogelliebhaber ist:
insgesamt gibt es hier 430 Vogelarten (beachtlich für ein so kleines Land) und
jede Menge Zugvögel, die von Europa nach Afrika fliegen und hier Rast machen –
bevorzugt im Hulatal. Vögel sahen wir zwar nicht (ich hätte sie auch nicht
identifizieren und schätzen können), dafür hatten wir einen sehr schönen Blick
in die hügelige Landschaft hinein. Für jemanden wie mich, der ein Jahr lang an
der Mittelmeerküste gelebt hat, waren all das Grün und die bergige Landschaft
immer wieder eine kleine Sensation.
| Blick ins Hulatal |
| So nah aber doch so fern: ein libanesisches Dorf unmittelbar hinter der Grenze |
Wir
tuckerten weiter durch den Golan, sehr lange auch auf einer Straße, die
parallel zur libanesischen Grenze verläuft. Alle paar Kilometer gab es eine
Abzweigung, die allerdings nicht benutzt werden sollte: „STOP here, border
ahead!“. Wir fragten uns, ob man wohl eines Tages einfach so rüberfahren und in
den benachbarten Dörfern Falafel essen könnte….
Als
nächstes fuhren wir zum Strand von Achziv, einem der schönsten Strände Israels,
für den man allerdings Eintritt bezahlen muss: der Strand liegt in der Republik
Achziv, dem kleinsten Freistaat der Welt, in dem genau zwei Menschen leben. Zum
Eintritt gehört auch, dass man sich das Museum anschauen darf, das im Übrigen
auch das einzige Gebäude in dem Mikrostaat darstellt. Hier herrscht ein
wunderbares Chaos von Vasen, Tonscherben und Säulen-Fragmenten, die alle
unbeschriftet und ungeordnet in schiefen Regalen stehen oder von der Decke
hängen:
| Der Strand von Achziv |
Der
Strand von Achziv ist sehr schön, aber auch rappelvoll. Viel Zeit hatten wir eh
nicht: um fünf Uhr musste ich schon wieder in Ra’anana sein, da dort die
Abschiedsparty mit den Friends stattfand. Unterwegs hielten wir noch schnell in
Akko, das auf dem Weg lag. Dadurch konnte ich die Stadt nochmal sehen und auch
meine letzte israelische Falafel essen.
Etwas
zu spät kam ich daher im Schwimmbad von Ra’anana an, wo die Friends teilweise
schon eifrig im Wasser planschten. Es war die Idee unserer Managerin gewesen,
die Abschiedsfeier im Schwimmbad stattfinden zu lassen, wo die sommerliche
Dienstags-Aktivität stattfindet. Es war schön, alle Friends so glücklich zu
sehen (die meisten rasten nämlich völlig aus vor Freude, wenn sie im Wasser
sind). Einige hingegen sind ihre Wasser-Phobie noch nicht losgeworden und
verbringen dann eben zwei Stunden auf der Wiese. Meistens geht es zuerst ins
Freibad, danach in den Hot-Tub und - nachdem wir auch von dort alle vertrieben
haben - ins Hallen-Schwimmbad (wo wir dann auch wieder alle anderen Gäste mit
den aufs Wasser schlagenden und wild kreischenden Friends vertreiben).
| Bei der Abschiedsfeier mit den Friends |
Nacheinander
standen also die Friends auf. Die low-functioning Friends, die die Situation
nicht verstehen konnten, blieben sitzen, aber selbst manche von ihnen schienen
es doch irgendwie zu begreifen. Die andere Friends schüttelten uns die Hände,
überreichten uns Geschenke, wünschten uns alles Gute oder bedankten sich. Und
da kamen mir dann doch die Tränen...
Zurück
in Beit Perry versuchte ich schnell, ein bisschen zu packen (dazu war ich immer
noch nicht gekommen…), aber wurde dann schon abgeholt zu der dritten
Abschiedsfeier, die dieses Mal im Teder, meiner Lieblings-Bar in Tel Aviv,
stattfand. Es waren deutsche und israelische Freunde gekommen, aber ich war so
traurig, dass ich es gar nicht richtig genießen konnte…
![]() |
| Michael und Judith mit unserem Gepäck (das meiste war ehrlich gesagt von mir...) |
Am
Mittwochmorgen dann fuhren wir nach Beit Perry, wo wir Judith und meinen
Krempel einsammelten (und zu Ende packten) und mit jeder Menge Übergewicht und
reichlich Verspätung am Flughafen ankamen. Es endete also so, wie letztlich
auch alles begonnen hatte und wie das ganze Jahr verlaufen war: in dem
speziellen israelischen Chaos, in dem aber irgendwie trotzdem noch alles
funktioniert - Balagan! Die Lufthansa-Tante war sehr nett und berechnete mir
nur einen extra Koffer, obwohl sicherlich auch ein Zuschlag für drei extra
Koffer gerechtfertigt gewesen wäre… Praktischer Weise wurden wir auch noch so
lange ausgefragt (und es floss natürlich auch noch die ein oder andere
Abschiedsträne…), dass wir fast unseren Flug verpasst hätte. (Judith und ich
waren tatsächlich die letzten Passagiere, die das Flugzeug betraten).
Und
plötzlich waren wir in Deutschland!
So,
liebe chaverim, das war mein letzter Blog-Eintrag, von dem vierten Rundbrief
abgesehen, den ich hier noch veröffentlichen werde. Von all den schönen Dingen
und lieben Menschen in Israel abgesehen, werde ich auch das Bloggen sehr
vermissen. Ich hoffe, ich konnte Euch immer einen guten Einblick in meinen
Alltag, meine Arbeit und meine Abenteuer geben, euch das Land etwas näher und
Euch an der ein oder anderen Stelle zum Schmunzeln bringen. Mir hat es auf jeden Fall immer Spaß gemacht!
![]() |
| Die fünf verbliebenen EKIR-Freiwilligen am Düsseldorfer Flughafen |


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