Make Hummus Not Walls

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Mittwoch, 10. September 2014

Fazit, Friedensdienst und Völkerverständigung oder: Der vierte Rundbrief

Die zurückgekommenen EKiR-Freiwilligen auf unserem Seminar in Bonn


Shalom chaverim,
liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Interessierte,

aus Bonn erreicht Euch und Sie mein vierter und letzter Rundbrief. Seit dem 20. August bin ich aus Israel zurück und gerade mittendrin in der nicht unbedingt leichten Phase des Wieder-Einlebens in Deutschland und des Eintretens in eine neue Lebensphase: Für alle Freiwilligen der EKiR geht es nämlich mit Studium oder Ausbildung weiter, meist verbunden mit dem Umzug in eine neue Stadt.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, hier in Bonn zu sitzen an meinem Schreibtisch mit Blick ins Grüne (hat man ein Jahr in Israel verbracht, kommt einem hier alles unwahrscheinlich grün vor…) und ein Fazit über dieses Jahr zu verfassen, das sich in all seinen Facetten so schwer in Worte fassen lässt.

Dieses Jahr mit allem was dazu gehört (die Arbeit mit Behinderten, das Leben in einem fremden Land, die neue Kultur, das viele Reisen und die dort geschlossenen Freundschaften, um nur mal ein paar Aspekte zu nennen) prägen einen als jungen Menschen enorm. Man gewinnt an Selbstständigkeit, lernt, mit schwierigen, herausfordernden Situationen umzugehen, sich anzupassen an eine neue Umgebung und zu improvisieren. Aber all dies sind Eigenschaften, die sicherlich bei jedem Auslandsaufenthalt erlernt und trainiert werden. Was also zeichnet unseren Freiwilligen Friedensdienst aus?

Einer der wichtigsten Aspekte ist selbstverständlich, dass dieser Dienst nicht nur uns etwas bringen soll. Dass die oben genannten Ziele erreicht werden, ist wünschenswert, aber eben nur einer unter vielen Aspekten. Wir haben im Ausland ein Soziales Jahr absolviert, im Vordergrund stand also der Andere, bzw. die Anderen. Wir haben mit Menschen gearbeitet, die Randgruppen angehören, oftmals von der Gesellschaft ignoriert werden und auf die Hilfe anderer Angewiesen sind, Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge, Obdachlose etc.
Beit Perry, das Heim für Menschen mit Autismus in dem ich das Jahr über gearbeitet habe, nimmt seit Jahren Volontäre auf, die jeweils für sechs oder zwölf Monate mithelfen und dann nach Deutschland zurückkehren. Die Trägerorganisation ALUT (Society for Autistic Children) ist auf die Hilfe dieser Volontäre angewiesen, da die finanziellen Mittel fehlen, um mehr lokale Kräfte einzustellen. Trotzdem behaupte ich, dass wir mehr waren als nur der (deutlich günstigere) Ersatz einer Arbeitskraft. Wir als deutsche Volontäre kommen von außen, bringen neue Ideen mit und jede Menge Motivation. In der Regel empfinden wir die Arbeit nicht als lästige Pflicht sondern als eine bereichernde Aufgabe. Die chaverim, die Autisten, die in unserem Heim als Freunde bezeichnet werden, sind mir extrem ans Herz gewachsen, und ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen für Menschen, deren Verhalten oft schwer hervor zusehen ist.

Schon in meinem ersten Rundbrief habe ich geschrieben, wie wichtig es ist, die Autisten nicht mit Samthandschuhen anzufassen, sondern sie als normale Menschen anzusehen, die auch einfach mal Spaß haben wollen, gerne lachen, Schokolade essen und sich davor drücken, Wäsche aufzuhängen.
Gleichzeitig habe ich auch viel darüber gelernt, was es für eine Familie bedeutet, ein behindertes Kind zu haben: Die Autisten in unserem Heim sind alle 20-40 Jahre alt und haben dementsprechend alte Eltern. Deren Kinder haben biologisch gesehen schon lange das Erwachsenenalter erreicht, bereiten ihren Eltern aber nach wie vor enorme Sorgen und erwarten ungeduldig ihre Besuche und verlangen ihre Aufmerksamkeit. Für einige Eltern ist es nahezu unmöglich, ihre Kinder am Wochenende zu sich nach Hause zu nehmen, da einige der Friends Epileptiker sind und permanenter Betreuung bedürfen und wieder andere manchmal eine Aggressivität an den Tag legen, derer man alleine nicht Herr werden kann. Mir ist vor Augen geführt worden, dass oft nicht nur die Bedürftigen (in diesem Fall: die Behinderten) Unterstützung brauchen, sondern oftmals auch die Angehörigen, sei es finanziell, psychologisch oder in einer anderen Form.

