Make Hummus Not Walls

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Donnerstag, 4. September 2014

Von schreienden Kühen und schwimmenden Autisten oder: Endgültiger Abschied!

Ein letztes Mal Jerusalem! Vor den Mauern der Altstadt mit Aviva

Graffiti in einer Unterführung bei der zentralen Bus-
Station von Jerusalem
Shalom chaverim,

es ist soweit! Der letzte Blog-Eintrag! Die letzten vier Tage in Israel waren voller Abschiede – diesmal aber endgültigen: den Autisten, Mitarbeitern, Freunden…

Am Sonntag stand aber erst einmal der Abschied von einem Ort an: Jerusalem! Mit Aviva fuhr ich mit dem Sherut ein vorerst letztes Mal in die Heilige Stadt, die in diesen Tagen ungewöhnlich leer war. Das lag zum einen an den beiden Terroranschlägen vom 4. August, die zu diesem Zeitpunkt ja erst gut zwei Wochen zurück lagen. Damals hatte ein Mann mit einem Bagger einen Fußgänger überfahren und danach einen Bus umgestoßen, wenige Stunden später wurde ein Soldat an der Jerusalemer Universität niedergeschossen. Aber auch so herrscht momentan eine angespannte Stimmung in der Stadt: immer wieder hört man von Anfeindungen auf den Straßen, Übergriffen sowohl gegen Juden als auch gegen Araber und Demonstrationen, auf denen Steine geworfen werden und die Polizei hart durchgreift.  Viele Touristen werden von den Nachrichten verschreckt und sagen ihren Urlaub ab.

Knafeh und arabischer Honigkuchen
Es war natürlich ein Vorteil, in der Altstadt zum ersten Mal nicht von Menschenmassen zerquetscht zu werden und in der Schlange für die Falafel nicht gefühlte Stunden hinter einer philippinischen Reise-Gruppe zu stehen, aber es löste auch ein ungutes Gefühl aus: irgendwas war falsch, irgendwas stimmte hier nicht.

Trotzdem genossen wir unseren letzten Besuch in der Stadt, aßen Falafel und jede Menge arabischen Kuchen, handelten auf dem Souq und schossen ein paar Touristen-Fotos.

Am Abend dann stand Judiths und meine Abschiedsfeier mit den Mitarbeitern aus Beit Perry an. Fast alle waren gekommen, auch einige Ehemalige, darunter die ehemalige israelische Freiwillige, die wir ewig nicht mehr gesehen hatten und was mich sehr freute. Wir sprachen wieder einmal in einem lustigen Mix aus Englisch und Hebräisch und ich merkte, dass ich den verrückten Haufen wohl ganz schön vermissen werde!







Auf unsere Abschiedsfeier mit den Mitarbeitern aus
Beit Perry

Der Abschiedstrott wurde durch einen Kurzurlaub, der meine letzten zwei Tage in Israel ausfüllte, unterbrochen: für zwei Tage fuhr ich mit Michael in die Golan-Höhen zu Verwandten von ihm, die in einem Kibbuz nahe der Grenze zum Libanon und Syrien wohnen. Die - für israelische Verhältnisse sehr lange – Fahrt von drei Stunden führte uns durch die grünen und hügeligen Golan-Höhen, vorbei an Plantagen mit Apfel- und Granatapfelbäumen und vorbei auch am See Genezareth, in dem gerade die Sonne verschwand, als wir vorbei fuhren. Je weiter man Richtung Norden fuhr, desto verlassener wurde die Gegend: nur ab und zu kam man an Kibbuzim vorbei und mittelgroßen Städten mit einer riesigen, immer gleich aussehenden Mall am Stadtausgang.

In den Golan-Höhen
Der Kibbuz Gonen hat kaum noch was von einem traditionellen Kibbuz: die Häuser sind groß und neu, es gibt keinen Speisesaal geschweige denn ein Kinderhaus und außer einem Pool für alle befindet sich alles in Privatbesitz. Trat man auf den Balkon des Hauses unserer Gastgeber, so sah man vor sich eine Bergkette, hinter der der Libanon beginnt. Auf den Bergspitzen befinden sich israelische Militärstationen, die den Soldaten einen weiten Blick hinein ins Land ermöglichen. Drehte man sich etwas nach rechts, dann sah man geradewegs hinein nach Syrien. Fünf Tage später kamen aus beiden Nachbarländer Raketen, die nicht weit entfernt einschlugen – ein mulmiges Gefühl erfüllt mich, wenn ich daran denke.


