liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierte,
aus
Bonn erreicht Euch und Sie mein vierter und letzter Rundbrief. Seit dem 20.
August bin ich aus Israel zurück und gerade mittendrin in der nicht unbedingt
leichten Phase des Wieder-Einlebens in Deutschland und des Eintretens in eine
neue Lebensphase: Für alle Freiwilligen der EKiR geht es nämlich mit Studium
oder Ausbildung weiter, meist verbunden mit dem Umzug in eine neue Stadt.
Es
ist ein merkwürdiges Gefühl, hier in Bonn zu sitzen an meinem Schreibtisch mit
Blick ins Grüne (hat man ein Jahr in Israel verbracht, kommt einem hier alles
unwahrscheinlich grün vor…) und ein Fazit über dieses Jahr zu verfassen, das sich
in all seinen Facetten so schwer in Worte fassen lässt.
Dieses
Jahr mit allem was dazu gehört (die Arbeit mit Behinderten, das Leben in einem
fremden Land, die neue Kultur, das viele Reisen und die dort geschlossenen
Freundschaften, um nur mal ein paar Aspekte zu nennen) prägen einen als jungen
Menschen enorm. Man gewinnt an Selbstständigkeit, lernt, mit schwierigen,
herausfordernden Situationen umzugehen, sich anzupassen an eine neue Umgebung
und zu improvisieren. Aber all dies sind Eigenschaften, die sicherlich bei
jedem Auslandsaufenthalt erlernt und trainiert werden. Was also zeichnet
unseren Freiwilligen Friedensdienst aus?
Einer
der wichtigsten Aspekte ist selbstverständlich, dass dieser Dienst nicht nur
uns etwas bringen soll. Dass die oben genannten Ziele erreicht werden, ist
wünschenswert, aber eben nur einer unter vielen Aspekten. Wir haben im Ausland
ein Soziales Jahr absolviert, im Vordergrund stand also der Andere, bzw. die
Anderen. Wir haben mit Menschen gearbeitet, die Randgruppen angehören, oftmals
von der Gesellschaft ignoriert werden und auf die Hilfe anderer Angewiesen
sind, Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge, Obdachlose etc.
Beit
Perry, das Heim für Menschen mit Autismus in dem ich das Jahr über gearbeitet
habe, nimmt seit Jahren Volontäre auf, die jeweils für sechs oder zwölf Monate
mithelfen und dann nach Deutschland zurückkehren. Die Trägerorganisation ALUT
(Society for Autistic Children) ist auf die Hilfe dieser Volontäre angewiesen,
da die finanziellen Mittel fehlen, um mehr lokale Kräfte einzustellen. Trotzdem
behaupte ich, dass wir mehr waren als nur der (deutlich günstigere) Ersatz
einer Arbeitskraft. Wir als deutsche Volontäre kommen von außen, bringen neue
Ideen mit und jede Menge Motivation. In der Regel empfinden wir die Arbeit
nicht als lästige Pflicht sondern als eine bereichernde Aufgabe. Die chaverim,
die Autisten, die in unserem Heim als Freunde bezeichnet werden, sind
mir extrem ans Herz gewachsen, und ich habe gelernt, Verantwortung zu
übernehmen für Menschen, deren Verhalten oft schwer hervor zusehen ist.
Schon
in meinem ersten Rundbrief habe ich geschrieben, wie wichtig es ist, die
Autisten nicht mit Samthandschuhen anzufassen, sondern sie als normale Menschen
anzusehen, die auch einfach mal Spaß haben wollen, gerne lachen, Schokolade
essen und sich davor drücken, Wäsche aufzuhängen.
Gleichzeitig
habe ich auch viel darüber gelernt, was es für eine Familie bedeutet, ein
behindertes Kind zu haben: Die Autisten in unserem Heim sind alle 20-40 Jahre
alt und haben dementsprechend alte Eltern. Deren Kinder haben biologisch
gesehen schon lange das Erwachsenenalter erreicht, bereiten ihren Eltern aber
nach wie vor enorme Sorgen und erwarten ungeduldig ihre Besuche und verlangen
ihre Aufmerksamkeit. Für einige Eltern ist es nahezu unmöglich, ihre Kinder am
Wochenende zu sich nach Hause zu nehmen, da einige der Friends Epileptiker sind
und permanenter Betreuung bedürfen und wieder andere manchmal eine
Aggressivität an den Tag legen, derer man alleine nicht Herr werden kann. Mir
ist vor Augen geführt worden, dass oft nicht nur die Bedürftigen (in diesem
Fall: die Behinderten) Unterstützung brauchen, sondern oftmals auch die
Angehörigen, sei es finanziell, psychologisch oder in einer anderen Form.
Wäre
unser alleiniges Ziel allerdings gewesen, ein Jahr lang soziale Arbeit zu
verrichten, hätten sich sicherlich auch genügend Einsatzstellen in Deutschland
finden können. Unsere Organisation schreibt allerdings in ihren Richtlinien,
dass ein Beitrag zur Völkerverständigung ebenfalls eines der Haupt-Ziele ist.
Geht
man als junger Mensch ins Ausland, ist man ein Stück weit immer Repräsentant
des eigenen Landes. Trifft man auf Menschen, die noch nie in Deutschland waren
und auch noch kaum Kontakt zu Deutschen hatten, prägt und beeinflusst man
sicherlich deren Bild von Deutschland und von Deutschen allgemein, vielleicht
sogar von Europa. Gerade als Deutscher in Israel sollte man daher eine große
Sensibilität an den Tag legen und den Menschen stets respektvoll begegnen.