Wäre unser alleiniges Ziel allerdings gewesen, ein Jahr lang soziale Arbeit zu verrichten, hätten sich sicherlich auch genügend Einsatzstellen in Deutschland finden können. Unsere Organisation schreibt allerdings in ihren Richtlinien, dass ein Beitrag zur Völkerverständigung ebenfalls eines der Haupt-Ziele ist.
Geht man als junger Mensch ins Ausland, ist man ein Stück weit immer Repräsentant des eigenen Landes. Trifft man auf Menschen, die noch nie in Deutschland waren und auch noch kaum Kontakt zu Deutschen hatten, prägt und beeinflusst man sicherlich deren Bild von Deutschland und von Deutschen allgemein, vielleicht sogar von Europa. Gerade als Deutscher in Israel sollte man daher eine große Sensibilität an den Tag legen und den Menschen stets respektvoll begegnen. Alles in allem war ich extrem positiv davon überrascht, wie unbefangen und freundlich die Israelis uns Deutschen begegnet sind. In dem ganzen Jahr habe ich nie Ablehnung erfahren oder mir gar Vorwürfe anhören müssen. Bei einem Seminar haben wir einmal einen Lehrer kennengelernt, der meinte, er habe sich geschworen, Deutschland aufgrund seiner  dunklen Vergangenheit niemals zu besuchen. Gleichzeitig ist er uns als Menschen aber respektvoll und interessiert begegnet und hat sich Mühe gegeben, uns kein Gefühl der Verantwortlichkeit oder Schuld zu vermitteln.

Manche mögen vereinzelt negative Erfahrungen gemacht haben, aber alle Volontären, mit denen ich mich darüber ausgetauscht habe, sind wie ich nie mit Vorwürfen oder gar Hass konfrontiert worden.

Im Gegenteil besteht zwischen Israel und Deutschland heute sogar eine intensive Freundschaft, in die viel investiert wurde: Schul- und Städtepartnerschaften,  zahlreiche Handelsabkommen, Jugendaustauschprogramme, Forschungskooperationen… All das hat sicherlich dazu beigetragen, dass heutzutage ein so unkomplizierter Umgang miteinander möglich ist, Tausende Israelis mittlerweile in Berlin leben und es extrem viele deutsch-israelische Freundschaften und sogar Partnerschaften gibt. Jedes Jahr kommen über 800 deutsche Volontäre nach Israel (mehr als aus allen anderen Ländern zusammen), führen diesen Austausch fort, helfen dabei, Vorurteile abzubauen und lernen das Land mit seinen Menschen und deren Sorgen, Nöten und Hoffnungen kennen, repräsentieren und vermitteln aber gleichzeitig ein Stück ihrer Kultur. Genau das macht für mich Völkerverständigung aus!
Dass die beiden Staaten und die in ihnen lebenden Menschen diese grausame Vergangenheit nicht vergessen, aber doch überwunden haben, sollte Vorbild sein für andere Länder und weckt Hoffnung.

Trotzdem habe ich das Gefühl, nicht nur Israel und das Westjordanland, das ich oft bereist habe, besser kennengelernt zu haben. Man erfährt viel über die Konflikte in der Region, und in den letzten Monaten haben wir am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es für Menschen heißt, in einem Kriegsgebiet zu leben. Hält man sich für längere Zeit im Nahen Osten auf, kommt man – das ist zumindest meine Erfahrung – mit einer pessimistischeren Sicht auf die Dinge zurück. Der Konflikt oder eher die Konflikte werden sich nicht einfach beilegen lassen. Auf allen Seiten sieht man eine Kompromisslosigkeit und ein mangelndes Interesse, aufeinander zuzugehen um eine dauerhafte Lösung zu finden, mit der alle leben könnten. Den Kopf in den Sand stecken sollte man aber trotzdem nicht, sondern hingehen, mit den Leuten auf beiden Seiten reden, ihnen Respekt und Verständnis entgegen bringen und sich engagieren statt wegzuschauen. Denn das hoffe ich auch: dass wir vielleicht als realistischere und weniger naive Menschen zurückkehren, dafür aber als engagiertere.

Einer der drei Punkte dieses Rundbriefes sollte neben Fazit und Völkerverständigung auch der Friedensdienst sein. Haben wir einen Friedensdienst geleistet? Oder doch nur einen Freiwilligendienst?
Das Wort Frieden ist im Nahen Osten natürlich ein großes Wort und die neusten Entwicklungen gehen eher in die entgegengesetzte Richtung. Aber Frieden ist eben mehr als das Ausbleiben von kriegerischen Handlungen oder ein Vertrag, der diesen bescheinigt. Frieden schaffen muss man nicht nur zwischen Völkern und Nationen, sondern auch im Kleinen, in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und dafür können wir uns einsetzen, wenn wir mit benachteiligten Menschen zusammen arbeiten, wenn wir es schaffen, Vorurteile abzubauen und Freundschaften schließen, wenn wir uns mit den Israelis, die monatelang unter Raketenbeschuss leben, solidarisieren, aber gleichzeitig das Leid der unschuldigen Kinder im Gaza-Streifen nicht vergessen. Und es reicht nicht, diesen Frieden nur zu schaffen, sondern man muss ihn aufrecht erhalten und sich dafür engagieren, dass auch die nächste Generation ihn weiterführt, und vor allem muss man anderen davon erzählen – zum Beispiel durch diesen Rundbrief.


Wer meinen Blog gelesen hat, weiß, wie sehr mich dieses Jahr geprägt und wie oft es mir die Augen geöffnet hat, aber auch, dass mich meine Arbeit erfüllt und dass das Land und die Menschen mich begeistert haben. Trotzdem hoffe ich, dass es nicht nur eine Bereicherung für mich war, sondern dass auch andere davon profitieren: die Autisten von dem Engagement, das ich bei der Arbeit gezeigt habe und die Menschen in Deutschland von den Erkenntnissen, die sie vielleicht selber über das Land bekommen haben. Und ich hoffe natürlich, dass wir auf den oben beschriebenen Wegen tatsächlich zur Völkerverständigung beitragen konnten – und künftige Generationen diese Arbeit fortsetzen werden!


Liebe Grüße – dieses Mal aus Bonn,

Charlotte

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