Blick vom Balkon aus: Hinter der Bergkette beginnt der Libanon

Auch Honig wird im Golan gewonnen
Über uns gab es einen wunderschönen Sternenhimmel, den man vom hell erleuchteten Tel Aviv und der dicht besiedelten Sharon-Ebene aus nicht so schön sehen kann. Etwas unidyllisch war nur die Geräuschkulisse: Michaels Cousin hatte uns erklärt, dass in dem Kibbuz noch Steaks produziert werden und dafür werden nun einmal Kühe gebraucht, die es hier sogar relativ gut haben, da sie frei auf den Feldern der eh kaum besiedelten Umgebung leben dürfen. Die Kälber allerdings werden von ihren Müttern nach wenigen Tagen getrennt und kommen in einen großen Käfig im Freien, da sie sich nicht selbstständig ernähren könnten, wenn ich das richtig verstanden habe. Da sie aber von ihren Müttern getrennt sind, schreien sie die ganze Nacht und wenn ich sage, die ganze Nacht, dann meine ich auch DIE GANZE NACHT! Wir saßen wirklich mehrere Stunden auf dem Balkon und das Geschrei hörte einfach nicht auf. Und immer, wenn man dachte, die Kälber würden endlich Ruhe geben, dann schrien sie nur umso lauter. Irgendwann wurde es zu einer Art Tinnitus: wenn man länger nicht drüber nachdachte, schaffte man es ganz gut, das Geräusch auszublenden, aber sobald der jeweils andere sich wieder einmal darüber ausließ, so hörte man es auch wieder.
Das Gästezimmer war praktischer Weise – wie übrigens so oft in Israel – im Bunkerraum und so war es für uns zumindest in der Nacht schön ruhig.


Am nächsten Morgen – also einen Tag vor Abflug – verbrachten wir noch etwas Zeit am Kibbuz-Pool, fuhren dann aber weiter zu einem Aussichtspunkt mit einem Turm, der noch aus der britischen Mandatszeit stammt und von dem aus man ins Hulatal schauen kann. Der Otto Normalverbraucher (und ich vor einem Jahr übrigens auch) weiß nämlich gar nicht, dass Israel ein Paradies für Vogelliebhaber ist: insgesamt gibt es hier 430 Vogelarten (beachtlich für ein so kleines Land) und jede Menge Zugvögel, die von Europa nach Afrika fliegen und hier Rast machen – bevorzugt im Hulatal. Vögel sahen wir zwar nicht (ich hätte sie auch nicht identifizieren und schätzen können), dafür hatten wir einen sehr schönen Blick in die hügelige Landschaft hinein. Für jemanden wie mich, der ein Jahr lang an der Mittelmeerküste gelebt hat, waren all das Grün und die bergige Landschaft immer wieder eine kleine Sensation.



Blick ins Hulatal

So nah aber doch so fern: ein libanesisches Dorf
unmittelbar hinter der Grenze
Wir tuckerten weiter durch den Golan, sehr lange auch auf einer Straße, die parallel zur libanesischen Grenze verläuft. Alle paar Kilometer gab es eine Abzweigung, die allerdings nicht benutzt werden sollte: „STOP here, border ahead!“. Wir fragten uns, ob man wohl eines Tages einfach so rüberfahren und in den benachbarten Dörfern Falafel essen könnte….

Als nächstes fuhren wir zum Strand von Achziv, einem der schönsten Strände Israels, für den man allerdings Eintritt bezahlen muss: der Strand liegt in der Republik Achziv, dem kleinsten Freistaat der Welt, in dem genau zwei Menschen leben. Zum Eintritt gehört auch, dass man sich das Museum anschauen darf, das im Übrigen auch das einzige Gebäude in dem Mikrostaat darstellt. Hier herrscht ein wunderbares Chaos von Vasen, Tonscherben und Säulen-Fragmenten, die alle unbeschriftet und ungeordnet in schiefen Regalen stehen oder von der Decke hängen:




Der Strand von Achziv
Der Strand von Achziv ist sehr schön, aber auch rappelvoll. Viel Zeit hatten wir eh nicht: um fünf Uhr musste ich schon wieder in Ra’anana sein, da dort die Abschiedsparty mit den Friends stattfand. Unterwegs hielten wir noch schnell in Akko, das auf dem Weg lag. Dadurch konnte ich die Stadt nochmal sehen und auch meine letzte israelische Falafel essen.

