Shalom
chaverim,
Von
einem besonderen Erlebnis der letzten Wochen möchte ich noch kurz erzählen: ich
hatte schon vor Ewigkeiten bei Helping Hands Coalition, einer Organisation, die
sich um Holocaust Überlebende kümmert, angefragt, ob es möglich sei,
mitzuhelfen und selber einen Holocaust-Überlebenden zu besuchen. Ihre Situation
in Israel ist teilweise sehr prekär, sie verfügen oft über wenig Geld und vereinsamen.
Helping Hands vermittelt unter anderem Freiwillige, die sie besuchen, mit ihnen
einkaufen gehen, mit ihnen reden, spielen und einfach für sie da sind.
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| Bei der Essens-Verteilung in Netanya |
Da
in Israel leider alles immer etwas länger dauert, kam ein Treffen mit
Vertretern der Organisation erst vor Kurzen zustande. In meinem Umkreis gab es
auch keinen Überlebenden, der Deutsch, Englisch oder Französisch sprach und
besucht werden wollte. Ein Großteil der bedürftigen Holocaust-Überlebenden
stammt aus Russland bzw. der ehemaligen UdSSR, und diese bekommen – im Gegensatz
zu Überlebenden aus anderen europäischen Ländern – keine Rentenzahlungen. Diese
sind dementsprechend vor allem finanziell bedürftig und mir wurde gesagt, ich
könne bei einer Essens-Verteilung in Netanya für russische Holocaust-Überlebende,
äthiopische Flüchtlinge und andere Bedürftige mithelfen.
Ein
messianischer Jude von Beit Sar Shalom (hebr.: das Haus des Friedens-Prinzens)organisiert
jeden Dienstag die Essens-Verteilung. Die Arbeit wird ausschließlich von
Freiwilligen ausgeführt, die fast alle aus dem Ausland kommen und oft nur
einmal mithelfen. Dieses Mal waren beispielsweise 12 Kinder aus der Schweiz dabei,
die eine Rundreise durch Israel machten und unterwegs bei verschiedenen
sozialen Projekten mithalfen. Ansonsten gab es jüdisch-israelische,
arabisch-israelische, deutsche, amerikanische und eine russische Freiwillige.
Wir packten
Tüten mit Essens-Vorräten und ließen jeweils fünf Bedürftige gleichzeitig in den
Saal, deren Taschen wir befüllten. Das alles lief mitunter etwas chaotisch ab:
draußen wurde gedrängelt, Leute beschwerten sich, ihre Nummer sie übersprungen
worden und außerdem gab es da ein gewaltiges Sprachproblem: die meisten
Holocaust-Überlebenden (und sie stellten einen Großteil der Bedürftigen dar)
sprachen ausschließlich Russisch und nur ein bisschen Hebräisch. Es stellte
sich allerdings heraus, dass einige von ihnen Jiddisch sprachen und da ich,
abgesehen von zwei älteren Frauen, die gar kein Hebräisch konnten, die einzige
Deutsche war, bekam ich die Aufgabe, die Überlebenden zu empfangen, ihnen
Getränke anzubieten und ein bisschen Smalltalk auf Jiddisch zu führen, bis sie
endlich an die Reihe kamen.
Jiddisch
ist eine aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Sprache mit slawischen und
hebräischen Einflüssen. In vielen jüdischen – insbesondere ultra-orthodoxen –
Familien wird die Sprache noch gesprochen. Für einen Deutschen ist es möglich,
ein Gespräch auf Jiddisch zu führen, solange beide langsam reden. Wirkliche
Regeln, was das Jiddische vom Deutschen unterscheidet, konnte ich noch nicht
erkennen, aber beispielsweise Städtenamen werden immer auf Hebräisch gesagt.
Die meisten Überlebenden freuten sich, Jiddisch reden zu können, da sie
ansonsten in einem rein russisch-sprachigen Umfeld leben.
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| Die Schweizer Kinder beim Singen; vor ihnen stehen fünf Taschen, die jeweils gleichzeitig befüll werden; im Hintergrund sieht man einen der Vorratsschränke |
Zwischenzeitlich
fingen die Kinder aus der Schweiz an, auf Französisch zu singen und auch wenn
die Überlebenden den Text nicht verstanden (und auch nicht die Ansprache auf
Englisch von der Betreuerin der Kinder, die das allerdings nicht merkte),
freuten sie sich über die ihnen geschenkte Aufmerksamkeit und
Hilfsbereitschaft. Wie viele Taschen wir letztlich füllten, weiß ich nicht
genau, aber es waren sicherlich an die hundert. Nach einer kurzen Mittagspause
kamen die äthiopischen Flüchtlinge an die Reihe. Brian, der Organisator der
Verteilung, erklärte mir, dass man auf keinen Fall auf die Idee kommen sollte,
die beiden Gruppen zu durchmischen. In der Warteschlange vor der Tür herrschte
sowieso schon eine angespannte Stimmung, die noch schlimmer werden würde, wenn
man alle gleichzeitig kommen ließe.
Die Kommunikation
mit den äthiopischen Flüchtlingen stellte sich als noch schwieriger heraus: sie
sprachen selbstverständlich kein Jiddisch, aber auch leider weder Englisch,
noch Hebräisch. Aber auch ein Lächeln oder eine einfache Geste können manchmal
mehr Sympathien ausdrücken, als ein Gespräch, das habe ich an diesem Tag
gelernt.
Leider
musste ich nach fünf Stunden schon zu meiner Schicht nach Beit Perry
aufbrechen. Aber ich hoffe, noch einmal die Zeit zu finden und in Netanya
mithelfen zu können!


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