Alles in allem war ich extrem positiv davon überrascht, wie unbefangen und
freundlich die Israelis uns Deutschen begegnet sind. In dem ganzen Jahr habe
ich nie Ablehnung erfahren oder mir gar Vorwürfe anhören müssen. Bei einem
Seminar haben wir einmal einen Lehrer kennengelernt, der meinte, er habe sich
geschworen, Deutschland aufgrund seiner
dunklen Vergangenheit niemals zu besuchen. Gleichzeitig ist er uns als
Menschen aber respektvoll und interessiert begegnet und hat sich Mühe gegeben,
uns kein Gefühl der Verantwortlichkeit oder Schuld zu vermitteln.
Manche mögen vereinzelt negative Erfahrungen gemacht haben, aber alle Volontären, mit denen ich mich darüber ausgetauscht habe, sind wie ich nie mit Vorwürfen oder gar Hass konfrontiert worden.
Manche mögen vereinzelt negative Erfahrungen gemacht haben, aber alle Volontären, mit denen ich mich darüber ausgetauscht habe, sind wie ich nie mit Vorwürfen oder gar Hass konfrontiert worden.
Im
Gegenteil besteht zwischen Israel und Deutschland heute sogar eine intensive
Freundschaft, in die viel investiert wurde: Schul- und
Städtepartnerschaften, zahlreiche Handelsabkommen,
Jugendaustauschprogramme, Forschungskooperationen… All das hat sicherlich dazu
beigetragen, dass heutzutage ein so unkomplizierter Umgang miteinander möglich
ist, Tausende Israelis mittlerweile in Berlin leben und es extrem viele
deutsch-israelische Freundschaften und sogar Partnerschaften gibt. Jedes Jahr
kommen über 800 deutsche Volontäre nach Israel (mehr als aus allen anderen
Ländern zusammen), führen diesen Austausch fort, helfen dabei, Vorurteile
abzubauen und lernen das Land mit seinen Menschen und deren Sorgen, Nöten und
Hoffnungen kennen, repräsentieren und vermitteln aber gleichzeitig ein Stück
ihrer Kultur. Genau das macht für mich Völkerverständigung aus!
Dass
die beiden Staaten und die in ihnen lebenden Menschen diese grausame
Vergangenheit nicht vergessen, aber doch überwunden haben, sollte Vorbild sein
für andere Länder und weckt Hoffnung.
Trotzdem
habe ich das Gefühl, nicht nur Israel und das Westjordanland, das ich oft
bereist habe, besser kennengelernt zu haben. Man erfährt viel über die
Konflikte in der Region, und in den letzten Monaten haben wir am eigenen Leib
zu spüren bekommen, was es für Menschen heißt, in einem Kriegsgebiet zu leben. Hält
man sich für längere Zeit im Nahen Osten auf, kommt man – das ist zumindest
meine Erfahrung – mit einer pessimistischeren Sicht auf die Dinge zurück. Der
Konflikt oder eher die Konflikte werden sich nicht einfach beilegen lassen. Auf
allen Seiten sieht man eine Kompromisslosigkeit und ein mangelndes Interesse,
aufeinander zuzugehen um eine dauerhafte Lösung zu finden, mit der alle leben
könnten. Den Kopf in den Sand stecken sollte man aber trotzdem nicht, sondern
hingehen, mit den Leuten auf beiden Seiten reden, ihnen Respekt und Verständnis
entgegen bringen und sich engagieren statt wegzuschauen. Denn das hoffe ich
auch: dass wir vielleicht als realistischere und weniger naive Menschen
zurückkehren, dafür aber als engagiertere.
Einer
der drei Punkte dieses Rundbriefes sollte neben Fazit und Völkerverständigung
auch der Friedensdienst sein. Haben wir einen Friedensdienst geleistet? Oder
doch nur einen Freiwilligendienst?
Das
Wort Frieden ist im Nahen Osten natürlich ein großes Wort und die neusten
Entwicklungen gehen eher in die entgegengesetzte Richtung. Aber Frieden ist eben
mehr als das Ausbleiben von kriegerischen Handlungen oder ein Vertrag, der
diesen bescheinigt. Frieden schaffen muss man nicht nur zwischen Völkern und
Nationen, sondern auch im Kleinen, in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und
dafür können wir uns einsetzen, wenn wir mit benachteiligten Menschen zusammen
arbeiten, wenn wir es schaffen, Vorurteile abzubauen und Freundschaften
schließen, wenn wir uns mit den Israelis, die monatelang unter Raketenbeschuss
leben, solidarisieren, aber gleichzeitig das Leid der unschuldigen Kinder im
Gaza-Streifen nicht vergessen. Und es reicht nicht, diesen Frieden nur zu
schaffen, sondern man muss ihn aufrecht erhalten und sich dafür engagieren,
dass auch die nächste Generation ihn weiterführt, und vor allem muss man
anderen davon erzählen – zum Beispiel durch diesen Rundbrief.
Wer
meinen Blog gelesen hat, weiß, wie sehr mich dieses Jahr geprägt und wie oft es
mir die Augen geöffnet hat, aber auch, dass mich meine Arbeit erfüllt und dass
das Land und die Menschen mich begeistert haben. Trotzdem hoffe ich, dass es
nicht nur eine Bereicherung für mich war, sondern dass auch andere davon
profitieren: die Autisten von dem Engagement, das ich bei der Arbeit gezeigt
habe und die Menschen in Deutschland von den Erkenntnissen, die sie vielleicht
selber über das Land bekommen haben. Und ich hoffe natürlich, dass wir auf den
oben beschriebenen Wegen tatsächlich zur Völkerverständigung beitragen konnten
– und künftige Generationen diese Arbeit fortsetzen werden!
Liebe
Grüße – dieses Mal aus Bonn,
Charlotte

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