Etwas zu spät kam ich daher im Schwimmbad von Ra’anana an, wo die Friends teilweise schon eifrig im Wasser planschten. Es war die Idee unserer Managerin gewesen, die Abschiedsfeier im Schwimmbad stattfinden zu lassen, wo die sommerliche Dienstags-Aktivität stattfindet. Es war schön, alle Friends so glücklich zu sehen (die meisten rasten nämlich völlig aus vor Freude, wenn sie im Wasser sind). Einige hingegen sind ihre Wasser-Phobie noch nicht losgeworden und verbringen dann eben zwei Stunden auf der Wiese. Meistens geht es zuerst ins Freibad, danach in den Hot-Tub und - nachdem wir auch von dort alle vertrieben haben - ins Hallen-Schwimmbad (wo wir dann auch wieder alle anderen Gäste mit den aufs Wasser schlagenden und wild kreischenden Friends vertreiben).


Nach dem Schwimmen sammeln sich alle auf der Wiese und wir essen die mitgebrachten Brote als Abendessen. Diesmal allerdings gab es zusätzlich noch Kuchen, der für unsere Verabschiedung gedacht war – aber das verstanden nicht alle Friends. Einer lief umher und rief ständig „Heute ist der Geburtstag von Judith und von Lotte!“. Klassischer Weise gibt es Kuchen nämlich nur, wenn jemand aus dem Heim Geburtstag hat. Unsere Managerin hielt eine kleine Lob-Rede und erklärte den Friends, dass Judith und ich am nächsten Tag zurück nach Deutschland fliegen müssten. Sie
Bei der Abschiedsfeier mit den Friends
forderte die Friends auf, doch nacheinander aufzustehen und uns Worte zum Abschied zu sagen. Der Friend, der einfach nicht einsehen wollte, dass Judith und ich nicht Geburtstag hatten, rief laut „Mazal tov!, Herzlichen Glückwunsch!“. Ein paar andere stimmten ein und fast hätten sie ein Geburtstagslied angestimmt, hätte die Managerin ihnen nicht noch einmal erklärt, dass es sich um eine Verabschiedung und keinen Geburtstag handelte und dass man sich aus diesem Anlass bedankt und alles Gute wünscht, nicht aber einen herzlichen Glückwunsch.
 
Nacheinander standen also die Friends auf. Die low-functioning Friends, die die Situation nicht verstehen konnten, blieben sitzen, aber selbst manche von ihnen schienen es doch irgendwie zu begreifen. Die andere Friends schüttelten uns die Hände, überreichten uns Geschenke, wünschten uns alles Gute oder bedankten sich. Und da kamen mir dann doch die Tränen...

Zurück in Beit Perry versuchte ich schnell, ein bisschen zu packen (dazu war ich immer noch nicht gekommen…), aber wurde dann schon abgeholt zu der dritten Abschiedsfeier, die dieses Mal im Teder, meiner Lieblings-Bar in Tel Aviv, stattfand. Es waren deutsche und israelische Freunde gekommen, aber ich war so traurig, dass ich es gar nicht richtig genießen konnte…

Michael und Judith mit unserem Gepäck (das meiste war
ehrlich gesagt von mir...)
Am Mittwochmorgen dann fuhren wir nach Beit Perry, wo wir Judith und meinen Krempel einsammelten (und zu Ende packten) und mit jeder Menge Übergewicht und reichlich Verspätung am Flughafen ankamen. Es endete also so, wie letztlich auch alles begonnen hatte und wie das ganze Jahr verlaufen war: in dem speziellen israelischen Chaos, in dem aber irgendwie trotzdem noch alles funktioniert - Balagan! Die Lufthansa-Tante war sehr nett und berechnete mir nur einen extra Koffer, obwohl sicherlich auch ein Zuschlag für drei extra Koffer gerechtfertigt gewesen wäre… Praktischer Weise wurden wir auch noch so lange ausgefragt (und es floss natürlich auch noch die ein oder andere Abschiedsträne…), dass wir fast unseren Flug verpasst hätte. (Judith und ich waren tatsächlich die letzten Passagiere, die das Flugzeug betraten).


Und plötzlich waren wir in Deutschland!

So, liebe chaverim, das war mein letzter Blog-Eintrag, von dem vierten Rundbrief abgesehen, den ich hier noch veröffentlichen werde. Von all den schönen Dingen und lieben Menschen in Israel abgesehen, werde ich auch das Bloggen sehr vermissen. Ich hoffe, ich konnte Euch immer einen guten Einblick in meinen Alltag, meine Arbeit und meine Abenteuer geben, euch das Land etwas näher und Euch an der ein oder anderen Stelle zum Schmunzeln bringen.  Mir hat es auf jeden Fall immer Spaß gemacht!

Die fünf verbliebenen EKIR-Freiwilligen am Düsseldorfer Flughafen

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